Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1893
- Issue
- Heft 12 (15.8.1893)
- Date
- 1893-08-15
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Sekbst-Gmancrpatron. Nr. 12 Seite 2 Juden Böhmens auf tschechisch nationaler Grundlage. Der Verein will dahin wirken, daß die jüdischen Kinder tschechisch unterrichtet und erzogen werden, daß der Gottesdienst in tschechischer Sprache abgehalten werde, daß tschechische rabbinische Seminare errichtet werden; weitere Mittel sind : die Unterstützung ariner tschechisch-jüdischer Hochschüler, die Fördenmg von Ackerbau und Handiverk (!) unter den Juden u. f. w. Mel Glück! Als Gründungsgeschenk geben wir dem Vereine die Erlaubnis;, sich sänuntliche „Stammesgenossen israelitischer Confession deutscher Zunge" holen zu dürfen!" —Daß Herr Prof. Zucker und Consorien sich veranlaßt sehen den Antisemitismus unter den Tschechen bekämpfen zu wollen ist an nnd für sich schon ein charakteristisches Zeichen.. Dieses Wollen zeigt dieselbe Kurzsichtigkeit, dieselbe Verständnißlosigkeit für das, was uns wirklich notthut, wie sie auch von unseren jüdischen Führern anderer „Nationalität" bewiesen wird. Ist es einmal so weit gekommen (wie ich es auch voraus gesehen habe), daß es auch unter den Tschechen nicht verschämte Antisemiten mehr gibt, so nützt erfahrungsgemäß kein Mittel hiegegen, am allerwenigsten der zudringliche Anschluß au die nationale Partei. Wir sprechen es nocheinmal aus: Juden, die Einfluß haben, schädigen nur das Judenthum, wenn sie in die jüdischen Massen den Gegensatz zwischen deutschen nnd tschechischen Juden schleudern. Wir haben nichts dagegen, wenn einzelne Juden sich das Privatvergnügen machen, deutschnationale oder tschechischnationale Extravaganzen mitzumachen, doch müssen dies eben nur Privatvergnügnngen bleiben, damit nicht nachher Collectivprügel daraus entstehen, an welchen Unschuldige participiren. Im Lause der nächsten Monate tritt für Böhmen das „Gesetz zur Regelung der äußeren Rechtsverhältnisse der Juden" in Kraft nnd werden deshalb die meisten Gemeinden zur Neuwahl beziehungsweise zur Constituirung der Cultnsgemeindenvorstände schreiten. Wenn nun zwar das Gesetz es nicht zuläßt, daß in einer Stadt zwei jüdische Gemeinden existiren*), wodurch uns das traurige Schauspiel erspart ist, daß in einer Stadt national getrennte, sich vielleicht gar befehdende jüdische Gemeinden entstehen, so ist es doch möglich, daß die Wahlen im „nationalen" Sinne geschehen, daß nachher statt ausschließlich jüdische Gemeinden, deutschjüdische oder tschechischjüdische Gemeinden entstehen, die, statt jüdische Interessen zu vertreten, sich untereinander katzbalgen, was den Verfall der Genieinden bedeuten würde. An unsere Gesinnungsgenossen in Böhmen richten wir die dringendste Bitte, jetzt, wo so vieles für die Juden auf dem Spiele steht, mehr als je ihre Kräfte zu entfalten und durch thatkräftiges Eingreifen unsere, d. h. die allgemeine jüdische Sache zu unterstützen. Ihr habt ein weites frucht - bares Feld vor Euch, denn, wie die Verhältnisse in Böhmen liegen, ist es für die Juden in ihrem Interesse nicht anders möglich, als sich nur als Inden zu geriren. Wir wissen, daß Ihr Gesinnungsgenossen in Böhmen, so wie überall einen schweren Kampf zu bestehen habt, — schwer, weil gegen Mißverständnisse und Vorurtheile unter einem großen Theil der Inden selbst. Wir dürfen aber nicht erlahmen, iveil wir eine durchaus gerechte und nothwendige Sache verfechten; und wenn sich auch der Sieg'sehr langsam erringen läßt, so muß er doch kommen, gehorchend dem mächtigsten aller Gesetze, dem Gesetze der Natur. Den Juden in Böhmen rufen wir wieder zu: Es gibt genügend Anknüpfungspunkte *) Die Negierung anerkennt hiedurch gewissermaßen die Thats che, daß die Juden mir Inden in jeder Beziehung sind, sonst hätte man zugeben müssen, daß in größeren gemischtsprachigen Städten zwei bezhw. mehrere jüdische Gemeinden existiren dürfen. Ich verweise ans den Streit zwischen der türkisch-jüdischen Gemeinde in Wien und der n.