Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 15 (5.8.1892)
- Date
- 1892-08-05
- Page
- Seite 152 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 152. Selbst-Emancipation Nr. 15. hat sich nichts ereignet, was im Stande wäre, uns mit dem neunten Abh zu versöhnen. Eine ununterbrochene Kette von: Leiden ziehen wir nach uns; jedes Jahr stückelt einen neuen: Ring daran, manchen schwächer und weiter, manchen stark' und enge, tief einschneidend in unser Fleisch. Zur zweiten Gattung gehört das dritte Ereignis, von dem wir sprachen und das uns' zeitlich am nächsten liegt. Doch auch vierhundert Jahre sind ein gewaltiger Zeitraum, Horen wir uns zurufen. Was uns die Köpfe zerbrechen über das, was einnial geschehen ist? Fort mit der Vergangenheit! Nicht trauern auf Gräbern! Frisch leben in der Gegenwart! Manche werden hinzufügen: mit dem Blicke in die Zukunft,— die Meisten in unserer heutigen so edlen und klugen Gesellschaft werden auf diesen Zusatz verzichten. Mit den letzteren rechnen wir nicht. Die Zeit wird kommen, welche der Herrlichkeit dieser Todtcngräber des Idealismus, dieser Sendboten der Genusssucht ein Ende machen wird. Die Guten und Vernünftigen brauchen nur zu wollen, und die moralischen Seuchenherde des Materialismus sind zerstört — auch innerhalb des Judentumcs kann und wird cs so sein. Nur für die Guten und Vernünftigen, deren Sinnen und Trachten über das eigene Ich, über die eigene Zeit hinausgeht, schreiben wir diese Zeilen; nur mit ihnen kann cs eine Verständigung geben, weil wir nur bei ihnen Verständnis finden können. Es ist gefehlt, uns Zionisten eine unftuchtbare Anbetung der Vergangenheit vorznwcrfen. Nichts liegt uns ferner. Darin besteht ja gerade das-Wesen unserer Partei, dass sic sich nicht in unthätigcr Bewunderung des Altertums verliert, dass sic sich aber auch nicht von einer kleinlichen Gegenwartspolitik leiten läßt, dass sic vielmehr die Zukunft im Auge hat, für die Zukunft arbeitet, die Zukunft schön und gut gestalten will. Dass wir in diesem Streben es nicht vermeiden, Blicke in unsere Vorzeit zu werfen, ist durch zwei Gründe gerechtfertigt: Erstens, durch den unserem Stamm angeborenen Pietätssinn, den wir offen'bekennen, auch auf die Gefahr hin, schon deswegen von confusen Weltverbesserern, welchen das Gemüth abgeht, als rückschrittlich verschrien zu werden; zweitens durch die Notwendigkeit aus der Vergangenheit zu lernen, wie die Gegenwart geworden und wie die Zukunft zu gestalten ist. Das Altertum soll uns die Richtung unseres Strebens lehren, das Mittelalter im Vereine mit der Neuzeit die Notwendigkeit desselben. Wir müssen auf die spanische Judenvertreibung verweisen, damit sich der Vergleich mit der heutigen Zeit aufdränge. Wir müssen zurückgreifen auf den neunten Abh vor 1823 Jahren, damit sich das jüdische Volk bewußt werde, wann sein scheinbar unvergängliches Leid begonnen habe — das nur vergehen könnte, wenn eine Zeit kommen würde, welche sich die nationale Selbständigkeit, die wirthschaftliche Festigkeit und die sittliche Reinheit des jüdischen Altertums zum Muster nimmt, ohne etwa dieses mechanisch copiren zu wollen. Der Hinweis auf unser Altertum und unser Mittelalter ist die Waffe, mit der wir die Dunstwolken der jüdischen Assimilation zcrtheilen und die Seifenblasen des . jüdischen Socialismus zerfließen machen können. Wir gebrauchen diese Waffe im Dienste des Fortschrittes, der Aufklärung und der socialen Gerechtigkeit, und wir werden sie daher nicht aus den Händen geben. Lächelt nur über die Nationaltraucr am 9. Abh, Ihr würget ja selbst noch die vergifteten Bissen herab, die Titus Euren Ahnen vor 1800 Jahren zu kosten gab. Sehet nur verächtlich auf die Narren hinab, . welche nach 400 Jahren die Juden bedauern, welche damals aus Spanien vertrieben wurden —Ihr seid ja doch nichts anderes als die Prügeljungen, die Aschenbrödel, die Hanswurste Europas, seines Adels, seines Bügertums und seiner Massen. Und ist. Euch nach Xanten der germanische Geist Bürge, dass er nicht auch, noch einst den spanischen nachahmt, wie dies der russische so erfolgreich seit einem Jahrzehnt thut? Ihr werdet nicht lange mehr Das Land Gilead mit Ausflügen in den Libanon, von £<trcii? (Olipljitnt.