Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 10 (15.8.1890)
- Date
- 1890-08-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Organ der Jüdisch-Nationalen. Herausgeber: Chefredakteur: Dr. Siegmund Elkan. Dr. Nathan Birnbaum. -'■*>./■■■wi» Mm i -— Erscheint zu Anfang und Mitte jeden Monats. Nr. 10. Wien, 13. August 1880. lll Jahrgang. Inhalt: Die Lage der Jude» in Rußland. — Die Zelte Sems. — Aus Rußland. — Dos ComitS in Odessa und seine Fortschritte. — Der Heilistkeitsbegriff bei den - Hebräern. — C o r r e s p o n d e n z e n: Lemberg. — Berlin. — Magdeburg.— Jerusalem. — Chronik: Aus Paris. — Spende.— Juramentum. — Pcrsonalnachricht. — Dr. Duschak. — Eingescndct. — Korrespondenz der Redaction.— Belletristisches: David Alroy. — - ..--SC Abonnements-Preise: (Zusendung inbegriffen) Für Desterreich-Ungarn ganzjährig fl. „ Deutschland „ Alk. 8 „ Rußland „ Rbl. „ die übrigen Länder „ §r» \0 Halb- und vierteljähriges Abonnement zu den entsprechenden Theilbeträgen. Das Abonnement kann mit jeder Nummer beginnen. Einzelne Exemplare ü 20 kr. .!m ZeiMngsbureau Goldschmidt, WoUzeUe 8. . --S X - --Äl Redaction n. Administration: Wien, II., Schreigaffe Nr. L. Sprechstunde: Täglich von {—2 Uhr Nachmittags. llnfranfirte Briefe werden nicht angenontmen und NIanuscripte nicht retoumirt. .S 9^ Die nächste Nirmmer erscheint am 1. September d. I. ~398 Gesinnungsgenossen! Die )deen, die unser Blatt vertritt, haben sich in anderen Ländern eine große Anhängerzahl erworben; hierzulande dagegen ist unsere Schaar eine kleine. Die „Selbst-Emancipation" ist hier der einzige Dolmetsch unserer Ansichten; es ist daher Eure heilige Pflicht, sie nach Alöglichkeit zu verbreiten, einerseits itirt ihre Existenz zu sichern, anderseits uni das publicum mit dem jüdisch-nationalen Gedanken bekannt zu machen. Erfüllet diese Pflicht! Die Nedaction. Die Lage der )uden in Rußland. Ein unendlich trauriges Schicksal ist über unsere Stammesgenossen im russischen Reiche hereingebrochen. Todtgeglaubte Schrecken steigen aus den Grüften vergangener Zeiten empor und greifen gespensterhaft grausig nach unserem Volke, — nach dem ganzen Volke, denn wo ist das jüdische Herz auf dem Erdenrunde, das unter der Entsetzensnachricht aus Rußland nicht in jähem Schmerze erzitterte, das unter dem Eindruck dieser Unglückskunde das die Brüder treffende Unheil nicht selbst verspürte? Weg war da alle angewöhnte, anerzogene Assimilation, weg da aller thörichte Haß gegen die ^russischen" Juden — hinweggewischt von dem Wehen der gewaltigen Katastrophe. Selbst die von Juden geleitete Tagespresse, welche sich sonst so ungerne in Judendingen genau informirt zeigt und namentlich das Leben und Weben der Juden des Ostens, als nicht zu ihrem Programme paffend, mit bewunderungswürdiger Objectivität verschweigt, fühlte den Schlag mit und würdigte ihn eingehender Besprechung, vielleicht in banger Ahnungvon Ereignissen, die den ruffischen ähnlich sein könnten. Es ist keine Kleinigkeit. Fünf Achtel unseres Volkes — fünf Millionen, — wohnen im Czarenreiche, und diese größere Hälfte, auch bisher schon gedrückt und gedemütigt genug, soll, nun jede Existenzmöglichkeit und jeden Dieft von Achtbarkeit verlieren. Die der „Times" vorliegenden Erlässe beinhalten hauptsächlich folgendes: , 1. ' Juden dürfen 'nicht auf dem Lande wohnen, keinen Landbesitz haben, und keine Gutspächter sein. — Als flaches Land gelten fortan viele Ortschaften, die bisher als kleine Städte angesehen wurden und demgemäß den Juden offen standen. 