Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 8 (1929-1930)
- Issue
- 7 (3.1930)
- Date
- 1930-03-01
- Page
- Seite 265 (sequence 13)
- Language
- German
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stem Fieber, das zuweilen Ohnmächten veranlasste, verliess er nicht die Kompagnie. Das Lachen seiner Kameraden störte ihn nicht, als er auf einem Stuhle sitzend, die Mannschaft verlas. Der mit Napoleon abgeschlossene Waffenstillstand veranlasste die Lützower zur Untätigkeit, was ihnen nicht recht war. Stiebel schildert in seinem Tagebuch die in einem Pfarrhaus verlebte schöne Zeit. Ob er damit den Keim zu seiner späteren Abtrünnigkeit legte, lässt sich nur vermuten. Von der Zeit nach dem Waffenstillstand schreibt Stiebel: „Die Aufgabe, welche uns hier oblag, war keine, bei welcher man den Ruhm eines grossen Treffens erwarten durfte; es war ein beständiges Mühen und Entbehren, ein tägliches Schlagen ohne Schlacht, ein aufmerksames Aufdemanstandstehcn wie der Jäger, viel Last und wenig Lust, dabei oft solcher Mangel an den gewöhnlichen Lebensmitteln, dass eine im Speck entdeckte feine Fleischfaser das Köstlichste war, was wir finden konnten, und dass die Erwerbung harten Schiffszwiebacks bei Wöbbelin den Verlust Körners aufwog. Der F e 1 d z u g eröffnete sidi Stiebel bald durch ein Treffen, in welchem die Lützower sidi ihre Fahne verdienten. Es war bei Lauenburg an der Elbe. In hervorragender Weise war St. am siegreidien Gefecht bei Boitzenburg beteiligt und er wurde von Kommandierenden zum Eisernen Kreuz vorgesdilagen, erhielt es aber nie. Seine Ernennung zum Leutnant bei den Bergischen Jägern nahm er nicht an; er blieb der kleine Feldwebel Bär, der die Stelle eines Kompagnie-Chirurgen annahm und bald zum Bataillonsarzt aufrückte. So oft er am 1. Bataillon vorbeiritt, riefen ihm die Jäger zu: „Guten Morgen, Herr Feldwebel Doctor". Nach beendetem Krieg nahm Dr. Stiebel seinen Abschied, liess sich in Frankfurt als Arzt nieder und heiratete am 15. Juli 1818 Rösdien Ochs. Aus der Ehe waren zwei Kinder entsprossen. Dr. Stiebel erwarb 1828 sich das „Entrebillet zur europäisdien Kultur" und trat mit seiner ganzen Familie zum Christentum über. (Vorstehendes ist einem Büdilein aus der Frankfurter Stadtbibliothek entnommen; „Erinnerungen aus den deutschen Befreiungskriegen 1813 u. 1814, das 1S97 ersdiienen ist und das „Bruchstücke aus dem Kriegsleben des Feldwebels Bär" enthält. Herrn Prof. Dr. Freimann sei für den Hinweis auf die alte Schrift gedankt.) Anna Edinger 17. Mai:i8G3 bis; 22/Dezember 1929. von Leonie Meyerhof Mit Frau Anna Edinger ist der sozialen Arbeit eine Frau von besonderm Format entrissen: ganz und gar der Sadie hingegeben und unbeirrbar in ihrem Zielstreben, dabei äusserlidi sanft, fraulich, unbewusst ihrer selbst, mit zarter Stimme. Der gesellsehaftlidien Form sicher, verwandte sie wenig Zeit darauf. Nidit als Frau Geheimrat Professor Edinger ist sie aufgetreten: sie wollte nur Anna Edinger sein, Kämpferin gegen soziale Not und Unterdrückung, für Volksgesundheit, Frieden, wirtschaftlichen Aufsdiwung. Nichts lag ihr ferner als die Phrase und das Betonen der eigenen Person. Alles was sie tat — und sie tat viel und vieles — geschah mit Selbstverständlidikeit und ohne Lärmen. Ihr war das^ Zerstreutscheinen des innerlich besdiäftigten Menschen eigen, .und mit einem lieben, warmen Lächeln schien sie sich darüber lustig zu machen. Als Tochter des noch unvergessenen Wohltäters Benedikt Moritz Goldschmidt in Frankfurt a. M. geboren, hatte sie das Glück, in einer von Wohlhabenheit, Kultur