Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 3 (2.5.1890)
- Date
- 1890-05-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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=*; Ülbonnements-Preise: (Zusendung inbegriffei) Für Vesterreich-Ungarn ganzjährig fl. 4 „ Deutschland „ Mk. 3 „ Rußland „ Rbl. $ „ die übrigen Länder „ Frcs \0 tzalb- und vierteljähriges Abomremen^ zu den entsprechenden Theilbeträgen. Das Abonnement kann mir jeder Nvnnncr beginnen. Einzelne Exeniplare a 20 kr. in» Zcitungsburcau Goldschmidt, I., Mollzeile 8. Organ der Jüdisch-Nationalen. Herausgeber: Dr. Siegmnnd Elkan. Chefredacteur: Dr. Nathan Birnbaum. Erscheint zu Anfang und Mitte jeden Monats. Nedaction «.Administration: ' Wien, ll.. Große Lchiffgaffe Nr. 28. . Sprechstunde: Täglich von \—2 Uhr Nachmittag-. Unfrankirte Briefe werden nicht angenommen und Ulanuscripte nicht retournirt. Nr. Wien, 2. Mai 188V. 111. Jahrgang. Inhalt' Die Ziele der jüdisch-nationalen Bestrebungen. Eine Artikelserie. I. — Kurze lleberpcht der Fortschritte der jüdischen Colonisation in Palästina während der letzten ' 7 Jahre (Fortsetzung.) — C o r r e s p o n d c n z e n: Wien. Wien. Prag. Lemberg. Leinberg. Lemberg. Kolomca. Presiburg. Sofia. Rosch-Pinah. Jaffa. Chronik. — Literarisches. — Dialog zwischen dem „Bathlan" Lcmech und dem Aufgeklärten Zacharias. — Eingescndet. — Corrcspondenz der Redaktion. — Inserate. Die nächste Nummer erscheint am 16. Mai d. I. Die Ziele der jüdisch-nationalen Bestrebungen. Eine Artikelserie. L Wirtschaftlicher Ttzeil. Vorläufig wird wohl unser Blatt in denjenigen jüdischen Kreisen, auf ivelche es vermöge seines Idioms und des Ortes seines Erscheinens mehr oder wemger angewiesen und auf die es ja vorzugsweise 511 wirken berufen ist, nur unsägliches Staunen hcrvorgerufen haben. Wenigstens können wir uns trotz der vielen uns zugekommenen Zustimmungskundgebungen v 0 rdcrhand einen andern Erfolg nicht gut vorstellen. Wer sein Lebtag ivohl hlinderttausend Male die Litanei vom „Deutschen oder Böhmen mosaischen Glaubens" vernahm, muß über den ungewohnten Klang des Wortes „jüdisch-national" in schier fassungslose Venvunderung gerathen. Nervöse Erregung muß den erfassen, dem Hebräisch spanisch geworden ist und der nun von einer Wiederbelebung der heiligen Sprache hört. Welch' heillosen Schrecken muß aber erst derjenige verspüren, der das Wort „Palästina" vielleicht nur als Gegenstand schlechter Witze kannte und sich mit einem Schlage vor eine „palästinensische Bewegung" gestellt sieht! Wir waren nie in unseren Hoffnungen sanguinisch; Erziehungsresultate eines ganzen Zeitalters lassen sich nicht nur so wegblasen und die Vorurtheile eines Volkes sind nicht int Handumdrehen zu beseitigen. Es wird noch lange, recht lange dauern, bis Israel allüberall auf dem Erdenrund, vielleicht über trübe Erfahrungen und herbe Enttäuschungen hinweg, den Weg von assiniilatorischer Verflachung zur nationalen Energie gefunden haben wird. Daraus folgt aber nicht, daß es nicht behufs, Verkürzung dieses Weges ersprießlich wäre, immer und immer wieder die nationale Mahnung an unsere judenthuiilentivohnten Stammesgenossen zu richten. Ganz besonders muß es unsere Aufgabe sein, Klarheit und Durchsichtigkeit in. die Darlegung. unserer ehrlichen Bestrebungen zu bringen und Mißverständnissen vorzubeugen, welche bei d e m, der mit einer Sache nur unvollständig bekannt ist, und ihr übrigens noch Mißtrauen entgegenbringt, so leicht sich festsetzcn. Das geschieht aber wol am besten durch Anführung und Prüfung der Mittel, deren wir uns zur Erreichung unserer Ziele bedienen wollen. . Für