2. Alle jene Juden, welche sich im Lause der Jahre, gegen ein altes Gesetz verstoßend, in einem der vierundvierzig verbotenen Gouvernements — auch bisher war ihnen der Wohnsitz nur in sechzehn gestattet — niedergelassen haben, werden ausgewiesen. 3. Die Hochschulen sind den Juden fortan gänzlich verschlossen; Staatsämter können sie nicht bekleiden. Unmittelbar treffen diese Erläffe etwa eine Million unserer Stammesgenoffen, für die sie eine Vertreibung, Ausweisung, eine Losreißung vom Heimatsboden und Berufe bedeuten, — eine Million von Stammesgenoffen, von denen die Hälfte mit Ackerbau und Handwerk sich beschäftigt hat. Aber noch ungeheuerlicher wird das Unglück, wenn man die mittelbare Wirkung der Erlässe aus die übrigen vier Millionen ruffischer Juden in Betracht zieht. Es ist offenbar, daß ein riesiger Zuzug der Juden vom Lande und aus den „verbotenen" Gouvernements in die Städte der erlaubten Gouvernements stattfinden wird. Herrschte hier schon bislang ein geradezu unerträgliches Elend unter der jüdischen Masse, weil alle Berufe derselben aufs Aeußerste überhäuft sind, so wird das jetzt noch'schlimmer werden. Die Möglichkeit für den Einzelnen, sich zu erhalten, wird noch tausendfach verringert werden, .das Elend sich also verbreitern und vertiefen. Das- Facit der Erlässe kann also nur das sein: Die auch bisher in den Städten der erlaubten Gouvernements wohnhaft gewesenen etwa 3 Millionen beispiellos armer und elender Juden bleiben nicht nur ihrer grenzenlosen Arinuth überlassen, sondern dieselbe wird sich, wenn das noch irgendwie möglich ist, in Folge des Zudranges der Vertriebenen noch steigern. Die unmittelbar getroffene Million von Stammesgenossen, welche bisher noch die relativ gesundeste Existenz führte, ivird den faulen traurigen Zuständen der anderen drei Millionen überantwortet, und wird mit ihnen gemeinsam am Hnngertuche zu nagen lernen. Der Rest, ans wenigen Neichen und einem auf höchst schwankender Basis lebenden Mittelstände bestehend, wird in Folge der unnatürlichen Beschränkung der jüdischen Bevölkerung in localer und beruflicher Beziehung zu großem Theile in die Niederungen des Elends hinabgerissen werden. Und jetzt bedenke man noch neben dieser Fülle materiellen Unglückes die demoralisirende Wirkung dieser Erlässe. — Alles dies ist zu grauenhaft, um wahr zu sein. Und dennoch scheint e^ trotz mancher schüchterner Dementis bittere Wahrheit zu sein. Ein großer russischer Dichter hat ein bedeutendes Werk: „Was thun?", geschrieben. Diese Frage drängt sich auch angesichts dieser Schreckensnachricht auf. Leider ist sie schiver zu beantworten. Rathschläge sind schon genug ertheilt, alle mehr oder minder undurchdachter Art. Soll man etwa die Intervention fremder Staaten ansuchen? Hat ja schon England, das Land, dessen Bewohner unstreitig das nach außen und innen judensreundlichste Volk der Erde sind, diese Intervention abgelchnt, weil es sich nicht in die innere Angelegenheiten Rußland's mengen könne. Im amerikanischen Repräsentantenhause hat das Mitglied für New-Nork, Baker, den Antrag gestellt, der Congreß der Vereinigten Staaten wolle erklären, er protestire im Namen der Menschlichkeit gegen Inkraftsetzung der Erlässe von 1882 gegen die Juden in Rußland, und den Präsidenten ersucht, an die russische Negierung eine Botschaft zu richten des Inhalts, die Vereinigten Staaten legten achtungsvollen, aber ernsten Protest gegen die geplante Maßregel ein. Wie wenig dieser Protest — wenn der AntragBakers angenommen werden sollte, was bei der immer stärker