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Selbst-Emancipation · 1893-11-01 · Heft 17 (1.11.1893) · p. Seite 6

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1893
Issue
Heft 17 (1.11.1893)
Date
1893-11-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Sekbst-GrnancipaLion. Nr, 17 Wien, den 22. Octobcr 1893. Dcr solenne Abend, mit welchem l der hiesige akademische Verein „Kadimah" sein 22. Semester einleitetc,! nahm einen prächtigen Verlauf. Der Einladung des Vereines ivar ein! beiläufig 200köpsigcs Publicum gefolgt, wovon. drei Viertel Studenten waren. Wie immer zeichneten sich die Kadiinahncr durch vratorische < Musterlcistiingeu auS. Die ossicicllen Sieden des Abends wurden von.! HerrnDrd. med. Isidor Schallt und Herrn Drä. med. Karl Pollak gehalten. Der crstere Sicdncr führte in beredten Worten, die Assimilation ack alisnrckuin, und zlvar, wie er geistvoll hervorhob, die Assimilation von heute, welche zum Unterschiede van derjenigen zur Zeit Mendrlsohn's, „keine Emancipationsbewcgung mehr, kein Bestreben in ehr ist, die Schichten, aus ein intcllectucll höheres Niveau zu heben". „Sic ist", sagte der Redner,' „ein Vernichten alles Eigenartigen, ein .sclavisch unterwiirsigcs Annehmcn alles Fremdartigen — altdeutsche Möbeln in neujüdischcn Häusern." Scharf zeichnete Herr Schal i t die Resultate der Assimilation, und namentlich mit seinen 'Ausführungen über die jüdischen 'Massen und deren Indolenz erntete er großen Beifall. „Sie jauchzen", sagte er von denselben unter Anderem, „einer Klabriaspartie zu. die über 1000 Aufführungen erlebt hat, und sind fast baar jeden Ideales." Dcr Redner entwickelte hierauf in Umrissen das nationaljüdische Programui, tvobei er auch Gelegenheit nahm,' den Jrrlhuin derjenige» zu charäktensircn, welche wähne», die Jndenfrage durch Kosinopokitismns oder SocialismuS lösen zu können. „Der großen rcsorniatorischcn socialistischen Partei können wir uns nicht anschlreßen, solange wir nicht unser eigenes Elend getilgt haben. Wir Juden stehen diesbezüglich anders da," als die anderen 'Nationen,, bei welchen die nationale Einigung längst schon erfolgt ist." Znm Schlüsse prolcstirle - Herr Schalst noch dagegen, daß man das Wort „national" auch bezüglich der Nationaljudcn mit „chauvinistisch" identisch halte. Die. zweite Rede des Vercinsobmanncs, Herrn Drd. Pollak, hatte den ganz spccifischen Zweck, die sindentischen Verhältnisse in Wien in Bezug aus die Jndenfrage klarzulegen und dr» Standpunkt, ivelchcn die meisten jüdischen Studenten cinnehmeii, angesichts des wachsenden deutsch- . nationalen Antisemitismus zu beleuchten. Seit mehreren Semestern schon bemühe man sich einen „liberalen" Verein, eine „freiwillige oder besser unfreiwillige Reitungögesellschast für jüdische Hochschüler" zu gründen, aber man finde nicht die Christen hie;u. Andere wieder wollengar nichts thun, der Antisemitismus werde sich anstobcn, er werde umso eher still werden, je weniger wir uns als Inden gehabcn. Also das alte Assimilationsrecept. „In manchem Recepte sind' Gifte, welche bisweilen, anstatt das Uebel zu beheben, den Körper für lange Zeit zerrütten. Solcher Art ist auch das Assimilationsrecept. Von vornehcrciu daraus berechnet, nicht die Krankheit, sondern nur ihr Symptom zu beseitigen, verfehlt es auch diese Wirkung und zerstört die Lebenskraft des Organismus. Der moderne Antisemitismus ist nicht die Krankheit, er ist nur ihr Suinptom, die Krankheit hat einen anderen Namen:. . Judenhaß.Sic bleibt unheilbar, solange der Kranke nicht in völlig andere LebcnSvcrhällnisse gebracht ist. Und der Kranke sind wir. ist das ganze jüdische Volk, und es wird nicht früher gesunden, che es nicht, fort ist ans der dumpfen Stickluft des Golusl Das wäre Heilung. Doch wozu so weit gehen?" meinte dcr Redner, „bleiben wir bei unserer