Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 15 (2.11.1890)
- Date
- 1890-11-02
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. S c l b st - E m a n c i p a t i o n. Nr. 15. Mirjam, Mirjam, meine Schwester, wie würdest Du weinen, wenn Du wüßtest was geschehen? Thränen der Freude, o Mädchen! Wo bin ich? Dies ist nicht unser Brunnen! Und doch sagtest Du, der Brunnen! Halte mich nicht für irre. Ich kenne Dich, ich kenne alles, Du bist Jabastor; ich bin Alroi). Aber Du sagtest, der Brunnen, und das verivirrte mich, und rief mir wieder ins Gedächniß dort jene . . . „Gott Israels! ich kniec vor Dir! Hier, in der Einsamkeit der wildesten Natur, mein einziger Zeuge hier dieser heilige Mann, kniec ich und gelobe, Herr! ich will vollbringen Dein Geheiß. Ich bin jung, ich bin sehr jung, o Gott, und schwach; aber Du, o Herr, Du bist allmächtig. Welch' ein Gott ist gleich Dir? Zweifle nicht an meinem Muthe, o Herr, und erfülle mich mit Deinem Geiste; aber gedenke, Herr, auch Mrjams. Dieß ist der einzige irdische Gedanke, den ich noch hege, und er ist rein vor Dir." „Immer noch von seiner Schwester! — Beruhige Dich, mein Sohn." „Heiliger Meister, Du gedenkst noch dessen, als ich Dein Pflegling war hier in dieser Höhle. Du hast sie nicht vergessen jene Tage des ruhigen Lernens, jene erhabenen, langen, dahinschwindenden Nächte heiligen Forschens. Ich war gehorsam, ich hing an jedem Worte Deiner Rede mit der Hingebung, die entspringen mußte der Liebe." „Ich kann, nicht weinen, Alroi); aber wäre es in meiner Macht, so wollte ich eine Thräne der Huldigung weihen dem Andenken dieser Tage." ' „Wie ruhig saßen wir auf diesem oder jenem Felsengipfel und schauten in die Sterne!" „Ja, das thaten wir, mein theurer Sohn." „Und wenn Du mich ja einmal schaltest, so geschah es nur halb im Scherz, .und bloß meines Schweigens wegen." „Was will er damit sagen? doch er wird ruhiger dabei! Wie feierlich sein Antlitz im Mondlicht leuchtet. Nein, nicht Salomon auf seinem jugendlichen Throne konnte schöner sein, als er!" „Ich sagte Dir nie . eine Unwahrheit, Jabastor." „Mein Leben für Deine Wahrheitsliebe." „Fürchte Dich nicht wegen dieses Unterpfandes, und glaube mir. Auf dem Felsengipfel den Sternenhimmel mit Dir betrachtend, war ich nicht ruhiger, als ich mich jetzt fühle." »Ich glaube Dir." „Dann Jabastor, dann glaube mir so ganz, als ich des Herrn Gesalbter bin." „Erzähle mir alles mein Sohn." „So höre denn. Ich schlief drinnen auf dem Lager, aber mein Schlaf war unruhig. Biele Träume hatte ich, undeutlich und unterbrochen. Keines ihrer Gebilde erinnere ich mich noch, außer daß ich eine leise Ahnung davon habe, es sei mir beschieden gewesen, in glücklicheren Tagen zu leben, als jetzt unserm Stamm zu Theil werden. Plötzlich aber stand ich auf einem hohen, grauen Berge und schaute in die Sterne. Und als ich so schaute, erscholl eine Trompete. Noch tönt sic durch meine Seele. Nie habe ich noch einen so feierlichen Klang gehört. Das Ungewitter, als es über dieser Höhle rollte, und den Felsen zersplitterte, dessen Trümmer noch umher liegen, war nur ein schwacher, weltlicher Ton, gegen diese allmächtige Musik. Meine Wangen wurden bleich, ich bangte nach Athem. Ein Flammenlicht verbreitete sich über den Himmel, die Sterne verschwanden und vortretcnd aus deni sich theilenden Strahlcnmeere erblickte ich ein gewaltiges Heer. „Nein, nicht als Saul unsere Streiter anführte gegen die Philister, nicht als Joab die Kämpfer nieines großen Vorfahrers zählte, hatte ein menschliches Auge einen Anblick so kriegerischen Glanzes, Wagen - und Reiter, und glänzende Züge federgeschmückter Krieger, zu kräftig, um eines Rosses Hülse zu bedürfen, Ströme schimmernder Sperre und Fahnen wie Sonnenuntergang, ehrwürdige Priester ihre duftenden Rauchfässer schwingend, und Propheten mit ihren goldnen Harfen die siegreichste Zukunft besingend. „Wonne", sangen sie „für Israel; denn er kommt! er