Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1886
- Issue
- Heft 4 (16.2.1886)
- Date
- 1886-02-16
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 S e l b st - E m a n c i p a t i o n! Nr. 4 eine hundertjährige Jüdin, Sarah Mendlowitsch sich befinde, die auf ihrer gezwungenen Reise nach Rußland in Posen schwer erkrankte. Der preußische Staat hat schließlich doch ein Einsehen gehabt und sich sogar bereit erklärt, die Greisin lebenslänglich zu versorgen. (Hosprediger Stöcker) hat abermals eine Niederlage erliiten. Gelegentlich der letzten Reichstagswahlen erschienen beim Buchdrucker Bömmert in Siegen zwei Wahlf aufrufe, in welchen des Herrn Stöckers in keinesfalls ehrenvoller Weise gedacht wurde. Er wurde u. A. der Unwahrheit g-ziehen und ihm vorgeworfen, daß er von der Jenaer theologischen Facultät ein Mißtrauensvotum erhallen habe. Wegen dieser Wahlaufrufe klagte Herr Stöcker Herrn Bommert wegen Ehrenbeleidiguug und bei der dieser Tage siattgehabten Verhandlung sprach der Gerichtshof den AngeklagtiN mit der Begründung fiel, daß der Beweis der Wahrheit in allen Pilucteu erbracht erscheine. — Man kann sich vorstellen, wie sehr der Antisemitismus in Deutschland zu Hause ist, wenn Stöcker trotz aller dieser moralischen Schlappen in leiner Position nicht wankt und sich »ach wie vor der größten Popularität erfreut. (Aus Warschau) berichtet man, daß das dortige Generalcommaudo veiordnet habe, daß künflighiu Militärlleferungen an keinen Juden vergeben werden dülften. (Der jüdische Bauernstand in Rußland.) Nach einem Bericht dcr„Sana" sind die bäuerlichen Verhältnisse der Juden derartig, daß siem der Landwirthschaftnich tprosperiren können. Aber nicht sie trifft die Schuld. Das de» jüdischen Colonisten zugewieseue Areal ist vielmehr derartig gering, daß selbst der emsigste FUiß und die kundigste Bewirthschaftung nicht un Stande sind, den Lebensunterhalt für eine Familie yeransznschlageu. Im Gltberuium Kiew sind Ö3 jüdische Colonien, und zwar in den Kreisen Kiew, Radomyssl, Wasiilkow, Berdllschew, Tschigrin mit 3050 Männer». Dielen ist aber nur eine Bvdenfläche von 2/19 Deßjatinen (2969 Hektare) zugewiesen, so daß auf jeden Mann durchichiiittllch knapp 0 9 Deßj. (0.983 Hektar) kommt, wobei Frauen und Kmder nicht mitgezähll sind. Wie will mau unter solchen Umständen die Juden anklagen, daß sie sich nicht zum Landbau eignen? (Verworrene Ansichteu.) Es ist merkwürdig, wie sehr es den Ansichteil mancher Juden über das Judeilthum an Klarheit und Ausgyplochenyeit mangelt. So treffe einer das Kunststück und sage uns, welcher Richtung der Jude L u c i e n Wolfs angehört, der in der „Pall Mall Gazette" vom 24. November v. I. überdas Jndenthum sich äußert: „Ungeachtet entgegeusteheuder Behauptungen halte ich daran fest, daß Juden erst Juden sind, bevor sie Engländer sind, sonst thut es mir um den Judaismus leid." An einer anderen Stelle sagt er wieder: „Ich will nicht näher eingehen auf die Absurdität, ein begrenztes Nationalilätsbewußtsein höher zu stellen, als die menschheitlichen Aspirationen, welche mir durch die heiligsten Weisheit;- spräche meiner Rasse gelehrt sind." Unerklärlich ist uns, diese Vermengung von Raffenstolz mit Cosmopolitisinus. Natürlich ist Herr Wolff auch einer von denen, welche von - der tMernationastn „Mission" des jüdischen Volkes sprechen : „Die Juden haben in dem, was man das mosaische Gesetz nennt, rin politisches Credo von detaillirtestem Charakter. Der leitende Zweck biejer Lehre war, eine freie, zufriedene und glückliche Gemeinde zu schaffen. Und ich kam, mir keine edlssre Mission Israels denken, als die, unter den Völkern, unter welchen zerstreut sie glücklich (das