Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 8 (1929-1930)
- Issue
- 2-3 (10.1929)
- Date
- 1929-10-01
- Page
- Seite 75 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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75 Quell des Lebens, in Deinem Licht 'schauen wir Licht! Amen. (Das vorstehende für die Friedhofseinweihung verfaßte hebräische Gebet lautet in deutscher Uebersetzung: Der Du in den Höhen thronst und auf die Unteren schaust, in dessen Hand die Seele alles Lebenden und der Geist alles Fleisches ist, erhöre doch unser Gebet und verschließe Dich nicht unserem Flehen. Denn bei Dir sucht unsere Seele Zuflucht, Du unser Fels und unsere Burg. Breite doch die Fittiche Deiner Gnade über die Kinder Deiner heiligen Gemeinde aus, die „Hütten von Lehm bewohnend", eine Grabstätte erworben und ein „Haus der Zusammenkunft für alles Lebende" gebaut haben. Denn was bleibt sonst dem Menschen, dessen Weg zum Grabe führt. Gedenke doch Deiner Barmherzigkeit, unterdrücke Deinen Zorn und wende ab Seuche, Schwert, Hunger, Verderben und Plage von den Kindern Deines Bundes, und sende vollkommene Genesung den Kranken Deines Vojkes, und reinige unser Herz, Dir in Wahrheit zu dienen, in Deiner Lehre zu forschen und Deine Gebote zu beobachten, und verleihe uns ein langes Leben, ein Leben des Friedens, ein Leben der Güte und ein Leben des Segens. Und nähere unser Lebensende nicht, bis wir gerüstef sind, zu unserer Bestimmung zurückzukehren. Und alle Müden und Erschöpften mögen in Frieden hier ruhen, bis sie zum Leben wieder auferstehen und ihre Seelen mögen aufgenommen sein in den Bund des ewigen Lebens, wo sie in den heiligen Höhen die Herrlichkeit Gottes schauen werden. Amen Sela!) Unser Friedhof und unsere Steine. E i n A u f r u f. Der neue Friedhof ehrt unsere Gemeinde: auf dem überlieferten und treu gewahrten Grund ihrer alten Geschichte erhebt sich das neue Werk. Es ist Fortsetzung eines Geistes und damit Üebersetzung dieses Geistes in unsere Gegenwart. Uns Juden dieser Tage gehört es an. Der Baumeister, der diesen Friedhof schuf, hat mit dei strengen und werkgemäßen Gesinnung neuen Bauens durch eine scheinhafte und fast wesenlos gewordene Schicht bis auf den echten Grund unseres jüdischen Seins durchgestoßen: was nun dasteht, ist unser echtes Eigen: urtümlich und gegenwärtig zugleich. Im ganzen und wahrhaften Sinn ist dies u n s e r Friedhof, u n s e r jüdisches ,.H a u s der Ewigkeit"1. Dort werden wir Jetztlebenden dereinst ruhen . . . Was fertig gemacht werden konnte, ist fertig. Nur eins kann erst mit der Schicksalsstunde fertig werden, die Jeden dorthin, in seine ewige Wohnung, ruft: das Haus jedes Einzelnen von uns. Jedes Grabzeichen muß da immer neu gebaut werden, bis aller Raum erfüllt ist. Das Gebaute und fertig Dastehende aber verpflichtet dabei: im gleichen Geist muß weiter gebaut werden. Die Grabmale müssen das Tiefste und Heiligste unseres Judeseins ebenso stark ausdrücken, wie der Bau selbst: nämlich daß wir immer und ewig eine einzige Gemeinde sind, daß W i r und nicht Ich das Anfangs- und Kennwort jedes jüdischen Sichbekennens heißt. In der Gleichform der Einfachheit haben unsere Väter sich noch im Tode zum k'lal jisroel bekannt. So ist es nun an uns, zu tun wie sie. Wahrlich nicht zu Prunk und leerem Zierrat erstellte die Gemeinde diesen Bau: zu seiner stillen Größe sollen wir Alle uns bekennen. Das kann nur so geschehen, daß wir uns von allem Schaugepräge, von allem nichtigen und sinnlosen Schmuckwerk unserer Grabstätten abkehren. Das Stücklein Erde, das dereinst einzig noch unser eigen bleiben wird, das dann unseren Kindern geheiligter Boden sein soll, muß von unserem