Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1893
- Issue
- Heft 13 (1.9.1893)
- Date
- 1893-09-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 13 Sewst-Hmancipation. - Wenigstens hat Herr Goldsmith eS verstanden, Disciplin in den verschiedenen Kolonien einznsiihren und die armen jüdischen Kolonisten gewannen immer mehr Zutrauen zu ihren Borgcsetztui. Freilich nmßte er Hunderte von Familien nach Europa zuriickschicken, und zwar nicht wegen Faulheit und Unbrauchbarkeit zur Feldarbeit, sondern wegen Uebertretung seiner Befehle-.Mäiuic: wie Gustav Niederlein, Charles Edward Cüllen, Sir Barrington, Sir Richemot und noch andere'.Männer von Geist und Herz bezeugten in der That, daß die Juden arbeitsam, nüchtern und willig sind. Sie verlieren jedoch diese guten Eigenschaften, wenn ihnen die gute Leitung fehlt. Unter der jetzigen Direktion ist die Disciplin verschwunden und an ihre Stelle die Anarchie eingetreten. Interessant und noch mehr als das, ist unumstritten ein Vor- -trag, ivelche» Herr Oberlehrer Dr. M e j er ans dem anthropologiichen Congresse in Hannover hielt und worin er ausfvhrte, daß Abraham ein indogermanischer Herzog mar, der vom Nordosten nach Palästina einwanderte, die Juden seien also Jndogermancu, Arier. Jetzt ist die Judenfrage gelöst, wo darf es noch Antisemitismus geben? Wecensionen. Achiassa f. Hebräischer Volkskalender für 5654. Herausgegebcn von der Verlagsanstalt gleichen Namens in Warschau. Inhalt und Ausstellung sind gleich ausgezeichnet, und zwar in einem Maße, daß der Kalender eine auSsührliche Besprechung verdient, welche wir ihm auch nächstens widmen werden. DaS Buch ist fast 40v große Octavseiten stark »nd kostet nur 75 Kopeken (ohne Porto). Dasellumajiw ubhaarez von S. I. Renzer, Lemberg 1893. Ein im deutschjiidischen Jargon geschriebenes Bächlein in Westcntaschensormat,' welches der Anfang einer sehr billigen Bolksbibliorhck — 2 kr. pro Hest — sein soll. Das Heftchen entwickelt, anknüpfend an den Tischah b’Abh, die nationaljüdischc Idee in sehr populärer Fonn und erfüllt ganz gut seinen Zweck, wenn auch Manches anders gesagt sein könnte. 3m Eisenbahnwagen Hebräische Skizze von R. A. Brandes. Jn's Deutsche übersetzt von M. Berk o wie;. (Schluß.) Während also die übrige» Juden das Morgengebet begannen, legte auch der Alte „Talith und Tephilin" an und fing zu beten an. Plötzlich hörte inan einen verwirrenden Lärm; „O, weh! der Conducteur!" und die Betenden überschlich unaussprechliche Angst und großer Schrecken, da sie wohl wußten, daß cs von Seiten der Eisenbahngesellschaft verboten sei, im Wagen zn beten. Der Eine schleppte seinen langen Mantel über den Talith, um diesen zu bedecken, der Andere schob die Mütze über die Tephilin; dieser riß eilig die Tephilin Herab, jener versteckte sich ganz Hinter dem Rücken seines Nachbarn, um so dem Auge des Cvnducteurs zn entgehen, während alle Gesichter gleiche Verwirrung und Panischer Schrecken bedeckte Der Alte allein vermochte wegen seiner Ungeschicklichkeit nichts weiter als dieTephilin vom Kopfe herunter zu reißen. Der Conductcur spähte begierig mit fürchterlichen Blicken umher, er sah die Ueberraschung aller und merkte wohl, was hier vorgegangen — plötzlich entdeckte er auch den Alten — Wie' wagtest du es, verfluchter Jude, hier zu beten? — schrie, er den Alten zornig an und schüttelte ihn mit seinen feisten Händen. — Entledige