Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1893
- Issue
- Heft 2 (10.2.1893)
- Date
- 1893-02-10
- Page
- Seite 237 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2. Selbst-Emancipation Seite 23). „ich möchte dieses zarte innige Faniilieiilebe», die Keuschheit, die Genügsamkeit, die Sparsamkeit, die Aufopferung für die Kinder, den Wohlthätigkeitssimi; die Gastfreundschaft, das jüdische Herz, dieses heilige Erbthum unsercr Väter, — ich möchte sie auch nicht auf germanische Sitten, eintanschcn, und wenn ich mir e i n b i l d e, i in G c i st c d e r jüdischen Profetcn zu leben, so ist mir dies mehr werth, als die Anerkenn ung meines Nachbars, dass ich ganz Leut s ch b i n. — Die Brochiire ist eine Agitations-Brochiire für die bevorstehenden Berliner Gcmcindcwahlen; als solche kann sie keine jüdisch-nationale Tendenzschrifl direct sein, aber ihr offener Krieg gegen die Assimilation, welche hier unter dem neuen Wort „Salonjudenthum". erscheint, die Betonung der „Stammesgcnossenschaft", der Hinweis auf die englischen Juden, lassen sie als wcrthvoll für unsere Sache erscheinen. Der markige und prägnante Stil des Heftes ist besonders zu loben. Mazelrtüit Sichren von Benjamin Schapira (Krakau 5653). Eine hebräische Biographie des jung verstorbenen jüdischen Malers Moriz Gottlicb, welche an Gründlichkeit nichts zn wünschen übrig läßt und den Nachweis der echt nationalen Gesinnung des genialen Künstlers fiihrt. Dem Büchlein ist das Bild Gottlicb's (Sclbstporirät in arabischer Tracht) beigegebcn. Das Reinerträgniß des Festes ist dem Krakauer hebr, Sprachverein „Sfatli Emeth" gewidmet. Per Meg Mir Pcrstäiidigung twifdjett Indentunr und Christentum von Dr. Johannes M ü l l e r, Leipzig 1892. Ein Versuch, die Inden für die Anerkennung Christi zn gewinnen. Hierin liege die einzige Möglichkeit einer Verständigung zwischen Inden und Christen. Der- Verfasser ist kem zünftiger Missconär, aber er ist Missionär, und von diesen Herren haben wir eine eigene Meinung. Sie mögen cs manchmal ganz gut mit uns Inden »leinen, aber sie leiden an einer Monomanie, welcher wegen wir sie fast bedauern könnten. Bilden sich diese sonderbaren Schwärmer, unter ihnen Herr Dr. Johannes Müller, wirklich ein, alle Juden oder auch nur einen großen Teil derselben zum Christentum zu bekehren? Wenn die Inden von ihrem heutigen Materialismus werden abzubringcn sein, so wird dieses Werk geiviss nicht dem Christentum gelingen, ja wir glauben fast, die Missionäre werden von Glück sprechen können, wenn sich diese Häutung bei den ch r i st l i ch e n Völkern Durch das Christentum vollziehen wird; doch das geht uns nichts an. Bleiben wir bei den Rathschlägcn des Herrn Dr. Müller an unsere, der Inden Adresse. Herr Dr. Müller hat sehr gut bemerkt, „dass es zwischen Juden und Christen nur zu einer oberslächlichcn Anpassung, nicht zn einer tiesinnerlichcii Verschmelzung kam." Ter Grund aber, welchen er hiefür ansührt, — „die Jndenheit verschmähte es in souveräner Berachtun' Jesus von Nazareth und der von ihm ausftrömenden Geistcsflut, in die verborgenen Quellen der christlichen Cultur hinabzutauchcn^ und sich für die centrale Erfassung derselben durchläutern, stärken und befruchten zn lassen, verschmähte es, sich bei der persönlichen Annäherung mit den Christen über den religiösen Lebensgrund zu verständigen" — zeigt die religiöse Einseitigkeit des Mannes der auch dem Antisemitismus deshalb grollt, iveil er — unchristlich ist. Dr. Johannes Müller kennt die jüdisch-nationale Bewegung, er spricht vvn ihr an einer Stelle seines Buches, - er kann sicher sein, die Natioiialjudcn gewinnt er ani allerwenigsten für seine Anschauungen, denn die wipen am besten, dass es nur eine gründliche und dabei würdig e Verständigung zwischen Juden und Christen gibt — diejenige auf Grund völkerrechtlicher Gleichstellung. Ingendlrlnien, eine Sammlung hebräischer Aufsätze von Isidor Brüstiger. Eine Samiiiluiig von 14 Aufsätzen, meist Uebersetzungen aus andersprachigen Classikern. Die Sprache ist gut, das Büchlein daher empfehlenswert. Belletristisches. Im GifenIral) nwagen. Hebräische Skizze von R: A. Brandes. Ins Deutsche übersetzt von M. B e r k o w i c