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Selbst-Emancipation · 1890-06-02 · Heft 5 (2.6.1890) · page 1

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1890
Issue
Heft 5 (2.6.1890)
Date
1890-06-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
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AbonrremerrtS-Preise: (Zusendung inbegriffen) zür Dejlerreich-Ungarn ganzjährig ff. 4 „ Deutschland „ Hlf. 8 Rußland - „ Rbl. 4 . ' „ die übrigen Länder „ jrcs (0! tzalb- und vierteljähriges Abonnement zu den 1 entsprechenden Theilbeträgen. Da- Abonnement kann nüt jeder Nummer ■ Lingelne Lremplare L 20 Organ der Jüdisch-Nationalen Herausgeber: Dr. Siegmund Elkan. Chefredacteur: Dr. Nathan Birnbaum. Redaction u. Administration: II., Große Schiffgaffe Nr. 28. Sprechstunde: iägllch von (—2 Uhr Nachmittags. ' bureau Goldschmidt, I., Wollz mpeitungs* Erscheint zu Anfang und Mitte jeden Monats. Nr. S. Wie«, 2. Juni 1890. III. Jahrgang. Inhalt: Die Ziele der jüdisch-nationalen Bestrebungen. Eine Artikelserie. HI. — Der Dank der Völker. Ein zeitgemäßer geschichtlicher Rückblick. — Kurze Ueberflcht der Fort- ' schritte der jüdischen Colonisation in Palästina während der letzten 7 Jahre (Fortsetzung.) — Correspondenzen: Wien. Wien. Lemberg. Lemberg. Odessa. Odessa. Jassy. Japa. — Chronik. — Eingesendet. — Correspondcnz der Redaktion. — Inserate. WE" Die nächste Nummer erscheint am 16. Jnni d. I. Mtzk Die Ziele der jüdisch-nationalen Bestrebungen.; Eine Artikelserie. m. , . Lttzischer Ttzeil.*) Es ist ein heikler Gegenstand, über den heute gesprochen werden soll, — jedes Wort ein Wagniß für eine Zeitschrift, die für Juden und zu Juden zu sprechen hat: Von dem sittlichen Zustande der jetzigen Jndcnheit wird nämlich gehandelt werden nnd da ist es leicht, die Empfindlichkeit zu verletzen und die Eigenliebe zu kränken. Hoffentlich werden jedoch Sachlichkeit und Gerechtigkeit in unseren Ausführungen denselben jeden Stachel benehmen, — und übrigens siegt immer und überall blos die Politik der Wahrheit, während die Politik kleinlicher Fälschungen und Entstellungen noch niemals große Ergebnisse erzielt hat. Wollte man den Behauptungen der Antisemiten Glauben schenken, so ivären wir der Ausbund aller Schlechtigkeit, das Schandmal der Welt, die Säule aller Niederträchtigkeit auf Erden. Die Arier sollen der reine Gegensatz zu uns sein. — Es fällt uns nun nicht im Entferntesten bei, den Spieß unizukehren und d.en Ariern die Liebenswürdigkeiten zuznmuten, die sie an uns finden wollen; denn abgesehen davon, daß uns unsere angeborne jüdische Milde im Nrtheile daran hindert, dürfen wir uns ohnehin den Luxus nicht erlauben, welche sich eine erdrückende Mehrheit gestatten kann. Ebensowenig haben wir im Sinne, uns mit den Antisemiten über unsere moralische Qualität in ein hitziges'Gefecht einzulassen, wie solche zur Zeit so beliebt sind, da wir die Unfruchtbarkeit solcher Geplänkel einsehen. Wir wollen vielmehr in die eigene Wunde greifen, und forschen, was da und warum es da eitert und blutet in unserem Volksorganismus? Vielleicht ivird Manches von dem zu Sagenden Manchem zu verurtheilend Vorkommen; man wird sich aber bei einiger Anf- " *) Der erste Artikel „Wirthschaftlicher Theil" befindet sich in der Nummer vom 2. Mai, der zweite Artikel „National-politischer Theil" in der Nummer vom 16. Mai 1890. merksamkeit überzeugen, daß wir die fortdauernde Großartigkeit und Erhabenheit des jüdischen Volkes anerkennen und seine trotzdem unleugbare sittliche Verschlimmerung blos als die Folge jenes furchtbaren Schicksalsfluches ansehen, den es sich durch sein Uebermaß von Gemüth und Gefühl zugezogen hat, und der nun schwer ans ihm lastet, — eine beispiellose Bürde. Denn, wen nicht antisemitischeRaserei