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Selbst-Emancipation · 1893-02-28 · Heft 3 (28.2.1893) · p. Seite 7

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1893
Issue
Heft 3 (28.2.1893)
Date
1893-02-28
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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sft; 3 Sewst-Emancipation. Seite 7 sehr langer Zeit in Palästina cingewanderten russischjüdischen Familie, da sein Vater und Großvater den Namen Wilna führten. R. Eljascha r ist bereits bejahrt, ein hochgewachsener, stattlicher Mann mit feinem, durchgeistigten Gesicht, der vornehme Umgangsformeil, ein liebenswürdiges und tactvolles Benehmen, Berstündniß für die neue Zeit, und ebensolche Energie als Charakter besitzt, ist desHebränchen, Arabischen, Türkischen und Italienischen mächtig. RE l j a s ch ar ist also ganz der Mann, um sein Amt, dus bekanntlich nicht blos religiöse, sondern auch die Agenden eines richterlichen Beamten umfaßt und eine große repräsentative Bedeutung hat, gehörig anszufnllen. In seiner Antrittspredigt zu der sich Juden aller Riten und Zungen einfanden, ermahnte der neue Obcrrabbincr zlir Einigkeit. Die Allsiedlung der Juden in den Städten schreitet stetig vor. In L y d d a lLud) z. B. ließ sich vor circa 5 Jahren die erste jüdische Familie nieder. Jetzt befinden sich bereits 6 Familien dort und dieser Tage wurde dort ein jüdisches Kind — das erste in der neuen Zeit — geboren. Argentinien. . Es liegt uns ein hebräisch geschriebener Brief eines argentinischen Colonistcn an Dr. J a ffe in Paris vor, aus dem wir hier eine Stelle in deutscher Uebersetznng geben: Hochgeehrter Herr Doctor! Es ist ein Wechsel in der Administrc.tivn eingetreten. An die S'.elle der bisherigen Beamten sind andere, aber nicht bessere alS jene gekommen. Ein Spanier hat eine Krämerei auf Grund eines Berträaes mit der Administration eröffnet. Er zahlt letzterer eine sehr große Summe für die Bewilligung und zieht dasür den Colonisten welche in Ermanglung eines anderen Geschäftes ans ihn angewiesen sind, die Haut vom Leibe. Selten erhält der Colonist seine Unterstiitznue vollständig. Das Strafgeld ist eine neue Ruthe, deren sich die Admiillstratlvn bedient, um die armen in ihrem Elende verlassenen Colonisten zn reinigen. Die Straje be-, ginnt mit fünf Pesos. Im Monate Oktober hat dieses llebel eine besondere Höhe errei t. Die Summe der Strafgelder mar eine fürchterliche. Acht Familien erhielten gar nichts. Man denke sich nun unsere traurige Lage, aus der keine Rettung winkt. Der Colonist lebt von der Unterstützung, die er erhält. Im Geschäfte ist Alles theuer. Den Doctor mus; man bezahlen, wenn man ihn ruft, ebenso die Arzneien. lDiesc Neuerung wurde erngesühri, nachdem Sie uns verließen). Blau muß Sämereien für den Gemüsegarten kaufen — diese Ausgaben betrugen für meinen sehr kleinen Garten 25 Pesos. Wird der Pflug v .er ein anderes Aclergeräth gebrochen, >o muß mau die Reparatur dem Schmiede gut bezahlen. Wenn marr nun nach alledem kommt, um die Unterstützung in Empfang zu nehmen und der Ansseher B c rn h e i m eine Rechnung gibt, ans welcher zu ersehen ist, daß man außer allen diesen Ausgaben noch fünf ode» zehn Pesos Strafe zu. trogen hat. oder gar die ganze Unterstützung ausgegangen ist — wie schlimm ist ein solches Loos'? Wendet man sich an G v ld smi d wegen aller dieser Dinge — doch ich glaube, Sie kennen ihn — „der Administrator weiß, was er thut". — Ist datz keine unzweifelhafte Antwort? Eine Rettung ans diesem uns verzehrenden Unglück ist ausgeschlossen. Es fehlen ihnen z. B. Ochsen; ohne diese können wir nicht arbeiten und wenn wir ohne Arbeit bleiben, dann werden wir sofort aus die Strajliste gesetzt. Wer hat Schuld, wenn den Colonisten Bieh und Ackergcräthe mangeln? Tie Administration. Sie sündigt, und wir müssen es tragen und müssen noch den Mund ' hatten. Voll Unruhe geht der Colonist in die Adniinistraion, und! wenn er heimkommt,' sagt man ihm, daß er bestrast sei; fragt er weshalb? so muß er doppelt bezahlen. Bevor ec vor dem Administrator erscheint, bemüht sich der Colonist, zuerst zu erfahren, wie jener gegen ihn gestimmt und ob er nicht übel gekannt sei, denn alles das übt aus die Behandlung der Colonisten durch den Beamten großen Einfluß. Das ist unsere