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Selbst-Emancipation · 1893-01-15 · Heft 1 (15.1.1893) · p. Seite 229

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1893
Issue
Heft 1 (15.1.1893)
Date
1893-01-15
Page
Seite 229 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 24. Selbst-Emancipation der Berechtigung ihrer Ueberzeugung durchdrungen sind, und durch die Bekämpfung des angeblich jüdischen Einflusses dem Wohl des Landes zu dienenglauben. Viel eher können wir behaupten, dass die Gefährlichkeit und der bittere Ernst dieser Bewegung nicht deutlicher gekennzeichnet werden kann, als durch den Umstand, dass diese Männer selbst davor nicht zurückschrccken, ein mehrfach bestraftes^Snbject in den Reichstag zu senden, nur deshalb, weil derselbe als encrgisckiec^VorkälNpfer des Antisemitismus aufgetreten ist." Die antisemitische Sturzwelle betitelt sich ein anderer Artikel der „A. Z. d. I." von^ Georg Minden. „Ja, diese.Bewegung," heißt es darin, „ist^eiiie'vorübergchcnde Sturzwelle, die sich über das deutsche Volk ergießt und die vorübcrrollen wird, obgleich man nicht leugnen kann, dass ein in der Tiefe verborgenes Gefühl iülha!) — unsere Altvordern nannten cs' drastischer Rischus, Schlechtigkeit — seit Alters- Her weit verbreitet ist" Nun höre man und staune: „Die antisemitische Bewegung hätte sich längst abgestillt, wenn nichts im vorigen Jahre drei erhebliche Faktoren dahin gewirktMtten, sie neu zu beleben."^ Als diese drei Fatoren nennt Herr- Msi n d c n die („schlechten Zeiten", die „gewaltige religiöse Aufregung" im preußischen Volkes in Folge der Volksschulgesetzentivürfe, die „dircete" Abhängigkeit der "Deutschen in Bezug aus den Antisemitismus vom östlichen Nachbar." Mit solchen Dingen tröstet sich ein"Großtheil7dcr deutschen Juden. „Der übertriebene Dalianalismus." Davor warnte Herr Professor FörsterAn?cinciZSitzung dcrZBcrliner „Ethischen Gesellschaft" seine Zuhörer, namentlich die/jüdischen. „Der größte Fehler, sagte er auch, „den die Juden mitten in unserer Station jetzt begehen könnten, und eine sehr große Gefahr für das deursche Volk sei' die Fortführung oder gar Verstärkung des engeren?in>ammcnichluges der Juden untereinander." Und das nennt wohl Herr Pos. Förster nicht „übertriebenen Nationalismus", ivcnn er aus lantcrZdcntschem Nationalgefühl — er spricht von einer großen Gesahr für das densche Volk — einen von aller Welt angefcindcten Bolksstannn auffordcrt, seine letzte Stütze, die eigene Solidarität anfzugeben. Doch wir wollen mit Pros. Förster nicht rechten; gegen Inden sind die Slricr selten gerecht, anch wenn sie ihnen Wohlwollen, woran freilich zumeist ihre jüdischen Einflüstercr schuld sind. Dagegen nuisten wir uns wieder mit der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" abgeben, welche durch den Vorwurf Försters so in Harnisch geräth, dass sie ansruft: „Wir Juden gehören der deutschen Nation an: wir denken nicht ihm Traunie mehr an eine besondere Siationalität und an einen engeren politischen Zusammenschluß". Gegen diese generalisirende Erklärung protestiren wir ganz energisch, gicichgiltig ob wir dadurch Professor Förster» Gunst verlieren oder nicht. Wir Na tionaljuden betrachten uns der Nation nach nicht als Deutsche: wir denken ohne Unterlass an unsere jüdische Nationalität und deren Einigung auf nationalem Boden. Judentum,'«nd? Patriotismus«^ Unters diesem Titel veröffentlicht der bekannte und allgemein hochgeschätzte Pros. Dr. H. Steinthal in der „Allg. Ztg. des Judcnth." einen Artikel, der gewiss Beachtung verdient. Es ist mcrkivördig, wie wackere Männer, deren Herzen - ganz ihrem jüdischen Volke gehören, deren Gefühl sich im Grunde gegen die Assimilation ausbäumt, durch ancrzvgcne Vorurtheile, welche ihr Denken nicht gleichen