Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 2 (16.4.1890)
- Date
- 1890-04-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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eW-EmMeipatM. Abonnements-Preise: (Zusendung inbegriffen) Für Desterreich'Ungarn ganzjährig fl. 4 Deutschland, Rußland die übrigen Länder Halb- und tuntelj Das Abom echLe beginnen. Mk. 8 Rbl. 4 Frcs 10 nt zu den 'r Nummer Organ der Jüdisch-Nationalen. Herausgeber: Dr. Siegmund Elkan. Chefredacteur: Dr. Nathan Birnbaum. Erscheint zu Anfang und Mitte jeden Monats. Redaction n. Administration: Wien, II., Große Schiffgaffe Nr. 2». Sprechstunde: LLgllch von 1—2 Uhr Nachmittag». Unsrankirte Briefe werden nicht angenommen und Maimscriple nicht retournirt. Nr. 2. Wien, 1«. April 1890. III. Jahrgang. Inhalt: Volksthum und Weltbürgcrthum. — Antisemitismus und Natioiialjudcnthum. — Kurze Uebersicht der Fortschritte der jüdischen Colonisation in Palästina während der letzten 7 Jahre. — Korrespondenzen: Wien. Wien. Wien. Krakau. Tarnow. Lemberg. Berlin. London. St. Petersburg. Sofia. Rischon le Zion. — Chronik. — Eingesendet. — Korrespondenz der Redaktion. — Inserate. Es wird darauf aufmerksam gemacht, daß die dritte Nummer dieses Blattes, welche am 2. Mai d. I. erscheint, nur denjenigen Leser«, welche bis dahin pränumerirt haben, zugehen wird. Die Administration. Volksthum und lVeltbürgerthum. Es wurde in der vorigen Nummer dieses Blattes von der nationalen Wiedergeburt des jüdischen Volkes als dem einzigen Mittel gesprochen, dasselbe wieder auf eine höhere Stufe sittlichen und materiellen Glückes zu bringen, und nachzuweisen versucht, daß der entgegengesetzte Weg — die Assimilation — abgesehen von seiner moralischen Fragwürdigkeit zu keinem gedeihlichen Ziele führen kann. Nun hat aber das Princip der Assimilation gerade in den letzten Jahren unter unserem Volke eine beträchtliche Einbuße oder wenigstens eine namhafte Veränderung erlitten, welche nach Herkunft und Wesen einer eingehenderen Untersuchung dringend bedarf. Als nach kurzer Scheinruhe der Judenhaß seine Auferstehung feierte, da konnte es in eineni Volke von der Intelligenz des jüdischen nicht lange an solchen fehlen, welche das Fiasco der nationalen Assimilation einsahen und eingestanden. Weil aber der moderne Judenhaß — zeitgemäß wie immer — in nationaler Gewandung auftrat, wandte sich der Zorn der Enttäuschten gegen die nationale Idee überhaupt, und damit waren die Einsichtigsten unseres Volkes am rechten Wendepunkt vorbeigekommen, um sich dann weit, vielleicht weiter denn je vom Wege wahrer Rettung zu entfernen. „Nieder mit dem Nationalismus, es lebe das Weltbürgerthum!" lautet die neue Heilsbotschaft, zu deren entschiedensten Verkündern sich die Juden gemacht haben, weil sie in der Tilgung aller nationalen Unterschiede das Ende ihres Leides sehen. Die nationale Idee bringe Unfriede in die Welt, sie sei brutal und passe nicht in unsere fortgeschrittene Zeit; sie sei auch nur vorübergehend die bewegende Idee unseres Jahrhunderts gewesen; das ist die Anschauung, die man am passendsten den „Antinationalismus" nennen möchte, die aber in hiuimelweit unter einander verschiedenen Abarten auftritt. Über die liberal und conservativ antinationale Richtung, welche den modernen Staat will, aber losgelöst vom nationalen Gedanken, so daß sie in der Nation den Keim des Staates nnd im Staate die höchste Entwicklungsstufe der Nation übersieht, soll hier nicht weiter gesprochen werden. Unsere Zeit wird über diesen Antinationalismus, der sich auf bevorrechtete Bevölkerungsklassen, sei es nun Geld- oder Geburtsadel, stützt, zur