Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 12 (17.6.1891)
- Date
- 1891-06-17
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite.10 Sei bst - Em a n c i p a t i o n. Nr. 12 gleicher Stufe mit Benzion stehen und für das allgemeine jüdische Wohl, wenn nicht mehr, so doch ebensoviel wie Benzion fühlen und uns interessiren, was derselbe übrigens selbst bestätigte, indem er sägt: daß die „zionistische Idee hier immer weitere Kreise gewinnt". Die Behauptung Benzions, daß die jüdische Jugend ohne jüdischen Unterricht bleibt und daß dieselbe von den christlichen Geistlichen die jüdischen Feiertage erfährt, ist gleichfalls eine grobe Unwahrheit, da jeder in Sofia wohnhafte Jude, bemittelt oder unbemittelt, seine Kinder mangels jüdischer öffentlicher Schulen von jüdischen Privatlchrern im Hebräischen unterrichten läßt. Was Benzion meinen will unter „Einwanderung edlerer und jüdischerer Elemente aller Branchen", ist unverständlich und bleibt ein Geheimnis, das nur Benzion persönlich betreffen Zum Schlüße erlaube mir noch Folgendes zu bemerken: Der Verein „Tikwath Israel" hat seit 2 Jahren zu existiren anfgehört und wurde Herr Dr. Rüben Vierer von keinem einzigen der gewesenen Mitglieder des oben erwähnten Vereines beauftragt, im Namen des Vereines eine „calligraphische" Adresse zu verfassen und an Lord Aberdeen abzusenden. Hochachtungsvoll I. Ad. Neger. Sofia, 12.s24. Mai 1891. Löbliche Redaction l Der in Nr. 10 der „Selbst-Emancipation" aus Sofia datirte Bericht bezüglich der hiesigen deutschen Jsraelitengemeinde entspricht durchaus nicht der Wirklichkeit. Ihr Correspondent scheint nur kurze. Zeit hier geweilt zu haben und hat ein sehr oberflächliches Unheil gefällt. Hat aber Ihr Berichterstatter in Sofia sein Domizil, dann ist es unbegreiflich, wie er mit gutem Geivissen ein solches entstelltes, Grau in Grau gehaltenes Bild von den hiesigen deutschen Israeliten entwerfen konnte. Die in Sofia wohnenden deutschen Israeliten — etwa 120 Familien — sind wenig bemittelt oder ganz arm und bestehen zum größten Theil aus Handwerkern, Kaufleuten, Comissionären und einigen Beamten, die sich alle ehrlich und anständig ernähren -- sehr selten wird einer ivcgen eines Verbrechens angeklagt — und erfreuen sich der allgemeinen Sichtung. Die deutschen Juden sind von wahren jüdischen Gefühlen durchdrungen, hegen den sehnlichsten Wunsch, einen Tempel zu bauen und eine Religionsschule zu gründen, aber aus Geldmangel tonnten sie diesen Wunsch bisher nicht verwirklichen; hier wäre ein Gebiet für die „All. Jsr. Univ.", so wie für die „Wiener Allianz", wohlthätig und segensreich zu wirken. Obgleich hier keine öffentlichen Religionsschülen bestehen, sind doch die Eltern ohne Ausnahme bestrebt, ihren Kindern einen Religionsunterricht bei Privatlehrern genießen zu lassen und scheuen kein Opfer, um dieses möglich zu machen. Es ist daher ganz unrichtig, daß die israel. Jugend in Sofia erst von den christlichen Geistlichen hin und wieder erfährt, daß ein jüdischer Feiertag im 'Anzuge ist. Als Beweis für das jüdische Gefühl der deutschen Juden Sofias erlaube ich mir folgendes vorzuführen: Ihr gesch. Blatt hat hier ungefähr 15 Abonnenten, wird von ungefähr 50 Familien gelesen und mit größter Ungeduld wird, jedesmal dem Erscheinen der „Selbst-Emancipation" entgegengesehen. Ich. zweifle daher mit Recht, ob nach diesem Verhältniß die hiesigen deutschen Juden von anderen deutschen Judengemeinden übertroffen werden, denn sonst würden die Abonnenten der „„S.