Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1893
- Issue
- Heft 3 (28.2.1893)
- Date
- 1893-02-28
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3092672-3092696-3092699--1074-3094087- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2 Setbst-Gmancipation. Nr. 3 'ühren muß. B. in ausgelassener Freude begeht,-rivie. Mn Kummer, und Schmerzen' zu betäuben, das Peßächfest aber in heiterer Weihe, ganz dem Glücke der Erinnerung an das Glück hingegeben. Solange Israel nicht wieder voll und, ganz den Pcßach-. Gedanken in.sich aufnimmt — mit der gedankenlosen llebitug der Cereinonien allein ist nichts genützt'— ist der Umstand, daß es jähraus, jahrein mit Purimgcdanken gesättigt ist, nicht nur kein glücklicher zu nennen, sondern muß im Gegen? theil als. höchst, verhängnißvoll bezeichnet werden. Wo bleibt das frische Vorwärtsstreben, wenn man sich, des: Daseins freut, weil es ist, unabhängig davon/ wie es ist'? Jeder Purim bringt, seinen Hamgii uni, und.doch wird für jeden esu neuer geboren, und, die. Zwischenzeit wird von der kreißenden Menschheit, mit. Judenpeinigungen ausgcfüllt. Aber, man lebt, und. das. genügt, leider, unseren. Juden. Ein. kühner Schritt, um aus diesem Wirr- und Trübsal herauszukommen, wird'nicht gewagt. Die Leute denken sich : besser ein Schrecke» ohne Ende als ein Ende mit Schrecken. Das Sprichwort laütet bekanntlich, umgekehrt, aber — es ist ja nicht von und. für moderne Juden gemacht. Und als oll überhaupt ein schlimmerer.Ausgang. möglich..wäre, als höchstens die Rückkehr zur jetzigen Däinmerexistenz; und als ob sich ein mnthiges Volk vor einem Mißlingen durch Natur und Geschichte gerechtfertigter, Bestrebungen, zu fürchten brauchte. Ja, Muth' ist das' große Wort, von.-dcm das Schicksal unseres'Volkes abhängt. Soferne ein Theil der Juden sich weder'Purim noch: Peßachzu Herzen nimmt,, besitzt, auch er Muth, freilich Dlofj den zum Selbstmorde; diejenigen,- die den Purim ohne Pcßach betrachten, besitzen den Muth zu leiden.; diejenigen aber, für welche Purim und: Peßach sich ergänzen, haben' den echten, währen Muth, den Muth; sich eine nienscheii- und volkswürdige Existenz gründen zu wollen. Wir können den. Purim nicht besser feiern, als wenn wir uns vornehmen, mit allen Kräften dahinzu wirken, daß im jüdischen Volke dieser Muth/ dieser Muth. des Lebens und ^Strebens. Wurzel fasse, der dann zur endlichen Erlösung Arischer rmd semitischer Geist. Ein Vortrag des Herrn Dr Theodor Hertzka. Es gibt Vorträge, welche über den Nahmen der Alltäglichkeit. hiüäuswachsen. Ein solcher war derjenige, den Herr _ Dr. Theodor H e r tz k a unter dem Titel „Arischer und semitischer Geist" am 14. Januar d. I. in der Vereins- Versammlung der „Oestcrreichisch-Jsraclitischen Union" hielt. Herr Dr. Hertz k a ist durch sein Werk?„Freiland", durch welches, eine eigcnthümiiche sociale Bewegung eingcleitct wurde, in den weitesten Kreisen bekannt; sein Name konnte keinen Zweifel lassen, in welcher Richtung sich der von ihm angekündigte Vortrag bewegen und von welchem Werthe er .sein werde. Umso peinlicher war cs für Jeden, der für das Ringen der Männer von hohem Geiste und edlem Sinne Bcrständniß hat. zu sehen, wie wenig Zuhörerschaft Herr Dr. Hertz ka hatte. Nicht ein Zehntheil des Publicums, das bei Vercinsversammlungen der Union zu erscheinen pflegt, wenn vom Antisemitismus die Rede ist, fand' sich : ein. Die Erschienenen hatten ihr Kommen gewiß nicht zu bedauern; es war eine Ohrenweidc, den Mann zu hören, wie es zu