Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 8 (1929-1930)
- Issue
- 6 (2.1930)
- Date
- 1930-02-01
- Page
- Seite 225 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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dischen Verhältnisse in Berlin, in Folge des Abfalls fast Aller Derer, unter denen er lebte und strebte, des Zerfalls oder der erbärmlichen Verwaltung der Institute, an denen er thätig war, in Folge der Isolierung endlich, in welche ihn seine kräftige, ausdauernde Gesinnung inmitten der allgemeinen tödtenden Gleichgültigkeit versetzte — seit längerer Zeit ohne alle Beschäftigung, die ihm eine Existenz verleihen und ihn für Andere nützlich machen könnten. Einer der thätigsten und vielseitigsten und dabei der genügsamsten aller Menschen, ist er in Berlin nicht im Stande eine Stellung, die ihn beschäftigt und ernährt, zu finden, obgleich er als Prediger, als Lehrer im Hebräischen und in Sprachen und Schulwissenschaften, als Uebersetzer und wozu ein Gelehrter sonst zu brauchen ist, Dienste zu leisten bereit ist, und in allen den Dingen eine grosse Tüchtigkeit besitzt. Auch hier in Hamburg hat es bis jetzt nicht glücken wollen, eine Stellung für ihn ausfindig zu mächen. Sollte dieses nun nicht vielleicht irgendwo im südlichen Deutschland durch Ihre und Ihrer Freunde Vermittelung gelingen können? Durch ein Einkommen von 800 bis 1000 Gulden würden seihe und seiner Frau mässige Bedürfnisse — Kinder haben sie nicht — hinlänglich gesichert sein. Einem modernen Rabbinat würde er bei seiner grossen rabbinischen Gelehrsamkeit zur grössten Zierde gereichen. Es scheint mir eine Ehrensache unserer Glaubensgenossen zu sein; dass ein Mann von seiner Tüchtigkeit und von seiner Richtung auf irgend eine ihm und uns nützliche Weise von uns beschäftigt werde. Dass es Schwierigkeiten hat, würde ich kaum glauben, wenn ich es nicht hier vor mir sähe und mich daraus noch mehr überzeugte, wie überaus eng der dem Jüdischen Gelehrten angewiesene Wirkungskreis ist. Unter diesen Umständen hoffe ich, dass Sie und Ihre Freunde es jedenfalls entschuldigen werden, dass ich Ihnen mit diesem Wunsche beschwerlich falle. Sollte seine Erfüllung möglich sein, so würde ich mich glücklich schätzen, etwas dazu beigetragen zu haben. . Das erwähnte Exemplar einer von Ihnen mir gütigst zugesandten Druckschrift, vermuthlich von Ihren 613 (?) Geboten habe ieh zu meinem. Leidwesen noch nicht erhalten uncL so viel ich weiss, befindet sich Hr. Maas in gleichem Fall, ich sage Ihnen einstweilen meinen besten Dank dafür und bitte Sie, mir zu schreiben, durch welche Gelegenheit Sie es an mich abgesandt haben, damit ich Erkundigungen darnach einziehen könne. Leben Sie wohl, verehrter Freund, und erfreuen Sie bald durch einige gütige Zeilen Ihren treuen Freund G. R iess e r, Dr. Ein gutes Buch das schönste Geschenk Hl Kommen Sie U in die Buchhandlung Ü W. &H. Katharinenpforte 1 . Telefon Hansa 8419 Der Mahnruf Gabriel Riessers fand in Frankfurt starken Widerhall: schon wenige Wochen später versuchte J. Johlsohn, in unermüdlichem, rührendem Eintreten, Zunz die Stelle des Oberrabbiners in Darmstadt zu verschaffen. Wie dankbar Zunz nach Frankfurt schrieb, wie tatkräftig sich alle seihe Verehrer für ihn einsetzten und wie schliesslich doch hässliche Gegenarbeit