Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 6 (1927-1928)
- Issue
- 10 (6.1928)
- Date
- 1928-06-01
- Page
- Seite 310 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Stümper sein zu müssen. Und im Bereich des Lernens lähmt nichts so als diese traurige Erkenntnis. In jeder anderen Schulsprache (für die natürlich viel mehr Stunden zur Verfügung stehen) kommt fast jeder halbwegs Verständige im Verlause einer ausgedehnten Schulzeit dazu, einmal einen Satz selbständig zu präparieren bezw. zu übersetzen. In außerordentlich seltenen Fällen wird das natürlichste Ziel des hebräischen Unterrichts erreicht — Selbständigkeit. Nun gibt es verschiedene Stufen der Selbständigkeit, von der souveränen Sprachbeherrschung der Sprach- ^nd Schriftgelehrten bis zum selbständigen Aussiudeu einer Wurzel im Wörterbuch (ein gutes und billiges Wörterbuch für elementaren Unterricht ist noch zu schreiben). — Gerade weil wir in der Jngendgemeinde auch im Hebräischen uns anstrengen und von jedem Aelteren fordern, daß er außerhalb seines Schulunterrichts lernt, und weil wir nicht wünschen, daß der Eifer ein Strohfeuer wird, soll das, was ich euch jetzt sage, von euch reiflich überlegt und wenn möglich angenommen werden. Das erste, was ich euch zu sagen habe, möchte ich so überschreiben: Verachtet mir das Handwerk nicht. Das rein technische können der Sprachelemente, das handwerksmäßige Können ist bei nns um seinen Kredit gekommen. Das gilt nicht nur für das Hebräische, sondern sür die Geisteswissenschaften überhaupt. Aus der Furcht heraus, im Unlebendigen stecken zu bleiben, uns.an rein Stofflichem zu beschmutzen, versäumt man hier, die Dinge beim Namen kennen zu lernen, über die man hoch und höher daher redet. Worte wie „grundsätzlich", „prinzipiell", die in der Philosophie und in der Einleitung zu Wissenschaften einen guten Sinn haben, sind heute im Munde vieler häufig nur ein Zeichen von Halbbildung. Man täuscht über sein mangelhaftes Können hinweg und macht es sich leicht, indem man nur „grundsätzlich" Stellung nimmt. Wenn einer so daherredet, dürft ihr immer mißtrauisch sein, bis er euch gezeigt hat, daß er wirklich bis auf den „Grund—satz" Bescheid weiß. Ebenso verhält es sich mit der Uebung, der Wiederholung dessen, was man lernt. Wenn einer, sagen wir, jeden Tag nur 20 Minuten Hebräisch lernt und das ist nicht zuviel für eine Sache, um die wir uns Tag und Nacht bemühen sollen (ihr sollt euch aber nicht etwa auf die Zeit von 20 Minuten festlegen), dann kommt er eben nicht aus der Uebung. Und wenn auch nicht die Uebung den Meister macht, ohne Uebung wird man bestenfalls ein Dilettant. Ihr sollt auch nicht glauben, großartige Stücke, wie sie im A. T. zu lesen sind, würden abgebraucht, schal, kämen um den guten Geschmack, wenn man sie wiederholt. Franz Rosenzweig schreibt einmal, daß darin gerade das Wahre sich als wahr anzeige, daß man es immer wiederholen dürfe. Das Falsche nur darf man nicht wiederholen. Und damit hat er nichts anderes gesagt, als was die Thora und unsere Lehrer nicht müde werden zu wiederholen: Wiederhole, hole es wieder, daß es dir nicht verloren gehe. Was nützt dir die Schönheit und Größe eines religiösen ursprachlichen Textes, wenn es dir von Kal bis Hithpael unheimlich ist. Das zweite, was ich euch zu sagen habe, klingt im Zusammenhang mit dem Stand unseres hebräischen Unterrichts paradox: Man lernt um so mehr, je höher man sich die Ziele steckt. Seitdem man angefangen hat, „nur" eiu gutes Verständnis der Gebete und einfacher Texte aus der Thora zu verlangen, könnt ihr weder die Gebete noch die einfachen Texte der Thora. Ihr wißt ja in Fahrten gut Bescheid; dort gilt: wie weit man