Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1928-02-01 · 6 (2.1928) · p. Seite 179

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
6 (1927-1928)
Issue
6 (2.1928)
Date
1928-02-01
Page
Seite 179 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3094266-3094324-3094329--1281-3096002
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

samt, begegnet er im Winter 1317/1319 einer anderen Einsamen — Jeanette Wohl. Und es beginnt sich ein seltsames Bano um diese beiden Menschen zu schlingen. Jeanette war damals 33 Jahre, er um drei Jahre jünger; sie war eine angenehme Erscheinung, eine liebenswürdige, gescheite, vielfach interessierte Frau. Ihre Stimme war hell uno klar, und wenn sie sich auf dem Klavier oder der Gitarre begleitete, ungemein wohlklingend. Zu Ansang ihrer Bekanntschaft mu Börne hat er um sie geworben, wollte sie zur Ehe bewegen — Jeanette aber blieb ablehnend. Sei es, daß sie zu zaghast war, sei es, daß sie Angst hatte, ihn in einer alltäglichen Ehe zu verlieren. Aeußere Gründe kommen hinzu: sie war Jüdin — es lebte noch ihre streng-religiöse Mutter, Börne war schon Christ geworden, eine Mischehe mit vielen Schwierigkeiten verbunden — sie blieb Ablehnende, Abwehrende. „Sie kann ich nicht heiraten, dazu gehört mehr Mut und auch mehr Selbstvertrauen", schreibt sie an ihn. Sie erkennt jedoch Börnes „Mission" weiß, daß der kränkelnde, schwankende, unsichere Mensch einen Trost braucht, einen Halt haben muß; so wird sie verstehende, aufopfernde Freundin. Und bis zu seinem Tode währte dieser seltsame Bund, dieser „Seelenbund". In dem Nachlaß von Frau Wohl fand sich ein Gesindebüchlein der Stadt Frankfurt, auf dessen erster Seite Börne geschrieben hat: Trat in Dienst wann? Bei wem? Auf wie lang? 15. Januar 1313. Frau Wohl. Auf ewig. In welcher Eigenschaft? Trat aus wann? Als Freund. An seinem Sterbetage. Und Börne vertraut ihr alles an, bespricht mit ihr Notizen, Artikel; sie gibt Ratschläge, wird Trieb, Ansporn, lobt, tadelt, berechnet Honorare, holt, wenn er verreist, seine kleine Polizei- Pension, bearbeitet seinen Vater um regelmäßige Zuwendungen, hält ihn vor unbesonnenen Schritten zurück, Pflegt ihn, wenn er erkrankt, kennt nur eine Sorge, ihm zu helfen, ist dabei ängstlich darauf bedacht, keinen Anlaß zu übler Nachrede zu geben, ist betrübt, hat er kein Geld zu Reisen oder zur Beendigung einer Arbeit, einmal versucht sie ihr Klavier zu verkaufen, ein andermal kauft sie ein Lotterielos, um ihm zu Helsen. All das quillt aus edelster, innigster Freundschaft. Ihr Urteil über seine Arbeiten ist erstaunlich gut. Daß durch die Gründung der „Wage" Börne zum ersten Male an die Oesfentlichkeit tritt und sich durchsetzt, ist gewiß ihr auch zu verdanken. Unaufhörlich treibt sie ihn, den zweiten Band fortzusetzen. „Was macht die Wage"? fangen ihre Briefe an, „Wie freue ich mich auf die Wage! Kommen große ooer kleine Aufsätze? Ich grüße den Herausgeber dieser Zeitschrift, sollte er sich diesem Berufe entzogen haben, so sehe ich mich gezwungen, ihm aus lang ein Lebewohl zu sagen oder ... die Wage . . Wage . . Wage!" (Brief 1322). Und Börne antwortet, schreibt Briefe an die Freundin; jene ersten aus Paris, ohne Absicht der Veröffentlichung, gehören zu den schönsten, die die deutsche Sprache besitzt, und in Jeanette setzt sich der Gedanke fest: „Briefe soll er schreiben, Briefe von ihm würden eine Popularität erreichen, daß sie weit bekannter würden, als seine früheren Schriften. Und jeder könne sie dann lesen. Versuchsweise geht Borne darauf ein; sie sucht nun aus, bespricht die Herausgabe, schreibt spätere Briefe stundenlang des Abends ab. Mit unendlicher Mühe entziffert sie diese kleine, oft undeutlich geschriebene Schrift. Sie gibt Ermahnungen: daß er beim Schreiben ja nicht an das Publikum denken solle, oder vorsichtiger sei in der Ausdrucksweise. Sehnsüchtig wartet sie auf Antwort. Es entstehen Börnes „Briefe aus Paris", jene Dokumente, die aufschrien gegen die Fürstelt und Herrscher, die um Freiheit ringen. Sie wurden verboten (1331) und erregten um so mehr Aufsehen. „Freiheit sei die Seele meiner Feder, bis sie stumpf geworden oder meine Hand gelähmt." (Aus: Der Judenpunkt.) Und in dem kleinen Kreis von Menschen, den sie um sich hat, wirbt sie für Börnes Ideen; groß darf er nicht sein^ davor hat sie Angst, und wenn Saphir sie besucht oder Ferdinand Hiller ihr