Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 16 (18.8.1891)
- Date
- 1891-08-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Organ 8er Jüdisch-Nationalen. Herausgeber: Dr. Siegmnnd Ella«. Chesredacteur: Dr. Nathan Birnbaum. Erscheint zu! Anfang und Mitte jeden Monats. II UnfranHrte Briefe werde Gesinnungsgenossen! Verbreitet die Selbst-Smancipation! gggr Die nächste Nummer erscheint am 2. September 1881. Wohin mit den russischen Juden? „Wohin mit den russischen I ud e n" oder „Syrien, ein Zufluchtsort der russischen Juden" von Dr. jur. M. I. Bödenheim er, Hamburg, Berlag der „Menorah" (Preis 80 Pf., 12 Ex. 5 Mark. Der Reinertrag ist für die ruffischen Juden bestimmt.) Während der letzten Monate ist. eine ganze Anzahl werthvoller und minderwerthiger Brochüren über die Lage der russischen Juden erschienen, welche den gemeinsamen Hauptfehler besitzen, daß sie in scharfen Worten ihre Entrüstung über das grenzenlose Elend der verfolgten Brüder ausdrücken, ohne jedoch eine wirkliche Lösung der brennenden Frage anzugeben. Welchen Nutzen bringen nun die mitleidigen Herren mit ihren Zornausbrüchen oder etwa dadurch, daß sie an die Humanität, an die Liebe, an die Großmuth der Völker appelliren? Sie alle zeigen, daß sie sich noch nicht vom Geiste der Knechtschaft befreit haben, sondern immer noch gewöhnt sind, vor den anderen Nationen zu kriechen und selbst die Feinde um ein Almosen anzuflehen. Der Leser aber geht unbefriedigt davon, da er zwar erregt, gerührt aber sich nicht bewußt ist, welche Arznei die tiefen Wunden zu heilen vermag. Eine erfreuliche Ausnahme bildet die vor Kurzem in Hamburg erschienene Brochüre des Dr. M. I. Bodenheimer, die sich nicht gescheut hat an die Selbsthilfe zu erinnern und den europäischen Juden zu verkünden, daß sie noch ganz andere Pflichten ihren leidenden Stammesgenossen gegenüber haben, als ihnen Schiffskarten nach Amerika zu gewähren. Der Verfaffer geht vollkommen vom Gesichtspunkte eines deutschen Juden aus, .welcher seine russischen „Glaubensgenoffen" aus ihrer Noth und Plage befreien will; er wünscht jedoch, daß die Hilfe nicht eine momentane, eine vorübergehende, sondern eine dauernde sein solle. Die Verhältnisse liegen für ihn gerade so wie zur Zeit der Befreiung des jüdischen Volkes aus Aegypten. Was damals ein genialer Führer durch seine eiserne Energie vermochte, das könne jetzt durch eine einheitliche Organisation, durch die straffe Zusammenhaltung aller Kräfte geschehen. In ähnlichen Verhältniffen seien ähnliche Hilfsmittel nothwendig. Haben doch schon in rühmenswercher Selbsthilfe unsere Brüder , aus Rußland zu diesem Auswege (zur Rückkehr nach Palästina) gegriffen, und durch die bisherigen ökonomischen Erfolge sei das Unternehmen bewährt. „So jung die Schöpfungen sind, so ernste Schwierigkeiten sich entgegenstellten: das kann nur skeptische Voreingenommenheit leugnen, daß die Ansiedlungen in Palästina die Feuerprobe bestanden, ihre Lebensfähigkeiten bewährt haben, und daß somit das Ansiedlungswerk selbst, wenn es auf gesunder Grundlage beruht, sicheres Gelingen verheißt." Außer Palästina seien noch die benachbarten Länder, Syrien und Mesopotamien, in Betracht zu ziehen, da auch sie nach dem Zeugnisse berufener Beurtheiler-mit leichter Mühe zu ihrer alten Fruchtbarkeit wieder erstehen können. „Wir sehen also, daß es nur eines leitenden Princips bedarf, den Strom der Auswanderer nach jenem Lande zu lenken, von dem uns jeder Fußbreit heilig, dessen Städte reich an historischen Erinnerungen für uns sind, und welches alle Bedingungen vereinigt, es den armen verfolgten Glaubensgenoffen zu einer zweiten Heimat werden zu laffen." In gründlicher