Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 8 (1929-1930)
- Issue
- 5 (1.1930)
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 175 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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sich unter keinem Gesichtspunkt mit der Esther-Rolle vergleichen läßt. Dem Purimfest ist ein besonderer Talmudtraktat (Megillah) gewidmet, während von Chanucka nur einige Blätter im Traktat Schabbat (21—24) handeln, und zwar nicht einmal durchgehend, ferner ein paar Sätze in der Pesikta und im Midrasch. In der „F a s t e n r o 11 e", die älter ist als die Mischna, wird nur das Wunder des Oelkrügleins erwähnt, während die Siege über die Heere des Antiochos Epiphanes und sogar der Name des Jehuda Makkabi ganz mit Schweigen übergangen werden. Der Name Makkabäer ist dem Talmud unbekannt, er lmt dafür llasmonäer. Es ist o/fenbar, daß die Weisen des Talmud, gleich wie die älteren P h a r i s ä e r , keine eifrigen Bewunderer der Makkabäer waren. TJer berühmte Rabbi Moses Sopher (1762—1839), also ein Mann, dessen Strenggläubigkeit nicht dem geringsten Zweifel unterliegt, sagte, daß Rabbi Jehuda ha-Nassi, der seine Herkunft vom König David ableitete und im 2. Jahrhundert die Mischna ordnete, einen Groll gegen die H a s m ouäer hegte, da sie, ohne der davidischen Dynastie anzugehören, das Königtum an sich rissen: deshalb habe er ihre ganzen Heldentaten in der Mischna nicht erwähnt und sogar ihre Namen verschwiegen. Das ist eine viel zu kleinliche Auffassung, aber sie enthält einen Kern Wahrheit. Die Pharisäer waren Legitimisten. Nur das Haus David, aus dem der Erlöser Israels dermaleinst hervorgehen sollte, war in ihren Augen thronberechtigt, sie blickten also mit scheelen Augen auf diese Priesterfaniilie, die sich die Krone usurpiert hatten. Ueberdies neigten die Makkabäer, sobald sie zur Herrschaft gelangten, stark den Sadducäern zu, also jener Partei, die mit den Griechen kokettierte, sie setzten gewissermaßen eben jene Politik fort, die all die Not über die Nation gebracht hatte, von der die Makkabäer sie durch ihre großen Heldentaten errettet hatten. Die erste Tat der llasmonäer, die Erkämpfung der Religionsfreiheit, fand unzweifelhaft den begeisterten Beifall der Pharisäer, ebenso war es ihnen recht, daß sie •die alte hellenisierte Aristokratie verdrängten. Aber schon daß sie nach der Würde des 1 Tohepriesters langten, mußte jenen sehr bedenklich scheinen. So lange sie ihre Militärmacht dazu verwendeten, um die Unabhängigkeit von der syrischen Oberhoheit zu erkämpfen, war den Pharisäern dieser Militarismus recht. Aber daß sie am Ende sich auf die Pfade des Eroberungskrieges begaben, mußte den Pharisäern als durchaus unjüdisch erscheinen, obgleich die Makkabäer das unter dem Vorwand taten, die Grenzen des davidischeu Reiches wiederherzustellen. Vollends abgestoßen mußten sie sich fühlen, als Johann Hyrkan diebesiegten Iduinäer zur Annahme der Beschneidung nnd des Gesetzes .zwang — die Pharisäer erlaubten ihnen nachher, zu ihrer angestammten Religion zurückzutreten — und damit einen gefährlichen Weg beschritt. In der Tat führte diese Politik dazu, daß ein sogenanntes Freundschaftsbündnis, niit R o m geschlossen wurde und das war der . erste Schritt zum .Untergang des jüdischen Staatswesens und zur Zerstörung des Tempels. Andererseits kam aus den Tduinäern der König Hemdes, von dem begeistert zu sein nicht mir die Pharisäer keinen Grund hatten. Das alles bewirkte, daß sie sich mit den Makkabäern so wenig wie möglich beschäftigten. Aber auch sonst hatten sie Grund genug, das Chanucka-Fest lieber