heute wollen Mr^em Assimilatorische Nerven am meisten anfregenden Punkte unseres Programmes: „C 0 l 0 ni s a t i 0 n P a l ä st i n a's durch Jude n" unsere Aufmerksamkeit widmen. Es ist selbstverständlich, daß derselbe, scheinbar so exotisch, namentlich bei Freunden der „goldenen Mittclstraßc", schier fabelhafte. Deulungen findet. Während der Eine in uns eine „Jrredcnta" wittert und sich dabei seines mackellosen Patriotismus ganz unbändig freut, muthet uns der Andere die Absicht zu, alle Jtldcn der Welt zur Ausivanderung nach Palästina überreden zu wollen. Nur getrost! Nichts liegt uns ferner als das, — wir wollen Niemanden um seinen Prater oder sein Böslau bringen. Die Idee der Colonisation Palästinas durch Juden verdankt ihr Entstehen und Anwachsen einer doppelten Erkenntniß : E r st e n s zeigt cs sich tagtäglich mit fürchterlicherer Deutlichkeit, daß in Folge judenseindlicher Volksströmungcn und Staatsverordnungen, namentlich in Osteuropa, und in Folge des Beschränktseins auf den Handel rind das Handwerk ohne Theilnahme an deni wahrhaft volkserhaltenden 'Ackerbau, ein j üd i s ch e s M a s s e n e l e n d e n t ft a n d e n i st, das jeder Beschreibung spottet. Im Osten unseres Welttheiles leben fünf Achtel unseres Volkes, d. h. fünf Millionen Juden; unter diesen fünf Millionen aber gibt es zumindest drei Millionen Armer in dieses unglückseligen Wortes v 0 l l st e r Bedeutung. Und wenn uns schon nicht die Menschlichkeit gebieten würde, für diese Enterbtesten der Enterbten — man denke: „arm" und „Jude" — etwas zu thun, so sollte uns der nackte Egoismus dazu treiben. Lehrt denn nicht die Erfahrung, daß ein Theil dieser Unglücklichen auf den Brutstätten ihres Elends es nicht aushält und daher von Zeit zu Zeit Schwärme dieser Erbarinungswürdigcn über die Länder mit dünnerer jüdischer Bevölkerung sich ergießen, um hier die Zahl der Juden zu vermehren; und lehrt denn wieder nicht eine zweitausendjährige Geschichte, daß mit der Zahl der Juden in einem Lande sein Judenhaß wächst? Sollen wir nun 3 Millionen Mitmenschen und noch dazu unsere Stammesbrüder, im größter» Elend verkommen lassen und uns vor ihren Heimsuchungen etwa dadurch schützen, daß wir, wie dies — schrecklich genug — bereits vorgekommcn sein soll, das Verlangen der Antisemiten nach Einwanderungsverboten befürworten? Wer überhaupt noch auf den Namen „Mensch" Anspruch erhebt, kann solches nicht wollen. Jndein wir vielmehr zielbewußt nach einer Hilfe für unsere bejainincrnswerthen Stammesbrüder im Osten Europa's streben, wird sich auch von selbst die Gefahr ihrer verstärkten Zuzüge in die Länder des Westens in ihren: eigenen und unserem Interesse beheben. Was ist nun zu thun? Daß wir diese Zustände nicht ruhig initansehen dürfen, ist bereits gesagt. Aber wir dürfen uns auch nicht einbilden, mit einfacher Wohlthätigkeit diese Frage lösen zu können. Und wenn auch Millionen Geldes zusammcnflößen und den Bedürftigen geschickt würden, was wäre das anderes als ein Tropfen Oel in ein Meer stürmischen Elends? Die Armuth saugt einem Schwamme ähnlich die Almosen auf und wird dadurch noch größer. Wie schnell ermüdet inan auch in: Almosengeben, und wie drückt es die Moral des Unterstützten? Und wenn man die Unterstützungen auch noch so rationell gestalten würde, — die Thatsache der den Juden unfreundlichen Stimmung eines Volkes oder einer Regierung, und vor allem die Thatsache, daß die Juden eines Landes in Bezug auf ihre Zahl den ihnen von ihrem dänwnischen Schicksale vorgeschriebcnen Sättigungspunkt erreicht und überschritten haben, werden dadurch nicht aus der Welt geschafft, d. h. dem