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Selbst-Emancipation · 1890-09-01 · Heft 11 (1.9.1890) · p. Seite 8

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1890
Issue
Heft 11 (1.9.1890)
Date
1890-09-01
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 Sclbst - E m a n t i p a t i o u. Nr. 11. „O nein, nein! — Ich bitte Euch, Oheim. Doch ich bitte Euch nicht, ich beschwöre Euch auf meinen Knieen, Herr, vergeßt so ganz, daß ich ein Recht darauf habe, wie ich hiermit völlig ihm entsage. Dieses Scepter ... Ihr habt es weise und gut geführt, ich beschwöre Euch also, behaltet es. Wahrhaftig, guter Oheim, ich habe nicht die geringste Anlage zu all' den mühsamen Pflichten eines solchen Amtes." „Du sehnst Dich nach Ruhm, scheust Dich aber vor Arbeit." „Arbeit ohne Ruhm ist Tagelöhnerwerk." „Du bist ein Kind! Lebe denn und lerne, das; das schönste Loos des Lebens in erfüllten Pflichten und wohlverdienter Ruhe besteht." „Ist mein Loos Ruhe, so werde ich sie auch in einem Sumpfe finden." „O David, David! es liegt eine Wildheit in Deiner Sinnesweise, vor der ich oft zittern muß. Du bist zu viel allein, Kind! Und deshalb und wegen andrer noch wichtigerer Gründe verlange ich, daß Du endlich das Dir angecrbte Amt übernehmest. Was meine geringe Erfahrung beitragen kann, um Dir üeizustehen, als Dein Rathgeber, das werde ich stets Dir gerne gewähren, und . was das klebrige betrifft, so wird unser Gott Dich nicht verlassen, Dich ein verwaistes Kind, und geboren aus königlichem Blute." „Nicht weiter, nicht weiter! theurer Oheim. Ich habe wenig Lust einen Thron zu besteigen, auf welchem ich doch nur der erste Sklave bin!" . „Ei, ei, Du bist jung! Leben wir denn wie Sklaven? Ist diese Halle ein Sklavengemach? Diese köstlichen Teppiche, diese reichen Divans, in welchem stolzen Harem fänden wir ihres Gleichen? Ich fühle mich nicht als Sklave. Meine Kästen sind voll Dirhems. Ist das Sklavenart? Der reichste Theil der Carawane gehört stets Bostenai. Heißt das ein Sklave sein? Geh aus den Bazar in Bagdad, und Du wirst dort meinen Namen mächtiger finden, , als den des Kalifen. Ist das ein Zeichen der Sklaverei?" „Oheim, Ihr arbeitet für Andere." „So thun wir alle, so thut die Biene, und doch ist sie frei und glücklich." „Wenigstens hat sie einen Stachel." „Dessen sie nur Einmal sich bedienen kann: und wenn sie sticht . . „So stirbt sie, und wie ein Held. Solch' ein Tod ist süßer, als ihr Honig." „Ja, ja, Du bist jung, sehr jung! Ich habe nur so meine Einbildungen. Träume, nichts als Träume. Ich möchte Dich so . gern glücklich sehen, Kind! Komm, und heitre Dein Anlitz auf. Heut ist doch bei alledem ein großer Tag. Hättest Du gesehen, was ich gesehen habe, David, Du würdest Dich auch dankbar fühlen. Komm denn und laß uns genießen.. Der Jsmaelite, das verfluchte Kind der Hagar, heut muß er bekennen, daß Du ein Fürst bist. Heut vollendest Du gerade Dein achtzehntes Jahr. Die Gebräuche unseres Volkes verlangen es, daß Du jetzt die.äußeren Zeichen der Mannbarkeit annehmen mußt. Heute also beginnt Dein Reich/ und bei unserm Feste will ich Dich den Aeltesten als ihren Fürsten vorstellen. So lebe denn wohl auf: eine kurze Zeit, mein Kind. Erheitre Dein Anlitz zum Lächeln. Ich werde sorglich Deiner Gegenwart harren." „Lebt wohl, Herr." - Hiermit, wandte er. sich und sah seinem Oheim nach. Je mehr Bostenai sich entfernte, um so mehr schwand nach und nach der finstre Ausdruck seines Gesichts. Erschlaffung folgte aus Keckheit. Er seufzte, warf sich auf einen Sessel und verbarg das Gesicht in seine Hände. Plötzlich sprang er auf und ging mit . unruhigem, schweren Schritte das Gemach entlang. Er blieb stehen und lehnte sich an eine Säule. Dann sprach er mit bebender gedämpfter Stimme: „Ach! mein Herz ist voll Kummers, und meine Seele dunkel von Sorge! Wer bin ich? Was ist dies alles? Eine Wolke hängt schwer über meinem Leben, Gott meiner Väter, laß sic sich entladen! Ich weiß nicht. was ich fühle, aber, was ich fühle gleicht dem Wahnsinn! So zu sein ist nicht Leben, wenn Leben ist, was ich manchmal träume und wagen darf zu denken, es könnte so sein. Athmen, Nahrung nehmen, schlafen, wachen und wieder athmen — wieder ein Dasein fühlen ohne Hoffmmg; wenn dies Leben ist, warum denn diese brütenden Gedanken, die mir znflüstern, daß der Tod besser.sei als dies? — Hinweg, hinweg! Der Feind versucht mich! Aber wozu? Welche namenlose That, vor der diese Hand zurückbebt? Nein, nein, es