z. (Fortsetzung.) „Tausend Dank Dir, Nicolai, für Deinen Trost", sagte Marens, heftig seine Hand ergreifend, „wenn Dn aber in mein Inneres blicken könntest, wenn Dn Dir auch blos vorzustellen vermöchtest, welchen finstern und dornenvollen Weg ich bis heute durchwandelt habe, Dn würdest dann schwerlich rathen, den Kummer kleinen Kindern zu lassen. Du bist so glücklich, christlichen Eltern zu entstammen imd kannst nicht das Geringste ahnen von dem, was ich jetzt empfinde. Ich, der ich im Alter von 15 Jahren aus dem Hause der Eltern, als deren einziges Kind, dessen Verlust sie (wenn sie noch leben) bis heute noch beweinen, entfloh, um eine Schule besuchen zu können, der ich später in der Rabbinerschule zu Z . . . Hunger und Kälte gelitten, nackt und barfuß einherging, in einem Rinderstalle schlief und dort bei der düster» Flamme eines dünnen Talglichtes meine Aufgaben ausarbeitete, der ich auch in St. Petersburg so kümmerlich lebte, wie Ihr, meine Freunde, es wohl gesehen und ost bewundert habet... Und wozu nun habe ich solche Qualen ertragen? Was vermochte mich zur Verharrung in so unsäglichen Leiden und Klagen anzuspornen? ... Ich hatte eben noch Hvsfnung, ich war noch so einfältig zu glauben, einst ein Mensch zu werden, mir und den anderen zn nützen, leben und auch meine alten armen Eltern erhalten zu können. Auf einmal sehe ich mich um all' dieses getäuscht und meine Hoffnungen wie Seifenblasen zerfließen — weil ich Jude bin, weil mich just eine jüdische und nicht eine christliche Mutter gegeboren ... Sv habe ich auf der Universität die Philosophie gehört, da ich es nicht verstand, für's Leben zu sorgen. Die Mathematik zog mich besonders an und ich widmete mich ihr mit allem Eifer; auch Ihr, meine Collegcn, habet meine geistigen Erfolge gesehen. Doch sind viele meiner schwächsten, unfähigsten College» bereits ans Ziel gelangt, nur ich als Jude — nur ich . . . —" *) Marens unterbrach hier, denn die drei Collegcn wurden plötzlich auf eine Scene aufmerksam, die in der anderen Ecke des Wagens homerisches Gelächter erregte. Dort stand nämlich ein polnischer Edelmann, ein Mann in den Fünfzigern, von dickbeleibter aber niedriger Gestalt, sein Gesicht war roth und rauh und wie es schien, waren ihm aus den alten guten Zeiten der „Schlachta" nur noch die große rothe Warze an dem rechten Ende seiner Nase iiitD die Gepflogenheit — viel zu trinken, geblieben. Dieser Edelmann nun hielt ein großes Blatt Papier, mit polnischen Lettern beschrieben, daraus er singend, springend und verschiedene jüdische Bewegungen nachahmend — „Ma-jophis“ declainirte. Viele der Mitreisenden verließen ihre Sitze, umstellten den Declamator und störten so durch ihr Gelächter Marcus in der Fortsetzung seiner Rede, der sich nunmehr so wie seine Collegcn dem Schauspiele zuwandte. „Sehr gut! . . . Ausgezeichnet! ..." „Ein wahrer Grund! . . . ein Antisemit!" „Bravo! Bravo! ..." „Cha — cha — cha . . ." „Haman!" „Ganz die echte Melodie! . . ." Solches und Aehnliches ließ sich im Wagen vernehmen — die einen sprachen laut, die anderen murrten still; der eine klatschte Beifall, der andere äußerte erbittert seine Unzustiedenheit. „Was soll denn das bedeuten?" fragte Nicolai seine jüdischen Collegcn. „Es ist dies die Harfe, welche die Juden an den Weiden Polens hangen ließen", antwortete Jacob höhnisch lächelnd, „und zugleich der Schatz, den die polnische „8zlao!>ta" von ihrem Nachbarn Israel erbeutete. „Sing' doch „Ma-jophis“ Mojsche!", befiehlt jener dem Juden an seinem Hofe, sobald er ihn „etwas verdienen" läßt; und er läßt ihn wahrlich doppelt verdienen, sobald er „Ma-jophisu gesungen. Der Jude bleibt auch fortan in seiner Nähe, wird sein Factor, Unternehmer, kurz seine rechte Hand, um den Preis dieses „Ma-jophis“! . . ." „Auch das ist Dir Scherz, wie ich sehe", rief Marcus erregt, „aber, um mit dem Weisen Mainwnides zu sprechen, solche Dinge erregen Lachen vor der Ueberlegung, Weinen aber nach eingehender Betrachtung. Ahnst Du wohl, dass eben biefe Dinge die erste Ursache sind, weshalb wir so leiden, weshalb uns alle Rechte abgesprvchen werden? ■ *) Schicksale wie die des Marcus gibt es auch anderwärts, nicht blos in Russland. Die Redaction.