Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1893
- Issue
- Heft 12 (15.8.1893)
- Date
- 1893-08-15
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 12 Sewst-Gmancipation. Seite 7 aus welcher er soeben gerettet worden. Die Fahrt von Brindisi nach Jaffa kostet 60 Francs und 40 Francs wenigstens braucht er noch, um sein Leben bis zum Tage der Abfahrt fristen zu können. Diese 100 Francs dem jungen, strebsamen und tüchtigsten Zionisten zu verschaffen, damit er nicht elend in der Fremde zu Grunde gehe, sondern das Land seiner Sehnsucht erreiche, wo er für unsere Sache nützlich werden kann, — ist Pflicht aller wahren Ge- G c s i n n u n g s g c n o s s e n. Gebe ein Jeder, was er im Stande ist, aber nur r a s ch, s ehr ras ch, denn mit jeden Tage vergrößert sich die nothwendigc Summe. Die Administration weist cingcgangcne Gelder aus und führt sic ihrem Zwecke zu. — Gegeben haben bereits Herr L. P. Löbl, Wien: 5 fl; Herr R. Brainin, Wien 1 st.; Herr Prof. G. Bclkovsky, dzt in Wien: 1 fl.; Herr Sal. Bauer Wien 1 fl.; Herr Dr. B., Wien: Ist.—Zusammen 9. fl. Ans Rußland. Es wurde die Aufhebung der israelitischen Consistorien in Riga und beit übrigen tiirländischen Städten angeordnet. — Die Stadt Jalta in der Krim wurde ans dem sogenannten „ Ansiedlnngsrayon" gestrichen. — Die Schiffgesellschaften vom Dnieper nnd Zuflüssen haben Befehl erhalten, ihre jüdischen Angestellten zu entlasten. Hiedurch wurden achtzig Familien brotlos. Pcrsonalnachricht. Unser Gessinnngsgcnosse, Herr Moni M. Alcalay, hat sich mit Fräulein Benuca Raphussc ans Widdin vermahlt Jordan. In einem kleinen Thcile der Auflage des eben crschienenci: Kalenders „Jordan" pro 565,4 fehlt in Folge eines Versehens des Buchdruckers bei dem Artikel „Christliche Gelehrte und Forscher über di: Fruchibarkeit Palästinas" der Name des Amors, Herrn Dr. S. lli. Landau Wecenstonen. Dibhrej j’mej lifiainini (Lehrbuch der Weltgeschichte im jüdischen Geiste) von W. Jawitz aus Jerusalem. Crstcr Band. Warschau 5653. — Der Verfasser, wie bekannt, einer der hervorragendsten Schriftsteller der neuesten hebräischen Schule, hat schon wegen deS Titels dieses Werkes mannigfache Angriffe erfahren. Es Iahe sich nicht eine Geschichte im jüdischen Geiste schreiben, sondern die Geschichte müsse objectio benrtheilt werden. Ob dies so ganz richtig ist, mochten wir bezlveiseln. Denn niemand kann aus dem Jdeenkreise heraus, in welchen ihn seine Race, seine Umgebung, seine Erziehung versetzen, und wer da glaubt, noch so objectiv zu sein, tirtheilt und erzählt doch noch in Gemäßheit seines Milieus. Freilich war es da auch nicht nvthig, der Worte „im jüdischen Geiste" ausdrücklich dem Titel beizufügen. Diese Ausdrücklichkeit ruft nur Mißverständnisse hervor, wahrend, tvenn diese Worte auch gar nicht gebraucht worden wären, jeder aus dem Werke selbst, die Durchdrungenheit Jawitz's vom jüdischen Geiste, sei» inniges Verständnis der jüdischen Weltanschauung erkannt hätte. — Ja. darin ist Jawitz unerreicht. Mit wenigen Worten weiß er die jüdische, die altorientalische, die griechische und die römische Wektanschauung zu zeichnen. „Die Griechen sündigten mit Anmuth, wie die übrigen Volker deS Orients in geschmackloser Brutalität", „Aristoteles, ihr größter Weiser stellte die Behauptung aus, daß ohne Sclaveu ein Volk nie werde bestehen könneit", „nach deiii Bcsitzedes Bürgers bestimmte Solon das Maß