Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 6 (1927-1928)
- Issue
- 3 (11.1927)
- Date
- 1927-11-01
- Page
- Seite 55 (sequence 3)
- Language
- German
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fähigkeit auf beiden Seiten, den tieferen Sinn der Beziehung zwischen den beiden sich gegenüberstehenden Gegnern zu verstehen. Aber es war gewiß kein Zufall, daß diese zwei Regilionsformen entstanden sind von denen keine in die andere verändert noch verwandelt werden oder sie zerstören konnte. Beide waren notwendig und beide erschienen zur rechten Zeit in der Welt. Das Judentum bestand lange vor dem Christentum, und der Pharisaismus, mit dem allein wir uns hier befassen, bestand im Prinzip, wenn auch nicht dem Namen nach, bereits mehrere Jahrhunderte vor dem Aufkommen des Christentums. Im Verlauf dieser Jahrhunderte wurde das Judentum unter dem Einfluß des Pharisaismus in die Form gegossen, die es geeignet machte, die ihm in dem göttlichen Heilsplan vorgesehene Aufgabe zu übernehmen. Das Judentum entwickelte sich zu einer Religion, die imstande war, ihre Lebenskraft und ihren individuellen Charakter zu bewahren, als es galt, den Schwierigkeiten und Gefahren, die aus der Koexistenz mit dem Christentum entstanden, zu begegnen. Der Pharisaismus entfaltete so im vollsten Maße das Prinzip der Treue zum göttlichen Willen und anerkannte die Thora als dessen höchste' Offenbarung. Die Pharisäer waren die Vorläufer der Rabbinen und die Rabbinen als die Zeitgenossen der Christen Jahrhunderte hindurch waren es, die den Schwierigkeiten und Gefahren deZ Nebeneinanderbestehens der beiden Religionen standzuhalten hatten. Auf ihnen lag die äußerst schwierige Sorge, das Judentum als lebendige Religion zu erhalten, getreu seiner Vorstellung von der göttlichen Realität, trotz aller Versuche von seiten einer ihrer spottenden oder ihnen feindlichen Welt und einer sie verfolgenden Kirche. Der Umstand, daß sich ihre Religion grundsätzlich von der des Christentums unter-, schied, schützte sie davor, in diesem Kampf unterzugehen. Die jüngere Religion hatte ihnen nichts Besseres oder Wahreres zubieten, als was ihre eigene Religion bereits besaß. Von einem weltlichen Gesichtspunkt aus hatten sie durch die Annahme des Christentums alles zu gewinnen, von einem geistigen Gesichtspunkte aus — nichts. So war es auch in den ersten Tagen der Kirche, und als die Jahrhunderte vorübergingen und die Kirche immer weiter den Weg ging „allen Menschen alles zu sein", besaß sie immer weniger, was einen Juden, veranlassen konnte, ihre Religion der seinigen vorzuziehen. Aber die Erhaltung des Judentums dem zersetzenden Einfluß des Christentums gegenüber war nicht nur der Andersartigkeit ihres religiösen Charakters zu verdanken. Das ganze System der Halacha diente sowohl dazu, die jüdische Gemeinschaft zusammenzuhalten wie auch als ein äußerer Schutzwall, innerhalb dessen der Geist des Judentums seine Stärke und Lebenskrast bewahren konnte. Ohne die Halacha wäre es kaum vorstellbar, daß das Judentum all die Drangsale und Leiden der Verfolgung überlebt hätte, die die Jahrhunderte seiner Geschichte in christlicher Zeit ausfüllen. Die Halacha war ein unersetzlicher Teil der Ausrüstung des Judentums für die Erfüllung seiner Aufgabe, „der Panzer Gottes, der es instandsetzen sollte, in den schlechten Zeiten auszuhalten: und nachdem alles getan war, zu bestehen", und das ist tatsächlich ihre Wirkung gewesen. Die Halacha war im besonderen das Werk der Pharisäer. Sie legten die Prinzipien fest, nach denen sie geformt wurde; und wenn auch die in der Mischna und im Talmud erklärte Halacha weit umfangreicher ist als die, welche zur Zeit von Jesus bereits bestand, so gibt es doch im Prinzip keinen Unterschied zwischen ihnen. Die Rabbinen führten nur weiter aus, was die Pharisäer begonnen hatten. Doch was beide taten, war das Aufrichten eines starken Walles, innerhalb dessen das Judentum in Sicherheit leben konnte, vor keiner Gefahr sich fürchtend, die es, von welcher Seite auch immer, bedrohen könnte. Daß sie sich des tieferen Sinnes dessen^ was sie taten, bewußt waren, will ich keineswegs behaupten. Sie hatten ihre eigene Vorstellung von Religion, und sie entwickelten sie folgerichtig und gewissenhaft. Aber wenn wir zurückschauen wird der tiefere Sinn vollkommen klar, und wir verstehen, daß die Schöpfung und Ausgestaltung der Halacha die besondere Vorbereitung des Judentums sür die schwere und gefährliche Aufgabe darstellt, die seiner in der Zukunft harrte. Das ist der wirkliche Sinn dessen, was gewöhnlich als die Herabwürdigung des Judentums durch die Pharisäer zu einem starren Formalismus, als der Niedergang von prophetischer Freiheit zur organisierten Heuchelei beschrieben wird. Ein größerer geschichtlicher Irrtum ist kaum vorstellbar. Der Pharisaismus war die Anwendung der prophetischen Lehren auf das Leben, und so betrachteten es auch die Pharisäer. Aber neben dem bewußt Erfaßten lag die tiefere Bedeutung ihres Werkes darin, ihre Religion instand gesetzt zu haben, um in ihrem jahrhundertelangen Martyrium in der Zukunft auszuharren. Sie hatten ihre Fehler, doch wer hat keine? Ihr System war nicht vollkommen, sie selbst kannten sehr gut die moralischen und die geistigen Gefahren, denen ihre Anhänger ausgesetzt waren, und es glückte ihnen nicht immer, jene Gefahren abzuwenden. Aber sie verrichteten ihr Werk in ihren Tagen trotz des Spottes und des Übelwollens der nichtjüdischen Welt. Die Rabbinen führten das Werk fort, das die Pharisäer begonnen hatten, und durch die Arbeit beider wurde das Judentum über die Jahrhunderte sicher hin durch getragen. Welche Form seine Aufgabe in den zukünftigen Jahrhunderten annehmen mag, darüber nachzudenken wäre vergebens. Aber wenn die Zeit kommen wird, wo das Christentum alles getan haben wird, was es unter den Formen und Bedingungen, die es bisher angenommen hat, tun konnte, dann wird es ein Judentum geben, das fähig und bereit sein wird, seinen unzerstörbaren Schatz, der durch die Jahrhunderte hindurch treu bewahrt wurde, einer Welt darzubieten, die nicht mehr ihrer höhnen wird, dann werden endlich die beiden großen Religionen, welche jede für sich das geleistet haben werden, wofür sie Gott als zwei schuf und nicht als eine, sich zu seinem Dienst vereinigen, und werden Seite an Seite die Gebete und Lobpreisungen emporsenden und das Leben seiner Kinder inspirieren. Die Vorbereitung auf jenes „weit in der Zukunft liegende göttliche Ereignis" begonnen zu haben, ist die wahre Bedeutung des Pharisaismus. Die Arbeit des jüdischen Frauenbundes in Deutschland. Von Bettina Brenner (Leipzig) Deutschland zurzeit geleistet wird, ihre Zmamm^ Bund^ldete^ im ^Jat)r^ daniuf schon ^und^in ^fortsck)r^