und Fdelsinn erfüllten Atmosphäre aufzuwachsen. Früh von Naturwissenschaften angezogen, fand sie ihre Freundschaften und mit dreiundzwanzig Jahren auch ihren Gatten, den später sehr bedeutenden Neurologen Dr. Ludwig Edinger, in ärztlichen Kreisen. Aus der harmonischen Ehe sind drei Kinder hervorgegangen. Ein Kreis von geistig und sozial interessierten Menschen sammelte sich um die schön geführte Häuslichkeit. Von ihr beglückt und doch noch über sie hinausstrebend, tastete die junge Frau sich bald in das ihrer Neigung naheliegende sozialhygienische Gebiet hinüber; sie wurde eine der ersten Mitarbeiterinnen an dem von Frau Hella Flesch und ihrem Schwager Stadtrat Flesch gegründeten Hauspflegeverein, der der erkrankten Hausfrau eine Pflegerin und zugleich dem beraubten Haushalt eine Besorgerin stellte. Mit einer andern Arztfrau stellte sie vorbildlidte Küchenzettel zusammen; sie lernte lehrend und war somit bald im Stande, im Auftrag der Gesellschaft für Wohlfahrtseinrichtungen neben Dr. Auguste Lange Kochkurse für Frauen und Mädchen zu leiten. Ihre Ermittelungsbogen für den Hauspflegeverein waren die ersten ihrer Art in Frankfurt, die der privaten Fürsorge dienten. Ein Artikel von Anna Edinger über englische und amerikanische Wohlfahrtsorganisationen bildete den Ausgangspunkt für die Organisation der Fürsorge in Frankfurt und hatte mittelbar die Gründung des Stadtbundes der Vereine für Armenpflege und Wohltätigkeit, sowie der Zentrale für privateFürsorge zur Folsre. Nachdem die Unterstützungsverein(zur Meldung ihrer Schützlinge aufgefordert worden waren,konnte eineKartothek angelegt und der Uebelstand vermieden werden, dass ein Bedürftiger von mehreren Seiten, ein anderer garnicht unterstützt wurde. Gemeinsam mit der Zentrale konnten allgemeine Grundsätze für die Armenpflege herausgefunden und damit die Erfahrungen der einen Stelle für die andere nutzbar gemacht werden. Ohne die vorhandenen Vereine durch Neugründungen zu vermehren, wurden Lücken in der Wohlfahrtspflege ausgefüllt. Der Altstadtspielplatz entstand. Lnft- und Lichtbadkuren — ein Gegenstand, auf den Anna Edinger, dem Spott der Verständnislosen durch ihre Unbeirrbarkeit begegnend, bei jeder öffentlichen Aussprache zurückkam — wurden schliesslich ermöglicht. Mit der gleichen Beharrlichkeit setzte sie, jeden einzelnen Stadtverordneten besuchend, den Haushaltsunterricht in den Mädchenschulen durch, in der klaren Erkenntnis der üblen hysrienischen und wirtschaftlichen Fölsen des Versagens der Hausfrau. Auf Frau Edineers persönlichen Wunsch ging 1920 der Stadtbund im Wohlfahrtsamt der Stadt Frankfurt auf. Durch Friedrich Naumanns Schwager, den bekannten Pfarrer Rade, gelangte Anna Edinger in den Tnteressenkreis des Kaufmännischen Vereins weiblicher Angestellter. Zwei Jahre lang stand sie als Vorsitzende an seiner Soitze. erkämpfte den Verkäuferinnen früheren Ladenschluss, die Möglichkeit, sich zwischen dem Bedienen der Kunden zu setzen, die Errichtung einer Berufsberntunsrsstelle auch für Mädchen, parallel der bereits für Knaben bestehenden. In ihren Bemühungen um die Fortbildungspflicht für Mädchen ging sie bis an den Reichstasr; erst vor wenigen Jahren ist das Ortsstatut dieses Fortbidlungszwanges, auch für Hausangestellte, Ereisnis geworden. Ebenso ist die Einführung weiblidier Kontrolleure bei der Ortskrankenkasse Anna Edingers Werk. Sil die Kupferbedachung der neuen Friedhofgebäude ausgeführt von METALLWERKE KNODT A.G. IFKÄMKETOlf AM MMM m Älteste und größte Spezialfabrik für Metallbedachung jeglicher Art,^ wie Kupfer, Tecuta, Aluminium, Zink