Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 12 (19.9.1890)
- Date
- 1890-09-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Organ der Jüdisch-Nationalen Herausgeber: Dr. Siegmund Elkan. Chefredacteur: Dr. Nathan Birnbaum Erscheint zu Anfang und Mitte jeden Monats. .. Abonnements-Preise: (Zusendung inbegriffen) Für Desterreich-Ungarn ganzjährig fl. „ Deutschland „ Rußland „ die übrigen Länder qolbs und vierteljähriges Abonnement zu den entsprechenden Theilbeträgen. Das Abonnement kann mit jeder Nummer beginnen. Einzelne Exemplare ä 20 kr. im Zeitungsbureau Goldschmidt, I., Mollzeile 8. Unfrankirte Briese werden nicht angenommen und Manuskripte nicht retournirt. Redaktion u. Administration Wien. II., Schreigaffe Nr. 6. Sprechstunde: Täglich von I—2 Uhr Nachmittags. Nr. 12. Wien, 18. September 1890. III. Jahrgang. Inhalt: Zur Jahreswende 5651. — Die Zelte ScmS (Schluß). — Der HciligkeitSbegriff bei den Hebräern (Schluß). — „Das Alte stürzt, es ändern sich die Zeiten und neues Leben blüht aus den Ruinen". — Das Comitö in Odessa und seine Fortschritte (Schluß). — Des Ende der Baron Hirsch'schen Stiftung. — Korrespondenzen: Wien. — Lemberg. — Lemberg. — Berichtigung. — Boryslaw. — Dünaburg. — Bukarest. — Chronik. — Literatur: CarlScholl. Eingescndet. — Correspondenz der Redaction. — Belletristisches: David Alroy. — Anzeigen. Die nächste Nummer erscheint am 3. Oktober d. I. 'W IIIIIIIIIIIII1II1IIIIIII1IIII1IMIII1III1IIIIIIIIIIIMIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIII1HIUIIIHIIIIII Gesinnungsgenossen I Die Zdeen, die unser Blatt vertritt, haben sich in anderen Ländern eine große Anhängerzahl erworben; hierzulande dagegen ist unsere Schaar eine kleine. Die „E-elbst-Emancipation" ist hier der einzige Dolmetsch unserer Ansichten; es ist daher Eure heilige Pflicht, sie nach Möglichkeit zu verbreiten, einerseits um ihre Existenz zu sichern, anderseits um das publicum mit dem jüdisch-nationalen Gedanken bekannt zu machen. Erfüllet diese Pflicht! Die Ledaction. llililiitliliMliiMiiiliiilsiiiiiiltiiiiiitiiiaiBiliitaiiililsiililiiiiiuaiiiltiililiitlilil Zur Jahreswende 565s. Die jüdischen Neujahrstage mit ihrem weihevollen Ernste, ihrer gemütherschütternden Feierlichkeit sind wieder vorüber, die ernsten Söhne unseres Volkes noch ernster znrücklassend. Der große Versöhnungstag, der höchste Festtag unserer nationalen Religion, rückt heran, seine heiligen Schauer vor sich hcrschickcnd. Es ist eine ernste Woche, in welcher noch immer der bei weitem größte Thcil unseres Stammes in sich geht, vergangener Schuld gedenkt und einer schönen Zukunft sich würdig zu machen in heißem Gebete verspricht. Uns, die wir kein religiöses Parteiblatt sind, sondern das Organ einer Partei, die alle Juden, woferne sie nur jüdischen Geist und jüdische Sitte, jüdische Ideen und jüdische Hoffnungen hegen und pstegen, umfassen will, — uns erfüllt der Anblick unseres Volkes in dieser tiefreligiösen Woche mit dankbarer Genugthuung, weil wir da Israel in seiner angestammten Natur, groß und heilig, gereinigt von den Schlacken des unsauberen Alltagslebens, als das wahre Volk der Gotteswahl sehen. Unser Standpunkt gibt uns aber auch Anlaß zu wünschen, daß die Söhne unseres Stammes endlich auch einmal lernen, die Stimmung der Bußwoche nicht blos auf dem individuellen, sondern auch auf dem nationalen Gebiete zu verwerthen. Jeder einzelne Jude hat nicht blos die Pflicht, aus seiner eigenen Vergangenheit Lehren für seine Zukunft zu ziehen, sondern auch die Pflicht, mit dem Schicksale seines Volkes sich zu beschäftigen, deffen Vergangenheit . sich vorzuführen und an dessen Zukunft zu denken. Die Lithurgie, welche ja bei uns