Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1893
- Issue
- Heft 2 (10.2.1893)
- Date
- 1893-02-10
- Page
- Seite 232 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 232. Selbst-Emancipation Nr. 2. Jen ue'r (Clavicr) und Osten (Gesang) leisteten ganz Vortreffliches und ernteten reichlichen Applaus; namentlich hatte die erstgenannte Dame, deren ergreifende und Packende Dcclamationsweise wohl zu dem Besten auf diesem Gebiete gehört, einen großen Erfolg. Bemerkt mag hier auch werden, dass Fräulein Rot Hst ein, eine Sängerin, welche, ihre Mitwirkung zngcsagt hatte, im letzten Augenblicke absagcn liessp diese Dame singt offenbar lieber vor russischem Publikum in Moskau gegen Entgelt, als vor indischem in Wien aus Gefälligkeit. Einen Glanzpunkt des Abends bildeten — the last is 110t tlie least — der Sologesang des Herrn Obcrcanror Bauer vom türkischen Tempel und die Productioncn des Männcrquartetts dieser Synagoge unter Führung des Chordirigcntcn Löwit. Der Vortrag des Liedes „das Mädchen von Inda" und einer Arie ans „Josef" von Mehul waren Gesangsleistungen, auf welche HerrObcrcantor Bauer, trotz seiner bekannten Erfolge noch immer stolz sein kann und die daher auch das Publikum mit frenetischem Beifall lohnte. Das Fest schloss mit zwei Gcsangsaufführnngcn des erwähnten Quartetts, „Die Himmel rühmen" (hasclianiajim m’saprim) von Beethoven und einer großartigen Composition ,,Ä1 naharoth. babliel“, letztere mit Harmoniumbcgleitiing. Mit diesen vom Publikum bewunderten Kuustleistungcn schloss das an schönen und reinen Genüssen so reiche Gründungsfest. Gestern fand eine außerordentliche Generalversammlung des Vereines statt. Bei derselben wurden Ergänzungswahlcn vorgcnommen. An Stelle der wegen cingctretenen Zeitmangels aus dem Vorstände getretenen Herren Vierer, Biro und Salz wurden die Herren B. Fuchs, (Secrctär für die deutsche Sprache), M. Sterncr (Bibliothekar), und Josef Rosenbaum -Hansvcrwcscr) gewählt. Der Verein hat sein Wirken verheißungsvoll begonnen und stößt allenthalben auf Sympathien. Möge er sich diesen Anfängen entsprechend entfalten. — Bcgrüßnngstelegramme und Zuschriften langten ein: Von der Rcdactiou des „Hamagid hechadasch“ gemeinsam mit dem Vereine Sfath Emetli in Krakau, den Vereinen „Zion" im Lemberg, „Hasmvnaca" in Czcrnowitz, „Jung-Jsrael" (sehr sck)öncs Gedicht) und „Nussisch-jüdisch-wisscnschaftlichcr Verein" in Berlin, endlich von der ,,^>8oeiatiou des Etudiants Jsralites russes-1 in Paris. Nach der Feier kam eine Zuschrift des Pariser Universitätsprofessors, Herrn Josef Halevy sammt hebräischem Gedichte an das wieder auflebendc Hebräisch. Wien, 3. Februar 1893. - Bedingungen der Fortentwicklung unserer Sprache. (Fortsetzung und Schluss.) Was meiner Wenigkeit, als einem in dem Studium und der Fortbildung unserer Sprache ergrauten Manne und als Theilnehmer an der nationalen Bewegung, zu dieser erfreulichen Erscheinung zu bemerken übrig bleibt, ist nunmehr Folgendes. Wenn wir unscrm Zionismus überhaupt und unserm Sprachlichen besonders die Zukunft sichern wollen, so müssen wir beide auf dein festen Grunde unserer viertausendjährigen Geschichte aufbaucn. So hat das wick)tige Werk des Herrn Slutzki „Schibhatli Zijon“, worin er den eifrigen zionistischen Sinn der altfrommen Rabbinen des Jahrhunderts aus speciAlen Urkunden documentirtc, einen großen Dienst geleistet, indem es bewies, dass der Zionismus tief im ganzen Judenthum wurzelt, einen wesentlicheil Bestandtheil desselben bildet und keineswegs ein Kind der unstäten, leichten Mode ist. Und so lebt auch unsere cwigjunge Sprache ein tiefinnerliches, reiches, unversiegbares Leben in unserem Schriftthum, welches alsdie Athiüosphärc unseres Volkes anzusehen ist. Daher ist sic keinesfalls als lebloser Gegenstand zu betrachten, mit