-E." nach. Tausenden zählen und Ihr Blatt könnte anstatt alle 14 Tage einmal, 3mal wöchentlich, erscheinen. Ob daher die Behauptung Ihres Correspondenten:! „Hier bedarf es der Einwanderung ed l er er j und jüdischerer Elemente aller Branchen," der! Wahrheit entspricht, mag jeder Unparteiische beurtheilen; mit mehr Recht hätte er sagen können; Hier bedarf es der reiche r e n Elemenie, welche auch ein jüdisches Herz haben, um das schaffen zu können, was zum Aufb'lühen der Gemeinde nochthut. Ein Abonnent.*) *) Der Name des Einsenders ist uns bekannt. Die Nedaction. Correspondenz der Redaktion. Wegen Ueberfülle des Stoffes mußten diesmal viclcAnfsätze und Berichte Zurückbleiben. Herrn Sigmund Kammerling in Rzeszow. Besten Dank für die prompte Erledigung unserer Anfrage. Der Gegner scheint uns nicht . gefährlich. Sein Einfluß wird sich Wohl leicht bekämpfen lasse». Herrn St. L. in L. Dr. Friedrich S. K r a u s. Derselbe ist alles eher als 'Nationaljude, wie wohl er neulich Studien über den Jargon geschrieben hat. Er ist ausgesprochen slavischer Gesinnung. Herrn Dr. Frankl-Grün in Kremsier. Brief folgt. - _ Correspondenz der Administration. 9r. R. in K. Bestätigen dankend den Empfang der Adressen und der 12 Rubel für 3 Jahresabonnements ab 1. April 1831. Belletristisches. David Mrop. Bon Benjamin d'Jsraeli, Lord of Beaconsfi eld. (14. Fortsetzung.) Bor einigen Monaten würde ein solcher Anblick alle schlummernden Leidenschaften Alroy's aufgeregt haben, aber Zeit, Leiden und traurige Erfahrungen hatten bereits den kühnen Geist des hebräischen Fürsten einigermaßen gebeugt. Er schaute auf Jerusalem, er betrachtete die Stadt David's, von den gewaltigen Kriegern des Christenthums besetzt, und bedroht von den zahllosen Heeren des Halbmonds. Die beiden großen Hälften der Welt schienen um einen Preis zu kämpfen, um dessen Rettung willen er, der einsame Wanderer, die Wüste durchkreuzt hatte. Hielt ihn auch sein Glaube davon ab, an der Möglichkeit' des Gelingens dieser Unternehmung zu zweifeln, so fühlte er es doch tief, daß die Welt etwas ganz Anderes sei, als er sich in den Gärten von Hamadan und zwischen den Felsen des Caucasus vorgestellt hatte, und daß, wenn sein Vorhaben jemals ausgeführt werden sollte, es ganz allein auf Eine Art geschehen könne, Ruhig, vielleicht sogar etwas niedergeschlagen, aber voll frommer Deuiuth, und von heiliger Hoffnung nicht verlassen, stieg er in das Thal Josaphat herab, stillte seinen Durst im Siloah, stieg die entgegengesetzte Anhöhe hinauf, und bald trat David Alroy in Jerusalem durch das Thor von Zion ein. Man hatte ihm gesagt, daß das Quartier seines Volkes nahe an diesem Eingänge liege. Er fragte nun eine Schildwache nach dem Wege dahin: diese ließ sich aber nicht herab, ihm zu antworten. Ein alter Mann in sehr ärmlicher Kleidung, der eben vorüber ging, winkte ihvi. „Was begehrst Du, Freund?" fragte Alroy. „Du erkundigst Dich nach dem Quartiere unseres Volkes. Du mußt wahrhaftig sehr fremd in Jerusalem sein, um zu glauben, daß ein Franke mit einem Juden sprechen werde. Du kannst von Glück sagen, daß Du nicht gestoßen oder beschimpft