Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 13 (2.7.1891)
- Date
- 1891-07-02
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8. Nr. 13 Odessa sollen Juden fernerhin nicht mehr zur Stellung eines beeideten Börsenmaklers zugclaffcn werden. — Der russische Justtzminister hat dem Neichsrathe einen Vor-, schlag zur Verschärfung der Strafen wegen oneuer Angriffe eines TheileS der Bevölkerung gegen einen andern aus religiösem, Racen- oder Claffenhaffe oder aus mirthschaftlichen Gründe» unterbreitet. Der Vorschlag ist auf eine schlimme Judenhetzc im Dorfe Makowinka zurückzuführcn. (Zur Frage der Auswanderung.) Vor Auswanderung der russischen Juden nach dem Congogcbiet, wie überhaupt in tropische Gegenden warnen die „Hamburger Nachrichten" mit Rücksicht auf die durch Entbehrungen geschwächte Constitution der Juden. — Neuerdings sind wieder 50 jüdische Familien aus Kiew nach Palästina cmigrirt. - Aus London berichtet man der „Hazefirah", daß 300 Familien aus Argentinien woselbst sie sich wegen der dort herrschenden traurigen Verhältniflc nicht niedcrlaffen konnten, in Southampton angelangt sind. — In Ödessa hat das türkische Consulat täglich durchschnittlich 100 Paßvisa für Auswanderer nach Palästina zu erthcilen. — Seit einigen Tagen werden an den russischen Grenzen Auswanderer zurückgchatten. (Aus Australieu.) Die Arbeitergenossenschaften in M e l b o u r n e und S i d n e y verlangen die Erlaffung eines drakonischen Ausschlußgesetzes gegenüber russischenJudcn. (Die Colouisatiou Palästinas und die Türkei.) Das Gerücht, daß Marquis of Salisbury die Bitte Lord Rothschilds, bei der Pforte wegen Ansicdlung russischer Juden in Palästina zu interveniren, abschlägig bcschiedcn habe, ist durchaus falsch. Richtig ist vielmehr, wie wir bereits meldeten, daß er den englischen Botschafter in Constantinopcl, Herrn W h i t e, beauflagt Kat, die Stimmung der maßgebenden Kreise gegenüber dem Projekte zu erforschen und eventuell für dasselbe einzutteten. — Was nun das Resultat der Thätigkeit W h i t e s betrifft, so erfährt das „Berliner Tageblatt" aus Constantinopel, daß die Bemühungen desselben großen Schwierigkeiten begegnen. Dieser Meldung stcht eine andere von vielen Blättern gebrachte Mittheilung gegenüber, wonach die Pforte wegen der Ansiedlung russischer Juden in Palästina mit den Großmächten in Unterhandlungen zu treten gedenke und der S u l t a n selbst der Sache geneigt sei. — Es wird wohl bald Licht in die Sache komme». Jedenfalls lasten sich diplomattsche Hinderniffc diplomatisch beseitigen und kann unsere Sache durch die Discussion nur gefördert werden. (DieBarouc Alfons Rothschild und Hirsch) confenrten in Hamburg über das Auswanderungsziel. Beide Herren reisten behufs weiterer Bcrathung mit dem EentralcomitL in Berlin dorthm ab. (Bortrag.) Samstag, den 27. Juni d. I. hielt Herr Dr. Nathan Birnbaum im akademischen Verein „Kadimah" einen beifällig aufgenommenen Vortrag über das Thema: „Nationalismus und Socialismus mit specieller Berücksichtigung der Judenfrage." Eingesendet. Löbliche Redaction! Israel durchweht eine neue Idee. Die C o l o n i s a 1 i o n Palästinas. Es ist klar geworden, daß den jüdischen Emigranten aus- Rußland, Rumänien u. s. w. eine neue Heimat gegründet werden müsse. Amerika will nun keine Einwanderer mehr und wozu auch wieder dort die jüdische Frage .ins Leben rufen? Das heilige Land allein ist der passende Zufluchtsort für die verjagten Söhne Israels. Das ganze Judenthum hat die Pflicht, sich an diesem Rettungswerke zu betheiligen. Ich schlage nun folgendes vor: Jede Synagoge veranstalte, jede Woche eineSammlungdes„heiligenPsen- S e l b st - E m a n c i p a t i o n. nigs" und wenn jeder von den 8 Millionen Juden nur e i n e n K r