Universität", Herr Pollak setzte nun seine Schilderung der studentischen Verhältnisse in fesselndster und aitziehendster Weise fort und schloß unter stürmischem Beifalle seine wirUich gediegene Rede. — Außer den beiden ossiciellcn Rednern sprachen noch Trinksprüche Herr Drck. meä. A. Reich aus die „alten Herren" des Vereines, Herr Drd. med. Sigmund Werner im Namen derselben, Herr. stuck, ineck. Gerbcl im Namen der Czernowiper akadcinifchen Verbindung „Hasmonaea". Schließlich hielt Herrcand. jur. Men czcl einen launigen, witzsprühendcn Speech. — Rach de» Reden blieben die Gäste und Mitglieder noch eine längere Zeit in Fröhlichkeit znfannncn. Am 15. d. M. fanden in der „Kadimah" Ausschnßwahlen statt. Gewählt wurden die Herren Dociorauden dcr Medici» Karl Pollak (Präses), A. H. Reich (Vicepräscs), Marcus Ernst, (I. Schriftführer),. Heinrich Wertheimcr (2. Schriftführer), Lipa Lie üster (Cassicr) und die Herren Studenten der Medicin Janen Golden sie in (Bibliothekar) und Benjamin Salomowicz (Hansvcrwcscr), als Ersatzmänner die Herren sind. zur. Sigall, stuck, med. Ringel, stuck, med. Fantl, stuck, med. Laues. Wien, de» 29. Octobcr 1893. Gestern. Abends fand die constitnirende Generalversammlung des neuen jüdischen Vereines „Morg cnröthc" statt, bei welcher die Wahlen v.vrgenoniinen wurden: Gewählt ivurden in dem Ausschuß die Herren Dr. Nathan Birnbaum (Präsident), E. Torczyncr, Kaufmann (Vicepräsidrnt), Michael Berkoivitz, stuck, theol (hebe. Schriftführer), Moses Stern er, stuck, pliil. deutscher Schriftführer), Samuel Guttmann, sied.theol., (Bibliothekar), 'Nathan Pineles, Bankbeamter (Cafsier), und Emauuel Nelken, Buchhalter (Hausvcrweser). Zu Cassacontroloren wurden die Herren Josef Nelken, Buchhalter und Josef Goldberg, stuck, zur.; in's Schiedsgericht die Herren Moritz Grün, Bankbeamter, W. Stand, Kausniann, und David Sigall,stuck, zur., gewählt. In die Sectionc», deren Stellen mit den oben angeführten Funclioncn compatibel sind, wurden-gewählt: die Herren Rüben Brainin, Schriftsteller, Moses Salz, stuck, med., und Michael Berkowilz in die Scction für Palästina-Angelegenheiten; die Herren Michael Berlowitz, Dr. N. Birnbaum.und Salomo Silber mann, in die literarische Sectivn; die Herren Tr. N. Birnbaum, -M. Hammer, Stampiglien-Erzcuger, Joses G oldb erg und Josef Nelken in die gewerbliche Comnnsswn. Wie», den 30. Octobcr 1893 Der hebräische Sprach- und Sprechverein »Safah berurah« hält Sonntag den!2. November d. I. Nachmittags 3 Uhr seine senicstrale Generalversammlung ab. Budapest, den 25. Octobcr. Ministerpräsident Dr. Wckerlc ha: auf die Bemerkung des Abgeordneten Ignaz Hel sy betreffs der der jüdischen Deputation in Giins crtheilten Antwort, erklärt, das an der negativ gefaßten Form derselben nur die negativ gehaltene Äniprache de« Rabbiners Dri Bernstein Schuld sei. Jedenfalls muß Herr Wekerke. dessen Antipathie gegen die Juden ja schon in diesem Blatte bcjprochcn wurde, die Ungejchicklichkeit des Herrn Rabbiners mit großer Freude benützt haben — tu dein Bewusstem, durch dieselbe gedeckt zu sein. Sehr gut sag! die „Allgemeine jüdische Zeitung" über die Reccption der jüdischen Religion welch: bekanntlich erfolgt, um „an die israelitischen Staatsbürgcrciue alte Schuld zu bezahlen": Diese Zahlung wird wahrlich fein Deficit in der Staatskasse verursachen. Kol köre bamidbar. ' Deutsches Reich. Freiburg im .Breisgau, 24.Ocwberl893.Es ist den „reinen" Antiieiniteu jetzt gelungen, auch in den sächsischen. Landtag einzudringen. Allerdings erlangten von den 30 neu zu besetzenden Mandaten die Dcntschsvcialen nur 2, und die Deutschrcsormer (die frühere „antisemitische Bolkspa tei", stehen überhaupt nur einmal zur Stichwahl. Das liegt aber daran, daß die Anilfcmlieil in den meisten Wahlkrcifen gar keine eigenen. Candisaten ausgestellt hatten. Sie