seine schönen Kompositionen vorspielt, so geschieht das immer ganz still, ganz bescheiden. In diesem Kreis von Menschen — bei Freunden — lernt Jeanette Wohl als 50jährige Frau einen jungen Mann kennen, der Anhänger von Börne ist — und den sie liebt. Es ist Salo - mon Straus, ein vornehmer, hochgebildeter Kaufmann und Kunstfreund. Er ist verschwiegen, sagt man ihr, und sie bittet ihn zuerst, ihr beim Abschreiben der „Briefe aus Paris" zu helfen; sie kann dazu ja nur jemanden gebrauchen, der charakterfest ist, wie sie. Und aus dem helfenden Gefährten wird der liebende Mensch. Wie stellt sich Börne dazu? Wird ihr Seelenbund mit ihm weiter bestehen können? Schon früher hat Börne der Freundin geschrieben: „Die Liebe, die Sie zu mir haben, dürfen Sie mit in Ihre Ehe nehmen und sie ihrem Manne gestehen. Es ist nichts, was Sie abhalten sollte, eine Verbindung mit einem anderen Manne zu schließen. Sie und ich, wir verlören nichts dabei." Und Jeanette schreibt an Straus jenen erschütternden Antwortbrief auf seine Werbung: „Der Doktor hat Niemand auf der Welt als mich. Ich bin ihm Freundin, Schwester, alles, was sich mit diesem Namen Freundliches, Teilnehmendes, Wohlwollendes im Leben geben, bezeichnen läßt. Wollen Sie ihm das mißgönnen? . . . der nichts weiter im Leben und sich mit dem Schicksal abgefunden hat? . . ja, sich sogar dabei glücklich fühlt. Ich freute mich so damit, der Gedanke machte mich so glücklich, daß er an Ihnen eine feste Stütze, einen redlichen offenen guten Menschen zum Freunde gewinnen solle — ich kann mir's nicht anders denke.n, der Doktor muß bei uns ^Än können, wann, wo und so oft und für immer, wenn er es will — ich kann jetzt nicht Sie sagen, das Herz ist mir zu voll — kannst Du es Dir anders denken — dann ist alles anders, wie ich es mir dachte. Ich! Wir! sollten einen Mann wie den Doktor verlassen können — er wäre ein aufgegebener, verlorener Mann! Lieber alles verlieren, lieber nicht leben, als das auf mein Gewissen laden, auch könnte ich es nicht, wenn ich auch wollte . . . Schon diese wenigen Worte haben mich zittern und leichenblaß gemacht. Denn nichts kann mich tiefer erschüttern, als auch nur der leiseste Gedanke an einen Verrat, nur der leiseste Gedanke der Untreue an die Treue. Solange ich lebe, bis zum letzten Athemzug werde ich für Börne die Treue, die Liebe und Anhänglichkeit einer Tochter zu ihrem Vater, einer Schwester zu ihrem Bruder, einer Freundin zu ihrem Freunde haben. Wenn du das Verhältnis nicht ausfassest, nicht begreifst, mich nicht genug kennst, . . so ist alles aus und Nacht. Ich kann nicht weiter schreiben. Es ist gut. Jetzt ist es überstanden." Jeanette hat Straus im Oktober 1332 geheiratet, und Börne fand in ihm einen Freund. Im Sommer 1333 verbrachte er fünf Monate mit ihnen in der Schweiz, und dann siedelten Jeanette und Solomon Straus-Wohl ganz nach Frankreich über, um mit dem Freunde zu leben: für Börne eine zufriedene, glückliche Zeit. Sie war ihm nicht mehr lange bestimmt. Er, der häufig kränkelte, starb am 12. Februar 1837 und wurde nur 51 Jahre alt. Jeanette trauerte um ihn, wie eine Schwester um den Bruder, wie die Freundin um den Freund. Seine letzten Worte galten ihr: „Sie haben mir viel Freude gemacht!". Er hat sie zur Erbin seiner ganzen literarischen Arbeiten eingesetzt, und sie hat die Herausgabe des Nachlasses in der ihr eigenen, schlichten Weise besorgt, unterstützt von dem treuhelfenden Gatten. Lange Jahre hat sie das Grab aus dein Friedhose Pöre Lachaise gepflegt, bis sie selbst nach einer langen Krankheit am 27. November 1361 starb und auf dem Montmartre-Friedhof begraben wurde. Jeanette Wohl gehört zu den seltenen Frauen, deren selbstlose Freundschaft Leben und Tod überdauert. Vinsekermsnn v.m v». (Zegrünclet 1S4L Visus ^sinxsrstrsas IS _ Vertrvtvr: 5>su ttomdurgsr, Uiilancistf. 50, Qarolus 43377 k^rsu kossnfslctsi', Ilisobslcjstr. 4, Qafolus 4S29S Kvklsn Koks vriksts vrsnnkolx »LSS^^L^^^^^SLSL^LSLSLSSLSSLSSLSSLS-L^L^LSSLWSL^L^LSSLSLSLLS^LSSLSSLSSZ SLSLSI Erste Frankfurter Dampswaschu. Plätt-Anstalt Fernsprecher Hansa 4825 G. Trabinger, Frankfurt am Main Gutleutftraße 45. Neuzeitlich und besteingerichteter Großbetrieb am Platze für Kragen, Manschetten und Oberhemden. A . Streng pünktliche und regelmäßige Bedienung frei Haus. -------------- Ä K?????7?-°??-^?^

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.