-ö. Smtthalterei. für die Juden mit ihren deutschen, tschechischen u. s. w. Mitbürgern, welche ihnen eine geachtete Stellung verbürgen, ohne daß sie (die Juden) es nothwendig haben, die eine oder die andere Nation provocatorisch zu beleidigen. Der Jude hat stets ans dem Gebiete der Wissenschaften der Gemeinnützigkeit, der Wohlthätigkeit ein weites Feld offen, wenn ihn Intelligenz, ein gutes Herz oder sonstige edle Eigenschaften befähigen, das Niveau des Dutzendmenschen zu verlassen, der befähigte Jude möge seine Kräfte der jüdischen Nation widmen und mithelsen, das discreditirtc Judenthum wieder in die ihm gebührende, achtunggebietende Stellung zu bringen, dann wird er sich mit Stolz als Jude geriren können, dann wird er als Jude mehr geachtet werden, als in der Maske einer anderen Nation! Mögen die Juden aller Länder dieses beherzigen, mögen sie dadurch den Weg betreten, der zur endgiltigen Lösung der Inden - frage, zur Beendigung der Golus-Miserc führt. Gustav Seidemann. Die ordentliche Plenarversammlung des Odeffaer Paliistiim-Uereiites. Am 29. Juni (10. Juli) hat in Odessa die ordentliche Plenarversammlung der Mitglieder des „Vereines zur Unterstützung jüdischer Aeckerbauer und Handwerker in Syrien und Palästina" stattgcfundcn. Außer zahlreichen Mitgliedern der Stadt Odessa trafen Delegirte aus den entferntesten Städten Rußlands zu dieser Versammlung ein. Wilna, Riga, Kowno, Bialystok, Moskau, Charkow, Kischinew, Cherson, Taschkent und mehrere andere Städte hatten ihre begeistertsten überzeugungstrenesten, der heiligen Sache mit Leib und Seele ergebenen Vertreter entsendet. Viele von denselben waren schon selbst in Palästina gewesen und hatten das Land nnd die Verhältnisse an Ort und Stelle genau stndirt. Ans der Tagesordnung der Plenarversammlung befanden sich folgende Punkte: 1. Genehmigung des Rechenschaftsberichtes über die Thätigkeit des Comites in den verflossenen drei Jahren. 2. Wahl von 5 Comitemitgliedern, 5 Ersatzmännern und der Casserevisoren für die folgenden drei Jahre, 3. Einige Statutenänderungen und 4. die Berathnng des Comitcantrages betreffs Verewigung des Namens des verstorbenen Präsidenten des Vereines, Herrn Dr. Med. L. S. P i n s k e r. Nach einer kurzen Begrüßung eröffnete der Vorsitzende Herr A. G r i n b e r g die Sitzung, wobei er mit warmen Worten des früheren Präsidenten, des Vaters der palästinensisch.en Bewegung in Südrnßland, des dahingeschiedenen Dr. L. P i n s k e r gedachte. Aufrecht stehend lauschte die Versammlung den Worten des Präsidenten nnd criuncrtc sich des großen unvergeßlichen Nationaljndcn. Zur Tagesordnung übergehend legte der Präses dem Plenum einen ausführlichen mit viel Sorgfalt und Verständnis; ausgearbeitctcn Rechenschaftsbericht vor. (Näheres über den sehr interessanten Rechenschaftsbericht in folgender Corrcspondcnz.) Das Plenum genehmigte denselben mit Dank und Anerkennung und äußerte nur seine Unzufriedenheit über den zu scharfen Ton bei Veartheilnng der früheren Verwaltung in Jaffa, an deren Spitze der gewiß mackellvse und dem Nationaljudenthume sehr ergebene Herr Temkin gestanden war. Zn lebhaften Debatten lernt es bei Besprechung des Punktes betreffs Verewigung des Namens des Dr.L.Pinsker. Die Herren Dr. M a r g n l i c s undA. G r i n b e r g..beantragten die Errichtung einer elementaren Agronomieschule in einer der Colonien. Der Antrag wurde abgelchnt zu Gunsten eines Antrages des Plenums: in Jaffa ein