aber ist die große Frage. Herr Wolff I) wohnen, die leitend.» Principieu dieser Lehre za predigen, als die beste Gewähr menschlichen Fortschritts und Glücks." (Judenhaß in Hollaudslj) Das „Ccnträlblad vor Israeliten in Nederland" berichtet über einen scandalösen Vorfall aus der in der Provinz Nvrdbrabant liegenden ansehnlichen Stadt Tilburg: Bei dem Begräbnisse eines hochachtbaren Israeliten rottete sich der Pöbel zusammen und begleitete mit Spottlieüern auf die Juden den Leichenzug bis zu dem dreiviertel Stunde vor der Stadt gelegenen Friedhof. Angesichts dieser Beschimpfungen wurde dieser sogleich, nachdem der Leichenzag daselbst angekommen war, geschloffen. Der fanatische Hanfe aber riß die Uinzäumung ein, stürmte heran und schleuderte gegen den Sarg Steine und Erdschollen. Tie Polizei versuchte vergebens, - den scandalirendeu Pöbel zu vertreiben. Die Untersuchung wegen dieser Uuthat ist eingeleitet und wird mit aller Energie geführt. (Herr Gladstone) soll — einem Antisemitenblatte zu Folge, daher mit Be hutsanikeit aufzunehmen — semitischer Abkunft sein; seine Eltern sollen Glattstein geheißen haben und in Liverpool geboren worden sein. — Derselben Quelle nach soll der jetzige Minister im liberalen Cabinet,! Roseberry, ei»stmals Rosenbanm geheißen haben. — | (Vorschnelle Freude.) Die Herren Affimilanten in! Galizien, bliesen neulich eine wahre Jubelschalmei, weil artige blich der in Petersburg erscheinend- „Hamelitz“ das i Lager der Nationalen verlassen habe. Das leider „Irvrl" ' heißende Affimilantenblatt in Brody verkündete es zuerst den entzückten Lesern und die Lemberger Gesinnnngsgenoffi» schrieb j es von ihm ab. Und warum? Weil im „Hamelitz“ ein Feuilleton veröff.ntlicht war, das freilich nicht ganz mit j Den nationalen Tendenzen stimmte, das aber doch nur als; die vereinzelte Meinung eines Mitarbeiters gelten kann und nickt als Zeichen einer vor sich gegangenen Gesinnnngsänderung gelten darf, weil der Redactenr des ,.Hamelitz" Herr Zederbaum erklärte, in einender letzten Nummern anläßlich einer gegen die „L’umiim“ („Nationalen") erschienenen Schmähbrochüre, daß dasselbe der nationalen Idee nach wie vor treu geblieben sei. Dem ist auch wirklich so, denn der „Hamslitz" kämpft weiter unerschrocken für die natioilaleu Ideen. Was sagen die Herren Affimilanteu dazu? (Lorrepondenzen. Belgrad. Die hiesige Aschkeiiasim-Gemeiiide lud ihre Mitglieder zu einer Generalversammlung, welche am 26. Jänner abgehalten werden sollte, die aber Dank der hierorts herrschenden Deroute nicht beschlußfähig war. Dochdürste die Zeit nicht verloren worden sein, wenn nach dem Anträge Ihres Correspöndenten, welcher den Versammelten ans Herz legte, daß eine jüdische Gemeiiide ohne Lehrhaus ein Nonsens sei, und die Nothwendigkeit der Errichtung einer jüdischen Schule betonte. Dabei wies er auf die Wiener Allianz hin, die gewiß nicht abseits stehen werde, wenn die Gemeinde an sie herantreten sollte. Diese Ansicht wurde von alle» gebilligt und der Vorstand dürfte nächster Tage das diesbezügliche Gesuch abgehen lassen. Die Gründung des Colonifations-Vereines „Admath. Jesclraran“ in Wien wurde Samstag in der sepbardischen Synagoge den Gemeindemitglirdern mitgetheilt u,cd sprachen sich die Anwesenden sehr lobend über die Tendenz aus. Nach Abschluß der FriedenSve,Handlungen wird an die Gründung eines gleichen Vereines in Belgrad gegangen werden. Belgrad, 5. Feber 1886. Hier wurde eine Bibliothek unter den Namen „Progress“ (Fortschritt) von israelitischen jungen Leuten eröffnet, welche bereits circa'40 Mitglieder zählt und in d-r sich hebräische, spanische, serbische und deutsche Bücher befinden. Die Begründer dieses Vereines