seinerRechte", „die Talente in ihnen überivogcn alle Herzensrcguugcn, daium ivnrde die pelasgijche Lyrik von der Epik verdrängt", „daher blieb keine Spur von der Lehre der Gerechtigkeit zurück, tvelche Sokrates gelehrt halle, und die durch die Phantasien nnd Spitzfindigkeiten Platos verdrängt wurde", „kurz, alle hellenische Moral, deren sich die Griechen rühmen, ist ästh Nische, nicht ethische Moral" — sind einzelne Sätze aus denr Urtheile Jawitz's über die Griechen. lieber die Römer sagt er: „Den ritömern war Gewalt Gerechtigkeit, eine andere Gerechtigkeit kannten sie nicht", „der Werth des Menschen erstarb mehr nnd mehr bei ihnen", „der Geist ihres Rechtes lvar ein herber, der Geist der Unterdrücker (Tyrannen)." Jawitz zeigt dann, wie im Gegensätze hiezu der jüdische Staat ans gyellschastlicher Gleichheit und wirthschaftlicher Gerechtigkeit sich aujbaute, ivi'e die jüdische Wellanschannng die Liebe und den Frieden als vornehmste Bestandtheile aufweist. Schon wegen der Jesajanischen McnschheitSProjeticn allein hätte Israel Anspruch aus ewigen Ruhm. I a w i tz ist voll glühender Begeisterung für sein jüdisches Volk, das Volk des Herzens nnd Geistes, nnd diese Begeisterung wirkt so hinreißend, daß man säst vergessen könnte, daß durch alle seine Schriften ein etwas zu conservativer Gruudzng geht. Freilich ist es' echt jüdisch,r Eonseroativismus, der stets mit der 'Neigung zum Fortschritte zu kämpfen hat nnd mit dem Beilletäten des europäischen Conservativisinns nur wenig gemein hat. So scheint die I a w i tz'sche Feder eine gewisse Animosität gegen socialistische Denkweise zu vcrrathcn, und doch spricht aus jedem Worte, aus jedem Buchstaben, der bei allen edleren Ju>>cu durchbrechende Protest gegen soeiale und wirthschaftliche Ungerechtigkeit. Wenn er übrigens sagt: „denn von Gott ist alles Eigenthum", nnd hinzusügt, daß nur mit reinen Händen erworbenes Eigenthunr als solches zu betrachten-sei, so bleibt die Frage offen, was er unter „mit reinen Händen erworben" versteht. Der erste Band der Jawitz'schen Geschichte behandelt das Alter, thum, welches sür ihn mit Julian Apostatas Tode, also mit dem Zeitpunktabschließt, wo die christliche Kirchenreligion desin itiv römisch StaatSreligion tvird. e Mögen dem Inhalte nach sowohl in Bezug aus die Grnndstimmung als ans Details manche Anssetzuiigen zu machen sein, die Form, die Sprache ist tadellos. Es gibt nichts Hebräischeres, as das Hebräisch I a w i tz' Man muß so mit ganze'.» Herzen Hebräer sein als Jawitz' um so schreiben zu können; der Leser fühlt ans dem unbedeutendsten Satze Jawitz die hebräische Eigenart heraus; schon durch seine Sprache kann Jawitz hebräisch lesende Inden z» Zionisten zu machen. Diese Sprache, diese Einwirkung ans das Gciniith muß mehr nützen, als die scharssinnigsten Appelle an den Vorstand. Dr. N. B. Tiikim winien I)jC stosunek Zytlinv «1» Polakuw? (Wie soll sich das Berhältniß der Juden zit den Polen gestalten?) von Dr. A. Salz. Lenlbcrg 1853. 