Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 3 (1924-1925)
- Issue
- 1-2 (9.1924)
- Date
- 1924-09-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3094266-3094288-3094289--0213-3094900- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
selten unter den Musterbeispielen jüdische Grabsteine abgebildet werden. Vielleicht ist dem Leser schon aufgefallen, daß es sich dann um jüdische Arbeiten lediglich aus der Zeit von vor IVO Iahren handelt, während doch vorbildliche nichtjüdische auch aus jüngster Zeit angeführt werden. Sollten die modernen jüdischen Gradzeichen nicht des Erwähnens wert sein? Daß diese Vermutung leider zutrisst. wird jeder nach einem N',ang über die modernen jüdischen Friedhöfe zugeben müssen k Da es sich in Bezug auf allgemeinkünstlerische übelslände um Fehler handelt, die auch auf den nichtjüdischen Begräbnisplätzen zum Teil noch vorhanden, zum größten Teil allerdings bereits beseitigt sind, so genügt es. die trefflichen Arbeiten deutscher Künstler und Gelehrten über die Ang?leg>'"h?it zu studieren. Die Literatur ist durch die Heimatschutzoereine. die staatliche Denkmalpflege oder durch die öffentlichen Bibliotheken zu beziehen: es sei hier besonders auf die Flugschriften des Dürcrbundes und auf die Aufsätzc im Kunstwort hingewiesen. Wenn alle ehrenamtlich oder beruslich bei der Ausgestaltung jüdischer Friedhöfe Beschäftigten die guten Lehren dieser Lektüre beherzigten, müßten unsere Friedhöfe bald wieder künstlerische Musterbeispiele sein. Viel schwieriger ist es. sich über die jüdisch-eigenartige Ausgestaltung unserer Friedhvse zu unterrichten, da bis jetzt noch eine eingehende Arbeit über die Entwicklung der jüdisehen Grabkünst fehlt, ein Mangel, dem der Verfasser alsbald abzuhelfen gedenkt. Es ist hier leider nicht möglich, eine eingehende Würdigung der alten, jüdischen Gravmalskunst zu geben. Sie zeichnete sich vor der heutigen hauptsächlich durch Einfachheit aus. Bescheiden die Abmessungen und das Material, Gleichheit unter den Gräbern selbst, die nur bei denen der Rabbiner um ein weniges durchbrochen wurde. Vorzüglich gemeißelte Inschriften, deren Abfassungen heute noch als Muster »cnommcn werden könnten, gaben mit ihren reizvollen hebräischen Quadratbuchstabcn den Leichensteinen ein eigenes Grpräge. «schlicht war auch der gärtnerische Schmuck, der den alten Judensriedhöfen zur Zierde gereicht, keine bunten Blumenpslanzungcn und Blumenkränze störten die Harmonie. Heute ist dagegen allzu oft Protzentum auf dem einstigen .tauten Ort" zu finden, alles Iüdisch-Eigenartige ist verwischt zugunsten einer Ansammlung nichtssagender Fabrikcrzcuanisse. Wenige und oft grammatikalisch fehlerhafte hebräische Inschriften zeugen vvm Niedergang unseres Selbstbewußtseins. Als einziges jüdisches Charakteristikum inmitten überwiegend landcssprachiger Grabschriften steht das Mögen Dovid. Auf Grabsteinen erscheint es um i)Q0 in Italien, jedoch im Zusammenhang mit dem Namen David, ein Brauch, der sellener nachgeahmt worden ist. Andere Anspielungen auf Namen (Low, Hcrz, Fisch usw.) oder au! die diese os! erst heroorrusenden Hausmarken (Rothschild. Goldbaum usw.) sind häufig zu finden. Im jüdischen Altertum kommen abstrakt dargestellte Zeichnungen auf Gräbern vor. nämlich Toraschrank. Lulow und Eßraug. Schaufor. Pu'.mbäume. Löwen. Vögel. Fische. Öldrüge und besonders siebenarmige Leuchter. Auf jeden Fall war die .jüdische' Friedhosskunst. unter Berücksichtigung von Zeit. Ort. Material und Entwicklung?« Möglichkeiten — vom grauen Altertum bis auf die Zeit vor zirka 10» Jahren künstlerisch gut zu nennen. Im letzten Jahrhundert ist trat; des allgemeinen Aufschwungs der Juden nur ein großer Rückschritt in künstlerische? Hinsicht zu verzeichnen, der zwar bei der Umwelt ebenfalls zu beachten war. aber dort schon überwunden ist. Mögen Neuanlagen mustergültig künstlerische und eigenartig jüdische Lösungen zeigen. Ein Rezept, wie das schwierige Unternehmen anzufangen und zu einem guten Ende zu führen ist. gibt es nicht! Wie für alles, so gilt hier der Sag: .Sei Du selbst und sei wahr!" Aus der Kenntnis der Werke der jüdischen Vergangenheit Neues. Eigenartiges nnd ästhetisch Befriedigendes zu schaffen und 8? dabei dem Material, dem Zeitgeist und der Aufgabe gerecht! zu werden, sei die Losuna. Durch bt?