dem sich beliebig experimentiren lässt. Man muß viclinehr lnit ihr als mit eincnl lebenden mündigen Wesen-' umgehen und nichts soll an ihr vorgciiommen werden, ohne früher ihren Geist zu befragen, ob es sich mit ihrer wahren Natur verträgt. Daher muß man willkürlichen Neubildungen so weit als möglich ausweichen, wenn man die Sprache vor Entstellungen und Ausartungen behüten will. Und in der Thal ist unsere Sprache reich genug, um sich diese gewaltsame Dressur nicht gefallen lassen zu müssen. Sie ist im Stande, aus sich selber zur modernsten Ansdrncksfähigkcit ausgebildet zu werden. Daher sollen wir uns nur im äußersten Fall, nachdem man den ganzen Sprachschatz durchsucht hat, ohne etwas Anwendbares anfgcfnnden zu haben, zu einer Neubildung entsck)ließen, und auch dann muß man die größte Vorsicht walten lassen. Sonst geht die frische Natürlichkeit, und freie Ungezwungenheit, die allein die Kriterien jeder lebendige» Sprache sind, und die unsere Sprache mit allen jüngeren Schwestern thcilt, ganz verloren. Mit einem Worte: wenn. wir die Lebendigkeit unserer Sprache erhalten und vermehren wollen, müssen wir Auffindung als die Hauptaufgabe unserer Sprachforscher, Erfindung aber bloß als geduldeten Nothbehelf anschen. Und so oft sich die Lust zu sprachlichen Erfindungen unserer übermäßig bemächtigt, möge uns das sinnige Wort unseres größten Sprachmeisters R. Jehuda Halevi als leise Warnung entgegentönen: „Hast du wohl je gesehen, oder gehört, dass jemand eine Sprache von selbst ersonnen habe." (Chozari I. 55) Und ebenso ist and), was den Stil der Sprache betrifft, nur die Rückkehr zu den natürlichen Quellen zü empfehlen. Zwei verdienstvolle Forscher, unseres Jahrhunderts, S. D. Luzzato und Dr. Michael Sachs*) haben mit 'feinem Tact festgestellt, dass mit der Aneignung der arabischen Cultur das Naturwüchsige und Urkräftige in der hebräischen Sprache aufgchört habe. Luzzato lässt Mar brich de Nabbina als den letzten cchtjüdischen Dichter, und dessen erhabenes „Eloliai Nezor“ als letzte echtjüdische Dichtung gelten, und schließt seine Abhandlung mit der geistreichen Bibclwcndung. „Und cs erstarb die hebräische Dichtung und cs erstand die arabische Dichtung". Wir wollen aber doch nicht so schwarz sehen. Die hebräische Dichtung starb nicht, sie hat bloß viel an naiver Einfalt und somit auch viel an unbewußter Jugendkraft verloren. Anstatt sich wie früher ihrer starken Beine zu bedienen und sich nur auf den frommen Hirtenstab Moses zu stützen, ritt sie seitdem in Spanien auf feurigen arab.schen Rossen und fuhr auf stolzen Prachtwagen. Auf den prosaischen, schwereren Wegen aber, die nicht zu geistigen Spazierfahrten geeignet sind, sondern zu ernsten Lebens- oder Wisscnschaftstourcn, wo man mit luxuriösem Gespann nicht durchkommt, da waren die Beine des spanischen Hebraismus so verwöhnt, dass er sich ohne Krücken nicht fortbewegen konnte. Zum Glücke aber gab es Juden auch außerhalb Spaniens, die zwar auf den Titel Sprachforscher wenig Anspruch machten, dagegen in der leichten Benutzung der hebräischen Prosa ihre Brüder in Spanien weit übertrafen. Bei der ausschließlichen Vertiefung der französisch- und deutschjüdischen Rabbinen des Mittelalters in die Quellen des biblischtalmudischen Judenthums, floss aus ihren Federn das Hebräische, zwar ohne alle puristische Aengstlichkeit, und nicht immer mit strenggrammatischer Genauigkeit, dafür aber mit einer Leichtigkeit, die nie um einen Ausdruck verlegen ist. (Diese Leichtigkeit übertrug sich nachher anch auf die spanischen rabbinischen Schriftsteller seit *) Der Erstcre im „Zion" S600 oder 5601. Der Zweite in seiner „Religiösen Poesie der Spanischen Juden". Beide Werke sind leider nicht in meinem Besitz, so dass ich die Stellen nicht genau citiren kann. . Der Verfasser.