Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 18 (15.12.1890)
- Date
- 1890-12-15
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/3092672-3092764-3092782--0577-3093545- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Aleppo 1× ep/1047811
OCR text
Seite 8. , „Hakim, Ihr sollt Eure Dirhcms zu zählen bekommen, wenn er in nicincm Divan zu Bagdad wieder auslcbt," antwortete Ali. „Der junge Mensch gefallt mir. Gott hat ihn mir zugcscndet. Er soll meine Pantoffeln tragen." „Gebt mir ein Kamcel, und ich rette sein Leben." „Wir haben keines," erwiderte der Diener. „Geh' zu Fuß, Abdallah." sagte der Herr. „Soll ein Rechtgläubiger zu Fuße gch'n, um einem Kurden das Leben zu retten?_ Der Herr Pantoffclträgcr soll mir dafür Siebe stehen, wenn die Bastonade noch zu irgend ctivas gut ist," brummte Abdallah vor sich hin. Der Armenier ließ Alroy zur Ader. Das Blut floß langsam, aber cs floß doch. Der „Fürst der Gefangenschaft" öffnete seine Augen. „Es ist nur Ein Gott," rief Ali. „Treff' ihn das böse Auge!" murrte Abdallah. Der Armenier zog eine Herzstärkung aus seinem Gewände und flößte sic dem Kranken ein. Das Blut floß rascher. „Er wird leben, würdiger Kaufherr," sagte der Arzt. „Beim Steine zu Mekka, ich glaube, es ist ein Jude!" schrie Abdallah. „Der Hund!" rief Ali. „Pfui!" sagte ein Negersklave und wandte sich mit Abscheu ab. „Er wird sterben," sagte der christliche Arzt, und verband nicht einmal die Ader. „Und verdammt sein," setzte Abdallah hinzu und sprang wieder auf fein Kamcel.' Der Zug ritt weiter. Die Karawane folgte. Ein kurdischer Reiter jagte vor. Er hielt sein Roß an, als er bei Alroy vorbeikain, der sich verblutete. „Welcher verfluchte Sklave hat einen aus meinem Klan verwundet?" Der Kurde sprang vom Pferde, riß ein Stück seines blauen Hemdes ab, stillte das Blut und führte den unglücklichen Alroy zur Nachhut. Die Wüste war zu Ende; die Karawane trat in eine große, fruchtbare Ebene. In der weitesten Entfernung konnte man eine lange wellenförmige Reihe von Palmbäumcn erblicken. Die Vorhut stieß ein Jubclgeschrei aus, hob ihre schlanken Lanzen in die Luft und schlug mit den Säbeln im wilden Chor gegen ihre kleinen, runden Schilde von Erz. Alle Augen funkelten, alle ' Hände waren aufgehoben, alle Sttmmen riefen, nur die nicht, welche verstummten im Uebermaße der Freude. Nach monatlichen Wanderungen in der öden Wüste erblickten sie den großen . Euphrat. Breit und kühl und prachtvoll und rein strömten die mächtigen Gewässer durch den schönen und fruchtbaren Boden. Ein belebender Lufthauch entstieg ihrem Busen. Jedes Wesen eiitgcgncte ihrem begeisternden Einfluffc. Der Kranke ward geheilt, der Traurige ward froh, der Gesunde und Heitergcstimmte brach in jubelndes Auflachcn aus; da sprang einer vom Kamcele und küßte die blühende Erde; dort sprengte von erneuter Kraft ■ belebt ein anderer über die Ebene und warf den leichten Wurfspieß in die Lust, als wolle er zeigen, daß Enibehrung und Mühsal ihn nicht der Geschicklichkeit und Stärke beraubt habe, ohne welche es vergeblich wäre, in die Heimat der minder abenteuernden Brüder zu Die Karawane rastete am Ufer des gewalttgen Flusses, der in der Kühle des Sonnenunterganges glänzte. Das Lager >vard abgestcckt, die Ebene schimmerte von den Gezeiten. Die Kamcele senkten sich ans die Knice, lagerten sich in Gruppen, und die Waarcn wurden neben ihnen in Massen aufgeschichtet. Die abgezäumten Rosse sprangen wiehernd auf