wahrhaften Sinn Zeugnis ablegen. Lasset uns, Männer und Frauen dieser großen Gemeinde in Israel, die ernstliche Verpflichtung auf uns nehmen: daß die Denksteine, die unsere Namen tragen werden, so schlicht und schmucklos, so rein und einfach seien, wie der Schrein, der unsere Leiber bergen wird. Wer so an dem neuen Friedhof weiterbauen will, der verpflichte sich dazu für sich und für die Seinen mit seinem Namen! E. S. Die Würde des Friedhofs. Ruhe, Friede und Schönheit umgeben mich. Meine Gedanken weilen bei den hier Ruhenden, die erSöst sind von Sorge und Kummer, die den wahren Frieden gefunden haben. Sind diese nicht zu beneiden? .Weshalb fürchtet der Mensch sich vor dem Iode? Diese Gedanken kamen mir bei dem Besuch des neuen jüdischen Friedhofs. Ruhe, Friede und Schönheit bietet dieser dem Auge. „Ein guter Ort'" wie ihn unsere Voreltern genannt haben. Dieser hier ist aber auch ein schöner guter Ort. Wird er aber auch weiter ein schöner guter Ort bleiben? Ich befürchte nein. Sie alle, die sie mit Liebe der Verstorbenen gedenken, deren letzte Ruhestätte liebevoll schmücken, denken sie auch daran, diese Stätte so zu erhalten? Nicht nur den Schmuck zu bringen, diesen auch wieder zu entfernen, wenn es kein Schmuck mehr ist. Wenn die Blumen abgeblüht, die Kränze w^elk geworden sind? "Vergessen sie auch nicht das Welke, das Verweste zu entfernen, ungefüllte Vasen und Gläser abzuräumen? Ein ungeschmücktes Grab ist schöner als ein vergessenes, verwahrlostes. Es stimmt mich immer traurig, wenn ich ein solches Grab sehe und ich sehe viele solche Gräber, auch schon auf dem neuen Friedhof. MuH das sein? Alle, die in Liebe und Treue der Verlorenen gedenken, die nach dem Tode durch Schmücken des Grabes ihre Liebe bezeigen wollen, sie mögen dafür Sorge tragen, daß diese Ruhestätte so ist und bleibt, wie man wünscht, daß sie der Lebende gesehen hätte. Rein und gepflegt! Hin guter Ort und ein schöner Ort. Eine Stätte, die auch dem Besucher Ruhe gibt, der schwer vergessen kann. " II. L. Ein Brief. Anläßlich der Eröffnung des neuen Friedhofs hat Herr Isaac M. Mainz, der hochgeachtete greise Repräsentant des alten Frankfurt, ein Schreiben an den Gemeinde vorstand gerichtet, in dem u. a. gesagt ist: Sehr geehrte Herren! Zunächst besten Dank für Ihre freundliche Einladung. Leider muß ich es mir wahrscheinlich versagen, einem Akte beizuwohnen, der für mich als Aeltester der beiden iTnzn besonderes Interesse hat. Gehört ja das Bestatten eines heimgegangenen Genossen zu den höchsten idealen Menschenpflichten, wie wir es unter den anderen Liebestaten von Beginn der Schöpfung an in unserer heiligen HTID finden, welche die sozialste Gesetzgebung für alle Zeiten in sich birgt und deren Ausbau bei jedem Anlaß sich als eine abgefallene Blüte von dem im Paradies einst von >*n selber gepflanzten Lebensbaum darstellt. . . . □"'ICH Dl^Qj auszuüben, ohne auf Dank oder Gegenseitigkeit zu rechnen oder zu hoffen, ist eines der Bande unserer Gemeinschaft nach dem Vorbild des himmlischen Vaters, der die ersten Menschen, als sie die ihnen beschiedene Erhebung vom Staub der Erde zum Blau des Himmlischen nicht verstanden, in ihrer BiöRe bekleidete. So zeigt sich die Liebe des Schöpfers auch beim Heimgang seines größten Dieners — ~!2p",l — als Vorbild für die nachfolgenden Geschlechter. Am Anfang der Thora die Bekleidung, in ihrem Schluß die Bestattung: rT2"!Dl rmbnn E^Di™! fll1?1^ ^° '-s' dem Juden der Leb«ns\\eg vorgezeichnet, zur Erhaltung der Gottesgeschöpfe vom Eintritt des Lebens bis zum Ausgang, bis zur Zeit der Auferstehung, die Fp"n m seiner Barmherzigkeit bald kommen lassen möge nach den Worten des großen Propheten Jesaias: