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Selbst-Emancipation · 1892-06-07 · Heft 11 (7.6.1892) · p. Seite 113

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 11 (7.6.1892)
Date
1892-06-07
Page
Seite 113 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 11. Selbst-Emancipation Seite 11:-?. Loewenthal, der wir folgendes entnehmen: „Die russischen Juden haben sich, trotz außergewöhnlicher Aufangsschwierigkeiten durch vorzeitige Hinübersendung der Leute nach Argentinien, im großen Ganzen sehr gut bewährt. Sie sind mäßig, arbeitsam und lernwillig. Die Handwerker unter ihnen sind geschickt und fleißig; die von mir in der ersten Colonie „Mauricio" für die Bedürfnisse der Colonie eingerichteten Werkstätten (Schmiede, Schlosserei, Bäckerei, Schusterei, Bautischlerei, Klempnerei) haben ganz hervorragend gute Resultate ergeben. So wurden z. B. von Mitte September bis Dezember I8:>I in der primitiv mit einem einzigen Feuer eingerichteten Feldschmiede sämmtliche Werkzeuge für die anderen Werkstätten lind alle Reservetheile und Reparaturen für zahlreiche landwirthschaftliche Maschinen angefertigt — im ganzen 817 Stück. Die kurz vor einer Abgabe der Geschäfte eingerichtete Klempnerei lieferte die Koch- und anderen Blechgeschirre zu etwa einem Drittel des in Buenos-Ayres dafür bezahlten Preises, bei tadelloser Ausführung der Arbeiten. Aber auch in die ihnen freinde Landarbeit haben sich die russischen Juden gern und schnell eingelebt. In Mauricio selbst waren 30 Mann bei den Vermessungsarbeiten, 2n beim Vieh und lOO bei der Erntearbeit der von den früheren Colonisten angebauten etwa 1600 Hectar Weizen angestellt; ebenso arbeiteten während der Weizenerntc im Dezember 80 bis 100 Mann als Taglvhner auf den benachbarten Gütern. Sie haben sich in allen diesen Orten ganz vorzüglich bewährt, nach kürzester Lernzeit; so zivar, dass Dr. Aguilar, Arzt in Hosspital San Roque in Buenos-Aires und Besitzer des Gutes Settimo neben Mauricio, welcher während der Ernte etwa 20 Mann auf seinem Gute beschäftigt hatte, aus eigenem Antriebe einen Bericht über die vortreffliche Führung und hervorragende Arbeitsleitung der russischen Inden in der „Nation" veröffentlichte So ivar cs den russischen Juden in Mauricio innerhalb dreier Monate gelungen, durch die That die landläufige — natürlich auch in Argentinien Anfangs laut gewordene — Behauptung: „Russische Juden können nur schachern, aber nicht arbeiten", glänzend zu widerlegen. Auch die beliebte Annahme von der körperlichen Unfähigkeit der russischen Juden zu schwerer Arbeit, hat sich als vollständig unbegründet erwiesen. Sie handhabten in Mauricio den Schmiedehammer mit mindestens derselben Wucht und Gelenkigkeit, sie bewiesen bei der sehr erinüdenden Arbeit an den Mäh- und Dreschmaschienen in südamerikanischer Sommerhitze mindestens die gleiche Ansdauer, wie Arbeiter irgend einer anderen Nationalität. Ich bin sogar auf Grund meiner ärztlichen Beobachtungen davon überzeugt, dass sie in großem Ganzen befähigter zu andauernder Arbeit sind, weil bei ihnen die zwei großen Feinde des Arbeiters, der Alkoholismus und Äe Syphilis, die Eltern nicht geschwächt und die Kinder nicht degenerirt haben Der chronische Alkoholismus ist unter den russischen Juden äußerst selten «obgleich sie „ein Gläschen Schnaps,, durchaus nicht verachten und sich bei Hochzeiten und dergleichen gern betrinken), die Syphilis überhaupt nicht vorhanden; in Folge dessen habe ich unter ihnen nur etwa 1 °/0 Arbeitsunfähige durch konstitutionelle Schwäche (meist Skrophulose) constatiren können. Dagegen habe ich 1889, bei meinen Untersuchungen argentinischer Colonien im Aufträge der argentinischen Regierung unter den Colonisten und Einwanderern aller Nationalitäten bis 8 nub 10 °/0, selbst 15 °/0 Ausschuss durch Trunksucht, Syphilis und Skrophulose gefunden. Diese Zahlen und ihre wissenschaftlich zureichende Begründung sprechen überzeugender für den inindestens ebenso hohen und höchstwahrscheinlich höheren Werth der russischen Inden als Colonisten, namentlich im Hinblick auf die jüngere, in der befreienden und kräftigenden Landarbeit aufwachscnden Generation, als alle das Gegentheil behauptende Phrasen derjenigen, welche in ihrem ganzen Leben weder jüdische noch andere Colonisten gesehen haben. Freilich muss man, um günstige Resultate zu erzielen, auch rllssische Juden als Menschen und gerecht, ihrer Eigenart entsprechend, behandeln, diese ihre Eigenart also kennen, ihre Sprache sprechen, ihre Gefühle und ihre Lage würdigen. Ebenso darf man nicht erwarten, dass Hausirer und sonstige, der Handarbeit ungewohnte Städter von heute auf morgen und ohne jede Lernzeit gute Ackerbauer werden. Beides aber gilt ftir Colonisten aller anderen Nationalitäten in genau derselben Weise. So hat also jedenfalls dieser erste Versuch in Argentinien zu den? ebenso wichtigen wie erfreulichen Ergebnisse geführt, dass die Befähigung russischer Juden zu Colonisten nicht inehr ernstlich in Zweifel gezogen werden kann, gute Leitung und richtige Behandlung der Sache natürlich vorausgesetzt." A«s Russland. Während verschiedene Journale schon die Details des zwischen der russischen Regiernng und den Abgesandten des Baron Hirsch abgeschlossenen Übereinkommens in Betreff der Massenübersiedlnng russischer Inden bringen, nimmt die selbstständige Auswanderung der Juden uneingedämint ihren Fortgang. So schifften sich nach einer Meldung des Mainzer „Israelit" jüngst in Odessa etwa 600 Juden ein, darunter viele, welche durch 30 und mehr Jahre in Odessa ehrlich ihr Brot erivarben. Auffallend ist auch, dass unter den Auswanderern zahlreiche Russen von Geburt sind, die erst während ihrer geschäftlichen Thätigkeit fremde Staatsbürgerrechte erworben und nun vondenharten Bestimmungen des Gesetzes getroffen iverden. Die Hilfscomit's und die in Odessa amtierenden Consularvertreter bemühen sich vergeblich, die Behörden zu einer milderen Handhabung des Gesetzes zu bestimmen. Beredter als lange Artikel spricht übrigens der Geschäftsbericht der Lübeck-Büchener Eisenbahn-Gesellschaft an folgender Stelle: „Eine Verkehrsverniehrung aus außerordentlicher Veranlassung ist durch die vom Juni bis Dezember geschehene Beförderung von 7232 aus Russland ausgewiesener Juden theils ab Lübeck, theils ab Stettin nach Hamburg eingetreten." MisceUen. Sezeichnend. Als Philipp V. den spanischen Thron bestieg, wollte man ihm zu Ehren ein großes Autodafe (Juden- und Ketzerverbrennung) in Szene setzen. Der junge König, wohl ein milder veranlagter Mann, erklärte sich entschieden dagegen, wiewohl sein Rathgeber T o»o y ihm den bezeichnenden Rath crthcilt hatte: „II se taut acenmoder au genie des peuples." („Man muss sich dem Geiste der Völker anbequemen.") Briefkasten der Administration. Folgenden Abonnenten und Gönnern unseres Blattes wird der Empfang von Geldsendung dankend bestätigt: Eugen Boschwitz, Filchne (Posen) 2 Mark, Dr. R. Vierer (Sofia) 2 jl., Tagger, Wien, 1. fl. Barb l fl., Dr. Nechelcs (Wien) 2 sl., I. M Alschcch (Wien) 2 fl., M. ^ßapo (Wien) 2 sl., CH. Beitzmann (Russland) 4 Rubel,Dr.S. Bohin, (Goyengrün) 4 fl., Sal. Zalinger (Baja) 2 sl., I. P. Gehorsam (Krakau) 4 sl, P Grüder (Wien) 1 fl., I. Berlin (Bern) 2 Francs, Dr. Diamant (Wien) 2 fl, Frau Cäcilie Schimmer! (Wien) 1 sl., Frau Sophie Perl (Wilna) 2 Rubel, A. Sauberberg (Wien) 1 sl., Dr O. Kokesch (Wie««) 2 fl, Ruff. jud. miss. Verein (Berlin) 4 Mark, Dr. Max Davidooicz (Bucarest) 20 Lei, I. Sachs (Marburg) 7l ), Mark, Sal. Zwillinger (Baja) 2 sl., Rottcnberg (Romny, Russland) l Rubel, Romanow (Romny) 1 Rubel, Sch. Günsberg (Sodvolsczyska 2 sl., Jos. Sprecher (Lemberg) 2 fl., M. Friedmann (Horczdovicz) 6 sl., D. H. Tiger (Lemberg) 2 sl., I. Brand! (Lemberg) I fl., Frau Nctti Schwarz (Jaroslau) 2 sl., Georg Schloss (Stanislau) 5 sl., Dr. B Rose» (Odessa) 30 sl., Dr. H. Fischer (Stanislau) 5 fl., Simon Rode (Kcrtsch) 6 Rubel, D. Kaneivski (Elisabegrad) 4 Rubel, Dr. Bodenheimer j(Cöln) 3 Mark, Frl. Gordon (Cöln) 4 Mark, Ein Freund der „S. E." 80 Mark, Herr Leib Blumenthal anläßlich seiner Verlobung, Spende: 0 sl. — Die geehrten Absender, deren Sendungen nicht bestätigt sind, werden höflichst ersucht, die Bestätigung freundlichst reclamiren zu wolle».

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