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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1924-09-01 · 1-2 (9.1924) · page 9

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
3 (1924-1925)
Issue
1-2 (9.1924)
Date
1924-09-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
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verloren gegangen. Nur zu viele von uns wissen in der Aszendenz kaum weiter Bescheid als bis zum dritten oder vierten Grad, und das Derkümmernlassen des historischen Sinnes ist ja ein Borwurf, der den modernen Juden nicht immer ohne jede Berechtigung gemacht wird. Hier Abhilfe schaffen, wäre schon ein Gewinn, viel wichtiger als diese personlichen Dinge sind aber die soziologischen Ergebnisse. Gut und vor allem objektiv durchgearbeitete Stammtafeln zeigen in dieser Beziehung die frappantesten Ergebnisse. Erwähnt sei beispielsweise die Berufszusammensetzung. Inzucht, die Wanderbewegung (ausländische Verästelung der süddeutschen Iudensamilien). Vermischung mit Nichtjuden, ein ganz besonders reizvolles und auch in Bezug auf praktische Politik zarnicht zu unterschätzendes Problem usw. usw. Es möge nicht als Separatismus und Eigenbrötelei aufgefaßt werden, wenn hier der Wunsch ausgesprochen wird, die Dinge nicht von Berlin zentral aus bearbeiten zu lassen, sondern hier in Frankfurt dafür eine eigene Gruppe zu bilden. Denn, wenn auf irgend einem Gebiet, so ist hier eine ergiebige Arbeit nur dann zu erwarten, wenn die mit dem Frankfurter Boden vertrauten, erfreulicherweise sehr zahlreichen Persönlichkeiten sich der Sache an Ort und Stelle annehmen und in ständigem persönlichen Gedankenaustausch die Angelegenheit fördern. Wenn die Arbeit fortschreitet, könnte dann von Frankfurt aus mit den Gemeinden im übrigen ^üddeulschland ein Gedankenaustausch aufgenommen und ein Zusammenarbeiten herbeigcführt werden. Es braucht wohl nicht versichert zu werden, daß dieser Anregung nichts ferne? liegt, als ein Entgegenarbeiten gegen die Berliner Bestrebungen. Im Gegenteil: man muß dankbar sein, daß dort die Initiative ergriffen worden ist, und über diesen theoretischen Dank hinaus werden Berlin und Frankfurt bei der Ausführung sehr häusig Gelegenheit haben, sich praktisch zu unterstützen und in die Hände zu arbeiten. Schließlich sei noch ein Motiv hier erwähnt, das für die Aufnahme der jüdischen Familiensorschung in Frankfurt besonders spricht: Es ist einige Zeit vor dem Kriege hier eine Gesellschast gegründet worden, die sich die Erforschung der alten Frankfurter Familien zum Ziel gesetzt hat. eine Gesellschaft, die nebenbei bemerkt, bereits sehr schöne Arbeit geleistet hat. Immerhin hat es gerade im Hinblick, auf die obenerwähnten Feststellungen von Dr. Dietz in jüdischen Kreisen einigermaßen verstimmt, daß jene ^esellschüs! nuch ihren Statuten nur solche Familien erforscht, deren Angehörige just ein Jahr vor der Iudenemanzipation Frankfurter Bürger waren. Die Antwort auf diese ominöse Bestimmung find wir Frankfurter Juden dieser Gesellschaft längst schuldig. Es würde den Schreiber dieser Zeilen freuen, wenn die gegebene Anregung hier aufgenommen und zur Bildung einer Frankfurter Gesellschaft für jüdische Familien, forschung führen würde. Interessenten werden gebeten, sich schriftlich bei Herrn Ernst Kahn ti. Fa. Lazard Ep-n^-Ellis-en, Tsunusan.'age oder bei dem Büro der Israelitischen Gemeinde, Fahrgasse zu melden SüHerschau. psauuea. Eine Einführung von Dr. ZK. Spanier. Berlin, E. A. Echwetschke 4 Sohn. Eine gebildete christliche Dame fragte mich einmal, was denn eigentlich da» Judentum sei. We:l ich das schon damals nicht wußte, so zog rch mich aus der Affäre und sagte: »Sie kennen doch die Psalmen. Da steht alles drin'. Statt aber sich mit dieser Antwort zufrieden zu geben, schmetterte mich die Dame an: »Die stehen doch is neuen Testament Immerhin — sie kannte die Psalmen. Drei Viertel de? Empfänger dies-s Blattes kennen sie nicht Diese kann das äußerlich und innerlich wunderschöne Buch von Spanier in jenes Buch einführen, das heut allerdings dem christlichen Gebildete» wirklich vertrauter ist als dem jüdischen. Spanier gibt zwölf Psalmen (den 2.!.. 51. 