Weise sucht nun der Verfaffer die Fruchtbarkeit Syriens (einschließlich Palästinas) zu beweisen, indem er sich dabei auf die Urtheile berühmter alter und neuer Schriftsteller beruft; und in kurzen Worten gibt er uns eine klare Vorstellung von dem ehemaligen Reichthum des Landes. Wir können es uns nicht versagen, einen Theil hier wiedergeben: „An der Küste befand sich eine Reihe dicht bevölkerter Städte, wo Handel und Industrie in voller Blüthe stand, und deren Reichthum sprichwörtlich war. Die mannigfachen Erzeugnisse des Landes beförderten lange Karawanenzüge nach den Mittelpunkten jener Industrie, nach Antiochien, Sidon, Tyrus, Jaffa und anderen bedeutenden Städten. Die Rohprodukte wurden dort verarbeitet und gegen edle Metalle nach anderen Ländern der Welt vertauscht. Das Land selbst war durch Kanäle reich bewässert, und von einer fleffigen Bevölkerung angebaut, so daß es dem fremden Reisenden, welche es besuchten, wie ein Paradies erschien. So Tacitus und Amian, welche in schwärmerischer Weise den ergiebigen Boden, die Früchte, den Balsam und die Palmen Jerichos rühmen, und das herrlich bebaute Geländer des Libanon. Die Natur, sagt Josephus bei der Schilderung seines Vaterlandes, hat sich darin gefallen, die Pflanzenwelt der kalten Länder, die Erzeugnisse der Heißen Zonen, die Bäume der gemäßigten Klimate, die während des ganzen Jahres mit Blumen und Früchten geschmückt sind, hier dicht nebeneinander gedeihen zu laffen. Dies herrliche Land, schreibt ein Schriftsteller unserer Tage, der das ganze Land selbst bereist hat, welches heutzutage in Folge der ungewöhnlichen Verarmung, durch blutige Kriege und schlechte Verwaltung, sodüster, so trübselig geworden ist, befand sich in alter Zeit in der Fülle des Urberfiuffes und-des heitersten Wohlbehagens. Die Bevölkerung galt für entschlossen, wacker und arbeitsam. Das Land war sehr bevölkert, mit Städten, Flecken und großen Dörfern bedeckt, in allen seinen Theilen sehr sorgfältig bebaut. Noch an den Trümmern seines ehemaligen Glanzes erkennt man das ackerbauende Volk. Die Landschaft besaß einen Ueberfluß an frischem Waffer und Obst. Die großen Landhäuser waren von Weinreben und Feigenstöcken umschattet. In den Gärten prangten Aepfel-, Nuß- und Granatbäume. Der Wein war ausgezeichnet, wenn man nach demjenigen Getränke urtheilen darf, das die Juden noch jetzt zu Saffed gewinnen." Seien aber jetzt die fruchtbaren Thäler des Landes verödet, werde der See Tiberias, welcher einst so viel Lust und Herrlichkeit entwickelt hat, nur von einer einzelnen jämmerlichen Barke durchkreuzt, sei die Hochebene des Hauran vollständig vereinsamt, nur von räuberischen Beduinenstämme durchzogen, „die Reisenden unserer Zeit erkennen noch die Fähigkeiten des Bodens, und beklagen nur die äußere Vernachlässigung desselben. Die künstlichen Bewässerungsanstalten sind noch theilweise vorhanden, wenn auch in verwahrlostem Zustande, und es ist kein Zweifel, daß eine thätige, unternehmungslustige Bevölkevölkerung dieses Land im Laufe weniger Jahrzehnte wieder auf die frühere Höhe der Cultur zurücksühren könnte." Auch jetzt sei das Land trotz der trägen Bevölkerung nicht so öde und wüst, wie es von den Gegnern der Zionsidee absichtlich geschildert werde; selbst die syrische ' Wüste bestehe nicht aus Sand, sondern aus gutem Boden, der nach den ersten Regen eine Unzahl von Blumen und Kräutern, die fetteste Weide hervorsprießen laffe. Der Libanon, der heute größtentheils kahl sei, habe dennoch einen fruchtbaren Boden. Eine glänzende Zukunft würde sich dort der Industrie bieten, da Syrien bei guter Cultur sehr viele Ausfuhrartikel Hervorbringen würde. Selbst die Zahlen der letzten