sahen sich dazu aus zwei Gründen veranlaßt, erstens weil alle sächsischen .Parteien (Conservative/Nalionalliberalc und „Fortschrittler") außer den Freisinnigen, die diesmalauch ihren letzten Sitz eingcbüüt haben,unddenSocialdcinokraten mehr oder weniger antisemitisch gefärbt sind, und zweitens weil die von ben Antisemiten geplante ' 'Ausuahmgesetzgebung gegen die Juden ja gar nicht Sache der Eiuzcllandtage, sondern des deutschen Reichstages ist. - So sehr wir nun auch die Stärke des Anlijemitisinus im Königreich . Sachsen bedauren, so. möchten wir doch unsere Parteigcnvsseri in Leipzig und Dresden daran erinnern, - einen wie günstigen Boden sie für uiiserc -zionistischen Bestrebungen gerade unter solchen Verhältnissen habe». Vieles läßt sich hier wohl durch .Verbreitung der „Selbp-Emaiic." thun. Auch vom Nachbarlande Böhmen ans läßt sich gewiß auf die sächsischen Juden wirken. Ikeberhaupt mögen die böhmisch-» Zionisten daraus aufmerksam gemacht sein, daß sie vermöge der Lage ihres Landes ein Bindeglied zwischen den österreichischen und reichSdenlschen Gesimmilgsgeiiossen nach atllil Seiten hin zu bilden geeignet sind. Gerade bei de,» Kampfe - zwischen Deutschen und Czcchen könnten sie doch auch am leichtesten Ersetze im eigenen Lande erringen, dar heißt den.Juden begreiflich machen, daß sie die „dritte Nation" im Land bilden. Bei den.Wahlvorbereitungen sür das Abgeordnetenhaus des preußische» Landtages haben die Conscrvativen den Amiscmilcnmehrere Sitze freiwillig überlassen Bemerkenswert ' ist hier ferner ein gewisser Vorgang in Memel und Tilsit. In beiden Kreisen haben die freisinnige Volkspartei und die litauische Partei ein . Comprvmif; geschlossen, wonach in jedem je ein Freisinniger und je ein Litauer von Freisinnigen und den Litauern gcniciiisaril gewählt werden sollen. Die deutsche freisinnige Partei hat sich also unbedenklich mit einer nichldcuischen Partei verbündet, lind sie hat dazu moralisch volles Recht,' da die Litauer nur ihre eigene Sprache und Nationalität zu wahren bestrebt find und im übrigen nur dem Wahle des dcntjchen Reiches dienen wollen. Die Ziele der Nationaljnde» (Zionisten) liegen aber noch mehr außerhalb der Interessensphäre des deutschen Reiches, so daß ein Wahkbündniß mit ihnen für eine deutsche freisinnige oder demokratische Partei noch natürlicher als ein solches mit den Litauern erscheinen würde. Jedenfalls müssen wir die Vorgänge in Memel und Tilsit im Gedächtnis; behalten, um die Freisinnigen gegebenen Falls daran zu erinnern. --'Nord- Am e r i k a. Skew'ljork, den 21. September 1893*). Am Donnerstag der vergangenen Woche halten wir einen Freudcntag. Herr Rechtsanwalt Adain Roscnberg, Präsident der „Shove Zion" Ar. 1, erhielt nämlich von dein Grvßrabbiuer von Frankreich Herrn Zadoc Eahn folgendes Schreiben: „Zu unserer Freude hat die türkische Regierung „ns die Erlaubnis; crtheilt, Kaufbriefe für den Grundbesitz Gvlan in Bascha», an welchem ja auch ihre Genossenschaft einen Thcil hat, zu nehmen. Dariuil ' - wollen sic so gütig sein, einen verläßlichen und von der Genoilenschasl - bevollmächtigten Delegaten zu entsenden, der nach Beirut reisen und , zusammen mit Herrn Frank den für die Genossenschaft gehörigen Thcil s wähle» und schließlich den, Kauibrief--nach Belieben der Genossenschaft i nehmen soll. Der Dclcgirle muß amerikanischer Untcrlhan und im Besitze ' eines' ordnn»gsi»äßigcit Passes sein. Dann wird Sie Niemand , hindern,' von ihrem Eigenthnm Besitz zu ergreifen, wie Sie dies wünschen > und Ihre ergebenen Zadoc Eahn, Isaak Braun." Die Erlaubnis; ' - Kaufbriefe zu empfangen, bezieht sich aber nicht blos auf das , Gründstück Golan in Baschan. Ich habe nämlich am vergangenen Sabbath > *) Diese Corrcfpondeiiz ging uns in hebräischer Sprache zu.

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