Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1927-09-01 · 1-2 (9.1927) · p. Seite 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
6 (1927-1928)
Issue
1-2 (9.1927)
Date
1927-09-01
Page
Seite 13 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3094266-3094324-3094325--1111-3095828
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1.?. Ein ernstes Wort an die jüdische Gemeinschaft. Seid Ihr Euch bewußt, daß die Juden in Deutschland in ernster Gefahr stehen, an Zahl abzunehmen und an Kraft und Gesundheit zu verkümmern? Nein? Nun, dann werft einen Blick auf die einstmals blühenden jüdischen Gemeinden der Kleinstädte und seht, wie sie selvst da, Ivo eine nennenswerte Abwanderung nicht stattgefunden hat, von Jahr zu Jahr mehr zusammenschrumpfen, so daß viele von ihnen Rabbiner oder Lehrer nicht mehr besolden können und ihre Gotteshäuser selbst an Hoheit Feiertagen geschlossen bleiben müssen. Blickt auf die Veröffentlichungen der großstädtischen jüdischen Gemeinden, und ihr werdet erkennen, wie zahlreich die jährlichen Absplitterungen durch Austritt und Taufe sind. Unterrichtet Euch darüber, daß eine blühende und große Kinderzahl, einstmals Stolz und Stütze der jüdischen Familie, nur noch selten anzutreffen, daß die Geburtenzahl in langsamem und stetigem Abnehmen begriffen ist. Die Entwicklung der jüdischen Bevölkerung in Preußen zeigt nach Angabe des Preußischen Statistischen Landesamts folgende Aufstellung.' eheliche Geburten in Promille Sterblichkeit 1875-80 im Durchschnitt 11151 31 ca. 6000 1924 5381 12,9 5685 1925 4792 11,8 5554 Bevölkerungsbilanz für Berlin für das Jahr 1926. (Nach Angabe des Statistischen Amts der Stadt Berlin.) Geburten in jüd. Ehen 1581 Jüd. Sterbefälle . . 2389 Jüd. Kinder aus Misch- Austritte aus dem 298 Judentum ca. . . 300 1879 2689 Der Bevölkerungsverlust der Berliner Juden betrug für 1926 also zirka 300! Die Berliner jüdische Gemeinde, die 1914 zum Beginn des Krieges zirka 155 000 Juden zählte, hatte 1925 trotz starken Zustromes aus den besetzten Gebieten, dem Reich und dem Osten 172 000 Juden, was Nur aus den starken inneren Verlusten zu erklären ist. Auf 1000 Berliner Juden kommen neuerdings nur noch zirka 10 Geburten jährlich gegenüber 17 bis 13 bei den Franzosen. Ein Teil des Nachwuchses geht durch die Mischehen verloren, die an sich gering an Kinderzahl sind. Die Ehelosigkeit hindert zahlreiche jüdische Mädchen, zur Mutterschaft zu gelangen. Eine der Ursachen des Geburtenrückganges ist ferner die Spät ehe; sie trägt erfahrungsgemäß auch einen großen Teil der Schuld an der traurigen Tatsache, daß Nervosität uuter den deutschen Juden stärker verbreitet ist als unter anderen Bevölkerungsschichten, daß die Zahl der Selbstmorde erschreckend zugenommen hat und Mißstände auf geschlechtlichem Gebiete mit ihren schweren gesundheitlichen Folgen sich ausbreiten. Die Selbstmorde betrugen in Preußen auf 100000 Lebende der Bevölkerung im Jahre 1926 bei der evangelischen Bevölkerung 27,9, der katholischen 13,5, der jüdischen 53,2! Wollt Ihr solchem Niedergang mit verschränkten Armen zuschauen? Nein und abermals nein! Der Bestand des Judentums muß gesichert werden, und er kann gesichert werden, wenn man die drohenden Gefahren erkennt und ihnen zu begegnen sucht. Was aber kann geschehen? Wirksame Maßnahmen müssen einsetzen. Von diesen sind zunächst ins Auge zu fassen: die Ermöglichung der Früh ehe durch Ausgestaltung der Ehekassen von seiten der jüdischen Gemeinden, die Einrichtung von Eheberatungsstellen, Wochenhilfe, Förderung der Stillpropaganda durch Wort und Tat, die Unterstützung aller Bewegungen, die auf körperliche Kräftigung unserer Jugend abzielen. Daneben muß an einer Berufsumleitung gearbeitet