Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 2 (16.4.1890)
- Date
- 1890-04-16
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 2. Sofia, den 18. Adar 5650.' Den ehrlichen Willen der bulgarischen Negierung, das Prinzip der Gleichberechtigung auch auf die bulgarischen Juden auszudchncn und diesen Willen auch in bare Thatcn umzusetzen, muß man lobend anerkennen. Denn-Stanibulotv liebt Wort zu halten und die leider allerwärtS herrschende rcactionäre nur'liberalschillcrnde Lcrfassuugsiuauier, wie sie in -I, Europa gegen Juden in Anwendung gebracht wird, findet im Fürstcnthum Bulgarien keine Nachahmung. So hat die Negierung in dieser Sobranje ins Budgetnoch 3000 Frcs zur Dotirnng der Nabbinatskanzlci cingestellt und durchgcsetzt. Bulgarien crtheilt somit der jüdischen Gcmciildc eine Subvention von 6000 Frcs. Anderseits haben die Leiter der jüdischen Gemeinde sich bestrebt, ihr ehemaliges Chacham baschU3(mt in ein Größrabbinat nach cnropäischcm Mnstcr umzugcstaltcu. Obschon diese Anregung auf Vorgänge und Agitationen im Schooßc der Sofiaer Gemeindcmitglicdcr selbst zurückzuführen ist, waren doch. die Worte des Fürsten Ferdinand I. Koburg Uon besonderer Bedeutung, welche derselbe bei Gelegenheit seiner Tronbestcigung der ihm huldigenden .jüdischen Deputation zugerufcn hat. „Nehmet Euch ein Beispiel an .Euren Brüdern im Westen und huldigt dem Fortschritte." Die Negierung hat wiederum ihrerseits der Gemeinde nahcgelcgt, sie möge einen classisch gebildeten Rabbiner anstellcn und ihr versprochen, sie wolle sie hiebei unterstützen. Beide hielten ihr Versprechen. Die jüdische Genicinde lud dadurch eine Mehrbelastung von über 8000 Frcs auf sich. Unsere sephardischen Brüder, welche selbst von ihrer einstigen geistigen Höhe hcrabgesunken sind, fielen doch nicht so tief, uni gleich ihren Brüdern in Böhmen, Mähren und Galizien, in einem Rabbiner nicht das jüdische, sondern das deutsche, böhmische und polnische Wissen als unerläßliche Qualisication zu suchen. Es muß den hiesigen Chachainim zugeständen werden, daß sie dem Zelotismus ziemlich ferne stehen; die Sephardim verlangen aber mit Liecht, daß ihr Rabbiner sic überrage an talmudischer und jüdischer Gelehrsamkeit und daß seine Gesetzesauslegungcn von tiefem jüdischen Wissen Zeugniß gebest —;lauter Postulate, welche man bei neologischcn und assimilatorischen Seminaristen nicht voraussetzen darf, wenn man sich keiner Täuschung hingcben will. Die Sofiaer jüdische Nepräsentanz hatte aber keine Ahnung von dem Wesen derartiger Seminar-Rabbiner und traf demgemäß ihre Wahl. Die Ernüchterung ließ auf sich nicht warten und heute gibt es in Sofia beiderseits Unzufriedene. Dr. Dankowitsch, der Grandrabbi von Bulgarien war der erste, dem diese Mesalliance auffiel, den ehe noch die Hälfte der Anstellungsfrist um war, erbat er sich einen Wtägigen Urlaub, um im Auslände wegen seines Augenleidens Hilfe -zu suchen und hielt während dieses Urlaubes S Predigten im Kreise seiner Gesinnnngsgenossen in Lemberg. Dann zog er seine dortige Candidatur zurück und sucht nun eine neue hierarchische Verfassung seinen Spaniolen zu geben.Doch davon nächstens. \ Ben Zion. Rischon le Zion. Crew Peßach 5650. (Letzte Nachrichten aus Palästina.) Montag, den 31. März war hier ein'Ereignis; zu'verzeichnen, welches' für