*) (1. Fortsetzung,) Ich zweifle nicht, dass die Juden der Einladung des Sultans, zurückzukehren und den Boden ihres ehemaligen Erbes in Besitz zu nehmen, Nachkommen würden, trotz der kühlen Zurückhaltung, die einige ihrer Glaubensgenossen in den großen Städten der europäischen Civilisation ihrer Pietät gegen das Land ihrer Väter entgegenbringen. Ich füge zwei Artikel aus dem „Jcwish Chronicle" vom 9. und 11. Juni 1880 bei, welche, da dieses Blatt das bedeutendste jüdische Organ Englands ist, als Ausdruck, der Gefühle der Nation über diesen Gegenstand betrachtet werden können/*) und in diesen Ansichten wurde ich noch von Juden, mit denen ich seitdem im Osten gesprochen, bestärkt. Die Gcsammtzahl des jüdischen Volkes beträgt heute zwischen sechs und sieben Millionen. In Europa giebt es an 5,000.000, in Asien über 200.000, in Afrika beinahe 100.000, in Amerika zwischen 1,000.000 und 1,500.000. Mehr als die Hälfte der europäischen Juden wohnt in Russland; 1,375.000 bewohnen Oesterreich, von denen 575.000 in Galizien leben; 512.000 bewohnen Deutschland-; in Rumänien werden sie mit 274,000 angenommen, die Türkei selbst mit über 100.000. In Holland gibt es 70.000, in England *) Edinburgh und London 1868. Aus dem Englischen übersetzt von Siegfried Glaser, und mit Anmerkungen versehen von Dr. Moritz Grünwald, Rabbiner, beide in Jnngbiinzlau. **) Siche Anhang I. 5 .000, in Frankreich 49.000, in Italien 35.000, die übrigen europäischen Länder enthalten eine sehr geringe Zahl. Von asiatischen Juden entfallen 20.000 auf Indien, 25.000 aus Palästina. Da, das Landausmaß, das ich für den Anfang zur Colonisation Vorschlägen würde, eine Million, oder höchstens anderthalb Millionen Acker Landes nicht übersteigen würde, wäre es traurig, wenn unter den beinahe 7,000.000 Menschen die infolge der Ueberlieferung, dass sie dasselbe ftüher besessen, deni Lande anhängen, nicht, genug gefunden lverden könnten, um 1,000.000 Pfund und noch mehr zu dessen Ankauf und Einrichtung zu zeichnen, und wenn, abgesehen von jener Zahl eine Auswahl von Emigranten nicht getroffen werden könnte, die genügendes eigenes Capital besäßen, um sie zu musterhaften Colonisten zu machen. Ich erwarte nicht, dass sie aus England oder Frankreich kämen, sondern aus der europäischen und asiatischen Türkei selbst, als auch aus Russland, Galizien, Rumänien, Serbien und den slavischen Ländern, wo sie besonders unterdrückt werden, und wo manche den reicheren Classen Angehörende gern die Verfolgungen, denen sie ausgesetzt sind, gegen die freie Luft, die sie unter türkischer Regierung im Lande ihrer Väter athmen würden, Umtauschen möchten. Es ist wahr, dass etwa 25.000 ihrer schon dort sind, doch sie gehören zum größten Theile dem Bettelstande an und sind des Schutzes beraubt, den sie unter der Aufsicht einer Gesellschaft und im Besitze einer Urkunde, die ihnen einen gewissen Grad der Selbstverwaltung sichern möchte, genießen würden.*"*) So unterscheidet sich auch die Lage der sephardischen Juden in Palästina vortheilhast von der der Juden in Russ- __ ***) Ein Erfordernis, an das unsere heutigen Zionisten nicht vergegen dürfen. Tie Redaction.