kommt in seinem Glanze und in seiner Macht, der hohe Messias unsrer alter Hoffnungen." „Und sieh, jetzt zeigte sich ein gewaltiger Wägen, von sonderbaren Thieren gezogen, deren Gestalten halb verborgen waren durch die strahlenden Flammen, auf denen sie zu schwimmen schienen. In diesem herrlichen Wagen stand ein Krieger, stolz und unbeweglich, seine Gestalt, sein Antlitz — halte meine Hand, Jabastor, indem ich es ausspreche — dieser Feldherr war ich selbst!" „Weiter, mein Sohn!" . »Ich erschrack in meinem Traume und erwachte. Aufrechtsitzend fand ich mich auf meinem Lager. Die Erscheinung war vorüber. Nichts war mehr zU sehen als das glänzende Mondlicht und die dunkle Höhle. Und als ich seufzte, daß ich je wieder erwacht war, und nachdachtc über jene seltsame Erscheinung, klang eine leise, zarte Stimme von oben und rief: Alroi)! Ich horchte auf, aber antivortete nicht. Mir kam es vor, als sei es nur Einbildung. Aber wieder ward mein Name genannt, und da betete ich: Herr, ich bin hier, was begehrst Du? Niemand antwortete, und da kam große Furcht über mich, und ich eilte aus der Höhle, und suchte Dich, o Meister!" „Es war eine „Bath-Kol," „die Tochter der Stimme," welche sprach. Seit der Gefangenschaft, seitdem der Geist der Propheten nicht mehr über den Geist eines Sohnes ausJsrael ausgegosscn wird, ist dies die einzige Art, wodurch die Heiligen vom Himmel her aufgcrusen werden. Oft habe ich schon gehört von ihr, aber noch nie in diesen traurigen und entarteten Tagen ist ihr sanfter Hauch zu uns gedrungen. Dies sind seltsame Zeiten und Zeichen. Der Wiederaufbau des Tempels ist nah'. Sohn Davids, mein Herz ist voll. Laß uns beten." (Fortsetzung folgt.) Der arme Prinz. (Parabel.) Einst setzte sich ein Aönigssohn Auf seines weiland Vaters Thron Und thät wohlauf regieren. Da fleugt auf dürrem Besenstiel Herbei die schlimme Hex' und will Den Prinzen molestiren. Sie löst des Thrones Schrauben auf Und wirft ihn unsanft über'n Haus Zugleich mit dem Regenten: Es wischt sich ab der Fürst den Mund Und forscht nicht nach des Sturzes Grund; Er läßts dabei bewenden. Der Prinz ergreift den U)anderstab Und läuft sich wund die Sohlen ab, 'neu and'ren Stuhl zu sinden, Bis jüngst er matt zusammensank Und fleht: gebt die ärgste Bank Mir; Gnade meinen Sünden!" Indeß zum kostbar'n Thrones Rest Eilt rasch ein Nachbarlein von U)est, Von Osten kommt ein Zweiter: Sie raufen drum mit solcher lVuth, Daß bald den Thron begraben thut ' Das Blut der wack'ren Streiter. Dran hat die Hexe sich ergötzt.- Dir, Jude, aber möcht' ich jetzt Des Märchens Deutung geben: Du bifts, der arnie Aönigssohn; Es jagt dich von dem eig'nen Thron Dein Selbstverleugnüngsstreben. — _ F. Rosa Vierer Ab a Arell verlobte. Sofia. 'Lemberg. iiitBiiiiiiiiiBiiiiiiiaiitiiiiiiiiiiiiitaiBiiiiiiiiiiiijiimiiiBiiiiiitfiiiiiiiiiaiiiiiMitiii Avis! Folgende Herren hatten die Güte, die Vertretung der „Selbst-Emancipation" unentgeltlich zu übernehmen: Für B c s s a r a b i c n: Herr Dr. Leo Kohan in Kischinew. Für Serbien: Dr. David Alealay in Belgrad. Somit können Stammesgcnossen in den genannten Ländern oder Gegenden sowohl bei den betreffenden Herren als bei uns direct ihr Abonnement anmelden, respective Zahlung leisten. Die Administration. Wir geben bekannt, daß die Nedaction Korrespondenzen nicht blos in deutscher, sondern selbstverständlich auch in hebräischer, ferner aber auch in arabischer, böhmischer, englischer, französischer, italienischer, polnischer, rusiischcr und spanischer Sprache annimmt und bei Verwendbarkeit in deutscher Uebersetzung veröffentlicht Wir machen die geehrten auswärtigen Mitarbeiter darauf aufmerksam, daß der Schluß der Nedaction zwei Tage vor dem Datum deS Erscheinens des Blattes erfolgt. laiaiaiaiaialaiaiaialaiaiaiaialaiaiaiaiaiaiaiaiaiaiaiaiaiaiaiatalaiaialalaiaiaialaiaiaiaiaraiaiU Für die Nedaction verantw.: Dr. Nathan Birnbaum. Buchdruckerei Schloßberg, Men, II., Stephaniestr. 2.