der Ebene, schüttelten lustig die Häupter und wälzten sich in dem un¬ Selbst-Emancipati Rr/ 18. gewohnten Futter. Ihre Matten nusbrcitend und nach Mekka zugewandt, kniccnd, vollendeten die i Pilger ihre Abendgebete. Nie war ein Dankes- * grüß aufrichtiger. Dann standen sie auf. Einige ' kürzten sich in den Fluß, Andere zündeten Lampen an, noch Andere stampften Kaffee. Schaaren freundlicher Landleutc kamen mit frischem Mundvorrath, eifrig Abnehmer suchend bei so leichten Herzen und schweren Beuteln. Es war eine jener Gelegenheiten, wo der geivohntc Ernst des Orients verschwindet. Bis tief in die Nacht hörte man an den Ufern des stcrncrhclltcn Flusses die Klänge der Musik, den Jubel und das Gelächter, und bis spät in die Nacht hättet ihr mit Entzücken zuhörcn können den seltsamen Erzählungen der Märchcndichtcr, oder bezaubert schauen aus die Stellungen der tanzenden Mädchen. — — Der große Bazar in Bagdad bot an dem Tage nach der Ankunft der Karawane ein schibelebtes und prachtvolles Schauspiel dar. Alle köstlichen und seltenen Erzengniffc der Welt waren auf diesem berühmten Markte zu finden; die Shawls von Kaschmir und die Seiden von Syrien, das Elfenbein, die Federn und das Gold von Afrika, die Edelsteine Indiens, die Talismane Egyptens, die Wohlgcrüchc und Handschriften Persiens, die Spezereien und Gummi Arabiens, schöne Pferde, noch schönere Sklaven, Zobelmäntel, Ueberwürfe von Hermelin, Wassengcräthe, eben so trefflich an Schmuck als Eigenschaft, seltene Thiere, noch seltenere Vögel, blaue Affen mit silbernen Halsbändern, weiße Gazellen an goldener Kette, Jagdhunde, Pfauen und Papageien. Und überall seltsame und gcschästige und belebte Gruppen; Menschen von allen Nationen, Glauben und Himmelsstrichen. Der prächtlicbcndc, hochmüthige Türke, der aninuthigc feine Araber, der Hebräer mit seinem schivarzen Käppchen /und ängstlichem Gesichte, der armenische Christ mit seinen dunklen weiten Gewändern und sanften Benehmen und heiteren Antlitz. Hier stolzirte der lebhafte, asfcktirte und überkluge Perser und dort schritt der Circassicr mit seinem langen Haare im Panzerhemde einher. Der schöne Georgier im Gedränge mit dem Ebcnholzgcsicht des Kaufmanns von Dongola oder Sennaar. Auf den langen, engen, überbauten und krummen Straßen des Bazars, an jeder Seite von Waarenhäuscru eingefaßt, ivar Alles Geschäft, Handel und Tausch. Ein Fremder nahte, dem Anscheine nach nicht von gewöhnlichem Stande. Zwei Pagen gingen ihm voraus, schöne georgische Knaben, in Purpnrgewändern und Käppchen gleicher Art, fest an dem Haupte anliegend, mit langen, goldenen Troddeln. Der eine trug ein blausammtenes Packet, und der andere'ein verschlossenes Buch in reichem Bande. Bier Bewaffnete zu Fuß folgten ihrem Herrn, der hinter den Pagen her auf einem milchweißen Manlthicre ritt. Es war ein Mann von mittlerem Alter, aber außerordemlich schön. Sein weites Gewand verbarg den einzigen Fehler seiner Gestalt, einen durch Wohlleben zu großen Umfang. Deine Augen waren groß, sanft .und dunkel; seine Nase, adlerförmig gebogen, aber zart gebildet; sein Mund klein und im schönsten Verhältnisse; seine Lippen voll und roth; seine Zähne regelmäßig und blendend weiß. Sein schwarzer Bart floß, jedoch nicht in zu beträchtlicher Länge, in anmuthigen, natürlichen Locken herab und duftete von Wohlgcruch. EniM^hter Kncbclbart beschattete seine Oberlippe, Lbdr .k^in-Backenbart unterbrach die Amnuth der voMü..ovalen -Züge und das sanfte Roth seines Gcsichts.