Tagesordnung übergehen. Auch der clericale Antinationalismus braucht hier nicht berücksichtigt zu werden. Wie die Dinge jetzt stehen, ist gottlob wenig Aussicht vorhanden, daß in absehbarer Zukunft kirchliche Gewalten wieder entscheidend in das politische Leben eingreifen und jede volksthümliche Regung als dogmafeindlich betrachten. — Wenn vielmehr eine antinationale Richtung ganz besondere Beachtung verdient, so ist es die entschieden demokratische und die socialistische. Denn nichts, was im Namen der freiheitlich-gleichheitlichen Entwicklung der Menschheit, im Namen der socialen Erlösung derselben gepredigt wird, darf mit vornehmer Geringschätzung behandelt werden, und jeder in diesem Namen erhobene Vorwurf muß gewissenhaft und ohne Gereiztheit geprüft werden. Man hat sich gewöhnt, Nationalismus und Vaterlandsliebe einerseits und Socialismus anderseits als Gegensätze zu betrachten, ja nochmehr, man hat durch gehässige Übung diese Principien zu thatsächlichen Gegensätzen ausgebildet. „Bei Euch engherzige Racenleidenschaft, bei uns großherzige Menschenliebe", rufen sdie Socialen und weltbürgerlichen Demokraten; „bei unsinniges, edles Gemüthsleben, bei Euch neidische, zerstörende Wildheit", antworten die Nationalen; und in den Schlachtrufen von hüben und drüben verhallt ungehört die Stimme ruhiger Vernunft und wahrer Begeisterung für das Gemeinwohl. Sind es denn wirklich Gegensätze, der nationale Gedanke einerseits und der demokratische und der sociale andererseits? Nein! Es ist überhaupt eine unselige Verkehrtheit — wie es scheint, die Folge arischer Anlagen — die beiden Ideen von einander zu trennen und sie nicht vielmehr das sein zu lassen, was sie im Grunde sind, die eine einzige große Idee der Menschenwolfahrt. Diese Einheit tritt klar zu Tage, sobald man beiden Principien den Ballast nimmt, durch welchen sie eben zu zwei Principien geworden sind, sobald man den Nationalismus von seinen Abgeschmacktheiten, den Socialismus von unfruchtbaren weltbürgerlichen Träumereien befreit. Adeliger säbelrasselnder Prunknationalismus, der nur den Tummelplatz eigensinniger und engherziger Anschauungen abgibt, kann freilich im besser denkenden Mensche» nur ein Gefühl peinlichen Unbehagens Hervorrufen; aber sieht man im Nationalismus, was er seiner innern Natur nach ist und wie ihn seine ersten und edelsten Lehrer auch empfanden, nämlich den Socialismus in seiner durchführbaren und sittlichen Form, dann braucht das Herz des Edelsten vor der Herrschaft des nationalen Gedankens nicht zu erbeben. So mancher wird gegen diese Jdentificirung von Socialismus und Nationalismus Verwahrung einlegen, — der nationale Chauvinist sowohl als der socialistische Fanatiker. Wie der Erstere in seiner Anbetung des Volksthums alles Recht des Individuums erdrücken möchte, so will der Letztere aus Liebe zu allen Einzelmenschen die Grundlagen der Gesittung, die Gemeinschaften des Staates und der Nation, vernichten. Beide befinden sich im Widerspruche zu dem, was Natur und Geschichte in mächtigen Zügen seit undenklichen Zeiten bestätigt haben. Die Stämme und Nationen sind da, nicht weil sie brutaler Haßinstinct der unentwickelten Menschen stüherer Zeitläufte austecht bestehen ließ, sondern weil die Natur verschiedene Menschenracen gezeitigt hat und noch immer zeitigt, so wie sie verschiedene Jahreszeiten und verschiedene Climate bildet. Gegen diesen souveränen.Willen der Natur sich aufzulehnen, ist eitel Kindertrotz. Und wahrlich, diese Mannigfaltigkeit der Nationen und Völker ist kein Schattensondern em Lichtbild menschheitlichen Lebens. Was ist sie denn anderes