Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 12 (19.9.1890)
- Date
- 1890-09-19
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 8. Nr. 12. Selb st - E m a «t i p a 1 i o n. ~ verdorbene Saat in dieser entarteten Erde. Können wir nicht , frei und unsere eigenen Herren sein, nun, so wollen wir sterben!" „O! sprich nicht also, mein Bruder!" so erklang eine Stimme, so sanft, so süß, so voll Musik. Und er sah eine weibliche Gestalt neben sich kniecn. Ihr Gesicht ist verborgen, ihre Lippen drücken sich auf eine Hand, die sie leise sich stahl. Und jetzt hebt sie ihr Haupt, und wartet mit liebender Geduld auf einen Blick von einem, der selten lächelt. „O. sprich nicht also, mein Bruder! Er wendet sich um, er blickt in ein Gesicht, schön wie die gestirnte Nacht — in jenen Ländern, wo kein Wölkchen sich am Himmel erschauen läßt, wo alles unten auf der Erde so mild ist und alles oben in der Lust so still, daß jede. Leidenschaft hiuwcgschmilzt, und das Leben nur ein duftender Traum zu sein scheint. „Mirjam! Du Verscheucherin der finsteren Geister! Bist Du es? Was willst Du hier?" „Was ich hier will? Bist denn Du nicht hier? und bedarf ich noch eines andern Grundes? O, theurer Bruder, ich bitte Dich, komm mit mir und mische Dich in unser Fest. Unsre Wände sind behängen mit den Blumen, die Du liebst. Ich pflückte sie am Rande des Quells. Die heiligen Lampen sind geschmückt und aufgestellt, und Du muht Heller auflodern lasten ihre erste Flamme. Außerhalb des Thores wartet meine Dienerin, um Dir ein festlich Kleid zu bieten. Komm also, theurer Bruder, komm und mische Dich in unser Fest." „Warum ein Fest?" „O. sind denn nicht in Deinem theuren Namen diese Lampen angezündet, diese Kränze aufgehängt? Heute ist uns ein Fürst gegeben, „Ein Fürst ohne Reich!" „Doch nicht ohne das, was ein Reich kostbar macht, und. wonach manch' königliches Herz geseufzt, hat — treue Unterthanen." „Sklaven, Mirjam, nichts als Sklaven." „Was wir sind, mein Bruder, das geschah nach Gottes Willen. Laß uns also uns beugen und zittern." „Ich will mich nicht beugen, ich kann nicht „Still, David, still! Dieser hochmüthige Sinn war cs, der-die Rache des Herrn auf uns herabrief." „Dieser hochmüthige Sinn war cs, der Kanaan eroberte." * „O mein Bruder, mein theurer, theurer Bruder! ich hörte wohl von dem finstern Geiste, der über Dich gekommen, und ich eilte herbei und hoffte, Deine Mirjam sollte ihn bannen. Was wir gewesen sind, Alroy, ist ein schöner Traum, und was wir sein werden, eine wenigstens so schöne Hoffnung, 'und was wir auch sein mögen, Du bist mein Bruder! In Deiner Liebe finde ich das Glück der Gegenwart, und theurer ist mir Deine seltene Umarmung, Dein sparsames Lächeln, als all' der verblichene Glanz unseres Geschlechts, unsre stolzen Gärten und unsre glänzenden Hallen." „Wer wartet draußen?" „Caleb." „Caleb!" „Herr!" „Geh und sage meinem Oheim, daß ich sogleich zum Feste kommen werde. Verlaß mich einen Augenblick, geliebte Schwester. Bald werde ich wieder bei Dir sein. O, trockne diese Thränen, inein Leben, oder laß sic mich hemmen mit einem Kusse der Bruderliebe." „O Alroy, das sind nicht Thränen des Schmerzes." „Gott sei mit Dir, Engel! Lebewohl, wenn auch nur für einen Augenblick. Du bist der Reiz und der Trost meines Lebens. Lebewohl! lebewohl! — Ich fühle cs, daß Einfluß der Frauen Gewalt hat über mich. Aber Helden ziemt das nicht! Ich kenne nicht Liebe, nur jene reine Zuneigung, die zivischen mir besteht und diesem Mädchen, einer Waise und meiner Schwester. Wir. sehen einander so ähnlich, daß, als am verflossenen Paffafest sie im Scherz meinen Turban um ihr anmuthiges Haupt wand, mein Oheim sie David nannte. Die Töchter meines Stammes, sie gefallen mir nicht, obgleich sie fürschön gelten. Wären unsere Söhne so tapfer wie sie reizend, so könnten wir noch tanzen in Zion. Aber oft habe ich gedacht, daß ich, wenn ich diese finstere Stirn legen könnte an eine» schneeigen Busen, der mein wäre, und wohnen in der Wüste, fern von dem Anblicke und der