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Selbst-Emancipation · 1893-12-01 · Heft 19 (1.12.1893) · p. Seite 7

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1893
Issue
Heft 19 (1.12.1893)
Date
1893-12-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 19 Sewst-GmancipaLion. Seite 7. Führen des Schwertes geübt, dort hatten wir auch in einer geheimen Nische unsere Waffen verborgen. Du weißt, Enkelkind, daß der mächtige Herr der' Welten am ersten Tage des Jahres, am „Tage des Gerichtes", alle seine Geschöpfe vor seinen heiligen Richterstnhl zieht; nicht nur der Menschen Schicksal wird damals ausgesprochen, auch die Hcerschaaren des Hiininels und der Hölle, die Dämonen der Erde, die Seelen der Abgeschiedenen werden hingeboten, um ihr Urthcil zu empfangen. Welcher Art wohl ihre Sünden sein mögen? Was verstehen wir es? Was versteht der plumpe Käser, der im niedrigen Gebüich uinhcrschwirrt, von dem mächtigen Fluge des Adlers? Was von den Hemmnissen und Gefahren, die diesen in seiner Flugbahn bedrohen? .Wie eine dunkle Sage geht es von Mund zn Ohr; bald vergessen ... bald wieder auftanchend . .. düster, grauenhaft; nur Wenige w'ssen es, und diese reden nicht gerne davon; in den Anderen lebt es nur als verschwommene Ahnung, wie eine blasse Erinnerung au eine gruselige Erzählung, die sie in ihrer Kindheit gehört ... Auch die Seelen der Verstorbenen haben ihre Sünden, ihre Schicksale, und auch sie bedürfen der Versöhnung am zehnten Tischri, am Tage, wo die Männer Israels in weißen Stcrbegewändern vor dem allmächtigen Richter Buße thun. Wenn in den Synagogen die schwermüthige Melodie des Col-Nidre angestimmt wird, kommen die Geister in ihren weißen Sterbegewändern aus ihren Gräbern, wallen gleich zerfließendcin Herbstnebcl in die Synagogen, mengen sich unter die Lebenden, um an dem Gottesdienste theilznnehmcn. Welcher Art wohl ihre Gebete sein mögen? Der Procurator Turnus Nnfus hatte den Inden die Vornahme jeder religiösen Handlung verboten. Die Männer Beth-Choron's kancen daher, da sie im Orte vor römischen Spionen nicht sicher waren, am Vorabende des Bersöhnungstages insgeheim in die Hohle, um ihre Gebete dort zu verrichten. Wir Verschworenen sammt unserem Anführer, dem greisen Schriftgclehrten Bc'cnnsche, waren auch beisammen. Die Oellampen wurden angczündet; Col-Nidre wurde angestimmt. Gcspensterhaft warf sich der fahle, flackernde Lichtschein von der nngewohnten Hingebung, der düsteren Höhlenwand und den weißen Linnen unserer Leichenkleider, zurück. Wie feiner Nebel war es in die Lust gestreut. .. Dann stand unser Führer Menasche aus; er sprach von dem verbrannten Tempel, den ermordeten jüdischen Helden, dem zertrümmerten Staate, dem furchtbaren Drucke, den haarsträubenden Gräueln, die von den räuberischen, römischen Wölflingen an den Söhnen Jsrael's verübt werden, in ihrem eigenen Lande, dem Lande, das ihre Väter mit ihrem eigenem Blute erkauft. Die Männer fletschten wüthend die Zähne und schüttelten drohend die Fäuste. Da nahm Menasche die Nolle des Bundes aus der Lade: „Und jetzt schwöret mir bei diesem Buche, für das euere Väter gekämpft haben und gestorben sind, Rache zu nehmen an eueren Bedrückern, Rache an den Schändern eures Glaubens, die Freiheit eures Volkes wieder zu erkämpfen! Unsere Klingen, iinscr Blut für Bar-Cochba!" „Wir schwören es!" Aller Hände streckten sich schwörend gegen die Gcsetzesrolle . . . und als ob hunderte weißer, durchsichtiger Geisterhände sich darunter gemischt hätten. . . In demselben Augenblicke rannte ein Knabe, der vor der Höhle Wache gehalten, todtenblcich herein: „Entdeckt — verrathen — eine Truppe römischer Soldaten kommt den Berg hinan, — auf die Höhle zu —" Totenstille. „Jünglinge, die Waffen hervor!