e u z e r p e r Woche gibt, dann haben wir nach einein Jahre ein Capital, welches dazu verwendet iverden kann, Eolonien in Palästina für die ung l ü ck l i ch e n E m i g r a n t e n zu gründen. Alle jüdischen Vereine, sollen den Reingewinn ihrer Kränzchen und sonstigen Feste d e n jüd i s ch e n E o l o n i e n w id m e n. Nur mit vereinten Kräften werden große Aufgaben gelöst. Arbeiten ivir unermüdlich für die Colonisationssache und es ivird sich erfüllen, was unser Philo prophezeite: „die zerstreuten und leidenden Israeliten iverden einst wieder gesainmelt und in die Heimat geführt werden, wo sich ihnen wieder die Gnade Gottes leuchtend zuivenden und sie für ihre unsäglichen Leiden und ihre ausdauernde Standhaftigkeit belohnen wird." Achtungsvoll Josef Jmmerglück. Wien, 31. Mai 1891. Geehrte Redactton! Abgesehen von dem Delegirtentage, von dessen Nothwendigkeit ich mir in meinem letzten Brief'e zu sprechen erlaubte, würde ich noch folgende Maßregeln im Interesse einer gedeihlichen Entwicklung unserer Sache vorschlagen und deren schleunigste Ansführung beantragen. Wichtig ist vor Allem die Bildung eines Agitations- C o m i t 6 im weitesten Sinne des Wortes, mit zahlreichen Zweigfilialen in sämtlichen Ländern, in welchen Juden wohnen; dasselbe hätte sich der wichttgen Aufgabe der reinen Agitation zu widmen, bestehend in der Weckung des jüdischen Nationalgesühls und jüdischen Selbstbewußtseins, in der Sammlung und Verbreitung verschiedener populärer Schriften, die , auf. die Natur- und- Wirthschaftsverhältnisse Palästtna's Bezug haben, in der Unterstützung und Förderung von Fachmänner-Expeditionen nach Palästina zum Zwecke weiteren und gründlicheren Studiums sämtlicher auf die Colonisation Bezug habenden Verhältnisse etc. etc. Eine andere Frage, die anzuregen in der „Selbst-Emancipatton" sehr zweckmäßig wäre, ist die der Bildung eines oder mehrerer Touristen- Clubs, die sich zur Aufgabe machten, gesellschaftliche Vergnügungsreisen nach dem heiligen Lande alljährlich zu veranstalten,*) die Naturschönheiten Palästina's durch Schilderungen in Wort und Bild dem großen Publicum bekannt zu machen und überhaupt in jeder möglicher Weise für die Erleichterung der Landeskunde Palästinas und der Annehmlichkeit von Touristen-Ausflügen dorthin mit allen zu Gebote stehenden Mitteln, Sorge zu tragen. Achtungsvoll S. E. DaschcwSky. Elisabethgrad, 23. Juni 1891. *) Diese Frage wurde bereits in einem eigenen Arttkel („Die Pilgerfrage") in Sir. 11 des vorigen Jahrgangs unseres Blattes erörtert Die Redactton. Geehrter Herr Redactcur! *) Baron Hirsch und wieder Baron Hirsch! Die Zeitungen der ganzen Welt sind mit Arttkel» überfüllt, in welchen sein brabsichttgtcs Unternehmen besprochen wird. Rur eine Sphäre gibt cs, in der uian sich damit am allerwenigsten beschäfttgt — die der nattonal-jüdischen Organe. Als ob uns dies nicht am ehesten intercssiren sollte! Was repräsenttrt Baron Hirsch? Stellt er das Princip des Israel mit seinem Schutze begleitenden Erzengel Michael dar oder in jüdischer Larve das des Antiochus, der durch die Macht des Goldes es unternimmt, das noch lebende Israel zu vernichten? Oder vielleicht gar.beide Prinzipien in *) Aus dem Russischen übersetzt. merkwürdiger Mischung? Wie wir nun das aiiffassen wollen, eines ist zweifellos, daß das Unternehmen des Baron Hirsch als ein einschneidendes bedeutungsvolles Factum iit der jüdischen Geschichte dastcht und daß uns am meisten die Pflicht obliegt, resp. das Siecht zukommt, die Angelegenheit zu erörtern. SllS gutherziger Man», der so ungeheuer große und unerhörte Geldopfer bringt, erscheint Baron Hirsch als echter Sohn seines Volkes, das man o'IvNI ll'IVNI nennt. Seine Freigebigkeit ist um so unvergleichlicher, als er