die Chronik Palästinas von ungemein großer Wichtigkeit ist: Nach mehreren Jahrtausenden seines Bestandes und nach vielen Jahrhunderten der Verwüstung und Verwilderung erblickte endlich das heilige Land eine der nützlichsten Erfindungen des civilisirten Europa im 19. Jahrhunderte. Um die Mittagsstunde -des obengenannten Tages wurde unweit von Jaffa neben dem Dorfe Jasur an der Jerusalemer Straße der Grundstein zur Jaffa-Jerusalcm-Eisenbahn gelegt. . -Der aus diesem Anlasse veranstalteten Feierlichkeit wohnten folgende Persönlichkeiten bei: Der Pascha, welcher eigcnsdazu aus Jcrusaleni gekommen war, der Kajmakam aus Jaffa und mehrere Vertreter der Civil- und Militär-Behördeni Nach S e l b st - E m a n c. i p a t i o n. Abhaltung einiger, zu dem feierlichen Ereignisse paffender Reden, übergab der von der französischen Eisenbahnbaugesellschaft hierher abgeschickte. Oberingcnieur dem Pascha den Grundstein. Darauf spielte die Militärcapelle die Nationalhymne und nach einigen Schlußreden und vielen Toasten, welche von den Versammelten in dem mit Blumen prachtvoll geschmückten Festzclte ausgebracht wurden, ging das zahlreiche Publicum auseinander. Ohne Selbstüberhebung können wir behaupten, daß zu diesem so wichtigen und nützlichen Unternehmen auch unsere Cölonisätion nicht wenig beigctragcn hat; denn mit dem Beginne derselben ist diese verlassene Gegend wieder aufgelebt und hat sich fast bis zur Unerkennbarkeit zu ihrem Vortheile verändert, was alle diejenigen bestätigen müßen, welche z. B. die Stadt Jaffa vor 8 Jahren und heute gesehen haben. Die officielle Bestätigung' des Vereines „Chowawe-Zion" in Odessa hat bei uns die Hoffnung wachgcrufen, daß nach Peßach ein stärkeres Hieherströmcn vonSciten unserer russischen Brüder stattfindcn wird. Möge der Himmel diese unsere Hoffnung auch recht bald in Erfüllung gehen lassen; es ist schon wirklich Zeit, daß Israel endlich aus seinem jahrhundertelangen Schlummer erwache und alle leeren Pläne auf Assimilation aufgebe. — Der Verkauf einzelner Stücke des Landes Duran, wovon ich Sie in nieinem letzten Briefe benachrichtigte, hat schon begonnen, und man hofft, daß im Lause des Sommers alle 10.000 Dunam ausverkauft werden. Am 2. und 3. April gab es hier sehr starken Regen, wie solchen die Aeltesten von uns nicht denken. Die Temperatur ist bedeutend gesunken, und heute, am Erew Pessach, spüren wir nichts von der in dieser Jahreszeit. gewöhnlich hier herrschenden 15gradigen Hitze. Allgemein wird eine sehr gute Ernte erwartet. — :ft » _ ft ... Chronik. (Der Lemberger Verein „Zion") hat an den Cultusrathin Angelegenheitder Wahl eines Predigers in polnischer Sprache für die isr. Cültusgemeinde in Lemberg eine Petition gerichtet, worin er cs als höchst erwünscht bezeichnet, daß der künftige Prediger auch der polnischen Sprache mächtig sei. Weiters wird aber ausgcführt, daß bei dem Mangel von Seminaren in polnischen Gegenden die Auswahl zwischen polnisch sprechenden Candidatcn naturgemäß eine sehr beschränkte sein müsse und man daher im Interesse der hohen jüdischen Aufgabe" Zeines Predigers die Kenntnis der polnischen Sprache nicht als unumgängliche Bedingung aufstellen dürfe. /' (Oberrabiner Zadoe Kahn) wurde am 25. März d. I. in der Synagoge der nie de ja victoire