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Selbst-Emancipation · 1892-01-05 · Heft 1 (5.1.1892) · p. Seite 13

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 1 (5.1.1892)
Date
1892-01-05
Page
Seite 13 (sequence 13)
Language
German
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Rr. 1. Selbst-Emancipation. Festrede j gehalten von stud. jur. 2l. Horowih < am 2l. Dezember 1891. > bei der Makkabäerfeier des akademischen Vereines „Kadimah^ ( Hochverehrte Anwesende! < Alle Völker, ivclche uns die Geschichte vorführt, entstehen und vergehen. Voll strotzender Kraft, mit scheinbar unverwüstlicher Lebensfähigkeit treten sic auf, schwingen sich in aufsteigender Entfaltung bis zum sonnigen Glanzpunkt weitreichenden Ruhmes empor, strahlen eine Weile - dann kommt die Zeit, diese stetige Veriilgerin alles Seins, gräbt in die klare Stirn des Volkes tiefe Furchen des Alters und der Ermüdung, das Volk ivclkt, stirbt. Ein neues Volk tritt an seine Stelle, wie das frühere aufjubelnd in heller Daseinsfrcude, steigt sonnenhoch und stürzt — ganz wie das frühere. Es geht eben mit den Völkern, wie mit den Menschen, von denen Homer einfach und ergreifend sagt: „Wie die Blätter im Walde vergehen die Geschlechter der Menschen." Das eherne Naturgesetz vom Werden und Vergehen, das Gesetz vom Leben und Tode, welches die Königin ihrem trauernden Sohne Hamlet zum Tröste in die bewegten Worte legte: „Du weißt, cs ist gemein, was lebt, muß sterben" — an einem Volke, an einem einzigen von allen hat es sich nicht erfüllt, obschon alle lebcnsfcindlichcn Gewalten der Erde die Wirkung desselben steigerten. Aber nicht die Scheiterhaufen, noch das Beil des Henkers, nicht Pöbelwuth, noch Fürstenhaß, nicht Pest, noch Hunger, und vor allem nicht der zermalmende Schritt der Zeit, welcher herrliche, krieg'rischstolzc Völker zertrat, konnten dem blassen Inden bei, der gebeugt von der Last des täglichen Lebens und der Schmach seines Volkes, sich an den Häusern seines Ghctto's hindrückte, die Augen zu Boden gesenkt. Man höhnte ihn, nähte gelbe .Ringe in seine Kleider, stieß ihn von sich, ivie ein rechtlos Thier — er aber gieng in sein Haus, schlug die Bibel auf oder den Talmud und las, wie vor vielen, vielen Jahren die Juden frei ivarcn und stark und der jüdische Staat voll Glanz und Pracht, und las die milden, hohcitsvollcn Worte der Mahnung zur Geduld, zur Ergebung, Menschenliebe — und wie er immer weitcrlas, ivich der Schmerz aus seinen Zügen, die gramgcfurchtc Stirn glättete sich, das Auge begann zu leuchten, und über das ganze Wesen breitete sich Ruhe aus. Sein kleiner Sohn stand daneben und sah mit großen Augen, wie das merkwürdige Buch auf den Vater so merkwürdig wirke, er sah die thenren Augen, aus denen noch kurz zuvor alle Schrecken und alles Weh einer verbannten Seele hcrvorlauschten, milde lächclit, und mit der ganzen Gluth seiner keuschen Phantasie schloß er das Buch in sein Herz,; sich zuschwörcnd, es hoch zu halten für und für. Und so gieng cs vom Vater auf den Sohn und wieder auf den Enkel und so fort. Hier ist das wunderbare Lcbensclirir, welches den Inden unverwundbar macht und sein Inneres stählte, das ist das Geheimnis seiner Dauerbarkcit, daß er festhaltend an seinem portativen Vaterland, der Bibel, und im steten Scelenverkehr mit den größten seiner Verfahren über die rohen Gewalten seiner Zeit siegte, kraft des Geistes. Das Bewußtsein der Zugehörigkeit zu einem Volke, welche Zugehörigkeit ihren sinnfälligen Ausdruck fand in der Summe der jüdischen Merkzeichen, von der gcincmiamcn Kleidung bis zu den gemeinsamen Gebräuchen, war in den Juden lebendig und ivurde in ihnen lebendig erhalten durch die Leiden, die sie dieses ihnen so thenren Erbes halber zu tragen hatten. Sie haben alles getragen. Dieses rührende Festhalten rührte die Herzen, als aus den dunklen Wolken des Mittelalters der goldene Strahl der Humanität hervorbrach wie eine Offenbarung und es erstanden den Juden begeisterte Fürsprecher, ivclche die Vorstelluiig von den Leiden dieses schwer geprüften Volkes mit Mitleidcn und die Erwägung dieser einzigen 'Ausdauer und Ergebung mit Bcivunderung erfüllte. Die Juden reckten sich und richteten sich auf, wie einer, der lange Zeit hindurch eine schivere Last getragen hat — und was 100jährige Verfolgung nicht vermocht, ein kurzer Sonnenblick hat es bewirkt: sie haben der Freiheit zur Ehre sich selbst verrathcn, sic haben, ohne die Augen niedcrzuschlagcn und ohne schamroth zu iverdcn, um den Preis der Verläugnung ihrer tausendjährigen Geschichte sich eine Eintritts-. " ' karte in die europäische Gesellschaft gekauft. Man nimmt ihnen nun diese Karte ab. In einer gesunden Zeit wäre das wohl nicht möglich, daß ein ganzes Volk auf einmal ergriffen wird von einer Epidemie der Selbstentwerthung und Selbstverachtung, der Ehrvergeffenheit, cs iväre nicht möglich, daß man das Sichaufdrängcn einer abwchrcndcn Gesellschaft, daß man den Abfall vom Judemhumc eine Hilfe für das Indent hum nenne. Aber ivir leben in einer kranken Zeit, iv i r leben in der Zeit des Pessimismus u n d des Genusses. Jener hängt wie ein Todcsfchatten über der Gesellschaft, saugt alle frische Thatkrafr ein, wie giftiger Wüstenivind sengt er alle Keime der Begeisterung, dieser lechzt im /, Rainen des nakten Thicres im Menschen nach wildem schrankenlosen Genuß, weil er den Glauben an etwas Höheres verloren. „Apn\s uouä le dojuge!“ Laßt uns genießen! Ist uns das Judenthum im Wege, fort mit dem Kram, ist es die politische Ucberzcugung, fort mit ihr, ist es unsere Manneschre, auch mit dieser fort — wir wollen genießen. Beide führen an die Abgründe des Wahnsinns. Und beiden gegenüber taucht im Jndenthume wie ein weißer Schwan über dem fpiegelklarcn Sec der gesunde . '■ e r n st e O p t i m i s m u s, die in sich gefaßte Gottergebcnheit auf und. nieder, weite, runde Kreise ziehend der Befriedigung und der Beruhigllng. Rings um den See aber breitet sich ein Garten gar seltsamer Art, darinnen wundersame Blumen blühen, tiefsinnige Weisheitsblumen, Blnmcn der Liebe und der Poesie. Und die Gestalten, die in diesem Garten wandeln, sind chr- ■ würdig, denn ihr Gedächtnis reicht zurück bis an die geheiligten Ufer oes Jordan und auf ihrem Antlitz ist der Abglanz zu schauen von dem Geiste des großen Weisen und Gesetzgebers ' Moses. Das, verehrte Anwesende sind unsere Ahnen, das sind unsere Väter! Wir s i n d von guter Familie! , Darum steht^uns das klare Bewußtsein an, daß alle Völker ringSi herum auf das Judcnthum mit Pietät blicken sollten, auf diesen - monumentalen Volksbau sondergleichen. 'Rur müssen wir uns - selbst die Pietät wahren. Wie Antaeus, der Riese, nur stark i war, wenn er feststand auf der Mutter Erde und wie seine

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