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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1925-11-01 · 3 (11.1925) · page 3

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
4 (1925-1926)
Issue
3 (11.1925)
Date
1925-11-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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völligem Ausfall des Hebräischen') neben dem Unterricht in der allgemeinen deutschen Staatsschuld Hierin liegt der Schlüssel zur Erklärung der unbestreitba.en Tatsache, dag das jüdische Elternhaus seit etwa hundert Iahren an spezifisch jüdischen Inhalten allmählich immer armer und leerer geworden ist (wie die Heimstätte, so der Mensch) und daß schließlich mit Weihnachtsbaumkult und anderen Gebräuchen vielfach sogar ein ausgesprochen unjüdischer Geist in das Gemeinschaftsleben der Familie einziehen konnte. Ich dars meine persönliche Überzeugung hier vorausschicken: nicht die Synagoge wird so sehr entscheidend sein für die Zukunft des Judentums wie ^i«»^..».. ^-^ ^^^schxZch^^ Das bedeutet keineswegs ein Zurück zu überwundenen Verhälininen; die jüdische Schule und speziell die höhere jüdische Schule hat für ihre Schüler in erster Linie genau dasselbe zu leisten wie die allgemeine deutsche Volks- und die allgemeine deutsche höhere «chule fiir die Kinder der verschiedenen Bekenntnisse. Ihre Lchrziele und Forderunyen gelten auch in der jüdischen Schule als unabweisbar, und es muß das unentwegte Bestreben einer jeden jüdischen Schule sein, hinsichtlich der Leistungen ihrer schüler in keinem Punkte hinter den Leistungen an den anderen deutschen Schulen zurückzubleiben. Die LedensnotwcnZigkeit der jüdischen Schule liegt allein darin begründet: das; sie dem heranwachsenden jüdischen Menschen die Möglichkeit gewährt, sich schon frühzeitig in das überkommene jüdische Kulturgut zu versenken. Einblick zu gewinnen in die ungemein aufschlußreiche, bildsame Geschichte dcr Juden und iich eine eigene, innerlich gefestigte Einstellung zu den jüdischen Lebensproblemen der Gegenwart zu erringen. Das kann die allgemeine deutsche Schule mit ihrem spärlich bemessenen Religionsunterricht «ganz ohne Hebräisch!) keinesfalls gewährleisten. Darum brauchen wir, im Gesamtbau des deutschen Schulwesens und aus deutscher Kulturgrundlage, die jüdische schule.. Kein Ereignis der letzten hundert Jahre kommt dieser inneren Notwendigkeit zum Bau einer jüdischen Zukunft so weit entgegen, wie die neue preußische Schulreform mit ihrem Grundsatz: .größere Bewegungsfreiheit für die einzelne Schule, für den einzelnen Lehrer und für die einzelnen Schüler", mit ihrer Forderung, .daß die einzelne Schule sich ihr Arbeitsgebiet, ihre Stoffauswahl, ihre Besonderheit und Eigenart selbst bestimme"? Eine jüdische Schule, die nicht in allen Untercichtsgcbietcn. sei es geisteswissenschaftlicher oder naturwissenschaftlicher Art. auch im Musik- und im Zeichen- (Kunst-» Unterricht, die enge Verflochtenheit schaffender jüdischer Menschen in den lhesamtentwickwnJ^prvzeß menschlicher Kultur aufzeigte, hätte nicht das Recht, sich jüdische schule zu nennen. Ist das allgemeine Ziel auch für die jüdische schule: die Heranbildung selbständig denkender, selbstv-?2n:rvs?t!:che? Menschen, so ist ihr im Besonderen vorüber hinaus nsch aufgegeben: die Heranbildung ihres Judentums bewußter Menschen. Bewußtheit, nicht in dem Sinne eitler Selbstüberhebung und törichter Selbstbeweihräucherung, sondern in dem ^inne jenes bescheidenen, berechtigten Stolzes, den der Einblick in die ' stete, tätige Anteilnahme jüdischen Geistes an der Entwic»lung menschlicher Kulturwerte. vor allem religiössittlicher Werte, den die Bewunderung der großen Persönlichdeirea jüdischer Geschichte in Altertum. Mittelalter und Neuzeit, sei es mehr tätig schaffender oder mehr um ihres Judentum» willen leidender Menschen, in uns zu erwecken vermag. Der junge Jude muß das Judentum kennen lernen nicht nur in seiner geistig hochragenden Stellung unter den