Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 6 (1927-1928)
- Issue
- 8 (4.1928)
- Date
- 1928-04-01
- Page
- Seite 238 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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- Isaiah 1× ep/1005097
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Oer Frauen Weisheit. EinePessach-Betra.chtungvonRabbinerDr.HahN(Essen). „Auf, wir wollen diesem Volk mit List beikommen", so sprach nach dem Bericht der Bibel Pharao Zu seinen Räten. Durch rohe Gewalt allein, durch Bedrückungen und Bestrafungen aller Art war offenbar dies Häuflein Israel nicht zu entmutigen. Sollte diese Gemeinschaft aufgelöst werden, so war hierzu ein ganz besonders kluges und überlegtes Vorgehen von Seiten der Regierung geboten. Wir sehen den Aegypterkönig vor uns, wie er mit seinen Ministern zusammensitzt, um eine Methode zu finden, die eine Gewähr für den sicheren Untergang Israels bieten könnte. Das Ergebnis dieser Beratungen war ein furchtbarer Plan: die Nachkommenschaft Israels sollte systematisch ausgerottet werden. „So behandelten die Aegypter die Kinder Israel mit Härte". Unsere alten Bibelerklärer, die dem feinen, verborgenen Sinn des hebräischen Wortes meisterlich nachzuspüren verstanden, sagen: die größte Gefahr bestand in jenem Augenblick für die Israeliten in der Tatsache, daß Pharao sie nicht nur „mit Härte", sondern, wie das Wort auch gedeutet werden kann, „mit süßem Mund" zu verderben suchte. Er soll nämlich den Vorschlag gemacht haben, man möge die Arbeit der jüdischen Männer den Frauen und die der Frauen den Männern übertragen. Ist dieser Vorschlag des Aegypterkönigs wirklich so gefährlich? Mutet uns dies' Vorhaben Pharaos nicht viel mehr recht modern und freiheitlich an? Ist es nicht gerade der Sinn der neuzeitlichen „Frauenbewegung", die Gleichstellung der Frau auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens zu erkämpfen? Gehört es nicht mit zu dem Aufgabenkreis dieser Bewegung, dafür einzutreten, daß dem weiblichen Geschlecht die Berechtigung Zur Mitarbeit in allen Verufszweigen ermöglicht wird? Wie überrascht war man noch vor einigen Jahrzehnten, als die ersten Studentinnen an der Universität auftauchten, die ersten Frauen Parlamentsmandate übernahmen. Und wie selbstverständlich sehen wir heute das weibliche Geschlecht in Berufen tätig, die bis vor kurzem nur dem Manne vorbehalten schienen. Nun mögen ja die Arbeiten, die Pharao den Frauen bei seinen Pyramidenbauten zudachte, besonders schwerer und harter Art gewesen sein. Aber wissen wir es nicht aus den Erfahrungen der neuesten Zeit, daß das sogenannte „schwache Geschlecht" auch auf handwerklichem und technischem Gebiet erstaunliche Leistungen vollbringen kann? Und wenn gewisse amerikanische Romane, die das Frnuenproblem behandeln, die Zukunft richtig schildern, so haben wir nach dieser Richtung noch manch Staunenswertes zu erwarten. Ist vielleicht die ablehnende Haltung unserer Weisen gegen den so fortschrittlich anmutenden Vorschlag Pharaos auf die untergeordnete Stellung zurückzuführen, die die Frau angeblich immer im Judentum eingenommen hat? Nun, so geringfügig ist die Rolle gar nicht, die unsere Gemeinschaft im Verlauf ihrer Geschichte der Frau zuerkannt hat. Der Schöpfnngsbericht nennt nicht nur die Frau die Gehülfin des Mannes, sondern es sind uns Namen genug überliefert, die anzeigen, welch führende Stellungen auch Frauen in unserm Leben einzunehmen wußten. Wer kennt nicht, um nur allgemein Bekanntes anzuführen, die Töchter Zelofchads, deren gesundein Verstand sich selbst ein Mose unterordnen mußte,' wer weiß nichts von der Prophetin Mirjam, von der Richterin Debora, von der Königin Esther, von der gelehrten Beruria, von der der Talmnd so viel Rühmenswertes zu erzählen weiß. Sebstverständlich gilt die Arbeitspflicht, von der im Zehnwort die Rede ist, nach jüdischer Auffassung für die Frau eben so gut, wie für den Mann. Nicht nur ein