dich sofort des schmutzigen Zeuges, ekelhafter Jude! ... Diese rauhe und stürmische Ansprache störte Marcus und seine College» in ihrem Gespräche und diese wandten sogleich ihre Blicke nach dem neuen Schauspiel: Auf den armen wehrlosen Alten, der, wortlos und gesenkten Hauptes, vor dem Conducteur dastand und schier zusammenbrechen wollte. - — Und mit welchem Rechte, mein Herr, stören Sie einen Reisenden in seinem Gottesdienste? — fragte ihn Marcus in elegantein Russisch und gebieterischem Tone. —' Euer Gnaden wissen doch, daß es den schmutzigen Inden gesetzlich verboten ist, in den Wagen zu beten, um nicht die christlichen Mitreisenden zn belästigen, — antwortete der Conducteur ehrerbietig, in der Meinung, er habe cs mit einem Christen zu thun. — Es ist nicht wahr, — erwiderte Marcus gebieterisch.— Dn lügst! Die Negierung hat solche unsinnigen Erlässe nie gegeben. . . Die Eisenbahngesellschaft that es im eigenen Namen. In Petersburg haben wir nichts davon gehört... Ich rathe dir, von diesem Alten abzulassen, sonst berichte ich telegraphisch an das Ministerium und Dn sollst cs schwer büßen . . . Der Conducteur hörte die Worte „St. Petersburg", „Ministerium" keinesfalls gleichgiltig, so daß er den Alten aus seiner Gewalt lies. — Dawent Juden! — setzte Marcus mit mächtig erhobener Stimme in jüdischem Dialekte fort. — Ach, mein Sohn! mein lieber M e i r. mein einziger Sohn! — schrie der Alte wie aus einem Traume erwacht, und fiel Marcus nm den Hals, außer sich und kaum imstande, einen Laut mehr hcrvorzubriugen. — So; auch der da ist ein „Zyd“! — bemerkte der Conducteur ebenfalls erstaunt und schien zu bereuen, das; er seine Beute — den Alten —ans den Klan en gelassen. —■ Ach, mein B ater! — Mein Sohn! . . . Mein Meir! . , . Der Leser wird sich wohl die Sensation vorstellen, welche diese Erkennungsscene hervorrief; aber bevor noch Vater und Sohn mit einander zu sprechen vermochten und bevor der Conducteur sich wieder an den mit Talith und .Tephilin versehenen Alten machen konnte, kündigte das Pfeifen der Locomotive eine Station an, wo Vater und Sohn eilig ausstiegen. — Uastali Ierm Kerlm. Am 10. August starb im Alter von 77 Jahren der hochgefeicrte Rabbi Naftali Zewi Berlin, der nahezu40 Jahre Leiter der großen Jeschibha in Wolojchin und Rabbiner dieser Stadt war. Er war auf talmudischem Gebiete eine weltbekannte Autorität und hat mehrere rabbinische Werke von hohem Werte geschrieben. Rabbi Naftali Zewi war ein echter Lehrer seines Volkes, diesem treu und ergeben biK zu seinem letzten Athemzuge. Nicht wie die Rabbiner des gläubigen Judenthums in anderen Ländern, predigte er eine neumodisch orthodox-jüdische Kirchcnreligion, sondern es war das nationale Gesetz der Juden, welches er lehrte. Und so war er denn auch ein glühender Anhänger der z i o n i st i s ch e n Idee, für welche er in Wort »nd Schrift, namentlich aber in einem seinerzeit Aufsehen erregenden Artikel des hebräischen Jahrbuches „Kenesstth Israel“ eintrat. Rabbi Berlin starb in Warschau, wo er seit Jahresfrist, als die Jeschibhah behördlich geschloffen worden war, lebte. Der Schule ist bald ihr Leiter gefolgt. Sämmtliche jüdischen Geschäfte Warschaus wurden gesperrt, als die Nachricht von dem Ableben des edlen Greises bekannt wurde. 40.000 Menschen folgten seinem Sarge. , Correspondenz der Redaktion. Wir wünschen allerseits eine ch’thibha uch’thimah tobhah.