Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 8 (1929-1930)
- Issue
- 2-3 (10.1929)
- Date
- 1929-10-01
- Page
- Seite 62 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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62 Eduard Lasker geb. am 14. Oktober 1829. Lasker, der vor 100 Jahren das Licht der Welt erblickte, hat eine streng religiöse Erziehung genossen, wie sie in der damaligen Zeit, noch dazu in einer kleinen Posensehen Stadt — sein Geburtsort war Jarotschin — beinahe selbstverständlich war. Sein Vater, Rebb. Daniel, eine ehrwürdige patriarchalische Erscheinung, war sozusagen nur im Nebenberuf Kaufmann, im Hauptberuf Talmudgelehrter. Eduard Lasker hat in seiner Jugend selbst Talmud gelernt, und ein Anklang an den dabei üblichen Singsang haftete ihm zeitlebens auch in seinen Parlaments reden an — Schreiber dieser Zeilen hat ihn oft im Land- und Reichstag reden hören — aber in der damaligen Zeit, in der von 1867 bis 1878 währenden sogenannten „liberalen Aera" stieß man sich nicht daran. Man schätzte seine große Rednergabe, seine haarscharfe Dialektik, sein gewaltiges Wissen, seine unermüdliche Arbeitskraft und nicht in letzter Reihe seinen fieckenreinen unbestechlichen Charakter. Nachdem er in den Reihen der akademischen Legion an der Revolution von 1848 in Wien teilgenommen hatte, hielt er sich später einige Jahre in England auf, und erst zu einer Zeit, als er bereits ein in der ganzen Welt bekannter Parlamentarier war (1870) wurde ihm die Basis einer bürgerlichen Existenz gegeben, indem ihm die Wahl gestellt wurde, ob er Stadtgerichtsrat in Berlin werden oder sich hier als Rechtsanwalt niederlassen wolle. Auch dies war eine Vergünstigung, da für Anwälte damals noch bis zur Schaffung der mit durch seine Bemühungen ins Leben getretenen Justizreform (1879) der numerus clausus galt. Lasker wählte das Letztere, da er Unabhängigkeit als höchstes Gut schätzte. Bis dahin war er unbesoldeter Assessor gewesen. Als Anwalt betätigte er sich aber äußerst selten, fast nur in politischen Prozessen. Von 1875 bis zu seinem Tode war er Syndikus des Berliner Pfandbriefamts. Im preußischen Landtag hat er u. a. auch Frankfurt a. M. von 1875—1879 vertreten. Ehrgeiz auf Kosten seiner persönlichen Ueberzeugung oder gar mit Verleugnung seines angestammten Glaubens lag ihm vollständig fern. Bekannt ist die Antwort, die er Bismarck zu einer Zeit gab, als dieser noch Laskers Mitarbeiterschaft zu schätzen wußte. Auf die Bemerkung: „wir arbeiten noch einmal kollegialisch zusammen", reagierte er lediglich mit dem Hinweis auf seinen eigentlichen Beruf: „Dann müßte der Herr Reichskanzler Advokat werden." Lasker war jederzeit stolz auf sein Judentum. Ein schönes Glaubensbekenntnis, das seine unauflösliche Verbundenheit mit der Religion seiner Väter kennzeichnete, legte er in der Reichstagssitzung vom 10. Juni 1876 anläßlich der Beratung des Gesetzentwurfes über den Austritt aus dem Judentum in folgenden Sätzen ab: Sie wissen, daß ich nicht allein äußerlich, sondern mit Leib und Seele der jüdischen Gemeinschaft angehöre und in ihrem Kern den idealsten Ausdruck finde, der nach dem Zeugnis der Geschichte zum erstenmal der Menschheit in Form eines religiösen Bekenntnisses verkündet worden ist. Ich glaube, daß der wesentliche Inhalt des Judentums in dem Glauben an den einig-einzigen Gott liegt, und daß die Macht dieser lebendigen Ueberzeugung der Gemeinschaft, die ja erst in die Weltgeschichte mit dieser erhabenen Idee eingetreten ist, so lange Dauer geben wird, als überhaupt Religionsgesellschaften