Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1893
- Issue
- Heft 8 (15.6.1893)
- Date
- 1893-06-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Selbst- Emanzipation. AbonnLmenls-Vrrife (Ziiskiidunz iilbcgriiie») FUrOesterreich-Ungaril ganzj. fl. 4 „ Deutschland „ Mk. 8 „ 3kus;land „ Rbl. 4 „ Amerika „ Doll. 2 „ die übrigen Länder „ Frcs. 10 Halbu. vierteljähriges Aboimemeitt zu den entsprechenden Theilbeträgen. Das Abonnement kann mit jeder '.>kuinmcr beginnen. Einzelne Exemplare 18 kr. Organ der Iranisten. Herausgeber und Lhcfredacteur: Ar. WaLyan Wirnbaum. Erscheint Anfang und Mitte eines jeden Monates. Redaktion Administration Wien, II./3, Miesbachgaffe 12. (Sprechstunde'. Täglichnnrvon 6bis 7 Uhr Abends.) Unfrankirte Briefe werden nicht angenommen und Mannscriple nicht retonnrirt. Nr. 8 Wien. 15. Juni 1893. VI. Jahrgang. ‘riltfWff. Jüdische Politik. — Das Land Gilead jFvrtsepung). — Disracli. — Ans Palästina: Jerusalem. — Berschiedcnes. — Aus . anderen Ländern: Oesterreich-Ungarn, Deutsches Reich, Schweiz, England, Nord-Amerika. — Notizen. — Recension. — Ans Israel! — Correspondenz der Redactivn. — Inserate. Indische Politik. „Unsere jüdischen Mitbürger müssen angesichts des jüngsten communaleu Ereignisses sich fragen, wen sic eigentlich mehr zn fürchten haben: ihre offenen oder ihre geheimen Gegner." — „Ist es nicht erklärlich, wenn aus jüdischen Wählerkreiscn Stimmen laut werden, die unmnthig and verdrossen für ein Zurückziehcn der Juden von dem Schauplätze des politischen Kampfes sind, den Pscudolibcralc und echte Antisemiten auf ihre Kosten führen", — zwei Sätze, welche im Leitartikel eines Blattes, das selbst von einem „jüdischen Mitbürger" heransgegeben iwir'o, zu lesen sind, und uns daher umso werthvoller crschenen; die ferner blos in Bezug auf Wiener coinmunale Verhältnisse niedcrgeschrieben sind, gegen deren ausdehnungsweisc Auslegung aber deren Autor wohl nichts einzuwenden haben wird. Die Dinge gehen genau den Gang, welchen wir längst voraussagten. Bon dem heftigen Kampfe mit den Antisemiten hat die jüdische Bevölkerung nichts profitirt, desto mehr freilich einige kampflustige Persönlichkeiten. Trotz aller Vekriegung wächst der Antisemitismus von Tag zu Tag, und wie traurig muß cs diesbezüglich schon ausschen, wenn die Eingangs citirtcn Worte in der „Wiener Sonn- und Montags-Zeitung", einem-der zwei Hauptkampforgane des jüdischen A n t i-Antisemitismus Platz finden. Freilich, die „Wiener Sonn- und Montags-Zeitung" zeichnet sich von jeher durch ein resolutes, rcsches Auftreten aus. Sie pflegt nicht, wie die anderen Wiener politischen Blätter, die Dinge schön zu färben; daß sie sich andererseits durch diese Thatsachentreuc erst recht die vernünftige Grundlage für ihr Kampsprogramm' entzieht, scheint sie nicht zu merken. Doch das gehört in ein anderes Capitel. Vorläufig sind wir ihr für die drastischen Worte dankbar, die sie gelegentlich der famosen Stadtrathwahl vom 23. v. M. ausspricht. „Wir sind wohl," schreibt das Organ des Herrn Alexander Schar f, „über den Verdacht erhaben, in den Führern der Antisemitenpartei leuchtende Vorbilder der politischen Woylanständigkcit zu bewundern, aber wir sind überzeugt, daß weder Dr. Lueger, noch Dr. Kupka, noch Ferdinand Mayer n. s. w. — wir nennen da die besseren Elemente unter den Antisemiten — auch mir einen Moment an die Möglichkeit gedacht haben, daß die liberale Partei das einzige jüdische Mitglied des Stadtrathes auf dem Altäre des Compromisses opfern könnte. So antisemitisch haben mir jene Liberalen des Gcmeinderathes gewählt, die eine geheime Abstimmung als die passendste Gelegenheit benützten, ihrer innersten Sympathie und Antipathie rückhaltlos Ausdruck geben zu können, ohne sich durch die Pflicht der Anständigkeit gehemmt zu fühlen. Die Thatsachc, das; Dr. Lueger nur das Mandat des Juden Goldschmidt erlangen konnte, ist ein brutaler Faustschlag, welcher unsere jüdischen Mitbürger in's Antlitz traf." Der „brutale Faustschlag in's Antlitz" sitzt. Was nun? Die „WienerSoun-und Montag-Zeitung" findet offenbar keine, jedenfalls aber keine befriedigende Antwort auf diese Frage. „Wo sind unter den Gemeinderärhcn jüdischer Eonfcssion jene Männer", meint sie, „die nicht nur den Gegnern, sondern auch den angeblichen Parteifreunden durch ungewöhnlichen moralischen Muth, stolze, unbeugsame Manneswürde, überragenden Geist und eine in dem Gefühle der vollsten Unabhängigkeit wurzelnde unerschütterliche Energie imponiren? Und doch sind dies Eigenschaften, die in einer so leidenschaftlich erregten, von erbitterten Parteikämpscn zerrissenen Zeit in ganz besonderem Maße gerade von Jenen verlangt werden müssen, in denen man nicht nur Liberale, sondern auch Vertrauensmänner, Repräsentanten des Judenth ums erblickt. Wo sind aber diese, so oft cs gilt, mit rücksichtslosem Muthe, mit idealer Begeisterung für das gute Recht ihrer Glaubensgenossen cinzustchen und die höhnischen Worte, die schmählichen Insulten zurückzuwciscn, die in ihrer Gegenwart von den Antisemiten gegen die Juden ausgeftoßcn wurden? Wie sollten sich Männer zu Thatcn aufrasien, die nur zu oft im rechten Momente nicht einmal den Mnth zu einer unerschrockenen, beherzten Rede finden? Wem soll die stille Entrüstung jener jüdischen Gemcinderäthe imponiren, die auch nur einen Augenblick einem Parteiverbande länger angchörcn, der ihnen und ihren Glaubensgenossen muthwillig einen Affront anthut. wie es gelegentlich der Wahl des Stadtrathes Dr. Lueger geschah?" Das Ganze hört sich wie eine Candidatenrede an — bekanntlich hat Herr Scharf bereits einmal erfolglos für den Gcmcinderath candidirt. Bessere jüdische Gemeinderüthe her! Austritt aus dem fortschrittlichen Parteiverbande! — ist der kurze Siun derselben. Wir haben gegen beide Forderungen an sich nichts einzuwcnden, denn ihre Erfüllung kann uns nicht schaden, eher nur Nutzen bringen. Auch die