Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 17 (1.12.1890)
- Date
- 1890-12-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3092672-3092764-3092781--0568-3093535- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Selbst-Emancipation. Rr. 17. dann die Waffe weg, und bot die blutende Stelle Alroy. Der „Fürst der Gefangenschaft" berührte die offene Wunde mit seiner Lippe. „Meine Treue. ist verpfändet," sagte der Räuber; „den Mann in deffen Adern mein eigenes Llut fließt, kann ich nie vcrrathen." Dies sagend, führte er Alroy zu seinem Lager. — — „Eßt, David" sagte Scherirah. — Ich will Brot effen, — antwortete Alroy. „Habt Ihr denn in diesen letzten Tagen so viel zu effen gehabt, daß Ihr diese zarte Gazelle ausschlagt, welche ich diesen Morgen mit meiner eigenen Lanze erlegt habe? Es ist ein Futter für einen Kalifen!" — Ich bitte Euch, gebt mir Brot. — „Meinetwegen auch! Aber daß ein Mann Brot dem Fleische vorziehr, und solchem Fleische wie dieses, ist doch sonderbar." — Tausend Dank, guter Scherirah; aber unserem Volke ist es verboten, von dem Fleische eines, selbst auch reinen Thicres zu essen, das einem Lanzenstoße erlegen ist. — „Ich habe von solchen Dingen erzählen hören," entgegnete Scherirah nachdenklich. „Meine Mutter war eine Jüdin und mein Vater ein Kurde. Aber ich denke, wer recht thut, wird auch selig." — Es gibt nur einen Gott, und Mahomed ist sein Prophet! — rief Kisloch aus; — ob ich gleich Wein trinke. Eure Gesundheit, Hebräer. — „Ich will dir helfen", sagte der dritte Räuber. „Mein Vater war ein Gueber und opferte sein Vermögen seinem Glauben, und die Folge davon ist, daß sein Sohn keins von Beiden hat." — Was mich betrifft, — sagte ein vierter Räuber von sehr dunkler Gesichtsfarbe und besonders kleinen glänzenden Augen: — Ich bin ein Inder, und glaube an die große goldene Figur mit Karfunkel-Augen in dem Tempel von Delhi.— „Ich habe gar keine Religion," versetzte ein mächtiger Reger im rochen Turban, seine weißen Zähne fletschend: „In meinem Vaterlande haben sie keine. Aber Calidas, hätte ich früher von Deinem Gotte gehört, so hätte ich an ihn geglaubt." — Ich wünschte, ich wäre ein Jude geworden, — rief Scherirah nach einigem Nachdenken. — Meine Mutter war eine brave Frau. — „Die Juden sind sehr reich!" sagte der dritte Räuber. — Wenn Ihr nach Jerusalem geht, David, so werdet Ihr die Christen schen, — fuhr Scherirah fort. „Die verfluchten Giaurs," rief Kisloch aus; „wir sind alle gegen sie." — Mit ihren weißen Gesichtern, — schalt der Neger. „Und blauen Augen," setzte der Inder — „Was könnt Ihr von Menschen' erwarten, die in einem Lande leben, wo keine Sonne scheint?" bemerkte der Gueber.- Etwa zwei Stunden nach Mitternacht erwachte Alroy. Seine Gefährten lagen im tiefsten Schlafe. Der Mond war untergegangen; das Feuer erloschen, nur einige glühende Kohlen glimmten noch. Finstere Schattenmaffen hingen über dem Amphitheater. Er stand auf und schritt vorsichtig über die schlafenden Räuber hinweg. Er war nicht im eigentlichsten Sinn des Wortes ein Gefangener, aber wer konnte der Laune dieser gesetzlosen Männer vertrauen? Der nächste Tag erblickte ihn vielleicht als ihren Sklaven' oder Mitgenoffen bei irgend einer räuberischen Unternehmung, wodurch er sich wieder zurück nach dem Kaukasus oder Hamadan wenden mußte. Die Versuchung, sich in Freiheit zu setzen, war unwiderstehlich. Er klomm die zertrümmerte Mauer empor, stieg herab in die verschlungenen Windungen, die zu dem jonischen Tempel führten, der ihm zum Wegweiser diente, eilte durch die sternerhellten einsamen Straßen, erreichte das große Thor, und befand sich wieder in der Wüste. Die Furcht verfolgt zu werden, trieb ihn mehrere Stunden lang rastlos vorwärts. Die Wüste ward wieder sandig, die Hitze nahm zu. Der Lufthauch, welcher jene durchzieht, und im ersten Frühling nicht selten die Düste wohlriechender Pflanzen mit sich führt, starb dahin. Eine bleiche Helle überströmte den Himmel. Durch die Natur schlich eine ermattende Stille. Selbst die Jnsecten schwiegen. Zum ersten Male auf seiner Pilgerschaft ergriff das Gefühl tiefen Klcinmuths Alroy's Seele. Seine Kraft schien ihn plötzlich verlassen zu haben. Ein leiser heißer Wind begann sich zu erheben, seine Wangen mit giftigen Küssen zu berühren, und seinen Körper durch seine vergiftende Umarmung zu schwächen. Kopf und Glieder brannten im dumpfen Weh, ein Gefühl furchtbarer als der Schmerz selbst; seine Augen waren verdunkelt, seine Zunge geschwollen. Vergebens blickte er nach Hilfe umher, vergebens streckte er seine Arme darnach aus, und rang