Jesaja' erhebt in der Bibel seine grollende Stimme gegen die Modedamen seiner Zeit, die ihr Augenmerk nur auf Putz und Tand richten und ihre Tage im süßen Nichtstun verzetteln. Auch der Talmud weist an vielen Stellen darauf hin, daß jede Fran, selbst wenn sie noch so reich ist und noch so viele Mägde hat, sich ans irgend einem Arbeitsgebiet betätigen mnß. Wenn sich unsere Alten mit aller Entschiedenheit gegen den Vorschlag Pharaos wenden, so hat das seinen besonderen Grund. Ihnen scheint offenbar das Prinzip, nach dem die ägyptische Frauenemanzipation vor sich gehen sollte, höchst bedenklich zu sein. Es gibt nach ihrer Überzeugung Eigentümlichkeiten im Wesen der Frau, die bei einer solchen Umstellung'berücksichtigt werden müssen, wie es Sonderheiten für das Betätigungsfeld des Mannes gibt, die nicht übersehen werden dürfen. Die von der Natur gesetzten Grenzen müssen auf jeden Fall respektiert werden. Aus diesem Grund ist es nach biblischer Vorschrift z. V. verboten, daß Frauen und Männer ihre Kleider gegenseitig auswechseln und darin einherstolzieren. Weder die Femimerung des Mannes, noch die Vermännlichung der Frau ist das Ideal des Judentums. Sondern bei aller Betonung der Gleichwertigkeit der beiden Geschlechter, die von der hebräischen Sprache schon durch denselben Namen für Mann und Frau (Jsch und Jschah) zum Ausdruck gebracht wird, weiß das Judentum, daß man die Arbeitsgebiete der Frauen und der Männer nicht einfach untereinander vertauschen kann. Sonst besteht die große Gefahr, daß die angestrebte Freiheit und Gleichheit in umso größere Sklaverei und Abhängigkeit ausartet. Darum eben war der Plan Pharaos nach "Ansicht unserer Weisen so klug und für Israel gleichzeitig so gefährlich. Wir Heutigen sollten uns durch diese fundamentale Erkenntnis der jüdischen Weisheit warnen lassen. Die sozialen und wirtschaftlichen Nöte unserer Zeit bedingen ein innner stärkeres Hineinströmen auch jüdischer Mädchen uud Frauen in das Arbeitsleben des Alltags. Es mag uns mit berechtigtemStolz erfüllen, daß sich auch dieJüdinihren Platz auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens erkämpft hat. Aber das allein darf uns nicht genügen. Die jüdische Frau muß, nachdem sie dies Ziel erreicht hat, ihren Ehrgeiz darein setzen, sich auch wieder das jüdische Haus zu erobern. Auch in Ägypten mag es Vertreterinnen des weiblichen Geschlechtes gegeben haben, die in dem Lockruf Pharaos die einzig richtige Lösung der Frauenfrage erblickten. Die Mehrzahl der israelitischen Frauen war glücklicherweise anderer Meinung. Sie nahmen willig die Arbeiten, die ihnen von den ägyptischewFronvögten auferlegt wurden, auf sich. Sie vergaßen darüber aber nicht die Aufgaben, die ihnen innerhalb der jüdischen Gemeinschaft übertragen waren. Sie hielten die Traditionen des' jüdischen Hauses aufrecht, sie waren es, die sich für die Rettung der Kinder vor sicherem Untergangan erster Stelle einsetzten, sie waren es letzten Endes, die den Glauben der Männer auf die endliche Erlösung immer wieder zu entfachen wußten. „Der frommen Frauen wegen", bekenntder Talmud, „wurden unsere Väter aus Ägypten befreit". Auch heute ist die „Rettung Israels" vor allem in die Hand der Frauengelegt. „In Israel gab es keine Priesterin für den öffentlichen Gottesdienst", sagt Prof. Israel Lewy in seinem heute noch lesenswerten Vortrag über das Ritual des Pessach-Abends (Breslau 1904); „für den häuslichen Gottesdienst aber trat die jüdische Frau als Priesterin auf, die auf dem Altar des Hauses das heilige Feuer der Religion zu erhalten und zu nähren wußte." Wir wollen die Schuldfrage nach der Verflachung unser.es jüdischen Lebens nicht' ungerecht beantworten. Die Schuld beider Geschlechter wird gleich groß sein. Wenn es aber wahr ist, was Lewy in diesem Vortrag auch zu beweisen sucht, daß das jüdische Heim immer die Grundlage für die Erhaltung unserer Gemeinschaft bildete, so muß uns am Sed er abend vor allem die