gehen will, hängt davon ab, wieviel Zeit man hat. Im Lernen ist es — trotz aller Methoden umgekehrt: Wieviel Zeit man hat, hängt davon ab, wie weit man gehen will. Bei einer Sache, die, wie ihr zugesteht, den einzig soliden Weg zur Aneignung des geschichtlichen Judentums darstsllt, soll man sich nicht auf Minimalforderungen einlassen. Minimalsorderungen setzen eine Sache immer herab, z. B. der Minimallohn die Arbeitsleistung der Arbeiter; ein anderes Beispiel, nichts kann dem Rechtsgedanken mehr Abbruch tun, als wenn man das Recht für eine - Minimalerfüllung der Ethik hält. Ihr solltet es also durchaus als möglich betrachten, einmal zu einem schwereren Text der Thora vorzustoßen, ein hebräisches Gedicht zu lesen, einen halaischen Text oder einen Bibelkommentar zu verstehen. Wenn ihr in der Jugendgemeinde geringschätzig auf „Minimalleistungen" so herabseht, im Recht, in der Wohlfahrt — bitte, zeigt euer maximales Können — z. B. im Hebräischen. Es gibt ein Können, das entzündet sich an der Liebe, es gibt ein Können, das entzündet sich am Können. Verachtet mir das Handwerk nicht, steckt eure Ziele hoch. Um ein Bild aus der Lehre des Maimonides zu nehmen — die inneren Türen des Palastes springen nicht vor einem Zauberwort auf, sie schließen sich nicht dem auf, der um die äußeren Mauern herumspaziert und im Grundsätzlichen stecken bleibt, sondern dem, der lernt und wiederholt. Das vorletzte Schauen ist nicht ein Zusallsball, der dem Müßiggänger in den Schoß fällt, sondern Krönung der Arbeit, der Arbeitenden. Und sagt nicht: Ihr hättet kein Organ dafür, kein Talent dazu. Talent ist Arbeit im Stillen getan. Wer nicht zunimmt, uimmt ab, wer nicht lernt, verdient nicht zu leben. Gehet hin und lernt. Griselini, ein jüdischer Stecher. Von Erich Toeplitz. (s. auch die Sonderausstellung im Museum jüdischer Altertümer.) Anläßlich des Schewuothfestes wird in dieser Nummer eine Darstellung der Offenbarung am Sinai abgebildet, die in mehr als einer Beziehung beachtenswert ist. Es handelt sich um ein Einzelblatt aus der Sammlung der Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler, das l)ier erstmalig veröffentlicht und in seiner Bedeutung gewürdigt werden soll. Das Bild findet sich, mit einer Umrahmung im Stil der Zeit versehen, auf dem Vorblatt einer hebräischen Bibelausgabe in Groß-Quart, die 1746 am Neumondtage des Elul beendet wurde. Die Bibel selber, auf die bei anderer Gelegeuheit vielleicht noch einmal zurückzukommen wäre, weist auf dem Haupttitel und auf dem Untertitel die Jahreszahl 1739, Wohl der Druckbeginn, auf. Der Titel für die früheren Propheten ist 1742, derjenige der späteren Propheten 1740 und derjenige der Schriften 1741 datiert; womit Wohl jeweils der Druckbegmn bezeichnet werden sollte. Jedenfalls gehört die genannte Bibelausgabe zu den Druckwerken der 1. Hälfte des 18. Jahrhunderts, und zwar laut verschiedenen Angaben zu den bei Bragadim in Venedig gedruckten hebräischen Büchern, die durch die Qualität der Arbeit unter denen der Zeit bekannt sind. Der Arzt Isaak Foah wird als der Urheber der Herausgabe, der Drucker Benjamin b. Ahrou Polako wird als der Ausführende hebräisch genannt. Allein von dem Stecher Grifelini findet sich nur in lateinischer Schrift sein Name und das übliche „l" (kseit) innerhalb der Bilder. Außer dem hier abgebildeten sind noch drei weitere vorhanden, die jeweils vor den schon erwähnten weiteren Titelblättern stehen; — Josua, Samuel und David in einer Landschaft mit Stadtansicht — Je-saja, Jecheskel und Jeremia zwischen einer Architekturstaffage — David im Gebet in einer Säulenhalle. In allen vier Bildern sind die Erklärungen in hebräischer Schrift angebracht