hervorragend nationale Färbung hat, trägt wohl-,diesem Momente im weitesten Sinne Rechnung, aber man weiß ja, wie gerade der diesbezügliche Theil der Gebete gedankenlos herabgeleiert zu werden pflegt. nton rwr1?,, ruft die Zunge, aber nicht das Herz; das großartige D1JJ3 13*0* LNN schrumpft zu einer verständnislos gebrauchten Phrase zusammen. Es ist nun nicht zu leugnen, daß vielleicht in keinem Lande, wo sich Söhne unseres Volkes finden, jüdisches, d. h. hier dem Gesammtjudenthum gewidmetes Streben weniger zum Durchbruch kommt, als in Oesterreich-Ungarn. Ja, der Zusammenhang des Judenthums dieses Kaiserstaats mit dem Judenthum in anderen Staaten ist derart gelockert, daß nicht einmal die Kunde von den Errungenschaften, die Israel anderwärts auf dem Gebiete nationaler Selbsthilfe macht, in die Gaue der habsburgischen Monarchie eindringt. Was wissen unsere hierländischen Juden, auch die jüdischer Gesinnten, von den Bemühungen der russischen uud palästinensischen Stammesgenoffen um die jüdische Colonisirung Palaestinas und um die Belebung der hebräischen Sprache, was, um nicht so in die Ferne zu schweifen, von den ähnlichen Bemühungen und den jüdisch-wiffenschaftlichen Bestrebungen in Deutschland und England? So gut wie nichts. Das nationale Gezänke der verschiedenen Stämme Oesterreich-Ungarns allein füllt unser Dasein aus; wir nehmen an diesem widerwärtigen Gezänke theil, wiewohl es uns gar nichts angeht. Das Judenthüm scheint innerhalb der schwarzgelben Pfähle schon nur zu dem Zwecke da zu sein, um das Zünglein an der Wage zu sein, auf deren einen Schale das Deulschthuni, auf deren andern das Slaventhum sitzt, und scheint sich auf diese öde Zünglein- Rolle etwas einzubilden. Traurige Rolle für einen beträchtlichen Bestandtheil eines Volkes, das noch stark genug wäre, um unter eigener Flagge zu segeln! Wenn sich noch irgendwo ein Interesse für das Judenthum kundgibt, ist es ein derartig theologisch-philosophisch-politischerSchwulst daß es voni Standpunkte gerechter Beurtheilung keine Würdigung verdient. Unsere Brüder in Rußland schaffen eine hebräische Tagespresse und ziehen ein blühendes jüdisches Bauerngeschlecht aus dem Boden unserer Ahnen groß; unsere Brüder in Deutschland und England suchen stets neue Schätze aus den, Schächten jüdischen Wissens hervor, und sind groß in den Sammlungen für allgemein jüdische Zwecke*); unsere Brüder in Frankreich tragen liebende Fürsorge für die Brüder in den fernsten Ländern. Und bei uns? Selbsthaß oder Gleichgiltigkeit oder im besten Falle ein heldenmüthiges Geschimpfe auf die Antisemiten, das niemandem auf der Welt irgendwie nützt und uns Juden am allerwenigsten. Und damit, ist es im abgelaufenen Jahre kaum besser geworden; mögen auch kleine Anläufe zur Besserung nicht geleugnet werden können. Es ist ein recht trostloser Rückblick, den wir hier auf die vergangene Zeit gemacht haben, und wir hier in Oesterreich werden ganz besonders gut daran thun, utd /uqvk mit allem Nachdruck zu sagen. Wir werden gut thun, in dieser Bußwoche unfern Blick für die Bedürfnisse unseres Volkes zu schärfen, und aus der durch den Antisemitismus bewiesenen Nutzlosigkeit der Assimilation die Erkenntniß des uns winkenden wahren Heiles zu gewinnen. Wir werden dies um so leichter im Stande sein, wenn unser Rückblick sich auch in die entlegenen, aber für uns so bedeutungsreichen Fernen unserer nationalen Glanzzeit erstreckt, und wir diese dann vergleichen können mit unserem Auch-Dasein von heute. Dann werden auch erst unsere Gebete für unser indi- *) Welche Geldsummen brachte das deutsche Judcnthum für die Opfer der Bagdader Judenunruhen zusammen: das österreichische betheiligte sich mit Null.