Schritt mit ihrem Empfinden halten lässt, zu den in sich widerspruchvollsten Urthcilen komnien. „Dankbarkeit!" heißt es in dem genannten Aufsätze, „die verlangt man ja eben nicht; die Forderung lautet: Jude, gieb dein Judentum aus; höre aus, Jude zu sein; geh auf im deutschen Volke. So! Ist das wirklich die deutsche Forderung? fordert das der deutsche Geist, nicht des deutschen Pöbels (den es doch auch gibt), sondern der deutschen Nation? Wenn ihr das meint, so haben wir wirklich den Stolz (ihr könnt ja sagen die Slnmaßung), dass mir das besser wissen — wir, die lvir jüdische Deutsche sind. In uns lebt deutscher Geist viel Heller und viel kräftiger als leider in Millionen, die mit ihrem Gcrnlaiicntum prahlen. Denn die Sache liegt einfach so: I u d e n t h u m i st Hnmanitä t; und weil diese sich mit >edcr Nationalität verträgt, wenn sic von der Nation ernstlich erstrebt wird, so verträgt sich auch natürlich Judentum mit jeder, humanen Nationalität. _ Ucberzeugt, dass das Wesen der Humanität nirgends so tief erkannt ist wie von den Denkern deutscher Ration (nur leider vom deutschen Volke nicht gleich hervorragend bethätigt), danken wir mit Börne der Vorsehung, dass sie uns jüdische Deutsche hat geboren werden kaffen." Mit dieser Stelle, welche an sich schon genug Kopfschüttcln verdient, vergleiche man aber noch den folgenden Schlnsspassus des Artikels: „Was der Fremde Ueblcs von uns sagt (fremd bloss insofern er nicht zu unserer Familie gehört), schmerzt nicht so sehr, wie das, was aus deni Munde des Verwandten komint. Wie bitter klagten alle unsere alten Prvfeten! Sie klagten gerade wie wir heute: Israel kennt, crsullt seinen Adel nicht, wirft ihn von sich. Erst wollte es phönicisch, dann assyrisch, babylonisch, dann sollte und wollte es griechisch sein: das war in den Zeiten, die den Aufstand der Makkabäer veranlassten; heute wollen oder sollen wird gernmnisch sein. Soviel ist sicher: wären wir Griechen geworden, so könnten wir heute nicht das Glück haben, Deutsche zu sein. So, wie Philo Hellene war; so, wie Gabirol Araber war: so wollen wir Deutsche sein, wie Mendelsohn es war und mancher andere Jude." Wir haben nichts hinzuzusügen, denn mehr können wir für das Naturgemäße, Logische, Ungekünstelte — unserer Grundsätze nicht ansührcn. als obige, wir bedauern keinen frenndlichcrcn Namen hicfür ä'l haben, Orakel. Seite 221). Aus Russland. Nach einer Petersburger Meldung soll den Moskauer Juden vom nächsten Jahre ab, ausnahmslos jeder Handelsbetrieb verboten werden. Nur der Uebertritt zur orthodoxen Kirche und der Allsweis über die strenge Erfüllung aller religiösen Plichten während dreier Jahre, welche von den Convcrtiten in einem Dorfe bei Moskau unter priesterlicher Aufsicht zu verbringenHsind, berechtigen zur Fortsetzung des Handelsbetriebes in Moskau. Demnächst soll den meiste» in Petersburg thütigen jüdischen Advocaten die behördliche Weisung zugehen, ihre Berufsthätigkeit lediglich in den Städten de» sog. „Ansiedlnngrayon" auszuüben. WeiterS soll auch die Zahl der Apotheken in Petersburg, bereit Besitzer Juden sind, bedeutend herabgesetzt werden. Aus Persien kommen traiirige Nachrichten über dies Bedrückungen und Verhetzungen der dortigen Juden. Der „Hazetirah“ wird darüber aus Bagdad berichtet. Namentlich in Hamadan ist die Lage der Juden geradezu nicht mehr erträglich. Aus Marokko wird der „Jüdischen Presse" berichtet, dass der dortige neue Kaid der KaSba, d. h. des europäischen Viertels der Stadt Marokko sich daran ergötzt, den Juden ohne Anlass aus Habsucht und Grausamkeit hunderte von Peitschenhieben verabreichen zu lassen, wiewohl dies durch einen noch von Moses Moiitcfiorc erwirkten Ferman des Sultans von Marokko verboten ist. Ueber Einschreiten der fremden Cousuln erhielt