gleich eine Herzensweide für den Kenner war, herauszufühlen, wie der Vortragende mit seiner ganzen Persönlichkeit in seinen Ideen und: Idealen aufgeht. Dr. H c rtz.ka sprach, als Socialist — ein - Wort, das. man. nicht mit der Parteibczeichnnng Socialdcmokrat verwechseln darf — und als Jude. Er ist ein Mann, der die Eigenart des .jüdischen Wesens erkannt hat und diese Eigenart vollständig uüd mit Bewußtsein in sich' verkörpert.. Dr. Hertz ka kommt in .seinen Erwägungen den zionistischen Wahrheiten bis aus . eine, kleine Spanne nahe, um dann plötzlich andere Wegcstinznschlagen. Er wäre 'vielleicht Zio .nist geworden, wenn die nationaljüdischen Elemente seines Denkens Zeit .und Gelegenheit gefunden hätten, sich zu ordnen und zu befestigen, bevor die große sociale Frage an ihn. herantrat; und er wäre nicht, er, der abseits von der Socialdemokratie stehende Dr. Hertz da, sondern einer ihrer Führer gleich S i n g e r, B e b e l und L i e b k n e ch t geworden, wenn: er nicht im Grunde seiner Seele ein Nationaljude.wäre. AeuitLeton. Geist und Geisteskr'nnllhcit bei den Indens) 'Im . Exile hat. sich unser. Geist auf Kosten unseres Leibes entwickelt. Wollten wir ein richtiges und wahres Bild von unserem Volke entwerfen, so müßten, wir es mit mageren dünnen Händen und Füßen und mit kleinem Rumpfe, dagegen. mit einem sehr großen Kopfe darstellcn. Im Exil? hat sich , unser Leben und' Wirken nur auf unseren Geist cöncentrjrt. Dieser unser Geist aber ist den anderen Völkern fast..vollständig fremd, den» sie haben sich weit mehr Äühe gegeben, seine.Quellen auszunäckncn, ihn zu verbrennen, zu ersticken und allesj. was in ihm lebt und sich bewegt, zu tödten, als zu erfahren, was sich in ihm abspiclt und seine verborgenen. Kräfte zti erforschen. Nicht blvs das Blut von Zehntausenden unserer Brüder, das wie Wasser von den Händen unserer Feinde und Verfolger vergossen wurde, schreit zu uns' aus allen Weltgegendcn, sondern auch.die Stimme der jüdischen Gedanken, welche die rohe grausame Hand unserer Bedrücker getödtct. hat, , tönt ans allen' Zeiten und Ländern an unser Ohr. *) .Aus. dem hebräischen,Original-Maiiuscript übersetzt. Die jüdischen Gcistesproducte blieben — auch dort, wo dem Anscheine nach die Grenzen zwischen jüdischem und nichtjüdischein Denken beseitigt wurden — den - anderen Völkern ferne und. fremd. Die Gedanken des jüdischen Geistes schweben noch in der Luft und haben in dem Geiste fremder Nationen noch nicht Wurzel gefaßt. Wie die Gedanken, des christlichen. Heilandes aus jüdischem Stamme und seiner Apostel erst nach vielen Wandlungen und Aenderungeii in den Köpfen nichtjüdischer Priester Eigenthum der Völker werden konnten,— ebenso mußten die Ideen Lassalle's und Marx', deren geistige Arbeit von Grund aus, in Art und Form, von der. geistigen Arbeit anderer zeitgenössischer Volkswirthschaftslehrer unterschieden ist, Veränderungen und Abschwächnngen, Erläuterungen und Erklärungen: erhalten uni der. europäischen Welt verständlich zu werden, und noch, heute sind die Ideen dieser, beiden Männer auf europüsichem Boden wie eine, fremde . Pflanze.. Nur Juden erfaßten diese Ideen gut, und wie sic gemeint waren, und nur: Juden kämpfen.für dieselben, mit ihrer ganzen Energie. . Auch Heine und Borne stehen in der Weltliteratur streng gesondert da. Doch können wir es den anderen Nationen nicht als Schuld anrechnen, wenn sic diesen Männern nicht? die gebührende Anerkennung zollen. Die Sache ist höchst einfach. Sie verstehen Hein e und Börne