Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 4 (16.5.1890)
- Date
- 1890-05-16
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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Dialog zwischen dem „Batlan" Lemech und dem AüfgeNärten Lacharia^. Aus dem Hebräischen "des „H a m e l i tz", in's Deutsche -i' ' ' übersetzt von Siua. ... ,,-.i(Schluß.) ,, . L.: Wirf mir nicht jeden Augenblick den „Batlan" vor. .Ich habe so viel.Verstand als Du. Ich bin ebenfalls;ein: klein luemg, Philosoph, denn, ich kenne gottlob einige Eapitel aus dem Buche „Slenorath hamoer" und.von., „^Irc^Ath firchall", in diesen Capitcln aber steckt mehr Philosophie, als bei Euch allen zusammen. Zum Beweise dafür jedoch, daß ich Dich verstanden habe, will ich an Dich eine schwierige Frage richten. Du, sagtest, daß . Du, wenn Dir zuweilen die Ausdrücke fehlen, Dein Netz in das Meer des Talmud werfest, und. von dort Deinen Ersatz hervorholest. -So werden auch' die: Odeffacr .—.die" Ketzer kennen -den-Talmud gut,'—diesen.zu Hilfe-nehmen, und -wo ist-dann die Neuheit? Sie werden dann doch blos so hebräisch reden, wie dis.Sendboten aus Jerusalem, nämlich 2 Sätze in der Sprache de? heiligen Schrift und einen im Talinuddialect. Doch, die Studenten und Mädchen, welche ihr Lebtag den Talmud nicht gesehen haben, werden -übrigens, nicht verstehet -was die freigeistigen Hebräer zu ihnen sprechen— geradeso wie beim Thurmbau von Babel. — Vielleicht , wollen die Odeffacr gar innerhalb dieses Vereines einen speciellen- Talmudclub gründen, in denselben auch Mädchen aufnehmcn und auf diese Weise das Gebot unserer Alten übertreten, welche gelehrt haben: „Wer seine Tochter im Talmud .unterrichtet, pflanzt einen bösen - Geist in sie." Z.: Wie viele Fragen und Einwendungen Du hast! Ich könnte Dich ja kurz mit der Gegenfrage abseitigen: Bin ich denn für die Odessaer .verantwortlich? Ich hübe ja den Gedanken zur Gründung dieses Vereines nicht gehabt, vielmehr blos im „Hamelitz" über ihn gelesen und das genügt mir noch nicht, um mir ein klares Urthcil über denselben zu bilden. Nur weil Du 'ein Batlan bist und mich einen Weisen nennst, will ichDir meine Ansicht über die Sache sagen, ohne zu wissen,' ob ich mich in llebereinstimmung mit den Odessacrn befinde. So wisse denn, Lcmech, es gibt keine Sprache, welche vollkommen rein ist, welche gar keine fremden Elemente in sich ausgenommen hat. Alle europäischen Sprachen haben sich gegenseitig Wörter, Laute, Stämme entlehnt. Nach einer Reihe von Jahren, kann nur mehr der Philologe, das Ursprüngliche in der Sprache von den aufgenommenen frenidcn Elementen unterscheiden; das Volk selbst aber fühlt diesen Unterschied schon gar nicht mehr, z. B. der Jargon, in welchem Du mit Deinem Weibe sprichst, ist ein Gemeilgsel aller Sprachen der Welt; auch das Idiom des Talmuds ist in ihm vertreten. Aber so wie Dein Weib nicht weiß, .daß „kacreile". (Halstuch) vom' italienischen facile stammt, so weiß sie auch. nicht, daß das Wort „arvaclaj" (sicherlich) dem Talmud entnommen ist. Sie kennt also dieses Wort und seine Bedeutung und benützt es, ohne, wie Du, die Quelle zu kennen, obwohl ihr Vater-gewiß nicht ein Gebot des Talmuds übertrat und^etwa.seiner Tochter Gemarah lehrte. Warum das? Weil - sie nie in diesen Wörtern die fremden Gäste merkte. Gerade so wird's nun im Odessaer Vereine sein. Sie haben bis jetzt weder die Bedeutung von jach sehen, regel“) noch von agew, hagin, tawlin11) gewußt; sie werden ihre Bedeutung nun kennen lernen, ohne sich darum zu kümniern, ob sie rein hebräisch oder talmudisch sind. Es ist gar nicht nöthig, daß sie den ganzen