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Selbst-Emancipation · 1890-04-01 · Heft 1 (1.4.1890) · page 1

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1890
Issue
Heft 1 (1.4.1890)
Date
1890-04-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Organ der Jüdisch-Nationalen. Herausgeber: Dr. Siegmnnd Elkan. Chefredacteur: Dr. Nathan Birnbaum. Erscheint zu Anfang und Mitte jeden Abonnements-Preise: Redaction u. Administration: Nr. 1. Wien, 1. April 1890. III, Jahrgang. An unsere p. T. Leser! Nach mehrjähriger pause treten wir, in jedem -Sinne neu gekräftigt, — namentlich auch durch die Mitarbeit der meisten Redactionsmitglieder des mittlerweile in Berlin erschienenen „Serubabel" — wieder vor unsere Leser und Freunde. Unser Ziel, und der weg, den wir einschlagen, sind sich gleich geblieben. Das Ziel ist die wolfahrt unseres Volkes, feine"nationale Wiedergeburt ist der weg dahin, wir werden ihn mit würde und Anstand, aber auch mit Entschiedenheit . wandeln. Sonach hoffen wir, daß unsere £>. T. Leser ihre Gewogenheit uns wieder zuwenden werden; wir bitten umsomehr darum, als wir trachten müssen, unser Organ mit der Zeit sowohl in Bezug auf den Umfang, als in Bezug auf öfteres Erscheinen zu vergrößern. ' Die Redaction. Um Ehre und Wohlfahrt unseres Volkes. Der Frühling ist.gekommen und mit ihm unsere große nationale Freiheitsfeier. Jahrtausende trennen uns von der Zeit, Meere von dein Orte ihres Anlasses; ihre Idee jedoch — der Gedanke nemlich, daß' Freiheit und Selbstständigkeit die höchsten .Güter unseres wie jeden Volkes seien, ist sich gleich geblieben. Diesen Gedanken feierten wir nicht nur in den Zeiten, da wir demselben gerecht wurden und . werden konnten, wir feiern ihn auch seit 18 Jahrhunderten im Zustande de- - müthigendster Verfolgtheit und verzweifeltster nationaler Zerrüttung.. Diese Beharrlichkeit läßt einen Blick in unsere Volksseele thun und dort den Funken erkennen, aus . .dem im rechten Augenblicke und bei gehöriger Anfachung die Flammensäule werden kann, welche uns den Weg in die Freiheit zeigen soll. . r . Wir können uns aber nicht verhehlen, daß die gegenwärtige Lage , und das gegenwärtige Verhalten, unseres Volkes allzu lebhafte Hoffnungen nicht aufkommen lassen. Es wird keine kleine Mühe kosten, dunklen nationalen Drang in klares nationales Bewußtsein zu wandeln, an. Stelle eines Wustes trauriger Vorurtheile der . Wahrheit leuchtend Bild zu setzen.; Doch es ist Zeit, daß vor . dieser Mühe nicht länger znrückgescheut werde. Wann fände sich eine bessere Gelegenheit, über das, was gethan werden muß, zu sprechen, als jetzt, wo das jüdische Volk durch den Antisemitismus ein bischen unangenehm aus seinem Schlummer gerüttelt wurde? Erst mußte der spectakelnde Nord Europas Lande durchbrausen, damit Israel aus seinem Mittagsschläfchen erwache, verwundert sich die Augen reibe und an sich selbst sich erinnere. Mittagsschläfchen. Das Wort paßt, als wäre es auf die Thatsachen zugeschnitten. Wir hatten uns an den Leckerbissen, welche Europa in der kurzen Aera der Verleugnung seiner arischen Ueberlieferungen uns bot, ein wenig schwerfällig gegessen; der volle Magen lullte uns ein. Da kommt der böse Sturmwind, weckt uns — ewig hätten wir übrigens auch nicht geschlafen — wir erwachen: Verduztheit zu Anfang, aber der klare Blick kehrt bald wieder, frisches Leben pulsirt in unseren Adern, wir haben uns verjüngt. Verzeihung! Optimismus hat uns bei diesem; Gleichnis die Zukunft vorgeschmeichelt, wir wollen .aber vorderhand noch bei der Gegenwart bleiben: Kaum haben wir den Schlaf aus den Augen gerieben und schelten faustballend den schlimmen Sturm, der unsere rosigen Träume von den Liebes- . küssen der uns ihre Arme öffnenden Europa so schadenfroh unterbrach. Wie wenig Grund doch zum Schelten! Wir sollten ihn vielmehr recht lieb haben, dm lieblosen Gesellen, weil er unser Erwachen aus träger Ruhe beschleunigt, hat. Und wir müssen doch auch binnen Kurzem einsehen, daß man mit Schimpfworten gegen eine elementare Kraft nichts ausrichtet! Der Antisemitismus an und für sich ist freilich keine selbstständige Idee, nichts dauerndes, aber er ist ein Ausfluß, eine Erscheinungsform, ein Symptom der eigenarttgsten und bestandzähesten geschichtlichen Thatsache — des Juden- , h a s s e s. Es ist also zuzugeben, was das officielle Judenthum mit so viel Triumphgeschrei der Welt verkündet, daß der Antisemitismus nur ein vorübergehender Zustand sei, aber, was diesem Provisorium folgen wird, ist nicht das Ende der Anfeindung, sondern ein Weiterwalten des Judenhasses in geänderter Gestalt, so wie er ja auch ehedem in anderer Form gelebt hat. Lasset uns die Geschichte fragen; sie giebt uns eine haarsträubend deutliche Antwort. Bon jenen fernen Zeiten, in welchen der Anlaß zu unserem nationalen Peßachfeste liegt, bis in unsere Tage hinauf folgt unserem Stamme — ewig wie dieser selbst — als unzertrennlicher Begleiter der Judenhaß. Er bleibt, so sehr sich auch seine Formen mit dem Wechsel der Zeiten, der Völker, der Culturen ändern. Freilich in Bezug auf seine Wirkungen — und diese sind es vorzüglich, die den Judenhaß so fürchterlich machen — ist's. ein gewalttger Unterschied, ob er uns als geeinigtes und unabhängiges oder als zerstreutes und un»

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