Lage, lieber Herr Doetor! Wir warten hier auf die Ankunft einer Commission des Vereines aus Paris. Wie man sagt, ist sie jetzt in Montevideo. Das Gerücht, daß G old smid seine Stelle verlaßen wird, ist hier sta k verbreitet. Wird es dann besser werden, oder vielleicht noch schlechter? In der Colonie herrscht große Aufregung unter den Colonisten, und zwar wegen der Strafen. Sie haben die Absicht, die Colonie zu verkästen, wenn nicht die PariserCommission welche Aenderungen schafft. Der Ai^t der Colonie ist gegenwärtig ein Deutscher, welcher bis jetzt an die Armuth derselben - vergessen hat. Die Colonisten geben sich alle Mühe, ihn nicht zu sehen, denn er waltet ungewissenhaft seines Bernses und liebt die Dollars gar sehr. Folgendes Geschichlchen mag den Mann illnstriren. In der vorigen Woche gab es in einer der Colonie» eine Brith Milah. Der Doctor wurde zu Gaste geladen. Beim Mahle leert er be, zwanzig Gläser Branntwein und 'evcin. a>; pch >a>t »nd ging davon. Am ersten des. Monates kam »nn der betreffende Colonist, um seine Untersiützung in Empfang zu nehmen. Wie erstaunte er da, als ihm der Administrator 1 Peso, welche der Arzt für feinen Besuch erhalte» hatte, abzog. Das ist doch gut und schön. Chronik. Ans Deutschland. Der Stadtrath von Düsseldorf hat das Prvject der Errichtung eines Heinedenkinals abgelehnt. Das ist der Dank, den die deutschen Dichter jüdischen Stanniies finden! — Angesichts der fortwährende» Jndendcbatten nn deutschen Reichstage, die sich iicuestcus zu theologischen Disputen über den Talmud answachsen, haben über ziveihnndert deutschländische Rabbiner verschiedener religiöser Parteirichtnng eine Erklärung, den Inhalt der jüdischen Lehre betreffend, erlassen. Golnsblüthe. Der jüdische Kaufmann Balleli in K 0 r f u begegnete aus der Straße zwei Griechen, von denen der eine, um Balleli zu schrecken, in die Luft schoß. Sein Genosse ries ihm indeß zu: „Wozu in die Luft schießen? Strecke doch den Juden nieder!" Ter Ersterc feuerte darauf hin nochmals, und Balleli sank, ins Herz getroffen, tobt nieder. — Pttriingaben. Ans Anregung unseres Gesinnungsgenossen, Herrn G. S y r k i u hat sich unter den Zionisten Rußlands die Sitte gebildet, die üblichen Pnrimgaben den jüdischen Lohnarbeitern in den palüstineusischcnjColonien znzuwenden. Zu demselben Zwecke werden jetzt die Kosten der Gratulationstelegrammc aller Art vcrlvendet. Ter Ausweis-. erfolgt im „Hamelitz". AnS Rußland. Nnnmehr sollen auch die Inden, welche ohne Wohnrecht außerhalb des Ansiedlungsrayons ansäßig sind und denen in Folge Erlässe vom Jahre 1880 und 1882 die Erlaubniß ertheilt worden war, unter der Bedingung, daß sie ihre Unbescholtenheit und eine beständige Beschäftigung Nachweisen, in ihren bisherigen Wohnorten zu verbleiben, — aus diesen verwiesen werden. Eine vier- bis achtmonatliche Frist ist den Unglücklichen gegeben. Man schätzt die Zahl dieser neuen Opfer auf 50.000, in Cnr- und Livland allein ans 5000. Bekanntlich ist auch im Ansiedlungsrayon der Inden nur der Aufenthalt in den Städten gestattet, wo sie einen furchtbaren Kanipf ums Dasein führen. Jetzt werden sie sich noch mehr iii diesen Städten zusammendrängen inüssen. Eine Laienpredigt. Sir Julian G o ld s m i t h, der Präsident der „Anglo Jewisch Association" hat neulich in der Synagoge in Berkerlcy Street in London eine Predigt gehalten. Wir haben nichts dagegen, daß Laien in der Synagoge sprechen, weil wir überhaupt den unheilvollen Unterschied zwischen Clerikcrn und Laien im jetzigen Judenthume beklagen. Aber hären wir doch, was der gute Mann verlangte. Er wünscht, daß endlich das Jndenthnm sich reformire, eingehendes Studium des Hebräischen, aber mehr Gebete in englischer Sprache; (Der Vordersatz ist wohl nur so eine eaptntio bonsvolöntino. Die Red.); das schrille unmusikalische Schofar durch eine harmonisch gestimmte Trompete ersetzt, die Schechita nicht aufgehoben, aber in einer Weise gehandhabt, daß endlich für Christ und Jude ein gemeinsames Mahl möglich werde u. s. w. Also Herrn Goldsmith ist es um den Ruhm eines „Religions- . reformators" zn thun, unter die Leute zu gehen, die, um mit Moses H e ß, dem Verfasser von „Rom und Jerusalem" zu sprechen, „mit neuerfnndcnen Ceremonien und abge-

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