sein ganzes Leben im Glanze und Macht zugcbracht hat und folglich dem stetigen verderblichen Einfluß von Schmeichelei ausgesctzt war. Andererseits ist der Standpunkt, von welchem Baron H. ausgeht, der der Affimilation, welcher er unbedingt Folge leistet, der Geist der Selbstvernichtung. Wir dürfen nicht vergeffen, daß wir vor uns die Erscheinung einer — feindlichen Idee haben, gegen welche wir bis aufs Aeußcrste kämpfe» müssen. Als Privatleute haben wir kein Recht, dem Baron die Art der Verwendung seines Geldes vorzuschreiben; sogar als Mitglieder eines nattonalen Vereines dürfenwir uns nicht beklagen, wenn es einem Wohlthätcr beliebt sein Geld für einen andern Zweck auszugebcn. Wohl aber sind wir als treue Söhne unseres Volkes berechtigt, sogar verpflichtet, iin Namen der nationalen Idee unser ganzes Bestreben dahin zu richten, den Schlag abzulenken, der gegen unser Volksthum gerichtet wird. Baron Hirsch mußte, in der Mitte einer fremden Cultur erzogen, fast naturgemäß der Slffimitatton anheim fallen. Zu beklagen ist aber, daß dieser affimilatorische Einzelmensch vermöge seiner großen Autorität einen unberechenbaren Einfluß auf die nationale Kraft vieler anderer Juden ausüben kann und mit seinen Millionen dieselben von unserer geschichtlichen Wiege noch weiter entfernen will. Dagegen muß der Geist des ewigen Israels laut seine Sttumie erhebe». Was wurde aber von denjenigen, die geschworen haben, der Fahne Judas treu zu dienen, geleistet? Einmal wurde ein Delegat an Baro» Hirsch abgesendct. dann erhob sich in Odcffa die Stimme eines der besten Söhne Jeschuruns, der die Gesinnungsgenoffen zu einem historischen Protest, sei eS in Form einer Petttton oder Demonstration, auffordcrte. Dann erschien ein gediegener Artikel im „Hamelitz", endlich einige geringfügige Bemerkungen in der „Hazefirah" und im „Haor" und ein hübscher Aussatz in der „Sclbst-Einancipation". Das ist Alles, was seitens der nattonal gesinnten Juden angesichts einer solch' grandiosen Erscheinung in der jüdischen Geschichte geschah. Hört Ihr denn nicht in dem Taumel, der alle europäischen Organe wegen der Angelegenheit des Baron H. ergriffen hat, das Geschrei der mit Füßen getretenen Mutter Jndaa, die zu Euch die Hände hilfesuchend emporstrcckt? E i n Mann, Baron Hirsch, kann irren/ Ihr, die Vertreter des jüdischen Volksthums, dürfet aber über diesen Jrrthum nicht schweigend hinweggchen. Josef Seff. Jaffa, nn Juni 1891. Nachbemerkung der Nedaction. Wir speciell glauben uns in der Angelegenheit des Baron Hirsch'schcn Projcctcs kein Blatt vor den Mund genommen zu haben. Unsere Leser wiffcn, daß uns das Unternehmen des genannten Gcldfürsten, nur in Hinsicht auf dessen ganz außergewöhnlichen Wohlthättgkeitssinn, nicht aber in Bezug auf deffen politischen Fernblick imponirt und daß wir dieser Auffassung stets ungcscheut Ausdruck verliehen. Uebrigens erfordert die Gercchttgkeit, daß wir als Gegenstück des obigen „Ein-, gesendet" eines Aufsatzes in der „Hazefirah" Erwähnung thun, in welchem versucht wird, Baron Hirsch von dem Vorwurf der Feindseligkeit gegen die Palästina-Colonisation reinzuwaschen. Baron Hirsch überlasse — ist der Gcdankengang des erwähnten Artikels — dieses für das I u d e n t h u m so bedeutungsvolle Werk dem Baron Rothschild und wohlhabenden Emigranten, während er selbst sich zur Aufgabe gemacht habe, die armen Inden, welche die Realistrung der Zionsidee nur gefährden könnten, zu versorgen. Die Fortsetzung von „David, Alroy" und die AuS-, weise über die an den Verein „Admath Jcschurun" und der Fond zur Vergrößerung der „S.-E." eingelangten Gelder wegen Raummangel in nächster Nummer. .. Für die Redactton verantw.: Dr. Natha« Birnbaum. Buchdruckerei Schloßberg, Wien, U., Stephaniestr. 2.