den Sieg über seine charaktervolle, vornehme Bewerbung davontrug —, diese Monate neuer, harter Prüfung lernt man am besten aus deri Urkunden kennen, die S. May bäum (Aus dem Leben von Leopold Zunz. Berlin 1894.) veröffentlicht hat Als Auftakt zu dieser Zeit neuer Hoffnung und neuer Enttäuschung verdient Gabriel Riessers Brief, — der auch die Mitteilungen Ludwig Geigers (Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland. Bd. V) ergänzt — gerade in Frankfurt gelesen zu werden. Judische Wohlfahrtspflege Frankfurt a. M. Abteilung IV: Wanderfürsorge Unterkunft und Verpflegung der Durchwanderer Ausgabe von Fahrkarten, Produktive Arbeitsfürsorge Langestr. 30 Pos scheckkonto 54893 Tel. Hansi 9548 Aus der Geschichte der Gemeinde Zum Frankfurter Fasttag am 24. Tebeth. Von Ida Posen. Die beinahe tausendjährige, wechselvolle Geschichte der Frankfurter jüdischen Gemeinde hat ihren Niederschlag auch in einer Reihe von besonderen Fast, und Festtagen gefunden. Ihre Ursache sind teils Geschehnisse, die sich iXt ganz Deutschland auswirkten und auch in Frankfurt nicht unbemerkt vorübergingen, teils sind es Ereignisse, die besonders die Stadt Frankfurt berührten und auch auf die dort abgesondert wohnenden Juden ihre Schatten warfen, und schliesslich gibt es auch Vorfälle, die sich innerhalb der Frankfurter jüdischen Gemeinde abspielten, und die dort so traurige Folgen zeitigten, wie der Brand der Judengasse am 24. Tebeth 1711, zu dessen Erinnerung der Fasttag bestimmt wurde. Im Hause des am Ende der Judengasse wohnenden Rabbiners Naphtali Herz Konen brach aus unbekannten Gründen am Mittwoch Abend ein Feuer aus, das sich über die vollständig aus Holz gebaute Tudengasse — das erste steinerne Haus wurde erst beim Wiederaufbau der Gasse nach diesem Brand errichtet — schnell ausbreitete, zumal die Hänser aus Platzmangel nach oben stufenweise hervorragende Stockwerke hatten, sodass zwei einander gegenüberliegende Häuser oben immer näher aneinander rückten und sich ganz oben fast berührten. Das Feuer, das die ganze Nacht wütete, hatte-also ein leichtes Spiel, nach zeitgenössischen Berichten wurde sein Schein sogar auf der Wartburg bei Eisenach beobachtet. Eine Reihe von Menschenleben waren zu beklagen; alles Brennbare wurde ein Raub der Flammen, so auch, wie Lieben in den Soncinoblättern 1<>29 berichtet, ein grösserer Posten der in Frankfurt 1708 gedruckten Ausgabe des Gebetbuches für die Schewuot-Nacht Diese Mitteilung gründet sich auf eine Notiz des Rabbiners Samuel Schotten in der 1713 erschienenen Neuausgabe dieses durch den Brand vergriffenen Gebetbuches. " Durch Schotten sind uns auch nähere Mitteilungen über den Brand erhalten geblieben, da er ein für den 24. Tebeth bestimmtes Gebet verfaßte, in dem nähere Einzelheiten über das Unglück angegeben sind, und das daher, wie dies öfters bei unsern Gebeten der Fall ist, als geschichtliche Quelle benutzt werden kann. Das Gebet ist wie viele Selichoth. alphabetisch angeordnet und schliefst tnit der Bitte um baldige Erlösung, aus der Verbannung. Ausser der genauesten Zeitangabe für den Ausbruch des Brandes, die neben der vom Wehklagen unterbrochenen Beschreibung im Text enthalten ist hat es der Verfasser auch verstanden, seinen Namen in den Anfangsbüchstaben einzelner Worte der letzten Verse