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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1927-12-01 · 4 (12.1927) · p. Seite 110

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
6 (1927-1928)
Issue
4 (12.1927)
Date
1927-12-01
Page
Seite 110 (sequence 22)
Language
German
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110 Eine Tuberkuloseheilstätte für jüdische Männer. Der Krieg hat neben den schädigenden Einflüssen auf die Volksgesuudheit und das Familienleben und neben der Beeinträchtigung des Sinnes für innere Menschenkultur zugunsten einer Verflachuug und Zerstörung der sittlichen Weltanschauung, insbesondere eine Infektionskrankheit in erschreckendem Maße in ihrer Ausbreitung gefördert — die Tuberkulose. Während vou 1870 bis 1914 die Tuberkulosesterblichkeit v?n 25,1 Prozent Sterbefällen auf 10 000 Einwohner in DeutschlauÄ auf etwa 15 zurückgegangen war, ist diese Ziffer jetzt wieder auf etwa 20 angestiegen. (In der letzten Zeit ist allerdings wieder eine Besserung wahrnehmbar.) Die schlechteren Ernährungsverhältmsse und die allgemeine wirtschaftliche Not haben diese Ruckentwicklung bedingt. Schlimmer in ihrer Auswirkung ist die Wohnungsnot, die eine gefährliche Wohndichte und damit wirksame Vorbereitung für Anstecknngsmöglichkeit darstellt. Die allgemeine Slerbestaliftik lehrt, daß in Deutschland aus 10 000 Einwohner 19,4 an Lungentuberkulose und darüber hinaus 2,00 an Tuberkulose anderer Organe zugrunde gehen, also 21,4 Sterbesälle an Tuberkulose. Von den 600 000 Juden in Deutschland gehen nach obigen Ziffern pro Jahr 1284 an Tuberkulose zugrunde. Bei dem etwa siebenjährigen Turnus (Strauß nimmt 6^ Jahre an) der Krankheit ist mit der siebenfachen Zahl von Tuberkulosekranken zu rechnen. Es gibt also in Deutschland statistisch 7X1284 — etwa 9000 tuberkulöse Juden. Diese Zahl bedarf jedoch einer Einschränkung. Zwar kann nicht angenommen werden, daß die Berufsgliederung der Juden ihneu einen besonderen Schutz gegen diese Krankheit verleiht. Wir wissen im Gegenteil, daß die von den Juden bevorzugten Gewerbe, insbesondere das Handelsgewerbe einen erheblichen Anteil, etwa 2,65 Prozent auf 1000 Erwerbstätige, tuberkulöse Todesfälle stellt, während beispielsweise in der Landwirtschaft nur 1,06/ im Bergbau 1,54, dagegen im Bekleidungsgewerbe 3,05, im Gast- und Schankgewerbe 3,01 an Tuberkulose-Sterbefällen (immer auf 1000 Erwerbstätige errechnet) fallen. Günstiger ist die Statistik für die Juden auf dem Lande, wo erfahrungsgemäß wegen der geringeren Wohndichte und der besseren Eruährungsverhältnisse etwa nur mit der halben Sterblichkeitsziffer zu rechnen ist. Zu beachten ist hierbei allerdings, daß infolge der ungenügenden ärztlichen Versorgung Diagnose und Behandlung mehr zu wünschen übrig läßt, als in den Städten. Bei der erfahrungsgemäß hingebenden Fürsorge, die die Judeu im allgemeinen ihren Erkrankten und Krankheitsgefährdeten angedeihen lassen, kann somit angenommen werden, daß etwa die Halste der statistisch errechneten Zahl, d. h. also etwa 4500 Tuberkulose dauernd in der deutschen Judenheit sich befinden. Eine besondere Begründung für diese Einschränkung liegt in den Untersuchungen von Geheimrat Strauß, Berlin. In der Zeitschrift für Demographie und Statistik für Juden weist derselbe ausdrücklich darauf hin, daß die Tuberkulose bei den Juden nicht nur seltener vorkommt, sondern auch einen gutartigeren