Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 6 (16.6.1890)
- Date
- 1890-06-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3092672-3092764-3092770--0464-3093420- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
'#■ - - ■ —s AbonuementS-Preise: (Zusendung inbegriffen) jür Desterreich-Ungarn ganzjährig fi. 4 „ Deutschland „ Mk. 8 - „ Rußland „ SW. 4 „ die übrigen Länder „ jrcs 10 «alb- und vierteljähriges Abonnement zu den entsprechenden Theilbeträgen. Das Abonnement kann init jeder Nummer Organ der Jüdisch-Nationalen. Herausgeber: Chefredacteur: Dr. Siegmund Elkan. Dr. Nathan Birnbaum. Erscheint zu Anfang und Mitte jeden Monats.?;. .. * Wien, II., Große Schiffg-ffe Nr. 28. Sprechstunde: Täglich von \-2 Uhr Nachmittags. 'M £ 5c Nr. 6 Wie», 16. Juni 1890. ..i'MWnä'währVnd der letzten ^7 Jchre (Schluß?-C or'r espondenze n: Wien. Lemberg. Lemberg. Chronik. — Literarisches. — Eingesendet. — Correspondenz der Redaktion. — Correspondenz der Admnn,Nation. res pondenzen: LVicn. Lemberg. LembergLembergs Berlik. London. Belgrad. Jassy. Jaffa. — 9tSF Die nächste Nummer erscheint am 1. Juli d. I. Am Ende dieses Monates ablaufende Vierteljahr-Abonnements wollen gefälligst rechtzeitig erneuert werden, damit die Zusendung der Nummern keine Unterbrechung erleide. Die Administration. Die Socialdemokratie und die Juden. In Paris wurde eine Nihilistengruppe verhaftet, welche sich mit Vorbereitungen zu Bombenattentaten beschäftigte. Der Chef des Geheimbundes, ein gewisser Mendelssohn, ist Jude und Abkömmling des Philosophen Moses Mendelssohn; ebenso sind viele Mitglieder der revolutionären Gesellschaft jüdischen Stammes. Es ist nun erwiesen, daß in neuerer Zeit der russische Nihilismus eine socialdemokratische Richtung aufweist, und das erinnert uns an den Umstand, daß auch die socialdemokratischen Parteien außerhalb Rußlands eine beträchtliche Menge jüdischer Anhänger zählen, die sich durch besonderen Nadicalismus und besondere Hingabe an die Sache der Socialdemokratie äuszeichnen. Welche Stellung wir der socialen Bewegung gegenüber einnehmen, ist schon des Oefteren und Genaueren ausgeführt ,vorden. Wir haben nicht ermangelt, den socialen Kern in der nationalen Idee überhaupt und in der. jüdisch-nationalen Idee spcciell zu zeigen, wir haben den orientalischen Socialismus der Liebe gegenüber dem europäischen Socialismus des Neides beleuchtet, wir sind für die sociale Gleichheit im Nahmen der Nation und des Staates, mit einem Worte für einen vernünftigen Socialismus eingetretcn. Wir sind weiterhin gegen den Geld-Materialismus der Jetztzeit und die in seinem Gefolge befindliche Gemütsverrohung ausgetreten. Wir haben ein positives Programm entwickelt, das sich zuvörderst aus wirthschaftlichen und culturellen Motiven ergibt, und selbst ein Stück Lösung socialer Frage ist. Es wird daher wohl niemandem als höchstens einem socialistischen Parteifanatiker einfallen wollen, uns Hinneigung zum Capitalismus vorzuwerfen. Und doch können wir nicht anders als dit unter den Juden epidemieartig um sich greifende Hingabe an die internationale Socialdemokratie ans das Tiefste beklagen. — Wir sehen einen Schritt darin, der tausendmal verhängnißvoller werden kann, als die Assimilation geworden und je zu werden im Stande ist. Wir haben in diesem Blatte schon angedeutet, welcher eigenthümlichen Manie des jüdischen Volkes wir diesen, Schritt zu verdanken Haben, — der Manie, durch Abenteuer sich retten zu wollen. Tauchte die seltsame Idee des Volksselbstmordes auf, — flugs hatte sie das