-Dbschon vielleicht das Sinnliche etwas zu sehr in dem Ausdrucke des Antlitzes dieses Fremden hervortrat,. so blickte doch Geist ans den lebhaften Augen und Feinheit lag verborgen auf den zarten Lippen. Die Kleidung des Reiters war prachtvoll,. .Acin aus einem scharlachrothcn Kaschcmir-Shawl geformter Turban war sehr groß und verbarg die Hälfte der blendend weißeil Stirn. Das Untergcwänd von weißer Dcide von Damascus, reich mit Silbergestickt, hielt ein Gürtel zusammen aus einer goldstoffencn Schärpe von Brusa geformt. Ein Dolch hing daran, dessen Griff von Brillanten und Rubinen funkelte. Das weite Obergewand ivar von carmoisinrothcm Tuche. Seine weißen Hände glänzten von Ringen und an den Ohren schimmerten Juwelen. „Wer ist dies?" fragte ein egyptischer Kaufmann den Händler, dessen Stoffe er eben untersuchte, mit leisem Flüstern. „Es ist der große Honain," entgcgnete „Und was ist er?" fuhr der Egypter fort. „Ist er des Kaisers Sohn?" „Bah! ein viel größerer Mann. . . sein Leibarzt" Das weiße Manlthier hielt an derselben Waarcnnicdcrlagc still, wo dieses Gespräch geführt ward. Die Pagen blieben zu Seiten ihres Herrn sichen. Die Fußbegleiter hielten die Menge ab. „Kaufmann," sagte Honain mit einem anmuthig herablassenden Lächeln und einer wohltönenden Stimme wie Flötcnlaut, „Kaufmann, hast Du,meinen Wunsch erfüllt?" gibt nur Einen Gott," entgcgnete der Kaufmann, welches der mitleidige Ali war, „und Mahoimd ist sein Prophet. Es gelang mir nach Euer Hoheit Befehl, in Aleppo den bewußten verfluchten Giaur zu finden, linb was Ihr begehret/ ist hier." Damit holte Ali einige griechische Handschriften herbei und überreichte sie dem Ärzte. 7 „Ah!" sagte Honain mit funkelndem Auge; „vönrefflich! . . . sie kosten?" j „Der Ungläubige wollte mir sic nicht unter 5tz0 Dirhems lassen," antwortete Ali. / „Ibrahim, laß diesem würdigen Käufmanne 1000 auszahlen.' ff „Eben so viclmal Dank Euch, großer "Honain." Der Arzt des Kalifen verbeugt^ sich anmuthig. „Vorwärts, Pagen," fuhr Honain fort. „Woher dieses Getümmel? Ibrahim, sich zu, daß der Weg frei wird. Was soll nur das. bedeuten?" Eine Menge Menschen kamen herzu und trieben einen Jüngling vor sich her, der, obschon ganz erschöpft, sich doch noch gegen seine unedlen Verfolger wehrte. „Zum Kadi, zum Kadi!" rief der vorderste von ihnen, welches Abdallah war, „schleppt ihn zum Kadi!" „Edler Herr!" ries der Jüngling, indem er sich mit plötzlicher Anstrengung den Händen Derer entriß, die ihn festhieltcn, und Honain's Gewand ergriff. „Ich bin unschuldig und verfolgt! Helft mir, ich beschwüre Euch!" „Zum Kadi, zum Kadi!" schrie Abdallah, „der Spitzbube hat mir meinen Ring gestohlen, den Ring, den mir meine treue Fatime an unserem Hochzeitstage gegeben hat, und den ich nicht wieder hergäbe, selbst für meines Herrn Schätze Wir geben bekannt, daß die Redäction Corrcspoildcnzen nicht blos in deutscher, sondern selbstverständlich auch in hebräischer, ferner aber auch in arabischer, böhmischer, englischer, französischer, italienischer, polnischer, russischer und spanischer Sprache aimimmt und bei Verwendbarkeit in deutscher Ucbersetzung veröffentlicht. Die Administration. Wir mache» die geehrten auswärtigen Mitarbeiter darauf aufmerksam, daß der Schluß der Redäction zwei Tage vor dem Datum des Erscheinens des Blattes erfolgt.! Für die Redäction verantw.: Dr. Nathan Birnbaum. ' Bnchdruckerei Schloßberg» Wien, H., Stephaniestr. 2.