Talmud kennen; ihn brauchen unbedingt nur die Gelehrten und Lehrer zu kennen, welche die Aufgabe Haben, die hebräische Sprache in Wort und Schrift zu heben, - denn der Talmud ist für diesen Zweck eine-fast unerschöpfliche Quelle. — Doch, wie ich sehe, bist Du meinen letzten Auseinandersetzungen nicht mit' Aufmerksamkeit gefolgt. Das ist in der That ein heikler Gesprächsstoff' für Dich, der Du aus dem Gebiete der Sprachen kein Wiffen hast; Soviel wirst Du jedoch all' dein-entnommen.haben, daß die' jungen Leute keinen *!) Hebräische Wörter..") Talmudische Wörter.' Talmudclub gründen und überhaupt nicht zwischen rein hcbräi'chen und talmudischen Wörtern unterscheiden müssen. Wenn 'sie einmal hebräisch .sprechen werden, wird Niemand zu wißen brauchen, wo die Worte her sind. — Was aber Deine scheinbar gerechte Einwendung betrifft, inwicferne sich dann dieses Odeffaer Hebräisch von dem der jerüsalemischen Sendboten unterscheiden wird, sobald es sich auch mit'fremden und Talmud- Wörtern behelfen wird, so erwidere ich Dir folgendes darauf: Das Hebräisch' der jerüsalemischen Almosen, sammler schätze ich nicht deshalb gering, weil es mit talmudischen und syrischen Worten gemengt ist, sondern weil es keine Grammatik hat und keine Spuren von dem wahrhaft heiligen poetischen Geiste zeigt, der unserer Sprache innewohnt,.und-ebenso in der heiligen Schrift als im Talmud lebt. DieSprachehat kein, rechtes Gefüge, es fehlt jeder Ordnungssinn. Da die sie Sprechenden unwissend sind, sprechen sie in abgehackten Sätzen, um den Hörer zu täuschen. Sie machen das Männliche weiblich und das Weibliche männlich, für sie gibt es keine Vergangenheit, keine Zukunft,' keine Gegenwart. Sobald jedoch gebildete Männer, welche europäischer Sprachen mächtig sind, sich im Hebräischen unterrichten lasten werde», so werden sie es regelrecht und richtig sprechen, mag cs auch nicht frei von Mischling sein. Die Hauptsache ist: nach einer einheitlichen Methode sprechen. L.: So wahr ich Jude bin, ich verstehe kein Wort von Allem, was Du gesprochen hast; nur so viel habe ich leider gehört, daß Du über die Jerusalemer Sendboten geschimpft hast. 2.: Ich will es noch versuchen, mich Dir durch ein Beispiel verständlich zu machen. Vor einigen Jahren kam ein Jerusalemer Sendbote zu mir und sprach mich auf hebräisch folgendermaßen an: „Ich gehe von Jerusalem, sammle Spenden wegen einer Fcuerbrunst, welche dort ist, viele Arme, alle krank." ■ ' £.r Ich gestehe? Dir, daß mich. Wiewohl ich unwissend bin, diese häßliche Sprache ancckelt und deshalb lese ich auch'nicht .die hebräischen Zeitungen. Z.: Nur nicht übereilt! Jedoch, warum widert Dich das .zuvor gesagte.-so -ach .es 'sind doch lauter hebräische" Worte' aüs den heiligen Schriften? Weil Deiner Seele die, schönen Psalmen und andere Sätze der Thora vörschw'cben, deren Reiz, Dir unbewußt, auf Dein ganzes Gemüth einen wohlthuenden Eindruck machte, weil. Dein, noch .schlummernder Schönheitssinn solchen unsinnigen und häßlichen Sätzen widerstrebt. Würde sich aber der Sendbote so ausgedrückt haben: „Ich komme von Jerusalem, um für die Armen und Kranken, deren Häuser ganz niedergebrannt sind, Spenden zu sammeln", so wäre das hebräisch, wiewohl da manche talmudische Wörter darin Vorkommen. Da hast Tu nun den Unterschied»- den Du nicht finden konntest. L.: Ich bleibe dabei, daß die Ketzer in Odessa die heilige Spräche weder lernen noch lehren wollen, vielmehr blos Heiraten stiftest wollen. Studenten und . junge Mädchen, das ist klar. — Aber die Hauptsache, die Wiederbelebung des Hebräischen leuchtet mir ein. So wie ich in's 6eth-ham!ckraseh komme, will