Kenntniß der Menschen, und all' der Sorge und Mühe und dem Elende,, das um mich stöhnt und ringt und seufzet, vielleicht frei würde von, dieser tiefen Empfindung übermannenden Weh's, das auf meinem Dasein lastet. Fürwahr! Leben ist nur ein Traum, und der meine sollte schwer sein." 2. Außerhalb der Thore von Hamadan, in geringer Entfernung von der Stadt, befand sich ein abgeschlossener Raum, in dessen Mitte ein altes Grabmal sich erhob, der Sage nach das Grab von Esther und Mordechai. Dieser einsame, feierliche Ort war ein verborgener Lieblingsplatz für Alroy, und vom Mahle entfliehend, eilte er eine Stunde vor Sonnenuntergang auch heute dahin. Als er die schwere Thürc des Begräbnißplatzcs aufschloß,, hörte er Hufschlag hinter sich, und kaum hatte er sie wieder geschlossen, rief jemand ihn an.! Er blickte auf und erkannte den jungen' 'schwelgerischen Älschiroch, den Befehlshaber der Stadt und Bruder des Sultans der Seldschucken. Nur ein Mann zu Fuß war bei ihm, ein Araber, sein verworfener Günstling, der bekannte Diener seiner Ausschweifungen. „Hund!" rief der zornige Älschiroch aus; „bist Du taub oder verstockt? oder beides? Sollen wir unsere Sklaven zweimal rufen? Schließ diese Thür auf!" „Warum?" fragte Alroy. „Warum! Bei'm heiligen Propheten, er unterfängt sich uns zu fragen! Schließ auf, oder Dein Kopf soll dafür einstehen." „Wer' bist : Du?" fragte Alroy, „dessen Stimme so laut erschallt? Bist Du irgend ein trunkener Türke, der die Befehle seines Propheten überschritten und etivas anderes als Wasser genossen hat? Geh, oder ich werde Dich verklagen vor Deinem Cadi." So sprechend, wandte er sich' zum Grabe hin. „Bei den Augen meiner Mutter, der Hund spottet unsrer! War' es nicht schon zu spät, und dieses Pferd nicht wie ein ungezähmtcr Tiger, ich wollt' ihn auf der Stelle pfählen. Rede Du mit'dem Hunde, Mustapha!" „Würdiger Hebräer", sprach nun der iveichliche Mustaphaj sich ihm nähernd, „wahrscheinlich wißt Ihr nicht, daß dieses unser gebietender Herr, daß dieses Älschiroch ist. Seine Hoheit möchten gern mit ihrem Rosse über diesen Begräbnißplatz dieses trefflichen Volkes reiten, da er wegen dringender Angelegenheiten zu einem heiligen Santon muß, der auf der andern Seite des Hügels wohnt, und die Zeit drängt." „Ist dieses unser Gouverneur Älschiroch, dann bist Du ohne Zweifel sein treuer Sklave Mustapha." „Das bin ich in der That, sein armer Sklave. Nun also, junger Mann?" „Dann schätze Dich glücklich, daß das Thorverschlossen ist. Erst gestern beleidigtest Du die Schwester eines Dieners meines Hauses. Ich möchte nicht gern meine Hand mit so elendem Blute besudeln, wie das Deine. . . . fort also, Verworfner, fort!" „Heiliger Prophet! wer ist dieser Hund?" rief der staunende Befehlshaber aus. „Es ist der junge Alroy", flüsterte Mustapha, der ihn anfangs nicht erkannt hatte. „Sie nennen ihn ihren Fürsten, ein gewaltig hartköpfiger Jüngling. Herr, wir thäten besser, weiter zu gehn." ~ -- „Der junge Alroy! Ich werde mir ihn merken. Sic müssen also auch "einen Fürsten haben! Der junge Alroy! Gut, laß uns weiter reiten — und, Du Hund!" rief Älschiroch, -indem er sich in den Steigbügeln erhob und mit der Hand drohte: „Hund! denke an Deinen Tribut!" (Fortsetzung folgt.) Avis! Folgende Herren hatten die Güte, die Vertretung der „Selbst-Emancipation" unentgeltlich zu übernehmen: Für B e s s a r a b i e n: Herr Dr. Leo Kohan in Kischinew. Für Odessa: Herr Jacob Konstantinowsky in Odessa, Richelieu-Straße 14, Magazin de l'Enrope. Für Serbien: Dr. David Alcalay in Belgrad. Somit können Stammesgenossen in den genannten Ländern oder Gegenden sowohl bei den betreffenden Herren als bei uns direct ihr Abonnement anmelden, respective Zahlung leisten. Die Administration. Am Cnde dieses Monates ablaufende Halbjahr - Abonnements wollen gefälligst rechtzeitig erneuert werden, damit die Zusendung der Nummern keine Unterbrechung erleide. Die Administration. Für die Redaction verantw.: Dr. Nathan Birnbaum. Buchdruckerei Schloßberg, Wien,H., Stephaniestr. 2.