Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 5 (1926-1927)
- Issue
- 11 (7.1927)
- Date
- 1927-07-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Ein jüdischer Kalender. Vorbemerkung: Zur Einführung in die Ziele der Gesellschaft für jüdische Volksbildung drucken wir das nachfolgende Vorwort von Prof. Dr. Moritz Werner, das dem „Luach" der Gesellschaft für 5688 vorangehen wir). Wir können diesen Kalender, der zu jedem Sabbat, Fest-, Fast- und Gedenktag in hebräischer und deutscher Sprache die wissenswertesten Angaben über den Inhalt der Liturgie, der Thoravorlesung/ des Prophetenabschnitts usw. enthält, sehr empfehlen. Er kostet 40 Pfennig und ist durch den Schriftführer der Gesellschaft, Herrn Dr. Ernst Simon, Bockenheimer Landstraße 115, zu beziehen. Die Schriftl. Zum vierten Male geht nun unser Luach hinaus, der Kalender der Frankfurter Gesellschaft für jüdische Volksbildung. Er hat sich offenbar als ein brauchbares Werkzeug der Verbindung wenigstens für einen Teil unserer jüdischen Gemeinschaft erwiesen. Diese Tatsache bildet eigentlich ein viel wirksameres Geleit als jedes theoretisierende Vorwort, wie man es üblicherweise in einer solchen Selbstanzeige sucht. Sollen wir wirklich zum soundsovielten Male logisch definieren, was Bildung - überhaupt, was im engeren Sinn uns Volksbildung und im ganz besonderen jüdische Volksbildung bedeutet, um darzutun, was unsere an Jahren selbst noch junge Gesellschaft will? Sie will vor allem eben nicht definieren, nicht erklären, überhaupt will sie nicht reden, sondern sie will wirken und durch ihr Beispiel alle Glaubensgenossen zum Wirken anspornen — gemäß einem der bekanntesten Grundsätze aus unserer Väter Spruchweisheit: '„Nicht aufs Diskurieren kommt es an, sondern aufs Handeln." So haben wir es wirklich immer aufs Handeln abgesehen, auch wenn wir nur zu „diskurieren" scheinen, indem wir mit dem gesprochenen Wort hervortreten statt mit Publikationen. Nach außen hin bleibt für dieses unser Bemühen der Kalender jedenfalls das beste und deutlichste Beispiel, so daß Fernerstehenden ohne Unbescheidenheit gesagt werden darf, er rechtfertige nicht nur seine Existenz, sondern einstweilen auch die unserer Gesellschaft. Was der Jude an jedem Tage seines, des jüdischen Jahres nach altgeheiligten Traditionen zu tun oder zu lassen hat, das soll hier — verständlich und klar für jeden, aber auch ausnahmslos für jeden, der sich zu unserer Glaubensgemeinschaft zählen will — alle zwölf Monate sozusagen schwarz auf weiß gegeben werden. Die Borstellung freilich, als ob es sich darum handelte, daß das „Volk", gewissermaßen eine vieltausendkövfige Laienschaft, von einer kleinen Gelehrtenkaste „gebildet werden solle, eine Vorstellung, die ja auch im allgemeinen Volksbildungswesen unserer Zeit sich völlig überlebt hat, war für jüdisches Denken von jeher geradezu unvollziehbar. Kennt dieses doch auch den Wortführer im Beth Hamidrasch — an der Stätte des „Diskurierens" also um das Wort nochmals aufzugreifen — nur als „des Weisen" (T-almid Chochom), der 'das „Lernen" mit den anderen als sein Ideal betrachtet, womit wiederum praktische Tat aus nur theoretischer Mitteilung wird. Ein solches jüdisches Miteinander- Lernen soll alles sein, was die Gesellschaft für jüdische Volksbildung unternimmt, mag es auch im Druck fixiert erscheinen. Für das „Volk" bleibt allerdings bei solcher Uebung umsowemger irgendein Raum, als sie recht eigentlich dazu angetan ist, es zum Verschwinden zu bringen, jenes „Landvolk" (Am Haarez) nämlich, dessen Namen von altersher in Israel nicht sowohl eine Gesamtheit bezeichnet als die einzelnen, in unserer Mitte leider so zahlreichen Träger des Nichtwissens um unsere heilige Sache. Dieses im besten Sinne demokratische und soziale System echt jüdischer Volksbildung haben wir in unseren übrigen Veranstaltungen während des vergangenen Jahres festgehalten — manchmal bis zur Gefährdung taktisch scheinbar näher liegender Ziele. In drei aus allen jüdischen Kreisen stark besuchten Versammlungen, die den Nöten und Wünschen der Jugend, der Gestaltung des Gemeindelebens und dem Schulproblem galten, hätte der Streit der Richtungen, der Wetteifer der Persönlichkeiten, ja am Ende die Wahlpropaganda sich üppig entfalten können, wenn wir mit Namen von Führern, von Parteigrößen, von Fachleuten geworben hätten. Aber