an das Wunder mit dem Oelkrüglein anzuknüpfen. Lebte ja in ihrer Erinnerung die Tradition, daß Gott es schon ihren Vorfahren verübelt habe, daß sie am Roten" Meere Loblieder über den Untergang des Feindes anstimmten. Darum wird nach ihrer Anordnung beim Entzünden der Lichter außer der Lobpreisung über die Mizwa nur allgemein die Danksagung gesprochen, daß Gott unseren Vorfahren „in jenen Tagen, zu dieser Zeit Wunder gewirkt hat." Dieser Segen wurde schon von den Talnuulisten eingesetzt. Etwa im achten Jahrhundert wurde (auch für Purim) ein besonderes Dank gebet „al ha-nissim'" verfaßt, das an den Chanucka-Tageu in das IS. Kapitel des „Schenioneh essreh", die sog. ..llodaah" und in das Tischgebet eingeschaltet wird. Hier werden Krieg und Sieg in knappen nachdrücklichen Worten erwähnt. Seltsamerweise wird hier M a 11 i j a h u der Hasmonäer Sohn des Hohenpriesters Jochanan genannt: wie es scheint, auf Grund der oben erwähnten „Megillat Antiochus", die allerlei verschiedene Namen nennt. Nach dem Entzünden der Lichter folgt der Hymnus „Ha-nerot hal a l u'", der sich zusammen mit „AI ha-nissim" in dem kleinen Traktat ..Sopherim" findet. Zum Schlüsse wird nach einer sehr bekannten und beliebten Melodie der Gesang „Maos Zur" vorgetragen, der etwa aus dem 14. oder 15. Jahrhundert herrührt. In der neuesten Zeit haben hebräische Dichter nach derselben Melodie passende Gesänge verfaßt, die sprachlich und inhaltlich unserem Empfinden ungleich besser entsprechen. Seit etwa 35 Jahren wird dank der zionistischen Strömung neben der häuslichen Feier des Chanucka-Festes in der Öffentlichkeit das M a k k a b ü e r f e s t gefeiert, welches das Wunder des Oelkrügleins gegenüber dem Sieg des Jehuda Makkabi mehr in den Hintergrund rückt. Die Huldigung gilt weniger dem Wiederhersteller des Tempeldicnstes als dem Befreier des Vaterlandes, obwohl im Bewußtsein der damaligen Menschen diese beiden Begriffe ganz in eins zusammenflössen. Es werden auch ( hanuckabälle und -Kränzchen mit Tanz veranstaltet, was früher unbekannt war. Ein besonderes Kapitel, auf das aber hier nicht eingegangen werden soll, sind die neuerdings aufgekommenen „(.■hall u c k a - B e s c h e r u n g e n." Von altersher bestand die Hauptfeier des Festes im Anzünden der Lichter. Nach der Schule fies Schanimai, die die älteste Tradition repräsentierte, wurden am ersten Tage acht Lichter und jeden folgenden Tag eines weniger angezündet, so daß am letzten Tage nur noch ein Lichtlein brannte. Nach der Schule des Hillel dagegen geschah es umgekehrt: man begann mit einem Lichte und stieg bis zu acht. So wird es auch bis auf den heutigen Tag gehalten. Ursprünglich brannte ein Docht im Oel. das sich in einem kleinen Metallbehälter befand, und so geschieht es zuweilen noch bis auf den heutigen Tag. Daneben sind Kerzen in Gebrauch, wenn sie nur eine hallx' Stunde lang Licht spenden. Die Zeit des Anzündens liegt zwischen dem Dunkelwerden und dem Aufhören des Straßenverkehrs. Die Lichter werden am Fenster oder sonst an sichtbarer Stelle aufgestellt, um das Wunder allgemein bekannt zu machen. Da den Lichtern eine Weihe innewohnt, darf man. ihren Anblick nur mit dem Auge genießen, aber keinen Nutzen von ihnen ziehen, etwa indem man bei ihrem Schein eine Alltagsarbeit verrichtet. Ein Wort Albert Einsteins. (Im Ilillsverein der Deutschen'Juden) „In dieser Zeit wirtschaftlicher Depression pflegen viele am falschen Orte zu sparen — nämlich indem sie sich ihren sozidlen Pflichten entziehen, statt ihren privaten Bedarf einzuschränken. Denken Sie selber darüber nach; ich habe nicht das Zeug zum Prediger in der Wüste."