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Selbst-Emancipation · 1892-06-21 · Heft 12 (21.6.1892) · p. Seite 126

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 12 (21.6.1892)
Date
1892-06-21
Page
Seite 126 (sequence 12)
Language
German
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Seite 126. Selbst-Emancipation Nr. 12. Mein Großvater machte Licht und bei dessen Scheine sah ich, dass sein Gesicht kreidebleich war und in seinen Äugen ein eigenthümliches Feuer brannte. Seine ganze Gestalt zitterte. Er sah mit einem Blicke voll Mitleid und freudiger Hoffnung auf seine schlafenden Kinder. Dann zog er seine geflickten Kleider an. Sein Antlitz verrieth, dass in seinem Kopfe wnnderbare Gedanken auf Goldgrund webten. Wenn ich mir jetzt das Aussehen meines Großvaters in dem Augenblicke, als er auf den Friedhof hinausgieng, um den „Schatz" zu suchen, ins Gedächtnis zurückrufe, glaube ich das Gesicht eines jener mittelalterlichen Forscher vor mir zu haben, der überzeugt, den „Stein der Weisen" gefunden zu haben, vor der mit Mist gefüllten Retorte sitzt und darauf wartet, dass im nächsten Augenblick das goldene Kalb herauskomme. Die Nacht vergie'ng, der Morgen brach an, mein Großvater kam vom Friedhofe heim. Schrecken ergriff mich, als ich hörte, wie er tappend auf den Ofen Hinaufstieg. Schwere Seufzer entrangen sich seiner Brust, seine Hände zitterten, ein Schauer schüttelte seinen Leib, seine Lippen bebten. Ich horchte und vernahm, wie er zu sich sagte: „Ich habe den Schatz nicht gefunden . . nicht blinkendes Gold habe ich mit meiner Hand gefasst . . Ich habe mich geirrt, Knochen fand ich und glaubte, es sei der „Schatz" ... Aber warum habe ich voreilig den blinkenden Gegenstand weggeworfen. Mein Tastsinn hat mich irregeführt. Ja, ich hatte den Schatz schon, und habe ihn wieder verloren, habe ihn selbst weggeworfen. Wehe mir! . . . Wie mein Kopf schwer ist.... Ach, mein Kopf.. . Meine Seite.... Wer sticht dort mit Nadeln." Meine Großmutter erwachte durch die Rufe ihres kranken Mannes und erhob sich. Was hast du, Mann, bist du unwohl?" „Ich habe den Schatz gefunden" war seine Antwort. „Wo ist er? Warum sprichst du leeres Zeug?" „Sichst du'nicht die goldenen Ducaten auf dem Fußboden ausgestreut? Sammle sie in Säcke, damit sie nicht verloren gehen." Unwillkürlich blickte ich zu Boden und sah Staubklnmpen auf Sttohmatten und Erdstücke, aber keinen Pfennig. Meine Großmutter trat mit schlotternden Knieen an den Ofen und sah in das Gesicht des Großvaters, das sich in dieser Nacht bis zur Unkenntlichkeit verändert hatte. „Wehe". — entrang es sich mit fürchterlicher Bangigkeit ihrer Brust — „Chaim, mein lieber Mann, inein Schutz und Schirm, was ist dir geschehen?" . Die Kinder, welche in den verschiedenen Winkeln des Zimmers auf den Fußboden schliefen, die armen, mageren, gedrückten, kranken Kinder erwachten durch das Geschrei ihrer Mutter. Mein Großvater schwieg. Kalter Schweiß bedeckte seinen ganzen Körper. „Er liegt im Todeskampf!" schrie meine Großmutter mit furchtbarer Stimme, und die Kinder sielen mit Jammergeschrei ein. _ . .. In kaum einer Stunde hatten sich im Hanse meines Großvaters eingefunden alle seine Kinder, darunter auch mein Vater, die Nachbarn und die Diener der Chewra-Kadischa, die den Sterbenden sehr lieb hatten. „Moscheh, mein Sohn", wandte er sich flüsternd an meinen Vater. „Ich sterbe. Den „Schatz", welchen ich zwanzig Jahre vergeblich gesucht habe, heute Nacht habe ich ihn gefunden, aber ich habe ihn nicht genommen ... Ich habe ihn Dir als Erbe zurückgelassen ... Dir habe ich ihn gegeben, Du sollst ihn besitzen . . . " Er starb, - - im Alter von 48 Jahren. Meine Großmutter lebt noch; man nennt sie allgemein im Orte die Wittwe des „Schatzgräbers." So oft sie den Namen von Chaim „Schatzgräber" hört, überfließen ihre Augen von Thränen bitterer Verzweiflung, Thränen ohne Ende... exegetisch-kritische Studien. JESAIAS Wilhelm Beich Baliier ler israel. CnBnpeinle in Baien M len. | Verlag von Oskar Frank's Nachfolger Wien, 1892. Preis 3 fl. ö. W. „Freuet euch, Kinder! .... Ihr werdet keinen Hunger mehr haben . . . Ihr werdet nicht mehr barfuss gehen; . . . Bald werdet ihr Leckerbissen essen und in Seide euch kleiden" rief mein Großvater mit seiner heisern Stimme. Die Kinder verstanden nicht, dass ihr Vater krank sei, hüpften, als sie seine frohen Tröstungen und Versprechungen hörten, freudig in die Höhe. „Arme Kinder", sagte meine Großmutter zu ihnen, ' „Tanzet und springet nicht, euer Vater ist sehr, sehr krank. Betet zu Gott, dass er ihn genesen lasse!" Da senkten die Kinder ihre Köpfe und begannen bitter- ' lich zu jammern. Zu ihren zarten Stimmen gesellte sich das ' Wehklagen der alten Frau. Die Todten in der Nachbarschaft der Familie Meines Großvaters waren zu beneiden, dass sic dieses herzzerreißende Wehgeschrei nicht hören konnten. „Chaim, was. ist-Dir? Erbarme Dich doch Deiner kleinen Kinder! Warum siehst Du so enstellt aus uud weshalb sprichst Du so verworrene Reden?" In Wien finden ei« oder zwei Knaben aus anständiger Familie im Alter von 10 bis 16 Jahren in einem feingevitdeten jüdischen Kaufe volle Verpflegung, eventuell auch Unterricht in den verschiedeilstcn Disciplinen, so in den Gegenständen des Gymnasiums, der Realschule, der Normal- und Handelsschule, in Stenografie, in modernen Sprachen und in den Hebräischen Fächern. Spcciell können ausländische Knaben, da der Herr 'des Hauses ein anerkannter Schriftsteller, deutscher Sprache ist, dieses Idiom gründlich und bis zur vollkommenen Beherrschung ■ in Wort und Schrift erlernen. Angemessenes Honorar nach Vereinbarung. Auskunft in der Redaction. Für die Rcdactwn verantwortlich: Dr. rlathan Birnbaum. — Druck von Otto Krück, lüici, IX , Mariinilianplatz -1—5.

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