“ ertönte die mächtige .Stimme Menaschc's; jedem Alaun ein Schwert. Ihr Männer Beth-Choron's! Es ist uns benommen den großen Tag der Befreiung zn erleben, als Männer zn sterben, kann uns nicht benommen werden. Daß Niemand von Euch zu seinem himmlischen Vater eingeht, bevor er einige dieser Wölflinge in den Abgrund geschickt hat! Tic Männer schwiegen. Die Stille wurde nur durch ein leises Schwerterklirren unterbrochen, als man die Waffen vertheilte. Wir bereiteten uns zum Heldentode vor. . . . Als ob sich der geisterhafte Nebel verdichtet hätte. . . Hammerschlägc erdröhnten an der Thür. Einige Jünglinge stellten sich mit gezückten Schwelten, davor, mit vorgcbeugten Köpfen, mit wnthblitzcnden Augen. Die ersten Römer, die sich in der Spalte zeigten, wurden von ihren flinken Hieben empfangen. Doch die über die Leichen der Ersteren nachstürmten, drängten die kühnen Bertheidiger zurück; der Kamps wurde allgemeiner. Hei sausten da die Klingen! Das römische Knrzschwert und das schlanke, jüdische Cherew schlugen wild an einander; Funken stoben aus den Helmen, Blut spritzte aus den Schädel». Lateinische Todesflüche und jüdische Sterbesenszer mengten sich durcheinander. Im dichtesten Gewühle, in der vordersten Reihe schwang der alte Menasche mit der Behendigkeit eines Jünglings sein blankes Eisen, um ihn ein Wall von Römerleichen. Unsere Reihen hatten sich gelichtet; allmählich hatten wir uns vor die Bnndesladc geschaart; dieses unser Heiligstes sollten die unreinen Barbarenhände am Allerspätesten berühren .... Die Römer waren lvie ermüdet zurückgeblieben. Als ob sich der weiße Nebel verdichtet hätte . . . In geschlossener Reihe rückten die Römer ans uiis ein; blutige Schwerter und Lauzenspitzen streckten sich uns drohend entgegen. Schweigend erwarteten wir sie; Manche beivegten leise die Lippen, wie zn einem Gebet. Ta . . . jetzt waren sie im Bereiche unserer Klingen . . .; wie ans ein Zeichen stürzten wir uns gleich verwniideten Löwen ans sic ... Hatte sie der Geist des Wahnsinns ergriffen? daß sic uns so kreidebleich anstarren, daß sie dann in die leere Luft hineinhanen, daß auch Solche, die von unseren Waffen gar nicht berührt worden, schreiend zn Boden stürzen, sich dann erheben und die Köpfe, wie toll zwischen den Händen fassend, davon rennen? „Muth, Brüder! Der Herr der Heerschaaren ist in unserer Höhle!" ruft Nienasche, Lustig klingen unsere Schwerter an den Nöinerhelmen. Die Feinde scheinen nicht zn wissen, wohin sie zn laufe» haben ... Als ob der Nebel sich vor dem Eingänge der Höhle zusammcngcballt hätte ... Schichtenweisc lagen ihre Leichname auf dem Boden. Bis über die Knöchel wateten wir im Blute; unsere Sterbehemden waren nicht mehr weiß. Dort hatte sich noch ein Soldat zitternd in den Winkel versteckt. Wir zogen ihn hervor. Jammernd bat er um Gnade. „Sprich, Bursche, was ist euch widerfahren, daß ihr euch bei eurem letzten Angriffe so benommen habt?" fragte Menasche. „Ihr standet etwa fünfzig an der Zahl" berichtet dieser noch immer zitternd „in euren weißen Gewändern vor die Lade geschaart; wir rückten im Phalanx gegen euch vor; plötzlich schien es uns, als ob sich eure Zahl verdoppelt hätte. Bleiche Alünner in weißen Gewändern, wie die eurigen, durch denen bei Manchen Blut zu sickern schien, siander mit blinkenden Schwertern zwischen euch. Durchscheinend schienen sic zu sein, durchscheinend ihre Schwerter und Mancher schien eine tötliche, klaffende Wunde am Kopfe zu haben.

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