der Kaid einen Verweis. Dabbi üaadja Gaons tausendster Geburtstag wurde am 8. d. M. von der Lenibcrger jüdischen Jugend festlich begangen. Die Feier fand in der Synagoge {in der Zolkiewsker Gasse statt. U’uej ß’ritii. Wir hatten in den letzten Wochen Gelegenheit mit dem nuern,üblichen und verdienten Propagandisten des bekannten amerikanischjüdischen Ordens „B’iiej B’ritii“, Herrn S. Frenthal aus Kilttoivitz (Preußen, Rücksprache zu nehmen. Derselbe, welcher auch ein guter Zionist ist, befand sich gerade auf einer Agitationsreise nach Böhmen, wo er in Prag und Pilsen v'ngj L'ritli-Vcreine zu gründen im Begriffe stand. In Krakau und Biclitz sind seine Bemühungen bereits von Erfolg gekrönt. Die „B'iiej B'ritlr sind bekanntlich ein Bund von Vercinen mit eineni gewissen Cercmoniell, deren Zweck die Weckung des jüdischen Solidaritätssinncs, die Erziehung der Juden zu guten und 'edlen Mcnschcn, und gegenseitige llnterstütznng sind. Derloiralnachricht. Unser Gesinnuiigsgeiiosse, Herr Benjamin Spira in Krakau hat sich mit Fräulein Anna Birkner verlobt. Recensionen. Iawilj'a neueste Schriften.") — P’ri haarez (1. Thcil) Klange ans der Vorzeit. — (Fortsetzung.) Im ersten Artikel „Maakosc^im 1’ misrIior: zeichnet Iawitz in großen Umrissen das Leben der Inden im Exile seit der Vertreibung aus Spanien. Er zeigt darin, dass alle die großen Unglücksschläge und Gefahren, welche von außen und innen unser Volk Betroffen und bedroht haben, und die den Untergang unseres Volkes herbeizuführen schienen, einen nützlichen Kern und günstige Folgen hatten!... Die vierhundert Jahre, welche unendliches Leid über uns brachten, uns zur Slffimilation und zu nationalein Selbstmord drängten, — rüsteten unser Volk für seinen Fortbestand, iind seine Wicderaufrichtung aus und versaheit es mit einer reichen Fülle von alledem, was eine lebende Nation bedarf. Während dieser Zeit eigneten wir uns Ordnungsliebe und Bürgcrsinn sowie politischen Geist an, lernten den Welthandel und verbreiteten Handel und Gewerbe zwischen der Mehrzahl unserer Stamnicsgcnosscn, erwarben wir eine volkommene, alle Bedürfnisse befriedigende Sprache, erhielten wir eine regelrechte kritische Geschichtsschreibung, eine Versiertheit in allen Wiffcnichasten und Künsten. Jetzt ist nach der Meinung I a w i tz' unser Genius, von dem man dachte, dass er sich ans fremdem Gebiete niedcrlassen werde, auf das Gebiet Israels zurückgckehrt. „Jetzt", so schließt der Artikel, „haben wir nichts mehr zu thun, als uns dieser Errungenschaften zu bedienen, sic auszuiiben, etwas zn thun ihrer selbst und nicht der Nachahmung willen, von deit Söhnen Japhets (Ariern) die Ordnung aiizunchmen, aber auch nichts mehr als dies. Der Artikel erreicht, was System und Geschmack betrifft, die besten europäischen Schriftsteller, während er andererseits die . volle Tiefe und Schärfe semitischen Schreibens besitzt. Nur einen großen Fehler besitzt der Artikel: Eine allzustarke Gedrängtheit, wodurch Vieles unbewiesen zuriickbleibt — Der zweite Aussatz „Sch'or jischubh“ ist von I. G o l d m a n n geschrieben. Wir finden in demselben viele Nachrichten über die Colvnien im heiligen Lande. Herr G o l d m a n n zeigt, dass sich in Palästina der Weinbau besser lohne als der Feldbau; mit der Wein- und Obstcultur würde ein großer Export Hand in Hand g-hen. Sehirej Jissrael Isek-iJerlin. (Lieder von Israel Jsch- Berlin). St. 'Pcterbnrg?1892. Unsere Leser kennen den Bersasser schon von einem andern Gebiete her. I s ch-B e r l i n hat vor einigen Monaten die deutsch geschriebene Broschüre, „Die jüdische Unabhängigkeit" erscheinen lassen, welche seinerzeit in unserem Blatte besprochen wurde. *) Diese Rccensiou ist aus dem Hebräischen übersetzt.

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