verblendet, der wird nicht leugnen wollen, daß unsere angeborenen, in d e.r N atur uns eres S t am m es l i e g e nd.e^nMängel im Vergleiche zu den'nätü.rlichen Fehlern anderer Völker verschwindend wenige und nur u n s s e l b st sch äd lich e, übrige n s n i ch t s anderes sind, als Ausartungen n n s erer T n g e n d t u. Hieher sind Uneinigkeit und Stolz als ungerathene Kinder des unter uns hochentwickelten individuellen Selbstbewnßtseins, Starrsinn und Trotz als bittere Früchte unserer zähen Consequenz zu rechnen. Neben linseren angeborenen Schwächen weisen wir aber auch noch andere auf,: welche die ersteren an Zahl und Häßlichkeit weit überragen., Diese zweite Art von Fehlern zählen unsere Feinde mit bewußter; oder unbewußter Lüge zu unseren nationalen Volkslastern, während sie doch wissen oder wissen sollten, daß diese Mängel nichts anderes als Golusblüthen, als Resultate ihrer zweitausendjährigen Ungastlichkeit,-Unduldsamkeit, Grausamkeit und Herzenshärte sind. Diese Erinnerung ist den arischen Sittenrichtern wohl unangenehm, darum wollen sie sich nicht erinnern und schelten den Krüppel, den sie selbst zum Krüppel gemacht haben. Doch wir wollen auch mit unseren Feinden nicht so streng in's Gericht gehen: Menschen haben gemeiniglich ein kurzes Gedächniß für die eigenen Sünden, dafür einen desto besseren Blick für die Fehler des Anderen x auch darf man von ihnen nicht zu viel Sentimentalität verlangen. Sie sehen die Laster des Nebenmenschen, fragen nicht viel darnach, ob sie selbst dieselben geschaffen oder begünstigt haben; es genügt ihnen das Dasein dieser Schwächen —. vielleicht nötigen sie auch; etwelche unangenehme/ Wirkungen derselben hiezu, — um zu Haffen, zu Hetzen und zu hauen. Das erste und Grundlastcr dieser zweiten Gruppe von anerzogenen und aufgen ö th i g t e n Fehlern der modernen Juden ist ihre übergroße Achtung vor dem Gelde. Dieser Geld-Materialismus steht, im craffen Widerspruche nicht nur zum jüdischen Alterthnm, das die Geldlust nicht kennt, sondern auch zu der Weichherzigkeit und dem politischen Idealismus der heutigen Juden. Und doch ist er da und drückt unserem Volksthum in jetziger Zeit einen gar häßlichen Stempel auf. Freilich wird diese moderne Verderbniß des jüdischen Volkscharakters einigermaßen durch den überhaupt.materialistischen Zug der Jetztzeit begünstigte Das aber ist eben das Traurige, daß das elastische Volk idealer Sittlichkeit, statt der Welt ein Muster von Gemüthsidealismns zu bleiben, von seiner Bahn abirrte und in so hervorragendem Maße dem neuzeitlichen Materialiinus huldigt. Und trotz alledem rufen wir in die Welt hinaus: Wir sind nicht schuld daran, wir waschen unsere Hände in Unschuld! Dasselbe schreckliche Gespenst,. — das Golns nämlich — welches die Juden national-politisch und wirtschaftzu Grunde richtete, vergiftete auch ihre ethischen Begriffe. Wir verurtheilen nicht den Handel und verdammen nicht den Handelsstand. Aber selbstverständlich ist und bleibt es, daß ein Volk, das fast durchwegs vom Handel lebt, ohne anderen Berufen in nennenswerthem Maße nachzugehen, eine gewisse kleinliche Klugheit und einen höhern Grad von Gewinnsucht erwirbt, die es sicherlich nicht zieren. Ein Volk, welches einen blühenden und stolzen Handelsstand besitzt, der sich ergänzend den anderen Beru fs ständen, nament lich dem Bauernstände a nreiht, entfaltet alle seine geistigen und sittlichen Kräfte zu ungeahnter Blüthe; das V o lk aber, welches nur v o m H a ndel lebt,Gewerbe undAckerbau an deren Nationen überlassend, fällt einem widrigen Krämergeist anheim und sinkt inseinen sittlichen Begriffen. Es erweist sich hier die Einseitigkeit wie immer als ein durchaus schädliches Moment. Wäre ja

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