es sollte eben „gelernt", es sollte zu Klärung und Aussprache Anlaß gegeben werden, indem Jugendlicher oder Gemeindemitglied I. als Referent den „anderen" ein Beispiel gab, auch ihrerseits sich unbefangen mitzuteilen. Ein durchwegs vornehmes Niveau, ein 8 starkes allgemeines Interesse, das sich bis in die Berichterstattung der großen Tagcspresse auswirkte, war nicht sowohl der Lohn, als das in unserem Sinn Praktische Ziel unseres Verfahrens. Aber auch dieses Prinzip darf nicht zu Tode gehetzt werden. Wie im Lehrhaus gelegentlich ein besonders berufener Talmid Chochom „vorlernt", so brauchen und wünschen auch wir nicht auf den eigentlichen Vortrag zu verzichten: er ist ein durchaus berechtigtes Mittel jeder Volksbildung, vorausgesetzt, daß hinterher die Gelegenheit zu ausgiebiger Fragestellung und Erörterung vorhanden ist. Und so haben wir es namentlich mit den sehr beifällig aufgenommenen, fast regelmäßig monatlichen Berichten über neue Veröffentlichungen, wichtige Ereignisse, bemerkenswerte Menschen aus dem aktuellsten jüdischen Leben und Erleben gehalten, wie sie uns dank günstigen persönlichen Umständen immer zur Verfügung standen. Aber auch die auf Feste und sonstige Ausnahmsdaten des jüdischen Jabres hinweisenden Darbietungen Einzelner, wie wir sie, neben deren praktischer Feier meist zur Freude unserer Allerjüngsten, für eine unserer Hauptaufgaoen halten, sind neuerdings nur ausnahmsweise ohne darauffolgende Diskussion geblieben. Und damit sind wir bei dem Punkt angelangt, wo die Gesellschaft das, was sie für billigen Jahresbeitrag — Mk. 5.—, für nicht selbständig Erwerbstätige Mk. 3.— zunächst ihren Mitgliedern in der eigenen Stadt bietet, auch über deren Weichbild hinaus fruchtbar machen kann, nämlich mit ihrem Kalender. Mit ihm streben wir in die Ferne, getrost jeder Kritik entgegensehend. Manchem Wunsche nach Verbesserung — wir sind immer dankbar für Ratschläge — ist schon Rechnung getragen worden. Eines haben wir trotz mehrfacher Reklamation nicht geändert: das Format. Wir haben keinem der älteren Luach-Unternehmen Konkurrenz machen, sondern etwas ganz anderes, völlig Neues geben wollen. An diejenigen, denen der jüdische Kalender so vertraut und in jedem Moment so unentbehrlich ist, daß sie ihn in Westentaschenformat brauchen, wenden wir uns nicht in erster Linie. Unser Kalender gehört in das Pult des Synagogenplatzes und daheim zum jederzeit gegenwärtigen Hausinventar. Wir hätten ihn eher gern etwas größer, so daß er auch eines gewählten jüdischen Bücherschrankes würdig wäre. In der Tat schwebt uns der Gedanke eines jüdischen Volkskalenders vor, der durch literarische Qualität und Mannigfaltigkeit, vielleicht auch durch künstlerischen Reiz seiner Gaben alt und iung Zu rechter Lektüre lockt. Möchte uns das Wohlwollen unserer Leser, die Teilnahme der Mitglieder unserer Gesellschaft und all der Vielen, die es werden sollten, recht bald dazu verhelfen! Elie Michael geb. 4. Februar 1860 gest. I.Juni 1927 Mit Elie Michael, der nach längerem Leiden in die Ewigkeit abberufen wurde, ist ein treuer und verdienstvoller Sohn unserer Gemeinde dahingegangen. Aus angesehener Hamburger Kaufmannsfamilie stammend, kam der früh verwaiste Knabe nach Frankfurt, wo er im Haus seines Großvater Moses Mainz Aufnahnre fand. In diesem von der Atmosphäre des überlieferten Judentums und der besten Traditionen der Frankfurter Gemeinde erfüllten Hause erhielt er eine für sein ganzes späteres Leben Richtung gebende Erziehung, und für die Dankbarkeit, mit der er zeitlebens seines zweiten Elternhauses .gedachte, zeugt seine letztwillige Verfügung, daß er im Gebetmantel seines Großvaters bestattet sein wollte. Schon früh wandte sich sein Interesse allgemein jüdischeil Angelegenheiten zu. Als junger Mann trat er eine Reise nach dem Heiligen Lande,a>n, wo sein klarer Blick neben allen erhabenen Eindrücken auch mancherlei Mißstände, vor allem auf dem Gebiet des Unterstützungswesens, erkannte. Er «brachte damals die Erde mit, die ihm nach über vierzig Jahren in den Sa^g gelegt werden sollte, aber er rief auch -gleichgesinnte Männe-r zur tätigen Arbeit für Palästina auf und wurde zu einem der tatkräftigsten Mitarbeiter an dem neugegründeten Verein „Lemaan Zion", in dem außer ihm Männer wie Markus Horovitz, Heinrich Heinemann, Alfred Geiger u. a. eine auf Unterstützung der pro-