Völker», der Antike, sondern auch in seiner den ganzen geistigen Bau europäischen Lebens von Grund auf mitschaffenden Kulturfunktion. Vielleicht er- »vüchsi ihm dünn irgendwie eine geschichtsmetaphnsisch zu nennende Ahnung von der Aufgabe, die auch künftighin noch jüdische Religiosität und Ethik, ungeachtet aller äußeren Anfeindungen und Herabsetzungen, im Lebcn der Menschheit zu erfüllen haben werden. Daß diese Religiosität, das Wesen jüdischer Geistigkeit. aber — trotz der alles beherrschenden praktischen Nüchternheit unserer materialistisch technische!» Lebensepvche - aus ihren tiefsten schlummernden Quellen wieder lebendig auferstehe und neue Früchte trage, dajür oermag die Methode des Arbeilsunterrichts. die die Schulreform vorschreibt, wie keine andere Unlerrichtsweise in hervorragendem Maße die Grundlagen zu schaffen. Wenn die neue Schule dem Religionsunterricht ganz allgemein das Ziel stellt, religiöses Leben aus dem Innern her zu wekken und zu fördern, in stetem Einklang mit dem Erleben und der Erlebnissähigkcit der Schüler, so darf das ohne Abänderung für den jüdischen Religivnsunterlichl übernommen werden. Wenn die Schulreform für den Unterricht in den allen Sprachen vorschreibt, er müsse daraus gerichtet sein, die Schüler die tote Sprache als etwas Lebendiges erfassen zu lassen, um wie viel mehr muß da5 für den Unterricht in» Hebräischen gellen, das niemals zu einer eigentlich toten Sprache herabgesunken ist. sondern sich vielmehr zu allen Zeiten als lebensfähig erwiesen hat. Ein lebensvoller Unterricht im Hebräistl en. wenn möglich sogar nach der direkten Methode des Sprachunterrichts erteilt, wird die Schiller stets in srcudigcr Hingabc bereit sinden zu folgen: und den Schlußstein dieser Bestrebungen wird man rm Allgemeinen wohl darin sehen dürfen, daß die Klasse in gemeinschnsklicker Arbeil bemüht und iustande ist. die Bibel im Urtert zu lesen. Von dieser Stufe aus stehen dein Wollen und Können des einzelnen ja die weitesten Entivicklungsmöglichkeilen offen. Solch ein Herabsteigen zu den Quellen der jüdischen Vergangenheil und des jüdischen Wesens, in Verbindung mit einer ernsten und gründlichen Unterweisung aus allen entscheidenden Gebieten cnropäischcr Kultur, die dem Individuum zugleich die Möglichkeit gibt zu eigenqerichrerer. persönlicher Entfaltung, muß für die Zukunft des Judentums Früchte bringen, deren Umsumi und Tiefe "heule noch qamicht voraussehdar ist. Sicherlich wird in jedem Falle aber die Wissenschast des Judentums dadurch ungeahnt reichen und wertvollen Zustrom erhallen. Nicht minder gewichtig sind die praktisch.sittlichen Konsequenzen. Ein jugendlicher Mensch, der von solchem Boden her. dem Boden jüdisch»? i>ieistigkeit und dem Boden jüdischer Gemeinschaft, ins Leben hinaustritt, wird, in der Zielsicherheit seines Weges nicht beirrt werden können, auch w-mr noch so roild überschäumender völkischer Rassensaiiutismus ihm Minderwertigkeit und Verdorbenheit seines Blutes, seines Stammes etc. vorzugaukeln bestrebt ist Er wird nicht oerwirrt schweigen, wenn man ihm sein in vielen Jahrhunderten mit R!u: und Schwaß errungenes Heimatsrech! in Deutschland streitig zu machen sucht i sondern er wird, seines Rechtes bewußt, wenn es seilt muß. mit den Waffen des Dissens und der ehrlichen Ueberzeugunq darum zu kämpfen verstehen. Er wird in geistiger Gefolgschaft ein Kamerad aller derer, gleich welchen Bekenntnisses, sein. die. in redlicher Arbeit, nach der Erfüllung alter Ideale: Gerechtigkeit. Wahrhaftigkeit, Friede und Menschenliebe, streben, und er wird nicht verzagen, wenn er doch immer wieder die Mächte der Finsternis triumphieren sieht. Denn die 'beschichte der Juden, die ihm zugleich ein heiliges Vermächtnis der Väter bedeutet, hat ihn gelehrt, daß noch gar nichts damit getan ist. wenn man eilt hohes, leuchtendes Ziel ins Auge faßt, sondern daß alles daraus ankommt: auszuharren im Kampfe um die Erreichung des Zieles.

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