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Selbst-Emancipation · 1891-06-17 · Heft 12 (17.6.1891) · page 1

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1891
Issue
Heft 12 (17.6.1891)
Date
1891-06-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Organ der Jüdisch-Nationalen. Herausgeber: Chefredakteur: Dr. Siegmund Elkan. Dr. Nathan Birnbaum. Erscheint zu Anfang und Mitte jeden Monats. Nr. 12. Wien, 17. Juni 1891. IV. Jahrgang. K' & „r Abonnements-Preise: . (Zusendung inbegriffen) änr fflejierreidj.Ungarn ganzjährig fl. g „ Deutschland „ Mk. 8 „ Rußland „ Rbl. g „ die übrigen Länder „ jrcs (0 „ Amerika „ Doll. 2 halb- und vierteljähriges Abonnement zu den entsprechenden Theilbeträge». Das Abonnement kann mit jeder Nummer Einzelne Lremplare iS kr. *- ■ ■ -- £ Redactio» u. Administration: Wien, 2/3 Achreigaffe Nr. 6. Sprechstunde: Täglich von l—2 Uhr Nachmittags. Unfrankine Briefe werden nicht angenommen und Mannfcriple nicht retournirt. £ '£ Inhalt: Nlltenwcise. — Die Zionsidee in England. — Briese aus Palästina. I. — Die heilige Sprache. (Schluß.) — Palästina und Syrien. — Original-Cor- . . respondenzen: Wien. Wien.Lemberg.Berlin. Charlottenburg. Magdeburg. Magdeburg. Petersburg. Warschau. Sofia. London. Jerusalem. Jaffa. — Chronik. — Liste. — Aufruf. — Eingescndet. — Corr. der Redaction. — Corresp. der Administration. — Belletristisches: David Alroy. Gesinnungsgenossen! Verbreitet die Selbst-Lmancipation! > Folge des Setzerstrikes erscheint diese Nummer verspätet. •CT Die nächste Nummer erscheint aut 1. Juli 1891. "WU Ratenweise. Es ivar vor etwa sieben Jahren — die rusiischen Judenhetzen von anno 1882 waren bei der bekannten Gedächtnisschiväche der modernen Juden schon längst in der Erinnerung der Meisten verblaßt — als in einer Wiener jüdischen Gesellschaft eine. Discussion über das geeignetste Colonisationsgebiet für Juden stattfand. Die Zionisten, unter welchen sich auch der Schreiber dies'es Artikels befand, bemühten sich, ihre Ansichten den klebrigen plausibel zu machen; es fehlte aber auch nicht an einem „Amerikaner", welcher eifrig genug für den der neuen Welt vor Palästina gebührenden Vorzug eintrat. Die Wogen der Discussion gingen recht hoch. Da erhob sich Einer, der bisher aufmerksam zugehört hatte, und sagte unter ironischem Lächeln, welches deutlich verrieth, wie hoch erhaben über die Phantastereien der Anderen er sich dünkte: „Ja, meine Herren, Sic machen ja geradeso, als ob wir da alle schon in einem Wartesaale des Bahnhofes säßen und nur noch zu berathen hätten, ob ivir den Weg nach Osten oder Westen nehmen sollen." Das sollte eine Douche für die armen „Idealisten" sein, welche sich um des Kaisers Bart stritten, und der jedenfalls witzige Herr that sich damals gewiß nicht ivenig auf seinen Witz zugute. Dieser humorvolle Mann ist aber nichts Anderes als ein Repräsentant jenes modernen, unselbstständigen, jeder positiven Hilfsaction feindseligen Judenthums, welches bis vor Kurzem noch in der Mode war, durch die Ereignifle der letzten Monate aber der Erkenntnis seiner Jrrthüiner stets näher gebracht ivird. Die von ihin so „grausam" Verhöhnten jedoch tvaren schon damals, wie sie es noch heute sind, die Vertreter jener realistischen Richtung itn Judenthum, welche dessen Lage in ihrer ganzen Traurigkeit und Weltverlassenheit erkannt und zur Besserung reale, vernünftige Mittel, keine kosmopolitischen Träumereien und keinen assimilatorischen Flittertand in Vorschlag bringt. Man nennt diese Richtung aus Mangel an einem andern Worte des arischen Sprachstammes — die n ationale, obwohl sie niit dein. geckenhaften, hohlen und anmaßenden Nationaldünkel der meisten europäischen Völker gar keine innere Verwandtschaft hat, es sei denn, soweit auch zwischen den Begriffen Gott und Götze eine solche besteht. Diese ernste und ernstzunehmende nationale Richtung hat nun doch Recht behalten, trotz aller guten und schlechten Witze, die man sich anfänglich über sie erlaubt hat. Was sich in Rußland und Griechenland abspielte, hat zumeist den Leuten die Augen geöffnet, und wenn sie auch noch nicht in ihrer Mehrzahl aus dem Punkte sind, ivo wir sie haben wollen, so sind sie ja doch auf dein besten Wege dazu. Vor einigen Jahren lachte man noch jederinann ins Gesicht, der von einer Colonisation der Juden en masse sprach. Heute aber ist die Sache jeden: Kinde geläufig geworden. Mai: liest ja in den Tagesblättern von den kühnsten und complicirtesten Ansiedlungsplänen und allenthalben feiert die jüdische Stammessolidarität, wiewohl sie noch nicht überall als solche sich zu geben wagt, unerwartete Triumphe. Ja, gegenwärtig stehen auch die Dinge anders als früher. Gegenwärtig ist der stets tauben Ohren begegnende Warnungsrrtf der Jüdisch- Raüonalen: „Es gibt in der Zerstreuung keine dauernde Ruhe für Israel, nie und nimmer!" wiedereinmal in fürchterlichster Weise gerechtfertigt worden. Die diesmalige Katastrophe war schon zu iveitreichend und zu entsetzenerregend in ihren Wirkungen, als daß sie nicht doch endlich die jüdische Gleichgiltigkeit, wenigstens theilweise, überwunden hätte. Aber auch sie war — so hat es den Anschein — noch immer nicht hinreichend, um jene großen Veränderungen im jüdischen Volksleben durchzusetzen, welche erfolgen müssen, dainit das nationale Elend der Juden einmal endgiltig aufhöre. Es ist offenbar, daß die Juden nur ratenweise zur Erkenntnis ihrer wahren Lage und ihrer wahren Rettung koinmen können und werden. Als der Antisemitismus als dräuende Wetterwolke am lachenden Gleichberechtigungshimmel erschien, als die pommer'schen Judenunruhen stattfanden, als im Jahre 1882 die großen russischen Judenhetzen, welche den ersten Auszug von Juden aus Rußland veranlaßten, vor sich gingen, als Rumänien seine jüdischen Bürger peinigte, als Ungarn init dem Processe von Tisza-Eszlar und den anti-jüdischen Straßenscenen von Budapest, Preßburg, Zala-Egerszeg debutirte — da zahlten die Juden die erste Rate gebesserter Erkenntnis für ihre Erlösung: Damals traten zum ersten Male die Anhänger einer nationalen Wiedergeburt des Judenthums öffentlich auf und gründeten eine kleine und rührige Partei, die in Rußland immer inehr an Boden gewann, anderswo aber, und namentlich in Deutschland und Oesterreich fast ganz unbekannt und jedenfalls unverstanden blieb. Die Colonisation Palästinas nahm ihren Anfang und hatte gleich von vorilchcrein den besten Erfolg. Und ivenn man auch in ivciten Meisen davon nichts wußte oder wissen wollte, so war doch der Ansatz vorhanden, der, um zu ivachsen, nur des Anstoßes von außen bedurfte. Daß dieser Anstoß trotz der eingetretenen Ruhr wieder kommen werde und kominen müsse, unaufhaltsam, unausbleiblich, das war für die Zionisten, die einzig Sehcilden unter einer erdrückenden: Majorität von Blinden, völlige Gewißheit. Das Judenthum der ganzen Welt schlummerte ahnungslos und nur die kleine nationale Partei innerhalb desselben erwartete mit der ganzen tiefen Ergriffenheit des Unglück erschauenden Propheten das neue Unheil des alten.Judenhasses. Es kam — die Welt sieht es jetzt schaudernd als Thatsache — in der haarsträubendsten Gestalt. Millionen zertretener jüdischer Existenzen bezeichnen seinen Weg, Millionen Heimatloser sind seine Signatur. Da zahlte Israel — die zweite Rate, und diese ist um Vielfaches größer ausgefallen, als die erste. Vorerst nämlich hat die Partei der entschiedenen .-Zionisten einen Zuwachs von der großartigsten Bedeutung erfahren. Die Juden Englands, unter der Führung ihrer Vornehmsten an Geist, Lebensstellung und Geldkraft, haben sich dem Werke der Colonisation Palästinas angeschlossen, und so ist der geeignetste Ausgangspunkt für eine Verpflanzung der Zionsbewegung nach dein Centruin des europäischen Festlandes gegeben. Es ist nur eine Frage der Zeit, daß sich das zionsfreundliche englische Judenthuin mit den kleinen gesinnungsgleichen Gruppen in Deutschland, Oesterreich, Frankreich u. s. w. verbinden wird, um auch die Judenheit dieser Länder zu überzeugen. Die große Katastrophe der letzten Monate hat für diesen Siegeslauf auch den empfänglichen Boden geschaffen. Es wird dies unter Anderem durch die lebhafte Theilnahme, welcher das argentinische Colonisationsproject des Baron Hirsch allgemein begegnet, bewiesen. Exotisch, wie es ist, und nur den Character der Augenblickshilfe - zu deren Jnswerksetzung übrigens die Vertrauensmänner des Barons auch einige Jahre zu benötigen eingestehen — an sich tragend, jeder tieferen Erlösungsidee baar, die es gar nicht bethätigen wollen darf, wenn es nicht ein lächerliches Fiasko machen will — ist dieses Project unserer Sache völlig unschädlich/ Wir haben es nur so lange Die heutige Nummer ist ausnahmsweise 10 Seiten stark. 865

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