ganze Volk ergriffen. Jetzt, da diese merkwürdige Verirrung ihrer Glorie so ziemlich entkleidet, ihr Glanz fast erstorben ist, — nur in manchen Ländern kommt sie jetzt recht zeitwidrig nachgehumpelt, — hat sich Israel rasch eines — noch Schlechteren besonnen und wirft sich dem großen Fragezeichen der socialen Frage allzu vertrauensselig in die Arme. Es ist ja kein Wunder. Seit Jahrtausenden unter dem Drucke einer nicht auszurottenden Ungleichheit, erleben sie endlich eine Bewegung, welche der ganzen Menschheit, also auch ihnen Erlösung bringen ivill; diese Zukunftsmusik mag auch die messianischen Accorde ihrer jüdischen Seelen wecken und so geschieht es: sie gehen hin und werden Socialdemokraten. Ob die Socialdemokratie mit ihren socialen Forderungen durchdringen wird oder nicht, ist nicht Gegenstand dieses Aufsatzes. Jedenfalls wird sie, ob nach gewaltsamen Umwälzungen oder allmälig in ruhigere Bahnen einlcnkend und auf das Gewordene und Seiende sich stützend, mächtige sociale Reformen im Gefolge haben. Das Eine aber steht fest, daß sie die Existenz von Staaten und Völkern nicht in Frage stellen wird. Das geht schon daraus hervor, daß Staaten und Völker, wie das in diesen Blättern schon mehrfach ausgeführt wurde, naturgemäße Bildungen sind, welche der Menschenwille nicht abschaffen kann; es darf aber ferner auch nicht übersehen werden, daß bas Weltbürgerthum der Socialdemokratie mehr Tactik, als wirklicher Programmpunkt ist. Es gilt, die Armen, die wirthschaftlich Schwachen zu erlösen und um den Kampf gegen die Reichen, gegen das Capital aussichtsvoller zu machen, soll das ganze Proletariat der Erde vereinigt werden..Leichtbegreiflicher Weise wird diese Methode einem oberflächlicheren Gemüthe zur Theorie selbst und ganz confuse Köpfe werden veranlaßt, Staaten und Völker für Geschöpfe der Capitalistenwillkür, die schlau genug mit diesen Einrichtungen das Proletariat knechten will, anzusehen. Es hat sich in der Mannschaft der socialdemokratischen Armee ein Größenwahn herausgebildet, welcher viel Ähnlichkeit mit dem altrömischen Caesarenwahnsinn besitzt. Mit einem irren Lächeln sieht ein solcher Socialdemokrat auf das ihm so kindisch dünkende Getriebe der politischen Welt hinab, das ja nicht lange mehr dauern kann. Sein ungeschulter Fanatikerblick wagt es, alles was die Menschheit seit Jahrtausenden für die Idee des Staates und der Nation geleistet hat und noch leistet, für unnütz und gleichgiltig zu halten. Er glaubt selbst das Pulver erfunden zu haben und ist sicher, daß Bismarck -• um irgend ein Beispiel zu wählen - - Kegeln gespielt habe, in der Meinung, es sei große Staatspolitik gewesen. Diese Wahnvorstellungen erhitzter Socialistenköpfe mit geringer Gehirnentwicklung inögen wohl von den Officieren der socialdemokratischen Armee nicht getheilt werden, aber sie benützen dieselben, um dem Proletariat mit dem Bewußtsein messianischer Aufgaben Kampfeslust und Einheit zu verleihen. Es ist so gut wie unanfechtbar, daß die Menschheit immer durch das Mittel der Staaten und Nationen ihre Culturaufgaben wird lösen müssen, und daß der Socialismus sich diesem Mittel wird anpassen inüssen, wenn er etivas Dauerndes zuin Wähle des Menschengeschlechtes wird schaffen' wollen. Und gerade die nationale Idee in ihrer neuzeitlichen gleichheitlichen Gestalt ist am wenigsten Gegensatz des socialen Gedankens. Die Socialdemokraten mögen doch darüber Nachdenken, ob ihre Partei wohl so groß geworben wäre, wenn die nationale Idee ihr nicht vorgearbeitet hätte. Wie hätte es;. B. mit der