ich meinen Collegeii, den Batlanim, das Projekt, nur hebräisch zu sprechen», vörlegen und ich. bin sicher, daß wir bester sprechen werden, als die Odeffacr Mädchen, welche wohl heiraten, aber nicht hebräisch sprechen können. Z.: Schön. An den Erfolg des Odeffaer Ver- , .eines zweifle ich übrigens: gar nicht, und hätte ich nur hier Gesinnungsgenoffen, so würde ich sofort eine ähnliche Gesellschaft gründen. L.: Ich werde Dir Chaikel, den Ketzer, schicken; 'er betet im" 6eth-hamickraseh. ■ Z.: Wer ist das und warum Heißt er Chaikel, der Ketzer? - L.: Wenn ich das wüßte! Zadok sagte mir, Chaikel sei. ein Ketzer.und Zadok weiß, was er spricht. Also, wenn Du willst, so bringe ich ihn Dir, — jeder Rabe zu seiner. .Gattung! — Und von Kriegen und Politik weißt Du mir nichts zu erzählen? Z.: Der Politik wegen lohnt es sich nicht das Abendgebet zu versäumen; und gar erst ZeitungSpotitik. Das ist rein wie bei den Batlanim, Jeder sagt, was ihm einfällt. L.: Nicht ein einfacher Ketzer bist Du also, sondern schon ein hartnäckiger Ungläubiger, da Du sogar schon an die Zeitungen nicht glaubst. Doch es ist Zeit zum Abendgebet: ich gehe und morgen sehen wir uns wieder. Z.r Vergiß nicht, Chaikel mitzubringen. L.: Jawohl. Aber nenne mich nicht in seiner Gegenwart. Batlan, denn er würde sonst mit mir nicht mehr sprechen wollen;, ich bin nämlich der einzige Batlan, mit welchem er spricht. Z.: Sei nicht, besorgt; es scheint, daß kein Ketzer mit einem, solchen Batlan, wie D» einer bist,, ungern verkehren wird.. (Nngesendtzt. Geehrter Herr Rcdacteur! Freudig habe ich das Erscheinen, der „Selbst-Emaucipation" begrüßt. In der dritten Nummer derselben ist in dein Artikel: „Die Ziele der jüdisch-nationalen Bestrebungen" die Selbsthilfe durch die Colonisation Palacstinas für unsere armen Brüder in Osteuropa, so sachlich und.praktisch beleuchtet, daß selbst der größte Gegner der Colonisation nichts gegen diese Bestrebungen einzuwcnden haben wird, welche doch jedenfalls den Wohlthätigkeitssinn, der dein Juden angeboren ist, entsprechen. Nun gestatten Sie, geehrter Herr Nedacteur, wenn ich von dein Standpunkte des altgläubigen Judenthums auch ein paar Worte für die Colonisation Palacstinas spreche. Welche Hoffnungen beseelen nicht noch heute jeden 'strenggläubigen Israeliten auf die Wiederbelebung des heiligen Bodens von Palaestina; mein seliger Vater Rabbi Hirsch Kalischcr hat den größten Theil seines Lebens für die Idee der Colonisation Palacstinas gewirkt, ein Werk „Drischath Zion" darüber verfaßt, worin er aus den Propheten., und dem Talmud die klarsten Beweise bringt, daß die Colonisation Palacstinas von uns Juden ausgehen muß, und wir die Initiative dazu ergreifen müssen, sodann werde der .Herr seinen Segen geben, es müsse bei jeder . Sache eine KWlVn KiTnynK sein, ein Erwecken von unten her, wie es eben be«n Auszug' der Israeliten aus Aegypten unserem größten Propheten Moses angedeutet worden. „Du erhebe Deinen Stab und neige Deine Hand übcr's Meer." Mußte Gott erst die Erhebung des Stabes Moses dazu haben, um das Meer zu spalten? Nein, wahrlich nicht; die Allmacht konnte das wohl so auch bewirken, und wollte damit nur andcuten, der Mensch müsse das Seinige thun. Wir dürfen die Hände nicht in den Schoß legen und uns nicht auf die Geschicke allein verladen,, wie eine, große Sorte von Menschen, denen die Phantasie allein, genügt, der Messias werde auf'einer papiernen Brücke dahergefahrcn kommen, — wir müssen selbst handeln. - Wenn Sie nun, geehrter Herr Redacteur, meine, unmaßgeblichen Worte für Ihr geschätztes. Blatt geeignet finden, so bitte ich dieselben auf-