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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1929-12-01 · 4 (12.1929) · p. Seite 153

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
8 (1929-1930)
Issue
4 (12.1929)
Date
1929-12-01
Page
Seite 153 (sequence 37)
Language
German
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153 Samstag 14. Talmud Thora-Verein. Wie 7. Dezember. Jüdischer Jugendbund. literarischer Zirkel „Wilhelm Teil", Cafe Falk, Oederweg. Mittwoch 18. Jüdischer Jugendbund. Diskussionsabend „Waffen im Abwehrkampf", Cafe Rothschild, Biebergasse. Freitag 20. Talmud Thora-Verein. Wie 13. Dezember. Samstag 21. Talmud Thora-Verein. Wie 7. Dezember. Sonntag 22. Talmud Thora-Verein. Wie 8. Dezember. Donnerstag 26. Ortsgruppe des Jüdischen Frauenbundes. Arbeitssitzung. Langestr. 3, I. 10 Uhr. Ein neuer Kaufmannsroman. Heinrich Kurtzig, Kaufmann Frank. Gustav Engel-Verlag, Leipzig 1929, 163 S., geb. M. 2.85. in einer höheren Handelsschule, in der ich einmal gelegentlich einer Unterrichtsstunde beiwohnte, hörte ich, wie Freytags „Soll und Haben" mit den Schülern durchgesprochen und ihnen als „der einzig gute deutsche Kaufmanns-Roman" empfohlen wurde. Unwillkürlich tauchten dabei alte Jugend- Erinnerungen an die eigne Lektüre dieses damals viel gelesenenRomans auf: dieser schwarz-weiß Malerei GustavFreytags, der darin zwar manche sachlichen Aeußerlichkeiten aus dem Geschäftsbetriebe des Handelshauses Molinari in Breslau getreu lieh wiederzugeben versucht hat, als handelnde Personen aber nur wirklichkeitsfremde, auf dem Papier konstruierte Gestalten auftreten ließ. Anscheinend wollte er nichts davon wissen, daß wohl in jeder Brust zwei Seelen wohnen, von denen bald die minder gute von der besseren verdrängt wird, bald die andre die Oberhand gewinnt. Er formt nur Menschen, von denen jeder einzelne aus einem durchweg einheitlichen Stoff besteht: der jüdische Kaufmann Veitl Itzig ist in seinem ganzen Handeln, Denken und Trachten ein Ausbund aller üblen Eigenschaften. Als geiziger, hinterlistiger, feiger Betrüger, als nabgieriger Wuehrer, Schurke und Ausbeuter, dessen ungehemmt triebhafter Sinn nur auf seinen Profit gerichtet ist, schreitet er, völlig verhärteten Gemüts, mitleidlos über Leichen hinweg. In die Finsternis seiner Seele fällt auch nicht der geringste menschlich wohltuende Lichtstrahl. Sein landsmännischer Jugendgenosse, der christliche Kaufmann Anton Wohlfarth, ist dagegen stets gleichbleibend edelmütig, hilfreich und gut, hochsinnig und von feinfühligstem Empfinden. In Treue fest, in der Pflicht seines Dienstes sich für seinen Arbeitgeber aufopfernd, bleibt ihm jeder Gedanke fern, der den blanken Schild seines engelreinen Gewissens auch nur mit einem flüchtigen Hauch trüben könnte. Als Held und Ritter ohne Furcht und Tadel begibt er sich mit seinem Chef während des polnischen Aufstands in das von Stürmen umtobte Gebiet an der galizischen Grenze mitten durch die Feuerlinie hindurch in das von den feindlichen Aufrührern besetzte Land. Und dies alles nur, um dort, in blutigen Kämpfen mit Gefahr seines Lebens, — einige Frachtwagen mit Wolle und Kolonialwaren des Breslauer Geschäfts in Sicherheit zu bringen. Auf der einen Seite also der durch und'durch schwarze teuflische Jude Veitl Itzig; auf der andern der makellos weiße reine Engel in der Gestalt seines christlichen Gegenspielers Anton Wohlfarth. Und eine derartige kitschige Charakterisierung galt und gilt noch immer, nicht nur in den höheren Handelsschulen sondern auch in den Literaturgeschichts-Werken, als „der einzig gute deutsche Kaufmannsroman." Wir müssen daher jede literarische Neuerscheinung begrüßen, die uns das Kauf mannsieben nicht in dem Zerrspiegel einer einseitigen antisemitisch tendenziösen Schilderung zeigt, uns vielmehr ein objektiv erschautes zutreffendes Bild des kaufmännischen Wesens geben will. Hierzu gehört das Buch, mit dem Heinrich Kurtzig jetzt vor die Oeffentlichkeit tritt. Schon in seinen früheren Werken „Ostdeutsches J u d e n t u m" und „D o r f j u d e n" hat der Verfasser uns durch seinen schlichten, schönen Stil erfreut und gezeigt, über welch scharfe Beobachtungsgabe er verfügt, welch künstlerisches Auffassungsvermögen und welch fesselnd anschauliche Darstellungskunst er besitzt, wenn es gilt, Menschen und ihre Schicksale, sowie die Schönheit der uns umgebenden Natur zu schildern.