73. M.. l2t. tÄi.. IÄ<. IN). I^l.. I!t7.. > in aefchmackvoller ltberseiiung und fügt ihnen Anmerkungen bei. die sich von allem Schulmeisterlichen freihalten und doch ein Schulbuch im edelsten Sinn bilden. Eins jener seltenen Schiuoücher nämlich, die der Schüler beim Verlassen der Schule nicht in den Windel wirst, sondern die ihn begleiten ins Leben, Gewiß kann man dir Psalmen auch noch »anders lesen" — Spanier ist Gorthckenner genug, um dieie Sentenz gelten lassen zu müssen. — aber so wie Spanier es lehrt, kann und sollte sie jeder lesen. Ros.nzweig. Zreitel. Ludwig. Gesamte Tveologie und phiiosoohie philo« voa Illerandna. Berlin. C. A. «chwcl>chke 6 Sohn. Es ist außerordentlich wünschenswert, das; sich von jüdischer Seite da? Interesse dein jüdiichen Hellen,?mus zuwendet. Denn dieser ist^nichl nur an sich interessant, sondern tiat auch aus das adendländiiche Denken einen ganz außergewöhnlichen Einfluß ausgeübt Das Merkwürdige nainilch dieser Epoche, von welcher der jüdische Hcllcinsmus ein Teil ist und die ich das Zeitalter der Gnojis nenne, (es beginnt etwa im ersten vorchristlichen Jahrhundert und reicht weil l« die ersten nachchrifti.chr,, Iahrhunverle hineins ist. das; es durchaus uicht, wie man trüber annahm, eine äußerliche Vermischung griechischer und orientallicher «bedanken darstellt, sondern daß sich in ihm ein spezifisch Neues, llnauslösliches herausbildet. Die einzigartige Bedeutung des jüdischen Hellenismus beruht nun darauf, das; sich in ihm die Grunvsiruktur dieses Z?::a!:ers nn! »»er vrrviüffeiiocn Deutlichkeit ausprägt, d. h. daß wir in ihm im ersten vorchristlichen Jahrhundert schon sasjen können, was innerhalb des eigentlich römische» .Kultur- Kreises erst im zweiten und drillen Jahrhundert die Herrschaft erringt. Diese Einsichten fehlen in dem vorliegenden Buch voll» ständig und auch die damit zusammenhängendt Erkenntnis, daß der jüdische Hellenismus weder in einer HrUenisierulig des Judentums noch in ein>.r Iudais^rung des Hellenismus ausgeht Der Autor hätte diese Ansicht, wenitistens was Philo betrifft, schon bei Boujsei ausgesprochen sinocn können. Nur von hier aus dürste ein wirklich neues Eiudrilige» in die Welt Philos möglich sein, dazu müßte man freilich das frühe Christentum und die Palristlk. die römische Sloa. die Gnosis uud den Neuplatonismus heranziehen, was hier nicht geschieht So ist das Buch nicht als eine neue Darstellung der »gesamten Theologie und Philosophie" Philos anzusprechen (weshalb dieser anspruchsvolle Titel?) und beruht ausiatt aus eiarner Forschung viel zu stark auf üdcrlicfcrten, und zwar zum Teil recht allen u»d veralteten Anschauungen Den Laien werden Bemerkungen über Beziehungen zum palästinensischen Judentum vnd Berglciche von Philo und Maimonldcs. Philos SleUung zum AeUgioiisgesktz. seine Ansichten über die Mission drs jüdischen Volkes, seine messianischen Hoffnungen, seine Apologetik und Propaganda, die hier aussuhrlich dargestellt werden, inleresjierrn und er wird viel aus dein Buche lernen können Ab:r ich Halle es bei jüdisch?« Publikationen über diesen Gegenstand für unbedingt notwendig, daß die Autoren den schärfsten Maßstab an sich legen und zwar auch iu fcheinknr-n?luß-r>>ch. kriicil, wie im Druck vtl griechischen E.taie. dir häufig nur die Lettern mit der griechischen Sprache gemeinsanl haben, auch im Stil, der teilweise geradezu unmöglich ist tz. B. wenn der Berf den .unsriarn" so heißt Philo bei ihm — auf seine Ansichten »abhört" wie ein Neligionslehrer seine Schulkinder». Andernfalls ist eine Beachtung außerhalb des jüdischen Kreises so gut wie ausgeschlossen. F. Heinemaan. Zelt? A. Theilhaber. Sein Reich komme! Ein chiliasiischer Roman aus der Zelt Aembranots und Spinozas. Berlin. C. A. Schwetschke S Sohn. Ein Rom«n? Nein. Uber die künstlerische Bedeutung dieses Buches soll hier nicht aesprochen werden Es stellt die Zusammenfassung einer reichen Hülle von Bildern dar, die uns die äußere uns innere Kultur jener Tage ln lebendiger Fsrm schildern. Die Aufgabe, diesen Stoff zu meistern, ist gewaltig. Das weltweite Genie eines Rembrandl wendet sich vor unseren Blicken zu dein engere» Kreis der Iudenqosse und der ».tefe ihrer unendlichen Daseinskräfte Den umgekehrten Weg schlägt vor unseren Auaen Evinozl, »in. Tie beiden Großen begegnen einander. Der Versuch, dieses persönliche Zusammentreffen zu zeichnen, ist des öfteren gemacht worden Theilhaber gebührt dabei das Berdiens.', vag er die reiche Menge jüdischer Selsteswerte in den Strebungen, in den Kämpfen, in den Irrungen und Wirrungen, wie sie jenes Jahrhundert hervorgebracht hat, durch charakteristische Proben skizziert und dem Leser näherführt. Die Messiassehnsüchte chi!:- astischen Hoffens, die damals aufloderten, werfen ihren flackernde« Schein auch heute in die See'e der Menschen, zumal vieler Juden unserer Tage. In Not entglommen, wie damals aus dem B-ano des Krieges und der Zerissrnheit der Geister, an der Wende einer neuen Zeit wird das Buch Thcilhaders verständnisinnige, von der Kraft des Inhalts ergriffene Leser finden. Arsotd L«zarus.

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