existieren. Zu diesem Ausspruch berechtigt mich eine vieltausendjährige Geschichte des unter den widrigsten Verhältnissen leidenden Judentums." Er verbreitete sich dann eingehend über die drei Gebiete, auf denen sich die .Tätigkeit der jüdischen Gemeinde in ethischer Beziehung bisher ersprießlich und segensreich erwiesen habe: Kultus, Schulwesen und Wohltätigkeit. Zu letzterer bemerkte er ebenso feinsinnig wie zutreffend, daß den Juden die Wohltätigkeit nicht bloß eine Pflicht der Humanität, sondern in der Tat ein religiöses Gebot sei. Er schloß mit dem erhebenden Wunsche, daß eine Zeit kommen möge, wo wenigstens alle guten Menschen sich als Kinder eines Gottes fühlen, sich nicht gegenseitig in konfessionellem Hader befehden, sondern sich, mögen ihre Anschauungen üfyer die Verehrung Gottes noch so weit auseinanderliegen, hilfreich die Hand reichen auf ihren Lebenswegen. Humanität auf der Grundlage des Judentums und getränkt von seiner Lehre war der Leitstern seines Lebens und seiner öffentlichen Wirksamkeit. Die schönste, jemals in einem deutschen Parlament gegen die Todesstrafe — eine auch jetzt wieder brennend gewordene Frage — gehaltene Rede, war die Laskers vom 28. Mai 1869, von echt humanem und zugleich alttestamentarischem Geist erfüllt. Ebenso war er zu einer Zeit, wo im Liberalismus noch das reine Manchestertum mit seiner Theorie des laisser faire laisser aller herrschte, der einzige liberale Führer, der sich für soziale Reformen (Arbeits- und Invaliden^ Versicherung, Krankenkassenwesen, Verbot der Nachtarbeit für Frauen und Kinderarbeit in den Fabriken, Sonntagsruhe, frühzeitigen Ladenschluß usw.) einsetzte. Ein politischer Gegner, der berühmte Professor der Nationalökonomie an der Berliner Universität, der „Kathedersozialist" Gustav Schmoller, hat dies nach Laskers Tode in einem längeren Artikel „Lasker als Sozialpolitiker" rühmend her- \ orgehoben und eben diese Stellungnahme — im Gegensatz zu der von Bamberger und Eugen Richter — auf die Beeinflussung des gläubigen Juden durch die mosaische Gesetzgebung, die sich ja der wirtschaftlich schwachen besonders warm annehme, zurückgeführt. Laskers Lebensabend war durch die damals erstandene Strömung des Judenhasses, für die das neue Wort Antisemitismus geprägt wurde, in dem Maße getrübt, daß sein früher so klarer Verstand zeitweise darunter litt. Die Hetze eines Stöcker berührte ihn weniger als die Gesinnung eines ehemaligen Fraktionskollegen in der nationalliberälen Reichstagsfraktion, des Historikers Heinrich von Treitschke mit seinem Ausspruch: „Die Juden sind unser Unglück". Auf ärztliches Anraten begab er sich, um sich zu zerstreuen und neue Eindrücke zu gewinnen, zugleich zum Besuch seines Bruders im Herbst 1883 nach Amerika. Von dieser Reise sollte er nicht mehr zurückkehren. Am 2. Januar 1884 besuchte er das erst vor kurzem in New York errichtete jüdische Waisenhaus. Ihm zu Ehren fand ein festlicher Empfang statt. Nach einer längeren Begrüßung des hervorragenden Gastes durch den Vorsteher des Instituts, erwiderte Lasker ebenso herzlich, indem er den Begriff der jüdischen Wohltätigkeit durch den Ausdruck „Zedokoh", d. h. Gerechtigkeit eingehend erläuterte und seiner Freude darüber Ausdruck gab, daß er hier in der „Neuen Welt" das echte alte jüdische Herz vorgefunden habe. Drei Tage später hatte das seinige zu schlagen aufgehört, er verschied plötzlich im Alter von 54 Jahren beim Besuche eines Freundes Dr. Oskar Sincerus. Neu eröffnet! Fides Schuhwaren INH. 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