Verlauf nimmt, als bei Nichtjnden. Nach dem Kriege ist dieses Verhältnis ungünstiger geworden, da die Zahl der Erkrankten auch bei den Juden Erhöhungen erfahren und absolut erheblich gestiegen ist und der Krankheitsverlauf schlechter wurde als vor dem Kriege. Trotzdem ergibt ein Vergleich, daß die Widerstandskraft der Juden gegen die Tuberkulose auch in der Nachkriegszeit noch größer war als bei Nichtjnden. Ursache für diese Erscheinung ist wahrscheinlich die in der vieltausendjährigen Geschichte der Juden vollzogene Durchseuchung mit Ausschaltung der Widerstandsunfähigen und Immunisierung der Ueberlebenden. Wir können somit mit guten Gründen die Zahl von etwa 4500 tuberkulösen Juden zugrundeleqen. Diese Zahl soll zum Ausgangspunkt der Bekämpfung gemacht werden, denn während bei allen anderen Krankheiten kaum Unterschiede bezüglich Reichtum auf die Verbreitung der Krankheit festzustellen sind — nur der Krebs bei Wohlhabenden etwas häufiger ist, als bei Armen — ist das Verhältnis bei Tuberkulose so, daß von 10 000 Lebenden zwischen 30 und 60 Jahren unter den an Tuberkulose Zugrundegehenden sich feststellen lassen: Arme 43 Mittelstand 15 Wohlstand 5,8 In Berlin wurde festgestellt, daß von hundert an Tuberkulose Erlegenen 40,6 A in I-Zimmer-Wohnungen 41,7 A in 2-Zimmer-Wohnungen 11,3 A in 3-Zimmer-Wohnungen und gar nur 6,4 A in 4- und Mehrzimmer-Wohnungen lebten. Die Tuberkulose ist somit eine ausgesprochene Wohnungskrankheit, die die wirtschaftlich Schwachen fast 15mal so häufig zum Tode führt als die Reichen. I ^/^e^s/^s^?n <55>^A?5V^>5 F Bezüglich der Verteilung der Geschlechter ist bis zum 40. Lebensjahr das weibliche Geschlecht ungünstiger gestellt als das männliche. Es hängt dies in erster Linie mit den Gefahren der weiblichen Geschlechtsentwicklung, der monatlichen Schwächeperiode und eventuellen Schwangerschaften zusammen. Andererseirs kommt die Gebundenheit der Hansfran als Infektionsquelle in Betracht. Durch die dauernde Berührung mit dem Kranken, durch die Beschäftigung mit seiner Wäsche, den Entleerungen und dem Auswurf des Erkrankten schwebt sie in ständiger Gefahr. Nach dem 40. Lebensjahr sind es allerdings die Männer, die häufiger erkranken. Das Verhältnis ist so, daß die Sterblichkeit der Frauen im Entwicklungsalter fast die doppelte Höhe hat, wie die der Männer. Wenn wir von den 4500 tuberkulösen Inden diejenigen des letzten Stadiums ausschalten, da für sie eine allgemeine tuberkulöse Fürsorge nicht mehr, sondern höchstens Krankenhausbehandlung in Betracht kommt, bleiben etwa 3500 tuberkulöse Kranke, für die die jüdische Öffentlichkeit sorgen muß. Von diesen scheide ich nochmals 1500 aus, die infolge ihrer wirtschaftlichen Lage keinen Anspruch auf öffentliche Fürsorge erheben oder mit den allgemeinen Tuberkulosefürsorge-Einrichtungen des Staates und der Städte vorlieb nehmen. Wir müßten, um die errechneten 2000 Tuberkulosen ordnungsgemäß zu versorgen — wenn wir annehmen, daß im Durchschnitt der Einzelerkrankte ein Vierteljahr in Dauerbehandlung zu nehmen ist — somit ständig 500 Betten für jüdische Tuberkulose zur Verfügung haben. Die relative Resistenz gegen die Tuberkulose ist jedoch auch nach den Untersuchungen von Strauß bei den Juden nicht groß genug, daß sie den schädigenden Wirkungen standgehalten hätte, wenn sie aus der Verschlechterung der allgemeinen Lebenslage in den Kriegs- und Nachkriegsjahren resultierte; Strauß