- Auch in seinem jüngsten Roman „Kaufmann Frank" finden wir diese Gaben in glücklicher Vereinigung wieder. Mag der Verfasser auch die dichterisch frei gestaltende Phantasie Gustav Freytags und die bildhaft schöpferische Sprachkraft dieses Schriftstellers nicht erreichen, so bietet er uns doch dafür eine mit liebevoller Vertiefung dem Leben abgelauschte, wahrheitstreue Wiedergabe der äußeren Schicksale und seelischen Erlebnisse seiner Gestalten. Kurtzig führt uns zu einem jüdischen Industriellen in Inowraclaw, einer kleinen kujawischen Stadt der Provinz Posen. Er läßt uns in die Doppelseele dieses Mannes blicken, in der der praktische und technisch geschulte Verstand des tüchtigen Kaufmanns dauernd mit dem dichterisch veranlagten, schwärmerischen Gemüt des idealistisch gesinnten Träumers ringt. Wir sehen, wie die Belehrung eines Freundes über die herrschenden sozialen Gegensätze und über die sittliche Pflicht, die zu mildern und zu überbrücken, auf die naiv aufhorchende, altruistischen Regungen geneigte Seele des Jünglings wirkt, der in den engen kleinen Verhältnissen seines Heimatstädtchens eigentlich genug zu tun hätte, um zunächst sich selbst über Wasser zu halten. Wir erleben mit ihm, wie er die Güte des eignen Herzens auch stets in seinen Mitmenschen annimmt und in seinem Vertrauen nun arge Enttäuschungen erfährt, sodaß er, nach dem finanziellen Zusammenbruch des väterlichen Betriebs, gezwungen wird, als Versicherungsagent treppauf-treppab die Häuser Berlins nach Aufträgen abzusuchen. Wir nehmen lebhaften Anteil an seinem Geschick, als es ihm endlich gelingt, eine feste Angestellten-Tätigkeit zu erhalten, bis er, wegen Ueberschreitung der Altersgrenze „abgebaut", schließlich seiner Begabung und Neigung folgt und in sich den Beruf des Schriftstellers und Dichters erkennt Anscheinend haben wir es in dem Roman mit einer autobiographischen Schilderung, jedenfalls aber mit einer aus eignen Erlebnissen geschöpften Darstellung zu tun. Leser, die aus dem Osten stammen, werden in dem Buch, dem zugleich auch eine wertvolle kulturgeschichtliche Bedeutung innewohnt, leicht die lebenden Modelle und ihre Schicksale wiedererkennen, trotzdem der Verfasser aus einem „Müller" einen „Backe r", aus dem bekannten Psychiater „Mendel" einen Geheimrat „Lend e 1" macht und die Zuckerindustriellen „Selig Auerbach Söhne" durch Umwandlung des Namens in „Selig Auer stro m" genügend verhüllt zu haben glaubt. Das Buch Kurtzigs sei allen empfohlen, die sich eine Stunde literarischen Genießens verschaffen und sich dabei an der Hand eines zuverlässigen Führers über die geschäftlichen und industriellen Verhältnisse einer kleinen östlichen Stadt, sowie über die Erlebnisse einer aus diesem Milieu stammenden jüdischen Mannesseele in der kujawischen Heimat und im weltstädtischen Getriebe Berlins in einer fesselnd erzählten Handlung unterrichten wollen. — Der gepflegten Sprache des Romans entspricht auch die hübsche geschmackvolle Ausstattung des Buches. Arthur Kronthal. Ein Chanukkaspiel. Zum diesjährigen Chanukkafest hat Irma Dresdner ein in Versen geschriebenes leicht erlernbares Theaterstück verfaßt. Es trägt den verheißungsvollen Titel „W ie in der Laubhütte ein Chanukkaspiel entstand." Da auch die früheren Festdichtungen der bekannten Verfasserin großen Anklang gefunden haben, seien Interessenten auf diese neueste Schöpfung verwiesen. Näheres bei der Verfasserin, Cronstettenstr. 58. Die in der vorstehenden Bücherschau besprochenen Werke sowie alle wichtigen Neuerscheinungen finden Sie stets in der Jos. Strauß'schen Buchhandlung Biebergasse 13 Frankfurt a. M. Fernsprecher Hansa 3610 Persönliche Nachrichten 80. Geburtstag. Wie wir nach Redaktionsschluß erfahren, feiert ein besonders verdientes Mitglied unserer Gemeinde Herr Salomon Epstein, Präsident der Maklerkammer, lange Jahre hindurch Mitglied des Gemeindevorstands und Vorsitzender des Pflegamts des Krankenhauses und des Almosenkastens, in beneidenswerter Rüstigkeit seinen 80- Geburtstag. Herr Moritz Frank, Stiftstrafie 27, beging Montag, 11. November, seinen 80. Geburtstag in voller geistiger und körperlicher Frische. 60. Geburtstag. Herr Naftali Fromm, Liebigstraße 27, feiert am 30. November seinen 60. Geburtstag. Herr Fromm, ein Enkel des berühmten Würzburger Rabbiners S. B. Bamberger ist sowohl in seinem Beruf als langjähriger Vorsitzender des Vereins der Beerenweinproduzenten, wie insbesondere durch seine umfangreiche Betätigung auf jüdischem Gebiet in den weitesten Kreisen der Gemeinde wohl bekannt und beliebt, er ist u. a. stellvertretender Vorsitzender der Gemeindevertretung and Vorsitzender der konservativen Fraktion, Vorsteher der Synagoge an der Unterlindau und Expräsident der Hermann Cohen-Loge. Ein weiteres Mitglied der Gemeindevertretung, Herr Hugo Heß, Friesengasse 20a, feierte am 14. November ebenfalls seinen 60. Geburtstag. Herr Heß nimmt eine führende Stellung im hiesigen Metzgergewerbe ein und hat von jeher daneben ein gut Teil seiner Arbeitskraft den Interessen der Gemeinde gewidmet.

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