werden, die allen äußeren Schwierigkeiten zum Trotz berufstätige Juden da einreiht, wohin sie nach Anlagen und Neigungen gehören, und sie nicht sinnlos in wenigen Berufen anhäuft, weil man sie bisher nur in diesen dulden wollte. Ebenso müssen die Siedlungsbestrebungen mit allen Kräften gefördert werden. So muß endlich eine vernünftige Verteilung von Juden auf Stadt und Land zustande kommen und nicht allmählich die licht- und luftlose Großstadt zum einzigen Asyl eines verkümmernden Geschlechts werden. Und vor allem: Mütter! An Euch ist es, in Euren Kindern das Verantwortungsgefühl für das eigene Geschlecht und für die künftigen jüdischen Generationen zu erwecken und zu stärken. Der Wohlfahrtsausschuß des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden geht in Gemeinschaft mit gleichstrebenden großen Organisationen voll Ernst an die Bearbeitung dieser Aufgaben. Er ist sich bewußt, daß ihre Lösung noch viel Zeit und Arbeit erfordern wird. Unlösbar aber müssen sie bleiben, wenn die Juden Deutschlands ihnen nicht das nötige Verständnis entgegenbringen. Darum, Glaubensgenossen, achtet von nun an mit erhöhter Aufmerksamkeit auf alle Fragen der jüdischen Bevölkerungspolitik, arbeitet in Euren Gemeinden an ihnen mit und benutzt im Kreise Eurer Familien und Eurer Bekanntschaft jede Gelegenheit, um Gleichgültige und Ununterrichtete mit Hilfe des von uus zur Verfügung gestellten Materials darüber aufzuklären, daß es augenblicklich keine wichtigere Frage für uns geben kann, als einen ausreichenden Nachwuchs in körperlicher Kraft und geistiger Frische heranzuziehen! An die Rabbiner und Lehrer ergeht der Ruf, in gottesdienstlichen Veranstaltuugen und öffentlichen Versammlungen im Sinne unseres Aufrufes zu wirken, den Gemeindevorständen erwächst die Pflicht, ihre Kraft einzusetzen für die Erneuerung eines gesunden Familienlebens. Der Wohlfahrts-Ausschuß des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden. Anstalten und Vereine Israelitische Reltglonsschule Das Winterhalbjahr beginnt Donnerst., 20.Okt. 1927 Anmeldungen nimmt der Leiter, Herr Rabbiner Dr. Horovitz täglich zwischen 3-4 Uhr in seiner Wohnung Staufenstraße 30, sowie in der Anstalt Hermes weg 25—27 ani Donnerstag, den 20. und Mittwoch den 26. Oktober von 2i/Z-3^/.. Uhr, sowie Sonntag, den 23. Oktober von 11—12 Uhr, in der Anstalt Unterlindau 21—23 am Donnerstag, den 20. und Mittwoch den 26. Oktober von 4—5 Uhr entgegen. Wir machen noch besonders aufmerksam auf unsere Fortbildungskurse für Schüler und Schülerinnen jeder Altersstufe. Liberale Tagung. Die Vereinigung für das liberale Judentum E. V., die ihren Sitz in Berlin hat, wird ihre ordentliche Hauptversammlung in diesem Jahre am 22. und 23. Oktober in Frankfurt a. M. abhalten. Auf die geschäftliche Sitzung am Samstag abend folgt Sonntag früh in den Räumen der Frankfurt-Loge die öffentliche Hauptversammlung, für die folgende Referate vorgesehen sind: Gemeinschaft und In d i v i d u u m: n i h r e n gegenseitigen Rechten und Pflichten (Rabb. Dr. Dienemann, Ofsenbach), Kultus (Erich Bayer, Breslau), Haus und Erziehung (Frau Bianka Hamburger), Gemeindeleben (Justizrat Dr. Blau, Frankfurt a. M.). Für den Abend des 23. Oktober ist eine große öffentliche Kundgebung geplant. Weitere Mitteilungen erfolgen in den Tageszeitungen und an den Anschlagsäulen. ZLSSLSSLSLSLSSLSSLSWSSLTLSSL^LSLMM^LS» Erste Frankfurter Oampfwaschu. Plätt-Anstalt H Fernsprecher Hansa 4S25 G. Trabinger, Frankfurt am Main Gutleutftraße 56. Neuzeitlich und besteingerichteter Großbetrieb am Platze für Kragen, Manschetten und Oberhemden. W - Streng pünktliche und regelmäßige Bedienung frei Haus. - LSSSSS-S^LLSL»LM?^L»^^^

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.