wurdest." „Beschimpft und gestoßen! Wehe diesen Hunden, „Still, still! um Gotteswillen!" sagte sein »euer Gefährte in großer Angst. „Hast Du ihrem Anführer Geld geliehen, daß Du so zu sprechen wagst? In Jerusalem spricht unser Bolk nur halb laut." „Meinetwegen: um Worte handelt sich's nicht. Wo ist unser Quartier?" „Hat man je so etwas gesehen! Spricht er nicht, als wäre er ein Franke? Ich bewahre ihn davor, daß man ihm nicht »nt einem Blechhandschuh den Kopf einschlägt, und er —" „Mein Freund, ich bin müde. Unser Quartier?" „Wen begehrt Ihr dort?" „Den obersten Rabbi." „Habt Ihr Briefe an ihn?" „Was geht das Euch an?" „Still! still! Ihr wißt gar nicht, wie es in Jerusalcni zugeht, junger Alaun. So komnit Ihr nicht fort. Wo kommt Ihr her?" „Bon Bagdad." „Bagdad! Jerusalem ist nicht Bagdad. Ein Türke ist ein Thier, aber ein Christ ein Teufel." „Aber unser Quartier, unser Quartier!" „So hallet doch Ruhe. Ihr fragt nach dem obersten Rabbi?" „Ja ja!" „Rabbi Zimri?" „Kann sein. Ich weiß das nicht, ist mir auch einerlei." „Weiß es nicht, und ist ihm einerlei! Das geht ja gar nicht; so kommt Ihr in Jerusalem nicht fort. Au so etwas müßt Ihr gar nicht denken." „Hört, ich sehe, daß Ihr ein elender Schwätzer seid. Zeigt mir unser Quartier, und ich will Euch gut bezahlen. Oder packt Euch." „Blich packen? Bist Du ein Hebräer? Sich packen zu irgend Jemand zu sagen! Ihr kommt von Bagdad! Da lvill ich Euch etwas sagen: geht wieder zurück nach Bagdad. Für Jerusalem paßt Ihr nicht im geringsten." „Euer grauer Bart ist Euer Glück! Alter Narr, ich bin ein Pilger und eben angekommen müde über allen Ausdruck, und Ihr haltet mich hier auf, um Eurem alberne» Geschwätze zuzuhären!" „'Albernes Geschwätz! Ei, ei! was soll das heißen?" , „Führt mich zum Rabbi Zimri. wenn das sei» Rame ist?" „Wenn das sein 'Name ist! 'Nun, jedermann kennt doch den Rabbi Zimri, den obersten Rabbi von Jerusalem, den Nachfolger Aarons! Wir haben unser» Tempel noch, >vas wollen sie dann da iveiter? Ein gar gelehrter Alaun ist der Rabbi Zimri." „Berschwünschter Plauderer! Ich schäme mich, meine Geduld an einen solchen Starren zu verschlvendeu." „Plauderer! Narr! ei, ei, wer seid denn Ihr?" „Einer, den Ihr nicht begreifen könnt, lind nun kein Wort weiter. Führt mich zu Eucrm Oberhaupte." „Oberhaupt! Ta habt Ihr nicht weit zu gehen. Ich kenne niemand von unserem Volke, der sein Haupt höher hielte, als ich, und sie nennen mich Zimri." „Wie? Ter oberste Nnbbi! Dieser gelehrte „Nichts geringeres Ich denke doch, Ihr habt von ihm gehört?" „Laßt uns das Borgefallciie vergessen, guter Zimri. Wenn große Männer Jncoguito spielen, müssen sie manchmal harte Worte hören. DaS geschieht dem Kalifen eben jo gut wie Euch. Ich freue mich, die Bekanntschaft eines so große» Gelehrten zu machen. Obgleich noch jung und schlecht gekleidet, habe ich doch die Welt etwas gesehen und kann am nächsten Sabbat in der Synagoge mehr Dirhems darbringe», als Ihr vielleicht glauben dürftet. Guter und gelehrter Zimri, ich wünschte Euer Gast zu sein." Ein sehr achtungswerkher junger Alaun! und er spricht jetzt leis und sanft! Aber es war ein Glück, daß ich bei der Hand war. Guter, wie ist Euer Name? , (Fortsetzung folgt.) Für die Nedaction verantw.: Dr. Nathan Birnbaum. Buchdruckerei Schkoßberg, Wien, 11., Stcphäniestr. 2.