ßes Nachahmen der i wiedergefundenen Motive wird nichts erreicht, sondern nur j durch Eindringen in den. die Formen schaffenden Geist j (Häufung von Daoidsschildern, Priesterhänden usw. sind l künstlerische Bankerotterklärungen.'). Wer oersucht, in! den Geist des Judentums einzudringen, von dem wir uns im letzten Jahrhundert leider so sehr entfernt haben, wird l auch wissen, wie der jüdische Friedhof seinem besonderen! Zweck entsprechend zu gestalten ist. j Da jedoch die mustergültigste Anlage alsbald durch unkünstlerische Grabdenkmäler oerschändet wird, müßte! eine strenge Aufficht eingerichtetwerden, die über ^röße. Material. Inschrift und schmuck der Grabmäler ent-! scheidet. Der Überfülle bunter, schreiender Blumen aus dem stillen Ort des Friedens könnte in ähnlicher Weise gesteuert werden. Mische Zamiliensorschung. (Sine Anregung fs Frankfurt a. ZV.) Son Srnft ttahn. In Nr. 12 des Gemeindeblattes berichtet Herr Dr. Arthur Czcllitzer über die von ihm »^gründete Vereinigung der Freunde jüdischer Familienforschung in Berlin. Der Zweck dieses Aufsatzes soll sein, auch in Frankfurt für seine Bestrebungen Aufmerksamkeit und Mitarbeit zu erwecken. Jeder, der einmal über die von Herrn Dr. Czellitzer angeschnittene Frage nachgedacht hat. wird die Nützlichkeit seiner Bestrebungen anerkennen. Wenn der Schreiber! dieser Zeilen zu dem Thema das Wort ergreist, so geschickt es mit der ausgesprochenen Absicht, hier in Frankfurt zu! einer tätigen M'tarbeit und zwar wie gleich von vornherein gesagt werden soll, unter Berücksichtigung der örtlichen Verhältnisse auszurufen. > Längst sind auch in Frankfurt in Prioatgesprächen > ähnliche Wünsche laut geworden, und das ist begreislich. j Denn es gibt schlechterdings keine jüdische Gemeinde im > deutschen Reich und nur ganz wenige außerhalb unserer! Reichsgrenzen. in denen der Boden für eine derartige j Arbeit dankbarer wäre. Es braucht hier nur an den auch! or?'.'. Dr. Ejellitzcr erwähnten Nichijudcn Dictz ermnert zu! werden, der auf Grund seiner Arbeilen die Zahl der alten! Frankfurter jüdischen Familien weit höher schätzt, alv die der nichtjüdischen. Um so bedauerlicher ist es. das gerade! in den letzten Jahrzehnten an der systematischen Sammlung des einschlägigen Materials von jüdischer 2ei:e nicht! umfassend genug arbeitet worden ist. Um vorweg von den Stammtafeln zu sprechen, so ist sogar nach meiner vielleicht beschränkten Kenntnis des Materials im Lause der Zeil hier eher ein Rückschritt als ein Fortschritt zu beklagen. Es gibt gut angelegte Frankfurtcr Stammbäume, die seit 50 und mehr Jahren nicht mehr fortgesetzt worden sind. Das ist jammerschade, denn gerade das Schicksal der erwähnten Familien in den letzten 50 Iahren oerdient besondere Aufmerksamkeit, ganz abgesehen davon, daß auch die bereits im Druck festgelegten . Feststellungen, wie Kenner versichern, durch eine gründliche Nachprüfung nur gewinnen können. Warum sollen derartige Untersuchungen systematisch angelegt und organisiert werden? Handelt es sich um Liebhaberei und Schrullen? Dann müßte man wohl in diesen Zeiten auf eine solche Arbeit verzichten. Das ist aber durchaus nicht de? Fall, dl? Bedeutung ist ganz außerordentlich groß. Das erste Ziel, vas durch die Familienforschung erreicht wird, die Kenntnis der eigenen Abstammung sür den Einzelnen ist vielleicht noch das Geringste, wiewohl die Juden am wenigsten Anlaß haben, das ,Lod des Herkommens' gering zu hallen. Leider ist im Zeitalter des Weltverkehrs in dieser Beziehung unendlich viel