8° 47 8. — C'lm-a pacta claros faciuut amicos. Dies wäre die richtigste Devise der genannle.i Brochnre und dies ist auch ihre Ouinlesse»;. Sie bezweckt das gegenseitige Berhältniß der Juden nnd Polen in Galizien an der Hand der Thatsachen zu beleuchten, die Genesis, die Geschichte nnd die ethnologische Unhaltbarkeit der Assimilationsbestrebnngen zu schildern nnd schließlich das zionistische Programm nicht nur von nationale», sondern auch von ethischen und socialen Gesichtspunkten den Polen anSeinanderznjetzen. Fürwahr, das war nicht nnnvthig. Wie jeder Mensch seinen Geist erweitern, seinen Blick schäifen, den Horizont seines Denkens immer deutlicher gestalten muß, ebenso ist eö auch Ansgabe jeder Partei, ih e Seele, das Programm, immer mehr zu entwickeln, die nebelhasten Umrisse in markai'te Grenzen nmznbildcn und so ein deutliches Bild einer geistigen Collectiv-Jndividualität zu geben. Das Programm einer Partei hat nicht nur ihre Stellungnahme zu den verschiedenen menschlichen Lebensbeziehnngcn und Lebens-Idealen zu kennzeichnen, es darf auch über sein Verhältnis; zu anderen mächtigen Parteien keinen Zweifel obwalten lasten. Doch mit den Nationen hat cs ein eigenes Bewandtniß. Die Nation ist eine Summe von Individuen, die durch Standes-, Berufsiiud Bermögeusverschiedeilheireii derart durchwühlt ist, daß man bei ihr schwer eine ganz einbeiiliche Anschannng in einer gewissen Richtung sinden wird. Daher wird eine zielbcwnßte vom Chauvinismus nicht angekränkelte nationale Partei ihr Unheil gegenüber einer bestimmten Ration disserenziren in äffen. Die Geschichte der Inden in Polen — das ist ein dicker Band in der Geschichte der Diaspora. Zwar nicht Einer der traurigsten, aber dajür der finsterste. Servilismus, politische Geschlechtslosigkeit,,gepaart mit Streberthum der jüdischen oberen Zehntausend, assiinilatorische Experimentircrei. Alles hat den Zweck verjehlt und ihm drängt mit gebieterischer Nothwcndigkeik die Frage heran, was ihn»'? In höchst interessanter Weise weiß Dr. Salz diesen Knoten zit lösen, indkM er vorerst die Beseitigung der bisherigen Henchelei gegenüber den Polen, Geradheit und Ansrichtigkeit verlangt. Vornehm und würdig i» der Sprache, scharf nnd prägnant in der Ausdruckswegc, setzt dann der Verfasser SaS zionistische Programm zuerst im Allgemeinen und dann speciell in Bezug auf Galizieil ailSeiuauder. Hiedurch sollen die Polen Gelegenheit haben, dasselbe kennen zn lernen und, zum Bewußtsein gelangt, daß diese Lösung sowohl für sie wie sür die Jude» die einzig ersprießliche ist, sollen sie zu ihrer Realisirnng beitragen. Der erste Theil der Brochnre ist entschieden der bessere, an einzelnen Stellen findet man großartige^ Geüanken; im zweiten Thcile hat der Verfasser weit iiber'S Ziel geschossen. Die Zionisten sind gewiß den Pole» wohl gesinnt, aber was au; Seite 30 zn lesen ist, ist denn doch zu viel. Auch würde cs zn weil führen, wenn man den Maßstab der Lebenstähigkeit unserer Bestrebungen in der Anerkennng seitens anderer Völker sehen würde. Lassen wir dies, es ist schon in dieser Beziehung so viel von uns gesündigt worden, daß wir doch endlich den Maßstab für unser Thn» - nnd Lasten in uns selbst, unserer Ueberzeugung unserer Opferwilligkeit nnd geistigen Krajt suchen sollte». Wollen ims andere Völker unterstützen, so möge» sie es tyn», um der menschlichen Ideale >uegen-nur,nniertwegen-abev—uniere-Vläne nach -shrÄlMntdüukuzu^präpariren,—davor-behüte^uüs Gott! Die Frage,' ob aus Galizien mir das überschüssige jüdische Meiischenmaterial oder, ob ohne Rücksicht darauf die Juden ans dieser Provinz nach Palästina emigriren sollen, muß noch derzeit überhanvt als eine offene betrachtet werden, und ist es dem Verfasser ebenfalls nicht gelungen diese Fragegenügeud zu lösen, da er an zwei verschiedenen Stellen (S. M und 29,