zu Paris in sein Amt als Großrabbiner von Frankreich in feierlichster Weise eingeführt. (Bismarck) hat in öffentlicher Rede einmal die Worte gesprochen: „Ich gönne den Juden ' alle Rechte, nur nicht das, in einem christlichen Staate ein obrigkeitliches Amt zu bekleiden. Denn, ivenn ich mir als Repräsentanten der 'geheiligten Seite 7. Majestät des Königs gegenüber einen Juden,denke, dem ich gehorchen soll, so muß ich bekennen, daß ich mich tief niedergedrückt und gebeugt fühlen würde, daß mich die Freudigkeit und das aufrechte Ehrgefühl verlassen würden, mit welchen ich jetzt meine Pflichten gegen den Staat zu erfüllen bcinüht bin. — Ich theile diese Empfindung mit der Masse der niederen Schichten des Volkes und schäme mich dieser Geineinschaft nicht. Warum es den Juden nicht gelungen ist, in vielen Jahrhunderten sich die Syinpathie der Bevölkerung in höherein Grade zu verschaffen, das will ich nicht genau untersuchen". In diesen Sätzen spricht sich ivohl nicht pöbelhafter brutaler Antisemitismus, aber die eingewurzelte arische Abneigung gegen die Juden, welche höchst scilon- und parlamentsfähig ist, aus. (Die Blutbeschuldigung von (tzenitschensk), von der wir in der vorigen Nummer berichteten, hat sich nun als Märchen erwiesen. Die Untersuchung brachte zu Tage, daß das Mädchen, um das cs sich handelte, die aus dein Vaterhause flüchtig gewordene Tochter eines, armen jüdischen Schusters in Gcnitschensk, namens Salomon Piotigörsky, sei. Geehrter Herr Redacteur! Ich brauche es wohl nicht erst zu sagen, wieherzlich, ich. - die Auferstehung Ihres Blattes begrüße, wie sehr es mich freut, die alte Fahne wieder, flattern zu sehen und um sie geschaart all' die alten Genossen, die es ernst meinen mit dem Wohle unseres Volkes, die unverdroßen und um der Großen Gunst nicht buhlend, mit Begeisterung all ihr Können dem großen Werke der Wiedereriveckung des nationalen Selbstbewußtseins opfern? ' Mehr denn je ist heute die Lage unseres Volkes eine tiefernste. Die Assimilationssucht der Juden machte ein klägliches Fiasco und wurde durch die Früchte, die sie zeitigte, acl' absurclum geführt; während sie die Gegensätze zwischen Juden und Ariern auszugleichen wähnte, hat sie nur die Verschärfung derselben bis auf's Aeußerste herbcigeführt und damit ihre Haltlosigkeit,, den Mangel jeglicher Lebensberechtigung bewiesest; In nie geahnter Pracht prangt der, Antisemitismus, diese Blüte arischen Geistes; in Deutschland brachte er cs bist zur Dekorirurg seines/Fahnenträgers und fand Ausdruck in dem allerjüngsten Armee-Erlaße Kaiser. Wilhelm's; im freien Frankreich candidircn heute in f allen Pariser Bezirken Antisemiten als solche, in den Mynicipalrath; in Wien, der Reichshaupt- und Residenzstädt, werden seine Theorien tnit Blust und . Fetter realisirt, in Rußland wird vom Reichsrathe beantragt, das., aller Humanität hohnsprechenbe Gesetz vom 3.' Mai 1882, welches den' Juden alle Menschen- und Bürgerrechte; 'abspricht, auch auf Warschau und das ganze übrige Reich auszudehnen, -- und bei uns, im toleranten Galizien, wo „wir alle Brüder sind einest Bodens", wie einerseits unsere jüdischen Führer,, andererseits die Polen versichern, besonders, wenn es sich um öffentliche Geldsammlungen handelt, können wir auch schon wieder ein Liedchen singen