tritt deshalb folgerichtig mit Wärme dafür ein, daß zur Verhütung und Behandlung der Tuberkulose auch bei den Juden organisatorisch alle die Erfahrungen verwertet werden müssen, die in den letzten Jahrzehnten durch den groß angelegten Feldzug gegen die Tuberkulose gemacht worden sind. — Eine Anstalt für Frauen besteht in Nordrath. Kinder können zum Teil an der See in Wyk auf Föhr schon jetzt versorgt werden. Es fehlt im wesentlichen eine Anstalt für tuberkulöse Männer mit zunächst 100 Betten. Zwar besitzen wir in Soden am Taunus in der Israelitischen Kuranstalt 50 Betten, die leicht Erkrankte (nicht offene, d. h. keine Tuberkelbazillen an die Umgebung abgebende Kranke) aufnehmen können. Dagegen fehlt es vollständig an einer fach- und sachgemäß geführten Heilstätte für tuberkulöse Männer, die Bazillen ausstreuen und somit nur iu den hygienisch einwandfreien Verhältnissen eines Sanatoriums, die Vorbedingung für eine kunstgerechte Heilkur finden. Die Frage, warum nicht alle solche Kranken in den bestehenden öffentlichen Anstalten Unterkunft und Heiluug sucheu können oder wollen, könnte hier unerörtert bleiben. Immerhin muß vom ärztlichen Standpunkt darauf hingewiesen werden, daß die Rücksicht auf die religiöse Einstellung vieler Kranker unbedingte Richtlinie für unser Borgehen sein muß. Ein Kranker, der mit Widerwillen die vorgesetzte Kost und mag sie doppelt so viel Kalorien enthalten, wie die kümmerlichen Portionen Ml engen Heimathäuschen, zu sich nimmt, kann erfahrungsgemäß nicht gedeihen. Die Lust am Essen ist Voraussetzung für "die Bekömmlichkeit der Nahrnng. Dazu kommt, daß leider die Verhetzung und Vergröberung der innerpolitischen Gegensätze vielfach einen, vielleicht durch sein Aeußeres nicht gerade angenehm empfundenen jüdischen Kurgast, in den allgemeinen Anstalten Verunglimpfungen und Hänseleien aussetzt, die ihn zu keinem wahren Kurgenuß kommen lassen. Selbst die Einstellung mancher Anstaltsleitungen und dort beschäftigter Aerzte ist dem seelischen Wohlbefinden solcher Erkrankter nicht immer förderlich; wir müssen vom Menschlichkeitsstandpunkt verlangen, daß die in körperlicher und seelischer Not Befindlichen, vor allem in Zeiten des Kurgebrauchs von allen Störungen materieller und ideeller Art 'befreit bleiben, die ihrer raschen Gesundung hinderlich sein könnten. Wir müssen auch verlangen, daß den Erfahrungen der Allgemeinheit entsprechend der Hauptteil der Erkrankten in Deutschland selbst untergebracht wird. Wir dürfen nicht mit einem Auge nach dem Hochgebirge schauen, während als sicher angenommen werden kann, daß die Erkrankten im allgemeinen in dem Klima auf die Dauer am besten geheilt werden, in dem sie ihr Leben später sozial hu gestalten gezwungen sind. Was nützt das „Höhenmenschentum" in künstlich anerzogener Anpassung an eine Luft und an eine Sonne, die doch nur vorübergehend den dort Heilung Suchenden zur Verfügung steht, wenn mit der Rückkehr in das Tiefland andere Voraussetzungen und Lebensbedingungen andere Erfordernisse an die Leistungsfähigkeit des Menschen stellen. Es bleibt sonnt die Forderung, für die im Werktätigen Alter erkrankten jüdischen Männer eine jüdische Heilstätte in Deutschland an geeignetem Ort zu errichten, die die Lücke schließt, die in unseren jüdischen Fürsorgeeinrichtungen klafft. Gemeinde-Mitglieder berücksichtigt unsere Inserenten!

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