sie empor zum mitleidlosen Himmel. Fast wahnsinnig vor Durst, verschwand ihm der grenzenlose Horizont der Wüste, und das unglückliche Schlachtopfer fand sich mitten in seiner Pein dem Anscheine nach von schönen fließenden Strömen umgeben; cs waren die rinnenden Geivässer der Trugerschcinung der Wüste. Die Sonne wurde blutigroth, der Himmel dunkler, der Sand erhob sich in wilden Strömungen, der leise klagende Wind brach in Geheul aus, und hauchte einen noch glühenderen, noch verderblicheren Athem. Nicht länger vermochte cs der Pilger, sich aufrecht zu erhalten. Muth, Glaube, Frömmigkeit verließen ihn mit seiner schwindenden Kraft. Er kämpfte nicht mehr gegen das Dasein an, er gab sich selbst der Verzweiflung, dem Tode hin. Er sank mit schivindelndem Haupte auf ein Knie, stützte sich noch einen Augenblick mit der bebenden Hand, und siel dann bewußtlos auf den Boden nieder. Unter dem Gebrüll des Windes hob sich der Busen der Erde und öffnete sich; leichte Säulen von Sand richteten sich auf zu dem bleichen Himmel, und eilten aus ihr Schlachtopfcr zu. Mit dem Getöse des allgemeinen Chaos stieg undurchdringliche Dunkelheit hinab auf die Wüste. Fünfter Abschnitt. „Nun ist er vorüber, der mühsame Weg, die Wüste ist übcrstanden. Bald wird der Fluß, herrlich strömend durch seine grünenden Palmenufer, unfern ermüdeten Gliedern Bäder bieten, wie der Kalif sie nicht erkaufen kann. Allah-illah, Allah-hu." „Gesegnet der Mann, der nun eine Reliquie zurückbringt von unseres Propheten Grabe; gesegnet der. Mann, der nun die Schätze des entlegenen Marktes entfaltet, Juwelen des dämmernden Ostens, und Seidcnzeugc des fernen Samarkand. Allah-allah, Allah-hu!" „Die heilige Moschee wird ihn grüßen mit tiefem und ehrerbietigem Gruße; willkommen wird ihn heißen der geschäftige Bezestin (Bazar) mit vertraulichem Lächeln. Heiliger Kaufherr, genieße jetzt den doppelten Triumph Deiner Mühe. Allah-illah, Allah-hu!" „Das Kameel scheut sich, Abdallah! Es muß etwas im Wege liegen. Sieh doch nach." „Bei'm'hciligen Steine! Ein todter Mann! Armer Teufel! Man sollte doch nie eine Pilgerfahrt zu Fuße machen. Geht mir mit Eurer dcmüthigen Frömmigkeit. Stachle das Thier, dainit's bei dem Leichnam vorbei geht." „Der Prophet befiehlt Barmherzigkeit/Abdallah. Er hat mein Unternehmen gesegnet, und ich will seine Vorschriften befolgen. Sich nach, ob er ganz todt ist." Es war die Caravane aus Mekka, die nach Bagdad zurückkehrte. Die Pilger befanden sich nur noch eine Jagdreise vom Euphrat, und feierten ihre Ankunft auf fruchtbarem Boden mit Jubelgcsängen. So weit das Auge nur reichen konnte, erstreckte sich die lange Linie ihres Zuges über die Wüste hinweg, tausende von Kameelen hintereinander, mit Waarenballen beladen, und jede Abthcilung durch eins derselben von ausgezeichneter Größe angeführt, das mit klingenden Glöckchen vorläutete; Gruppen von Reitern, Schwärme von Tragsänften; alle Pilgrime bis an die Zähne bewaffnet, eine starke Abtheilung Seldschuck'scher Reiterei den Vortrab bildend, und der Nachzug von einem Kurdischen Klan beschützt, der die Sicherheit der durch ihr Gebiet ziehenden frommen Pilger beschützte. - (Fortsetzung folgt.) Eingesendet. Die diesjährige Makkabäcrfeier, verbunden init einem T a n z k r ä n z ch e n des akademischen Vereines „Kadimah", findet am 15. December in dein großen Saale der „Wiener Rcffource", 1. Bezirk, Reichsrathsstraße statt. Einzuladende Familien sind im Vereinslocale, 9. Bezirk, Müllncrgasse 13, Parterre 2 anzugeben. Für das Comite stud. ing. A. Saubcrbcrg, stud med, I. Vierer, Obmann. Schriftführer. Avis! Folgende Herren hatten die Güte, die Vertretung der „Selbst-Einancipation" unentgeltlich zu übernehmen: Für B e s s a r a b i e n: Herr Dr. Leo Kohan in Kischinew. Für Serbien: Dr. David Alcalay in Belgrad. Somit können Stammesgenossen in den genannten Ländern oder Gegenden sowohl bei den betreffenden Herren als bei uns direct ihr Abonnement anmelden, respective Zahlung leisten. Wir geben bekannt, daß die Redaction Correspondenzen nicht blos in deutscher, sondern selbstverständlich auch in hebräischer, ferner aber auch in arabischer, böhmischer, englischer, französischer, italienischer, polnischer, russischer und spanischer Sprache annimmt und bei Verwendbarkeit in deutscher Ucbersetzung veröffentlicht Die Administration. Wir machen die geehrten answärtigen Mitarbeiter darauf aufmerksam, daß der Schluß der Redaction zwei Tage vor dem Datum des Erscheinens des Blattes erfolgt. Für die Redaction verantw.: Dr. Nathan Birnbaum. Buchdruckerei Schloßberg, Men, II., Stephaniestr. 2.