darf nicht sein. Das königliche Blut von zweimal zweitausend Jahren muß nicht sterben — sterben wie ein Traum. O! mein Herz ist voll Kummers und meine Seele ist dunkel von Sorge! , - - Horch! Die Trompeten, die unsre Schmach verkünden. O wenn sie doch zur Schlacht riefen! Herr der Heerschaaren! Laß mich siegen oder sterben! Laß mich erobern wie David, oder sterben, Herr, wie Saul. — Ach! wäre ich doch noch in den Wäldern wie sollst, ein einsames, schwermüthiges Killd! . Jede Blume, die ihr keckes Haupt erhübe, sollte der Feind im Turban sein, und ich würde ein Schivert schwingen, aus einem schlvanken Zweige geschnitzt, und Rache finden in jedem Streiche, der ihren farbigen Stolz vernichtete. — Doch das ist vorbei. Vorüber dieser süße Frühling, lvo Phantasie die Trösterin war der Einsamkeit.. Und doch bin ich auch jetzt allein. Aber wie allein! Der Wahnsinn der Vergangenheit und die Verzweifluilg der Zukunft — sind sie nicht die auserwählten Gefährten meines erfreulichen Daseins? — Noch erinnere ich mich, wie ich ein Kiild ivar, daß ich ausrief: wäre ich doch ein Mann! und jetzt möchte ich mich hinsetzen und rufen, laß mich wieder ein Kind sein. Folgt doch der Sonnenschein der Brust nicht mehr aus jene kühlen Regenschauer des Schmerzes; nicht die lichte Jahreszeit meines kindlichen Frühlings, als Sorge und Weh nur. noch flüchtige Täuschungen waren! — Seht diese reiche und seltene Hauptzier! Ihre Steine könnten eines Sultans Schläfe schmücken.' Könnt' ich nur weinen, für jede'heiße Thräne gäb' ich ein glühendes Juwel hin. Ach! die Zeit der Thränen ist vorüber, Und jetzt — mein Herz ist voll Kummer - und meine Seele Ist dunkel von Sorge." „Gott meiner Väter!— denn ich darf dich nicht nennen den Gott ihrer verworfenen Söhne — aber bei dem Andenken an Sinai laß mich Dir sagen, daß noch etivas vonjenem alten Blute durch meine Adern rinnt, daß cs noch Einen-gibt, der gern mit Dir spräche von Angesicht zu Angesicht — spräche und siegte!" „Und wenn das Versprechen, an das wir uns halten, keine Täuschung ist, so laß ihn konrmen, und das' schnell, denn Dein Diener Israel, o Herr! ist jetzt ein Sklave, so niedrig, so elend, so verachtet, daß selbst da, als unsere Väter ihre Harfen hängten an die Ufer der Wasser von Babylon, es ein Paradies war, gegen das, was wir jetzt leiden." „Ach! sie leiden nicht; sie tragen's nur und fühlcn's nicht. Oder bewachen unsere beschattenden Cherubim jetzt wieder die Bundcslade?" „Und eben jetzt zuckt ein glühender Blitz durch die Dunkelheit meines Geistes — wenn, wenn — O! schrecklichster aller Schmerzen, von Ruhm zu träumen in Verzweiflung! Stein, ich lebe und sterbe als das unedelste aller Wesen! Schönheit und Liebe, Ruf und hohe Thaten, das Lächeln des Weibes und der Blick der Männer und das adelnde Bewußtsein eignen Werthcs und all' der kühne Wettlauf schöpferischer Leidenschaften — sie sind nicht für mich — und ich, Alroy, der ferne Nachkomme gesalbter Könige, mit einer-Seele, die nach Herrschaft schmachtet, ich stehe hier und strecke meinen Arm vergebens nach meinem verlornen Scepter aus, ich der entehrteste aller Sklaven! Ha, Hä! Hört doch! Festlichkeit hält ihren heitern Einzug in diese Leid athmendcn Mauern. Wir sind heut lustig; und doch, ehe jene stolze Sonne, deren nrächtiger Lauf einst vor unseren Schwertern still stand, die sie jetzt nicht einmal mehr ihrer Strahlen für werth hält, che jene stolze Sonne,. gleich einem Helden aus dem Felde des Siegs, eintritt in das Zelt ihrer Ruhe, soll eine^That gethan sein." (Fortsetzung folgt.). Avis! Folgende Herren hatten die Güte, die Vertretung der „Selbst-Emancipation" unentgeltlich zu übernehmen: Für Bessarabien: Herr Dr. Leo Kohan in Kischinetv. Für Odessa: Herr Jacob Konstantinowsky in Odessa, Richelieu-Straße 14, Magazin de l'Europe. . - Für Serbien: Dr. David Alealay in Belgrad. Somit können Stammesgcnossen in den genannten Ländern oder Gegenden sowohl bei den betreffenden Herren als bei uns direct ihr Abonnement anmelden, rcspective Zahlung leisten. Die Administration. Wir machen die geehrten auswärtigen Mitarbeiter darauf aufmerksam, daß der Schluß der Redaction zwei Tage vor dem Datum des Erscheinens des Blattes erfolgt. iitiiBiBiBiaiitiiiiBia!i)itaiaiaiBiiiBia!aiiiijiiB(iiiiiiitaiiiaiiiiji<BiBiaiBiBiiiiiiiu»iiiaii Für die Redaction veranttv.: Dr. Nathan Birnbaum. .Buchdruckerei Schloßberg, Wien, ll., Stephaniestr. 2.

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